Die Tradition der Verkommenheit

Wandlung Im Zweiten Wiener Gemeindebezirk verschwinden die letzten Spuren der halbseidenen Vergangenheit

Das Viertel muss früher dunkel gewesen sein, die grauen, fünfstöckigen Hausfassaden fast schon schwarz vom Ruß und den Abgasen, enge Häuserschluchten, die nachts ein bisschen Farbe bekamen von den Rotlichtfunzeln an den Etablissements mit den „Mädchen“. Im stadtbekannten Cabaret „Renz“ versackten auch Herrschaften aus nobleren Bezirken, und drumherum regierten die alten Wiener Strizzis, die auf ihre Szene-Namen hörten. Der mächtigste war der „Gschwinde“, der „deutsche Willi“ betrieb eine eigene kleine Kaffeehaus-Kaschemme, und in der „Gulaschhüttn“ ums Eck traf sich frühmorgens die Unterwelt.

Die Häuser waren damals, in den sechziger, siebziger Jahren und darüber hinaus, noch nicht weiß, gelb oder rot angestrichen, der Zweite Wiener Gemeindebezirk, gleich beim Prater, war noch nicht auf dem Weg zum nächsten In-Viertel mit koksenden Leistungsträgern und abtanzenden Jung-Dodln in der „Praterdome-Disco“. Hier war Wien damals noch anders. Viele bekommen einen Sehnsuchtsblick, wenn davon erzählt wird, und andere staunende Augen, wenn ich meine Wiener Adresse nenne: Novaragasse. Denn hier war das Zentrum vom Ganzen, wie mir jetzt nach und nach auffällt, die Hotels, die Beisln, die Stundenzimmer, die Machos, die Mädchen, die Spieler. Wenn der Mond aufging über dem Zweiten, hieß es: „Johnny, mach rasch!“

Zum Haus, in dem ich wohne, gehört bis heute ein so genanntes „Gassenlokal“, also eine kleine Wohnung mit einem eigenen Hauseingang, wo eine freundliche Frau namens Schubsi mit 78 noch immer, obwohl sie es nicht müsste, ihrem Gewerbe nachgeht, für noch lebende Stammkunden und Studenten. Im Café Heine, einer meiner Schreibstuben, verkehrten damals die Freistilringer vom Heumarkt, balgten sich die Mädchen neben der Jukebox, und am Abend kamen die Schach- und Tarockspieler, die bis über die Sperrstunde hinaus blieben, wenn das Hauptlicht schon ausgeknipst wurde, und der Nachtkellnerin „a guade Maut“, also ein anständiges Trinkgeld hinterließen. „Es war a herrliche Zeit“, behauptet die Serviererin heute noch. Auch Bundeskanzler Bruno Kreisky sei nicht nur einmal dagewesen und habe alle mit Handschlag begrüßt, schließlich steht fast nebenan das „Haus der Begegnung“ der österreichischen Sozialdemokraten.

Gute Zeiten? Frauen als Freudenmädchen. Machos als Zuhälter. Spieler beim „deutschen Willi“. Geschossen wurde auch, aber meistens daneben, wie man hört, ein glücklicher Nebeneffekt der zahlreichen Promille.

Diese Geschichten über das „Milljöh“ der Stadt gehören zu den mythischen Nebeln, die sie umwabern wie ein österreichisches Avalon, durch das die gescheiterten Fräuleins aus Horvárth-Dramen geistern, die sich verzweifelt in die Donau warfen und zu klassischen Gespenstern wurden. Dazu kommen die Fledermäuse der Operettenstadt, und schon ist es so dunkel wie in den hohen Räumen der alten Selbstmörderwohnungen in den Gründerzeithäusern, in denen im Treppenhaus oft noch die Wasserbecken für das Stockwerk erhalten sind. Es war der Treffpunkt für Tratsch: „Früh um sechs isser aussigfalln bei der Schubsi, der Sedlacek.“ Oder Alltagsbanalitäten: „Die Badezimmerleichtn is ma einganga, Frau Mizi.“ Aber das war dann noch früher.

Pfarrer und Sozialdemokraten

Im einschlägigen Café Else treffe ich die Frau, die man Schubsi nennt. Dass man sie als Sexualobjekt missbraucht habe, sage ich, und ob sie die Männer nicht hasse. Aber sie wirkt sehr fröhlich. „Nein, überhaupt nicht“, auch der Gschwinde sei einer ihrer besten Kunden gewesen. Sie habe immer alles auf eigene Faust gemacht – ohne Zuhälter. Immer selbständig und freiwillig. Sie sei ja ein Lebemensch, auch das Trinken genossen, vier Packerln geraucht am Tag, jede Menge Geld verdient. Die Wiener Zuhälter von damals seien auch „Kavaliere“ gewesen, die Mädchen mit dem Fiaker ins Lusthaus fahren lassen, ein bekanntes feines Praterlokal, und wieder zurück. Nach der Arbeit sei sie noch ins „Renz“ gegangen, wo in der Früh eine Studentin Lieder sang. Eine tolle Zeit sei es gewesen, bis vor 10 oder 15 Jahren.

