Die Tränen der Frauke Petry

AfD Bei den Rechten ist ein erbitterter Machtkampf entbrannt. Die Vorsitzende nutzt dafür auch polit-psychologische Mittel
Christine Keilholz | Ausgabe 14/2017 16
Die Tränen der Frauke Petry
Kein Aufstieg ohne Fall. Gefallen wird aber erst, wenn die Fallhöhe stimmt

Foto: Thomas Koehler/Photothek/Getty Images

Frauke Petry hat schon oft mit Wortmeldungen überrascht. Aber war das jetzt ein Bekenntnis? „Weder die Politik noch die AfD sind für mich alternativlos“, hat die 41-Jährige dem Tagesspiegel gesagt. Ein schlichter Satz, in dem viel stecken kann. „Petry erwägt Rücktritt aus der Politik“, lautete eine Headline. Von einem „Testballon“ und von „Frustration“ war anderswo die Rede. Wie auch immer: Die Spitzenfrau der „Alternative für Deutschland“ findet sich nicht alternativlos. Und das im Jahr der Bundestagswahl.

Hinzu kommen die Tränen. Auf dem Parteitag im sächsischen Weinböhla bricht die Spitzenkandidatin im Tumult ihrer Parteikollegen in Tränen aus. Da weinte nicht nur eine verzweifelte Politikerin, es weinte auch eine hochschwangere Frau. Müsste man da nicht Mitleid mit der Frau haben?

Wer das für einen spontanen Gefühlsausbruch hält, liegt daneben. Petry ist eine Frau mit vorzüglicher Selbstkontrolle. Sie ist keine Frau, bei der Tränen fließen, wenn sie nicht in ihren Plan passen. Und ihr Plan ist das Wachstum der AfD.

Petry hat ihr Schicksal an das der AfD gekettet. Mit dem Erfolg der Partei steht und fällt ihr eigener Erfolg. Tränen sind da kein Ausfluss von Verzweiflung, sie sind das letzte Mittel in einem Machtkampf, den die Chefin dieser unkalkulierbaren Partei jeden Moment verlieren kann. Wenn sie fällt, dürfte für Petry nicht viel übrig bleiben. Das Mitleid mit ihr dürfte dann gering ausfallen. Ihr Ausflug in die Spitzenpolitik wäre ein kurzer gewesen. Die Rücksichtslosigkeit, mit der sie ihren Vorgänger Bernd Lucke entsorgte, würde mit voller Wucht auf sie zurückschwappen. Das sagt das Gesetz der Tragödie: kein hoher Aufstieg ohne Fall. Und gefallen wird dann, wenn die Fallhöhe stimmt.

Die Partei erobert

Das wäre wohl jetzt. Frauke Petry hat die Partei erobert und ausgebaut. Mit ihr an der Spitze ist die AfD in weitere Landtage eingezogen. In Sachsen-Anhalt kam sie vor einem Jahr aus dem Stand auf 24 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern überholte sie sogar die CDU. Die Frau an der Spitze hat sich als kluge Parteistrategin gezeigt.

Petry dürfte, auch wenn das vielen aufgrund ihrer Inhalte nicht gefällt, eine der professionellsten Politikerinnen sein, die das Land zurzeit hat. Sie hat das eigene Fernziel vier Jahre lang mit Energie, Konsequenz und härtestem Biss verfolgt. Aber sie wird schließlich wohl an Leuten in der Partei scheitern, die ihr das Wasser nicht reichen können.

Sie hat sich schlussendlich verzockt. Trotz aller Cleverness hat sie drei fatale Fehler gemacht: Sie hat die AfD mit Leuten gefüllt, die keine Hemmungen haben werden, sie loszuwerden. Sie muss, zweitens, nun dem Druck des wachsenden rechten Parteiflügels nachgeben und die Partei vollends ins Abseits führen. Und, drittens, konnte sie ihre Eitelkeit nicht verstecken.

