Die Toten tun mir nichts

Rettungsprojekt Barock, todesversessen und schräg. Josef Winkler erhält den Büchner-Preis 2008

Büchnerpreisträger haben es nicht leicht. Der wichtigste deutsche Literaturpreis macht seinen Träger automatisch zu einer umstrittenen Figur. Das war nicht nur im letzten Jahr bei Martin Mosebach der Fall; auch dem diesjährigen Büchnerpreisträger Josef Winkler, der, anders als Mosebach, dem Namensgeber des Preises durchaus Ehre macht, ist das nicht erspart geblieben. Winkler gilt in Österreich als kritischer und provokanter Geist, die Preisverleihung wurde vor allem von linken Kolleginnen wie Elfriede Jelinek und Friederike Mayröcker enthusiastisch begrüßt. Während die konservativen Feuilletons rebellische Schriftsteller eher nicht mögen und folgerichtig an der Entscheidung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung herummäkelten, enthalten die positiven Würdigungen Winklers aber oft auch recht zwiespältige Komplimente.

Meist heben sie an dem 1953 geborenen Winkler die dörfliche Herkunft und den Mangel an Schul- und Hochschulbildung hervor. Sie bestaunen den gebürtigen Kärntner ganz unverhohlen als einen Exoten, der das Schreiben als Therapie zur Verarbeitung einer traumatischen Kindheit in den Dörfern der tiefkatholischen österreichischen Bergwelt betreibt. Die starke autobiographische Einfärbung seines Werkes legt diesen Schluss durchaus nahe.

Dabei wird aber übersehen, dass Winkler keineswegs der "Enzensepp", also der edle Wilde aus den Bergen ist, sondern ein wortgewaltiger Prosaist, dessen Stil in der Gegenwartsliteratur kaum seinesgleichen findet, so wie er barocke und expressionistische Elemente miteinander verbindet. Wer seine Essays gelesen, wer im vergangenen Jahr seinen Frankfurter Poetikvorlesungen gelauscht hat, für den bewies sich auf das Schönste, dass die österreichische Bergwelt im Zusammenspiel mit dem zweiten Bildungsweg durchaus Intellektuelle hervorbringen kann.

Kärnten ist die Hölle

Mit der sogenannten kritischen Heimatliteratur begann Winklers Karriere als Schriftsteller. Seine Romane haben jedoch nichts Folkloristisches, im Gegenteil, die Kärntner Dorfwelt seiner Kindheit und Jugend erscheint als eine Art Hölle, als eine in sich abgeschlossene Schreckenswelt, die die Hauptrolle in vielen seiner Werke spielt, so auch in seinem ersten Roman Menschenkind. Für diesen erhielt er 1979 den zweiten Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Der Roman war gleichzeitig der Auftakt zur der Trilogie Das wilde Kärnten, deren weitere Bände in den frühen achtziger Jahren erschienen.

Der repressive Kosmos des Kärntner Dorfes ist hier durch die absolute Herrschaft dumpfer Vaterfiguren und einen frömmelnd, engstirnigen Katholizismus gekennzeichnet, der gleichzeitig abstößt und fasziniert. Außenseitern gegenüber ist diese Welt erbarmungslos, sie treibt zwei homosexuelle Knaben in den Selbstmord, eine Schlüsselszene für Winklers Werk, auf die er in späteren Romanen wieder und wieder zurückkommt, wie auch auf die Rebellion gegen die Herrschaft der Väter.

Dass diese Dorfwelt auf Dauer als literarisches Thema nicht ausreicht, zumal sie sich langsam modernisiert und damit auch ihren bigott-archaischen Charakter verliert, musste auch Winkler einsehen. Bald baute er daher einen Erzählstrang aus, der in seinen frühen Romane schon hier und da anklang: die kleinen Fluchten nach Italien. Bereits in Das wilde Kärnten findet man den Erzähler häufiger in Venedig, die Spannung zwischen der elegant-dekadenten Stadt, in der der Ich-Erzähler ein homosexuelles Initiationserlebnis hat, und der archaischen Dorfwelt Kärntens ist bei Winkler ein wichtiges erzählerisches Element.

