Die Topfpflanze

Berliner Abende Kolumne

Ein Mann Mitte 60 überquert mit einer Topfpflanze die Bötzowstraße. Ich habe mir beim Vietnamesen an der Ecke gerade einen Apfel, ein Toastbrot und eine Packung Kamillentee gekauft. Es ist ein ungewöhnlich milder Tag mit einem blassblauen Himmel. Ein guter Tag für einen Spaziergang. Der Mann hat die Topfpflanze in seiner Ellenbogenbeuge, als hielte er eine schöne Frau im Arm. Es ist ein auffallend gutaussehendes Exemplar mit geradem schlanken Wuchs und kräftigen grünen Blättern. Sie sieht selbst jetzt, nach dem Winter, vital und frisch aus. Um den Topf trägt sie eine Art umgedrehte Wollmütze. Sie wird dafür da sein, dass sie an den Wurzeln nicht friert. Wohin er mit ihr wohl unterwegs ist?

Da ich nichts Wichtiges zu tun habe, beschließe ich, ihm ein Stück zu folgen. Er schlendert die Hufelandstraße entlang, betrachtet die Schaufensterauslagen und gelangt schließlich auf die Greifswalder Straße, die er überquert, um seinen Weg auf der Marienburger Straße fortzusetzen. Ich folge ihm in einem Abstand von zehn bis fünfzehn Metern, aber bis zur Prenzlauer Allee dreht er sich kein einziges Mal um.

Als dort die Tram Richtung Heinersdorf die Türen öffnet, steigt er überraschend ein. Ich muss einen kleinen Sprint einlegen, damit er mir nicht vor der Nase wegfährt. Kaum habe ich mich auf einem Sitzplatz niedergelassen, von dem aus ich ihn beobachten kann, verlässt er die Tram schon wieder.

Kurz darauf stehen wir auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Prenzlauer Allee. Ich tue so, als würde ich am Aushang die Abfahrtszeiten studieren. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er der Pflanze über die Blätter streicht und etwas zu ihr sagt. Zumindest sieht es aus meiner Position so aus, als ob er etwas zu ihr sagen würde. Dann kommt die Ringbahn Richtung Ostkreuz, er steigt ein und eine Haltestelle später wieder aus. Am Imbiss, der sich direkt unter der Brücke befindet, kauft er einen Piccolo Sekt. Ich hätte nicht gedacht, dass an diesem Imbiss Piccolosektflaschen verkauft werden, aber es ist ganz augenscheinlich der Fall. Er öffnet die Flasche, stößt mit dem Blumentopf an und nimmt zwei kräftige Schlucke. Den restlichen Sekt gießt er behutsam in die Blumenerde, wo er perlend versickert.

Nach dieser kleinen Erfrischung geht es die Greifswalder Straße hinunter. Er hat ein zügiges Tempo drauf, es scheint, als steuere er ein bestimmtes Ziel an. Und tatsächlich, vor dem Ernst-Thälmann-Denkmal bleibt er stehen und legt den Kopf in den Nacken. Dann holt er eine Kamera aus der Tasche, hält sie mit ausgestrecktem Arm von sich und macht ein Photo: das Thälmann-Denkmal, die Topfpflanze und er. Ich verstehe immer weniger, wobei ich ihn eigentlich beobachte.

Einige hundert Meter später sind wir wieder in der Bötzowstraße, wo er vor der Hausnummer 26 stehen bleibt. Als er einen Schlüssel aus der Tasche zieht, gebe ich mir einen Ruck und spreche ich ihn an.

"Entschuldigen Sie", sage ich. "Ich bin Ihnen gefolgt. Verzeihen Sie mir diese Indiskretion, aber ich war einfach neugierig."

Er sieht mich freundlich an. "Ich weiß", sagt er. "Sie waren ja nicht zu übersehen. Aber Sie müssen sich nicht entschuldigen, das ist schon in Ordnung."

Ich zeige auf die Topfpflanze in seinem Arm. "Ich verstehe das nicht."

"Ich habe einen Spaziergang gemacht", sagt er. "Ich hatte das Gefühl, dass die Pflanze mal etwas anderes sehen sollte als den ewig gleichen Ausschnitt der Welt, den sie vom Fensterbrett aus mitbekommt." Er streckt mir die Pflanze entgegen. "Sie ist viel leichter, als man denkt. Hier, halten Sie mal."

Ich nehme sie in die Hand. Er hat Recht. Sie ist wirklich nicht schwer. Ein angenehmes Gewicht.

"Machen Sie das öfter?", frage ich und reiche sie ihm zurück.

"Nein." Er schüttelt den Kopf. "Es ist..." Er zögert.

"Ja...?", frage ich.

"Meine Frau hat mich vor zwei Jahren verlassen. An unserem 38. Hochzeitstag. Sie hat ihre Sachen gepackt und ist gegangen." Er macht eine kleine Pause. "Die Pflanze hat sie dagelassen."

Ich sehe erst ihn und dann die Pflanze an.

"Und warum haben Sie dieses Bild vor dem Thälmann-Denkmal gemacht?"

"Dort habe ich meiner Frau zum letzten Mal über die Wangen gestrichen. Sie hat sehr schöne Wangen, müssen Sie wissen. Andere Frauen haben sie immer um ihre Wangen beneidet."

"Sie müssen Ihre Frau immer noch sehr gern haben", sage ich.

"Nennen Sie es ruhig Liebe", sagt er.

Eine kleine Stille entsteht, aber sie ist nicht unangenehm.

"Dürfte ich Sie vielleicht auf eine Tasse Tee und ein Stück Kuchen einladen", sage ich schließlich. "Sie beide natürlich." Ich zeige auf die Topfpflanze. "Dort vorne gibt es ein kleines Café mit Sesseln."

"Warum nicht", sagt er.


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00:00 11.05.2007

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