Von Anfang an wollte sie lieber stark wirken als nett. April 2013, das Restaurant im Landtag in Dresden, erster Auftritt der sächsischen AfD. Ein weißes Tischtuch trennt ein gutes Dutzend Journalisten von der Spitze des neu gegründeten Landesverbands: Dort sitzen Herren in Tweed-Jacketts, und dazwischen eine junge Frau, die fast als Einzige redet.

Petry, damals schon Bundessprecherin und stärkste Flanke von Parteichef Bernd Lucke, war keine Unbekannte in Sachsen. Die promovierte Chemikerin hatte 2011 den sächsischen Gründerinnenpreis bekommen für ihre Firma, mit der sie einen patentierten Kunststoff vertrieb. Die Unternehmerin, Pfarrersfrau und Mutter von vier Kindern stellte sich als eine Frau vor, die auch in anderen Lebensbereichen Erfolge vorweisen kann. Wie gemacht für die frühe AfD, die damals so gern ideologiefreies Expertentum ausstrahlen wollte.

Schnell hieß es: Die brauchen halt eine junge Frau zum Vorzeigen. Aber Petry war zu eloquent, um nur Galionsfigur zu sein. Ihr Auftreten irritierte. Die dunklen Business-Anzüge, und die exzessive Sachlichkeit im Dienste einer Partei, die den Euro abschaffen und die Grenzen zu Polen dicht machen wollte.

Heute beklagt sie, die Politik hätte für sie den „Abschied vom geregelten Leben“ bedeutet. Dieser Satz lässt am tiefsten in ihr Inneres blicken. Die Familie mit vier Kindern ist zerbrochen. Das Pfarrhaus in Tautenhain liegt hinter ihr. Der Ex-Mann, der Pfarrer Sven Petry, ist der CDU beigetreten und hat ein Buch geschrieben, weil er mit der neuen Karriere seiner Frau nicht klarkam.

Die strengen konservativen Normen, die sie als Politikerin immer wieder fordert, erfüllt Petry längst nicht mehr. Dass ihre preisgekrönte Firma 2013 Insolvenz anmelden musste, ging damals im Wahlkampf unter. Mit der Inszenierung ihrer neuen Liebe überspannte sie aber den Bogen. Mit ihrem zweiten Mann, dem nordrhein-westfälischen AfD-Chef Marcus Pretzell, posierte sie für eine Homestory in der Bunten. Er lobte sie dort als „dämonenhaft schön“. Das Paar erschien gemeinsam beim Bundespresseball in Berlin – er im Smoking, sie im schulterfreien Seidenkleid. Im Überschwang unterschätzte Petry aber, dass ihre Wählerschaft nicht viel übrig hat für Show. Ein Minuspunkt, der jetzt verrechnet wird. Aber es kommt noch mehr dazu.

Luckes Absturz organisiert

Petry ist unter Druck wie nie. Mit dem Vorstoß zum möglichen Rücktritt wolle sie ihre Partei erpressen, „um alleinige Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl zu werden“, vermutet Justus Bender, Redakteur der FAZ, der gerade ein Buch über die AfD geschrieben hat. Ähnliches versuchte 2015 Bernd Lucke. Seinen Absturz hat das nur befördert. Bei Petry geht es wohl um weniger. Sie muss Position halten.

März 2017, Parteitag in Weinböhla. Mit 72 Prozent wählen die 300 AfD-Leute aus Sachsen Petry zur Spitzenkandidatin. Für die Chefin einer Partei mit vielen Machtinteressen ist das noch kein dramatischer Wert. Doch der Sieger des Tages heißt Jens Maier. Der Richter aus Dresden landet mit 77 Prozent auf Platz zwei der Landesliste. Maier hatte sich Anfang des Jahres sehr wohlwollend über die Rede des Thüringen-Chefs Björn Höcke geäußert. Damit brach im bislang eher friedlichen sächsischen Landesverband der Richtungsstreit der Bundespartei offen aus.