Arkadien als Schattenwelt

Bald geht Winkler jedoch über das Kärnten quasi benachbarte Veneto hinaus, vor allem nach Rom und in den Mezzogiorno, der mit seinen pagan-religiösen Riten der Welt des heimischen Katholizismus ähnelt. Das Resultat dieser Ausweitung des schriftstellerischen Horizontes ist der Roman Friedhof der bitteren Orangen, der oft zu Recht als Winklers bestes Werk bezeichnet wird. Das 1990 erschienene Buch ist vorwiegend in Rom, Süditalien und Kärnten angesiedelt, dessen 2001 erschienene Fortsetzung Natura Morta spielt zur Gänze in der ewigen Stadt. Beide Werke porträtieren Rom, wie es nur wenige kennen. Die Novelle Natura Morta ist insgesamt weit weniger komplex als der Roman Friedhof der bitteren Orangen, der Reisetagebuch, Stadtbeschreibung und österreichisches Gebetbuch, die Mumien der Palermitaner Kapuzinergruft, Zeitungsnotizen, italienische Lyrik und einige andere Ingredienzien zu einem hochliterarischen Text vermischt.

Der Ich-Erzähler ist dem alltäglichem Schrecken, dem Hässlichen, Ekligen, Grotesken und Geschmacklosen auf der Spur. Der autobiographisch gefärbte Erfahrungsbericht des Erzählers steht im Zentrum des Romans, er wird eingerahmt von Zeitungsnotizen und Dokumentarberichten über zeitgenössische sowie historische Unfälle und groteske Missgeschicke, die im Zusammenhang mit dem katholischen Ritus stehen. Diese disparaten Elemente werden durch die Kritik an der repressiven und menschenverachtenden Natur des Katholizismus zusammengehalten.

Der Roman insgesamt ist eine Art Rettungsprojekt für die Opfer von religiöser Ignoranz, Armut und Unterdrückung, was schon in Winklers Widmung, die fast leitmotivisch im Roman wiederholt wird, zum Ausdruck kommt: "Für den 14-jährigen Pino Lo Scrudato, der im Juni 1988 in Caltanissette, in Sizilien, von seinem Vater mit dem Hackebeil erschlagen wurde, als er, anstatt auf die zehn Kühe aufzupassen, in ihrem abgelegenen Bauernhaus, in dem es weder Strom noch Fließwasser gab, einen Fernsehapparat an die Traktorbatterie anschloß und sich das Fernsehspiel Italien gegen Irland ansah".

In Friedhof der bitteren Orangen beschreibt Winkler die Schattenseiten Roms, das Tote, das Groteske und Vulgäre. Manchmal gleiten seine Schilderungen in phantastische, von Edgar Allen Poe inspirierte urbane Alpträume ab, meist sind sie aber von geradezu atemberaubendem Realismus und erzählerischer Präzision geprägt. Zu den bevorzugten Schauplätzen zählt das Viertel Esquilin, wo die Armen, die Huren, die Junkies, die Stricher, die Farbigen und die Zigeuner, die sich im Umfeld der Piazza Vittorio Emmanuele treffen, wo damals noch der tägliche Hauptmarkt Roms stattfindet.

Der Ich-Erzähler bewegt sich durch die Düsternis und die Schattenwelt Roms, seine Perspektive ist die des Ausländers und Außenseiters. Der Mittelteil des Romans entwirft die großartige Travestie eines Reiseberichtes, eine Art Anti-Goethe-Sicht auf Rom. Wie der Dichterfürst in den Römischen Elegien sucht und findet der Erzähler sexuelle Begegnungen in der ewigen Stadt. Es sind die nordafrikanischen Strichjungen, die ihm zumindest vorübergehend sexuelle Erfüllung verschaffen. In der Schilderung der verstohlenen homoerotischen Begegnungen, die meist in Parks oder dunklen Ecken stattfinden, wird noch einmal der düstere Charakter von Winklers Rom deutlich. Das war vielen Kritikern dann doch zu viel, die zwar zähneknirschend die Qualitäten des Romans anerkannten, aber Einspruch gegen die drastischen Schilderungen einlegten.

