Die Tour ist tot! Es lebe die Tour!

Sportplatz Tour de France 2006

Im Jahre 1 P.A. (Post Armstrong) versprach die Tour de France eine der spannendsten der vergangenen Dekade zu werden. Nach dem Abtritt des siebenmaligen Siegers zitterten zu Beginn besonders eingefleischte deutsche Radsportfreunde in freudiger Erwartung. Man wollte Fußballweltmeister werden und dann endlich wieder Jan Ullrich zum Tour-König krönen. Deutschland, was willst du mehr! Dann kam der Doping-Schock. Ausschluss von 55 Fahrern, unter ihnen der in Erfolgszeiten gern als Merdinger (im Schwarzwald) vereinnahmte, jetzt wieder ossifizierte Rostocker Ullrich (mit Wohnsitz in der Schweiz), Topfavorit Ivan Basso aus Italien vom Team CSC (mit dem Leiter Bjarne Riis, der es bis heute Ullrich nachträgt, ihn als Kapitän ausgebootet und "seine" Tour gewonnen zu haben) und die spanischen Mitbewerber im Gesamtklassement Mancebo, Beloki und und und. Aber - statt panischer Aufschreie gab es nur klägliche Seufzer. Denn die Augen der weltmeisterlichen Weltöffentlichkeit waren zu Tourbeginn noch rund bis eckig. Deutschland, Frankreich und Italien standen zu diesem Zeitpunkt im Halbfinale der Fußball-WM. Einzig die Spanier hatten nach dem Ausscheiden im Turnier nichts Besseres vor, als die Schuldigen der Dopingaffäre gnadenlos aufzuspüren.

Plötzlich sah sich die längste und härteste Werbeveranstaltung der Welt in der Bredouille. Die Tour stand ohne ihre Stars da. Würde sich überhaupt jemand - das heißt der gemeine Fernsehzuschauer - für das Spektakel interessieren?

Die deutsche Berichterstattung setzte voll auf die nationale Karte. Telekom ist längst, Gerolsteiner wird Synonym für Deutschland. Milram, wie bedauerlich, hat eine italienische Lizenz, obwohl doch ganze deutsche Generationen mit dem Quark groß und stark werden. Die internationale Zusammensetzung der Teams gilt vielen Sportjournalisten als eben gerade notwendiges Übel.

Noch mehr ließen sich die übertragenden Anstalten ZDF und ARD einfallen: nach ersten Einbußen bei den Quoten sollten eine eigens produzierte Tour-Seifenoper und die Wahl zum Fan des Tages die eingebrochenen Preise für die Werbesekunden wieder in die Höhe treiben. Und der Absturz der Favoriten wurde als Erneuerung gefeiert. Fast verzweifelt dagegen wirkten die Versuche, deutsche Nachwuchsfahrer zu kleinen Ullrichs hochzustilisieren - Gnade ihnen Gott, in Frankreich! Dabei gibt es sie noch, die stillen Kämpfer, die eben auch die Tour ausmachen - wie den Mecklenburger Jens Voigt, erst Wahlfranzose, heute bei CSC, der auf der achten Etappe nach 15 Reifenpannen zwar platt, aber nur mit zwei Minuten Rückstand das Ziel erreichte, wie immer im Dienst der Mannschaft.

Der Radsport ist wie kein anderer vom Mannschaftsgeist geprägt, nach dem Motto - Alle für Einen! Der verdient dann für alle mit. Nirgends gibt es so viele ungeschriebene Gesetze - Verstöße gegen den Ehrenkodex innerhalb des Fahrerfeldes werden mit ewiger Ächtung bestraft. Doch nirgends wird so viel mit Doping betrogen wie hier, Absolution dagegen schon nach wenigen Monaten erteilt. Diese offensichtliche Schizophrenie hat ihre Grundlage in dem enormen Druck, dem die Fahrer und die Rennställe ausgesetzt sind, um die Sponsoren zufrieden zu stellen und den übermenschlichen Strapazen standzuhalten, die Streckenführung und Dauer des Rennens ihnen abverlangen. Das Gestern gerät dabei schnell in Vergessenheit, die Unmittelbarkeit des Erlebnisses der Tour zählt.

Die Tour hat ihre Unsterblichkeit erneut bewiesen. Nach den unerbittlichen Sperren waren ihre Glaubwürdigkeit und die der Fahrer nie so wertvoll wie heute. Ein Déjà-vu?

Das mythische Monster Tour wird weiter seine Helden verschlingen, neue ausspeien, nur um sie sich wieder einzuverleiben. Ein paar bleiben auf der Strecke. Die Tour und die Torturen aber gehen weiter.



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00:00 21.07.2006

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