Stabilste Fraktion der AfD

Überhaupt lässt sich in Sachsen die Entwicklung der AfD bestens für ein Lehrbuch abbilden. Die Tweed-Herren von der Landesliste 2013 wurden nie wieder gesehen. Aber die Mannschaft, mit der Petry 2014 in den Landtag einzog, ist bis heute die stabilste Fraktion, die die AfD stellt. Dort sitzen enttäuschte CDU-Leute und Übergelaufene von der FDP neben politischen Neulingen. Die AfD im Landtag, das sei „noch die alte Lucke-Partei“, heißt es unter den Linken, die gegenüber sitzen. Die 14 Abgeordneten pflegen nach außen eine Anti-Establishment-Attitüde, lassen aber trotzdem keinen großen Empfang aus.

In Brandenburg und Sachsen-Anhalt produziert die AfD Skandale, in Thüringen kämpft Höcke mit 30er-Jahre-Sprech um jeden Fetzen Aufmerksamkeit. In Baden-Württemberg ist die Fraktion um Petrys Widersacher Jörg Meuthen auseinandergefallen. In Bayern schwindet der Rückhalt für Petry, nachdem ihr Gewährsmann Petr Bystron als Spitzenkandidat durchfiel. Keine rosigen Aussichten für den Bundesparteitag in Köln in drei Wochen.

Die sächsische Fraktion aber funktioniert straff und halbwegs professionell nach der Regie der Fraktionschefin Petry. Die weiß, dass sie hier die beste parlamentarische Bühne für ihre Partei hat. Seit zweieinhalb Jahren kann Petry hier Bundespolitik machen. Sie kann die Kanzlerin angreifen, sie kann Schießbefehl-Äußerungen gegen Flüchtlinge wortreich relativieren, sie kann eine Kampagne zur Rettung des Bargelds anschieben. Wenn sie ans Pult geht, gehen die Kameras an. Sie sei „sicher überzeugt von dem, was sie sagt und tut“, meint Linken-Fraktionschef Rico Gebhardt, aber „nicht ganz unschuldig an dem Weg, den die Partei eingeschlagen hat“.

Der Petry-Flügel von heute will so etwas sein wie die Lucke-Partei von damals. Auch Lucke ließ die Rechten gewähren, um auf Stimmenfang zu gehen, ehe er ihnen Einhalt zu gebieten versuchte. Die Strategie sollte schnelleres Wachstum ermöglichen. Aber an Gefährlichkeit für andere Parteien hat die AfD inzwischen wohl eingebüßt. Wegen des Dauerstreits „ist es in den letzten Wochen leichter für uns geworden“, sagt etwa der sächsische CDU-Mann Alexander Krauß. Der Landtagsabgeordnete aus dem Erzgebirge – einem zentralen Kampfplatz zwischen CDU und AfD – kennt Petry aus dem Landtag und wird womöglich bald wie sie im Bundestag sitzen. Krauß macht es Hoffnung, dass die AfD „nicht viele Personen hat“. Ohne Petry würde die AfD noch weiter nach rechts rutschen, sagt er.

Koblenz im Januar 2017. Der Kongress der europäischen Nationalparteien zum Jahresbeginn war eine weitere gezielte Grenzüberschreitung, die Petry vornahm. Der öffentliche Schulterschluss mit Marine Le Pen und Geert Wilders passt in ihr Kalkül und in das ihres neuen Ehemanns. Marcus Pretzell hat mit seinen freundlichen Äußerungen zu Pegida die Spaltung der Partei befeuert, vermutet zwar der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer. Er schreibt, dass die Frage nach dem richtigen Umgang mit Pegida schon 2014 „einen tiefen Graben in der AfD zwischen liberal-konservativen und national-konservativen Kräften aufbrechen ließ“. Das habe 2015 zur Spaltung geführt, meint Vorländer.

In Koblenz reihte sich die AfD in Wahrheit in eine radikale Rechte Europas ein, welche die Mitte längst mit bedient. Ein Foto mit Marine Le Pen und Geert Wilders bei pfälzischem Wein – damit hat Frauke Petry die Spannweite ihres Koordinatensystems umrissen. Wenn sie scheitert, dann höchstens daran, dass sie – noch – keine Marine Le Pen ist, die mit einer stabilen 25-Prozent-Partei den Anschluss an die bürgerliche Mitte gewonnen hat – ohne die Rechten aufzugeben.

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06:00 11.04.2017

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