Dass sie doch sicher katholisch sei, sage ich, und sie lacht mich an: „Natürlich! Auch der Pfarrer von der Kirche ums Eck ist wöchentlich nach der Messe zu mir gekommen.“ Im Café Else sitzt noch ein anderes betagtes Freudenmädchen, wirkt einsam und wartet. „Viele samma nimma“, sagt Frau Schubsi, „manche san schon in Pension, andere verstorben.“

Gegenüber von Frau Schubsis Stammlokal wohnte mit ihrem Gatten Frau Horacek, meine kürzlich verstorbene Hausbesorgerin, warmherzig und großzügig, obwohl sie am Ende ganz alleine war, 78, Mindestrente. Früher betrieb sie mit ihrer Schwester ein Wirtshaus, die „Reblaus“. Sie stand in der Küche, und Alois Horacek balancierte die Schnitzel, das Reisfleisch und die Eierspeis zu den Tischen. Ein klassischer Wiener Vorstadttyp, wie die Fotos zeigen: Mittelscheitel, die oberen drei Hemdknöpfe über der behaarten Brust geöffnet, und seinem durchaus freundlichen Gesicht sieht man den Schnitzel-, Bier- und Branntweinkonsum an.

Ein bürgerliches Lokal war die „Reblaus“. Aber im Zweiten Bezirk musste es trotzdem einem Tisch für die Mädchen geben. Frau Horacek sorgte sich um sie. Einmal brauchte Frau Schubsi von jetzt auf gleich 350.000 Schilling, also 25.000 Euro, für ihren damaligen Freund, einen schwer alkoholsüchtigen Taxifahrer. Die Horacek lieh es ihr auf Handschlag.

Sie war furchtlos – auch nachdem ihr Mann gestorben war und es im Viertel oft rau zuging. In den umliegenden Lokalen wäre es oft nötig gewesen, an der Tür auf einem Zettel ein Ersuchen zu platzieren: „Die Gäste werden höflichst gebeten, die Lokalität ohne Messer zu betreten.“ Aber dass es keinen Sinn gehabt hätte, wussten sie auch, weil die Spieler beim „deutschen Willi“ im Streit sowieso ein Messer in die Hand des Gegners stachen, wie Frau Schubsi erzählt. Von ihr erfahre ich auch, wer früher meine Wohnung gemietet hatte: drei Mädchen mit zwei Papageien, einem Rottweiler und einem kleinen Affen. „Lustig war’s, das können’s glauben“, sagt Frau Schubsi.

Meine Frisörin hat in jener Zeit ihr Geschäft eröffnet, die beigen Frisierhauben, die an der Wand befestigt sind, hat sie bis heute nicht ausgetauscht. An jedem Frisierspiegel ist eine Grabsteinwerbung angebracht, „Alte Grabsteine wie neu!“, was man nicht unmittelbar auf sich selber beziehen darf. Wenn sie sich ihre Brille aufsetzt, auf ihrem Kaugummi herumkaut, wäscht, dann zur Schere greift, hofft man einfach, dass trotz ihrer Peg-Bundy-Frisur, was der Grabsteinservice verspricht, auch für ihre Arbeit gilt: „Keine Risse, keine Vermoosung, kostengünstige Sanierung.“

Hier ließ sich auch Frau Horacek ihre Dauerwellen verpassen, früher eine schöne Frau, auf Jugendfotos ein liebes Wiener Mädel, das sich allerdings schon mit dreizehn herausnahm zu rauchen und später eine stramme Kettenraucherin wurde. Sie wusste wohl, dass zu jedem richtigen Menschen Fehler gehören und man uns nicht um unserer Erfolge willen lieben sollte, sondern wegen unserer Schwächen. Das prägte ihren nachsichtigen Blick auf ihre nicht immer einladende Umgebung.

Gewöhnliches Gesindel

Als sie dann alt war und arm, weil Großzügigkeit und Reichtum einander ausschließen, stand sie am Fenster ihrer kleinen Mietswohnung im Parterre, neben sich eine verwöhnte Katze, und rauchte. An den Wochenenden fuhr sie zu ihren einzigen Freunden in ein ausgebautes Badehaus an der Alten Donau, im Gepäck eines ihrer Brathendl oder Marillenknödel. Dazu Leckerlis für den Hund und irgendetwas für die Kinder. So wenig konnte sie gar nicht haben, dass nicht doch etwas für andere übrigblieb.

Nach dem Niedergang der alten Unterwelt, der Ganovenmoral, der Exzesse, aber auch der mafiosen Aufgehobenheit in einer geschlossenen Welt, waren nur noch Kleinkriminelle von geringem Verstand und der Notstrich übriggeblieben. Taschendiebe und Überfälle machten sich im Viertel breit. Die Verkommenheit hatte ihre Traditonen verraten und war noch tiefer gefallen. Frau Horacek konnte sich darauf keinen Reim mehr machen. Einmal sagte sie, die nie schlecht über Menschen redete, dann doch noch, hinter vorgehaltener Hand: „Gsindl!“. Ein Dieb hatte ihr beim Anstellen an der „Penny“-Kasse die Tasche weggerissen. Als sie neulich auf dem Stammersdorfer Friedhof beerdigt wurde, ging eine Epoche im Zweiten zu Ende. Frau Horacek hinterließ uns ein Vermächtnis, das wir gut brauchen können: Anstand ist keine Frage der Umstände.

Im Haus wird jetzt ein Nachmieter für Frau Horacek gesucht, wird gerade ein Aufzug eingebaut, und mit dem Ausbau des Daches für Terrassenwohnungen soll bald begonnen werden. Wie lange es Schubsis Gassenlokal geben wird, weiß keiner. Der Nordbahnhof am Praterstern ist renoviert, der U-Bahn Anschluss komplettiert, die Mieten steigen. Im Zweiten hausten in Praternähe die Letzten. Sie werden jetzt nicht die Ersten sein. Die kommen vermutlich bald von draußen. Zur Übernahme.

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18:55 22.01.2010

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