In der Novelle Natura Morta war Winkler vorsichtiger und erntete nun nichts als Zustimmung und Literatur-Preise. Er beschränkt sich hier im wesentlichen auf die Darstellung des Marktgeschehens auf der Piazza Vittorio Emmanuele. Obwohl es im Unterschied zu Friedhof der bitteren Orangen eine Art Plot gibt, spielt der Markt die eigentliche Hauptrolle. Anders als der Titel verspricht, ist die Novelle nicht still oder statisch, sondern extrem unruhig und bewegt gebaut, wie es sich für ein Werk gehört, das auf einem römischen Markt angesiedelt ist. Da wird geschrieen, gefeilscht und gebettelt, da herrscht Gewimmel, Geschiebe und Gedränge. Auf der Piazza Vittorio Emmanuele prallen die unterschiedlichen Lebenswelten Roms aufeinander, elegant gekleidete Bürgerinnen, Nonnen, Junkies und Farbige, dazwischen versprengte Touristen, sie alle geben sich auf dem Markt ein Stelldichein. Die Anteilnahme des eher distanzierten Erzählers gehört allerdings eher denen, die wie die Zigeuner oder einige Farbige einfach irgend etwas verkaufen, damit sie sich die angegammelte Ausschussware der Marktleute leisten können und nicht wie Hunde in den Abfällen wühlen müssen.

Aufbruch zu den Ufern des Ganges

Mit Natura Morta hat Winkler das Italienthema weitgehend abgeschlossen, sein neues Lieblingsziel ist Indien, auch hier bleibt er seiner literarischen Liebe zu Tod und Totenkult treu, nach dem Motto: "Bei den Toten bin ich gerne, sie tun mir nichts und sie sind auch Menschen". Ein interessantes Resultat dieser Vorliebe ist der Roman Domra, Am Ufer des Ganges (1996), in dem der Erzähler der unberührbaren Kaste der Leichenbestatter zuschaut, deren Aufgabe die Verbrennung der Toten ist. Starker Tobak für Leser mit schwachen Nerven und empfindlichem Mägen.

Die Beschäftigung mit den Riten des Todes wird in der autobiographisch gefärbten Sammlung von Kurzgeschichten Leichnam, seine Familie belauernd (2003) und Roppongi, Requiem für einen Vater (2007) fortgesetzt, wo er die indischen und Kärntner Toten-Riten zusammenbringt. Letzteres Werk hat einen handfesten autobiographischen Anlass: auf einer Lesereise in Japan erfährt Winkler in Roppongi vom Tod seines Vaters. Aus Sorge vor der Reaktion der Bevölkerung des Heimatdorfes, die häufiger gedroht hatte, sich an Winkler für die wenig schmeichelhafte Darstellung des Ortes und seiner Bewohner zu rächen, hatte Winklers Vater gewollt, dass der Sohn seiner Beerdigung fernbleibe. Auch, weil er nicht schnell genug zurückreisen kann, muss Winkler dem Wunsch des Vaters entsprechen und verabschiedet sich stattdessen mit einem sprachgewaltigen Requiem von ihm, der ihm als hassgeliebte Autoritätsfigur nicht nur wiederholten Anlass zur Rebellion gegeben, sondern im Grunde auch sein Schreiben provoziert hat.

Echo der Kindheit

Ob mit dem Tod des Vaters das heimische Dorf für Winkler als Schauplatz ausgedient hat, bleibt abzuwarten. In der im August 2008 erschienenen Essay- und Erzählungssammlung Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot taucht es gelegentlich noch auf, wichtiger als die Heimat sind hier allerdings das Reisen und die Ferne. Der Titel, eigentlich einem überdrehten Chanson der Weimarer Republik entlehnt, erscheint als fernes Echo der dörflichen Kindheit. Auch wenn die Riten des Todes weiter eine wichtige Rolle spielen, ist Winkler milder und abgeklärter geworden.

Der Erzähler erscheint nun als Vater und Ehemann, der von Reisen, Literatur und Reiseliteratur erzählt. Er berichtet über Indien, Mexiko, Rom, von geliebten italienischen Filmen und seinen Lektüren, unter anderem von Annemarie Schwarzenberg, Samuel Beckett, Curzio Malapart, Terezia Mora, Peter Handke. Diesen Schriftstellern gegenüber ist er ein freundlicher, gelegentlich sogar liebevoller Kollege. Ingeborg Bachmann, deren unidealisierte Darstellung Roms durchaus Parallelen zu Winklers erkennen lässt, erweist er eine originelle Referenz. Fast ärgerlich stellt er fest, dass Bachmanns letzte Ruhestätte in Klagenfurt falsch gewählt sei, und sie eigentlich auf den Campo Santo Teutonico in Rom gehöre. Womit er darauf verweist, dass Kärnten modernen, kritischen Schriftstellern noch nicht einmal im Tod eine adäquate Heimat ist.

00:00 30.10.2008

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare