Die Tirana-Connection

Osama bin Laden und die Albaner Ein Versuch, den Nebel aus vielen Halbwahrheiten zu lüften

Seit Jahren vermuten westliche Geheimdienste, dass der Balkan eine Drehscheibe des islamischen Fundamentalismus in Europa ist. Neben Bosnien, wo 1995 nachweislich eine etwa 3.000 Mann starke arabische Hilfstruppe am Bürgerkrieg teilnahm, steht auch Albanien im Verdacht, ein Sprungbrett Osama bin Ladens zu sein.

Abdi Baleta verfügt über das erhabene Lächeln, das religiöse Fanatiker zuweilen eigen ist. Glatt rasiert und im westlichen Anzug, streut der frühere albanische UNO-Botschafter Bemerkungen über Allah in seine Rede ein. An einer Wand der kleinbürgerlich-europäisch eingerichteten Wohnung in Tirana hängt die Kalligraphie einer Koran-Sure. Aus kommunistischen Tagen hat der frühere Diplomat sich seine Gläubigkeit, seine Bewunderung für Enver Hoxha und seine Abneigung gegen Supermächte bewahrt. Nicht dagegen den Hass des alten Regimes auf jede Religion: Baleta hat eine noch immer winzige Partei der Nationalen Wiedergeburt gegründet und fungiert heute als schmale, brüchige Brücke zwischen albanischem Nationalismus und islamischem Fundamentalismus.

Was es an albanischen Kontakten zu radikalen Islamisten gibt, verliert sich zum größeren Teil im Nebel von Propaganda und geheimdienstlich inspirierten Gerüchten. In der Kosovo-Krise 1998/99 überschwemmte eine Fülle von Material die Öffentlichkeit: Das damalige Belgrader Regime wollte auf der Suche nach Verbündeten die Albaner in die islamistische Schublade stecken. Nicht alles davon war erfunden. Zweimal hat sogar Osama bin Laden persönlich Albanien besucht: 1994 gab er dem damaligen Präsidenten Sali Berisha eine Reihe Hilfsversprechen, aus denen aber nichts wurde. Aus dieser Zeit datiert das Wirken einer mysteriösen Albanisch-Arabischen Islamischen Bank, die im Regierungsviertel von Tirana einen eleganten Sitz erhielt und deren Grundkapital zu 60 Prozent aus der Schatulle bin Ladens stammen soll. Das zweite Mal kam er 1998, diesmal, um Terroristen nach Italien zu schleusen.

Ansonsten aber liegen zwischen dem Islam bin Ladens und den Albanern Welten. Zwar bekennen sich nach einer immer wieder kritiklos kolportierten Zahl 70 Prozent der Skipetaren zum muslimischen Glauben, aber im Alltag spielt die Religion nirgends eine Rolle. Schweinezucht ist traditionell unüblich, Alkoholkonsum aber ist akzeptiert und erreicht gut-christliche Dimensionen. Schleier sind unbekannt, Kopftücher sieht man nur, wo sie zur ländlichen Tracht gehören. Die Moscheen des Landes, von Enver Hoxha sämtlich geschlossen, fungieren teils noch immer als Lagerraum oder Jugendclub. Neue werden, wenn überhaupt, vom Saudischen Komitee gebaut. Meistens stehen sie leer.

Albanische Nationalisten - in Albanien selbst eher eine Seltenheit - können mit dem Islam schon gar nichts anfangen: Ihr großer Held Skanderbeg verteidigte die Christenheit gegen die Muselmanen, und auch in der berühmten Kosovo-Schlacht wollen nationale Albaner ihre Vorfahren auf der christlichen Seite sehen. Muslimische Namen gelten als "schlecht": Jugendliche schämen sich, wenn sie Hajrudin, Hasan oder Mehmet heißen. "Gute" Albaner nennen ihre Kinder Ilir nach den alten Illyrern oder nach albanischen Städten Vlora oder Elbasan. Osama bin Laden und seinen bärtigen Gefährten muss die albanische Welt wie ein Sündenbabel vorkommen.

Trotzdem wurde Albanien 1998 kurz zu einem Operationszentrum islamistischer Terroristen. Schon seit Mitte der neunziger Jahre hatte das "rechte" Lager der albanischen Politik wiederholt mit frommen Sponsoren aus Arabien geliebäugelt, freilich ohne je mit religiöser Propaganda die stramm laizistische Wählerschaft zu verprellen. Zum "rechten" Lager gehört in Albanien die Demokratische Partei von Ex-Präsident Berisha, im Kosovo die Partei von Ibrahim Rugova und in Mazedonien die von Arben Xhaferri. Berisha führte Albanien gegen heftigen Protest der Opposition in die Gemeinschaft islamischer Staaten. Besonders nahe stand dem Islamismus Berishas letzter Geheimdienstchef Bashkim Gazidede. Im März 1997, als sein Chef ihn nicht mehr schützen konnte, musste er das Land verlassen und zog über die Türkei in den Iran und nach Syrien. Gazidede soll dann ab 1998 die Finanzierung der UÇK durch islamische Länder vermittelt haben. Aber die militante Guerilla von Hashim Thaci im Kosovo und Ali Ahmeti in Mazedonien gilt als "links" - schon das macht enge Bande zwischen der "Befreiungsarmee" und Organisationen wie al-Qaida unwahrscheinlich.

In seinen Interviews erwähnte bin Laden die Albaner immer wieder als Beispiel dafür, wie Muslime unter ihren christlichen Nachbarn zu leiden hätten. Die Verbindungen ideeller und finanzieller Natur, die er knüpfte, gingen aber unglücklich aus. Mitte 1998 wurde in Albanien ein 27-jähriger Franzose wegen Mordes verhaftet. Der Mann gestand, von bin Laden den Auftrag bekommen zu haben, 300 Nordalbaner als Freischärler für das Kosovo anzuwerben. Die Mission scheiterte an allgemeinem Desinteresse, und der muslimische Franzose verkaufte statt dessen die mitgebrachten Waffen. Als sein albanischer Übersetzer einen Anteil verlangte, brachte er ihn um.

Die Aussage des Franzosen machte den CIA auf bin Ladens Leute in Albanien aufmerksam. Vier Ägypter von der Terrororganisation al-Dschihad wurden aufgespürt, von der albanischen Polizei verhaftet, wieder freigelassen und dann vom CIA nach Ägypten entführt. Nur um wenige Tage konnte der CIA einem geplanten Anschlag auf die US-Botschaft in Tirana zuvorkommen. Zwei Syrer und ein Iraker wurden verhaftet.

Albanien spielt häufig eine Rolle in den Lebensläufen prominenter Islamisten - als Zufluchtsort. Was es jedoch an konkreter Unterstützung von bin Laden für die UÇK wirklich gegeben hat, bleibt nach wie vor im Dunkeln.

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00:00 09.11.2001

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