Die Triebe des Terrors

Potenzfantasie John Updike schickt mit "Terrorist" eine seiner typischen Potenzfantasien in den Kampf gegen den Dschihad

Bill Maher, Amerikas coolster Talkshow-Host, hat eine ziemlich spezielle Lösung fürs Terrorismusproblem. Mit raffinierter Halbironie, dem Markenzeichen, das sein Fernseh-Programm Realtime auf die kulturelle Bildfläche gehoben hat, gibt er immer mal wieder gerne zu bedenken, dass die Dschihad-Krieger des Radikalislams nur mal ordentlich Sex haben sollten. Mit dem Hormonstau würden sich auch die Terrortriebe legen. Diese saloppe Botschaft posaunt nun auch John Updike aus, die große hormongesteuerte Eminenz der amerikanischen Literatur. Nur, wie sein Thriller "Terrorist" nahe legt, meint er es leider nicht ironisch.

Seine Verleger bei Knopf und Rowohlt müssen sich die Hände gerieben haben, als der Romancier seine Idee vorlegte. Denn neben der so alten wie wahren Maxime, dass sich Sex immer gut verkauft, ist Terror heutzutage die zweite, todsichere Verkaufsstrategie. Es gibt kaum einen Roman des diesjährigen Bücherherbstes in Amerika, der nicht zumindest im betroffenen Vorbeistreifen den 11. September erwähnt. In der Ära von New York, Bali, Madrid und London fühlen sich mehr Schriftsteller und Verleger denn je dazu berufen, ihre traditionelle Aufgabe der sozialen Einmischung wahrzunehmen und Terrorismus zum Thema zu machen. Doch selbst Autoren vom Kaliber eines Ian McEwan ist es bisher nur gelungen, nobel an diesem Projekt zu scheitern. Noch immer ist der Horror der Ereignisse für den westlichen Nachrichtenzuschauer unvorstellbar. Noch immer versteht man den religiösen Fanatismus und politischen Fatalismus eines Osama Bin Ladens oder eines Mohammed Attas zu wenig. Noch immer ist unklar, an welchem Punkt das permanent schwelende Angstgefühl in den Großstädten, in denen wir leben, in ungerechtfertige Hysterie übergeht. Noch immer ist nicht absehbar, wie weit die Situation noch eskalieren wird.

Zum Anfang von Terrorist scheint es noch, als wäre Updike den Komplexitäten dieser Situation gewachsen. Anstatt die naheliegende, westliche Opferperspektive einzunehmen, versucht er, sich in den Kopf eines Terroristen hineinzuversetzen und die Geschichte eines Anschlags aus dessen Perspektive zu erzählen. Dafür gebührt ihm Achtung, vor allem in Amerika von 2006, wo die patriotischen und religiösen Sensibilitäten fest wie Sprungfedern gespannt sind, bereit, jeden Grenzüberschritt moralistisch abzustrafen.

Die große Frage aber, die sich nach der Lektüre stellt, ist: Was hat sich Updike dabei gedacht? Die schon etwas abgenutzten Erzählmuster seines Oeuvre aufnehmend, lässt er Ahmed, seinen Helden, wieder in New Prospect Paterson, New Jersey, wohnen - eine der traurigsten Landschaften der amerikanischen Ostküste, in der Armut, Drogenszene und verfallene Infrastrukturen den sozialen Ton angeben und sich geklonte Burger-King-Filialen an die von WalMart, White Castle und Dunkin Donuts reihen, ein endloses einstöckiges Medley bedrückender Konsumarchitektur für Arme. Wieder spielt ein guter Teil des Romans in einer High School. Wieder durchwebt eine etwas halbgare, protestantische Eschatologie den Text, gepaart mit reichlich, genüsslich beschriebenen Sexszenen. Vieles kommt einem nach mittlerweile 21 Updike-Romanen bekannt vor, nur versucht sich der 74jährige Autor dieses Mal im Genre des literarischen Thrillers. Viel Unterschied macht´s nicht.

Der 18jährige Ahmed, für den Updike viel Zuneigung aufbringt, kommt als ernsthafter und vaterlos Pubertierender mit einem veritablen Hormonstau daher und wird zum Spielball in den Händen eines radikalen Imams und eines libanesisch-amerikanischen Terroristen, der gleichzeitig für die CIA arbeitet. Die literarische Stimme des Teenagers ist dabei so anachronistisch, dass es weh tut. So gestelzt wie Ahmed spricht kein Amerikaner unter 50 mehr, nicht einmal einer, der täglich den Koran studiert. Auch Angelika Praesents Übersetzung - wer beschreibt Sex heutzutage noch als "bumsen"? - hilft der Sache nicht weiter. Was allerdings noch schwerer wiegt, ist Updikes handwerkliche Unsauberkeit, mit der er Ahmeds Gedanken und seine eigene auktoriale Erzählstimme vermischt. Das sorgt besonders für Unbehagen, wenn Ahmed seine anti-semitischen Tiraden elaboriert.

Ahmeds psychologische Evolution zum Terroristen, die Updike unter schweren Mühen zu skizzieren versucht, entpuppt sich als Geschichte über die unhaltbare Apathie des amerikanischen Lebens in Landstrichen wie denen New Jerseys. Die Ersatzfamilie, die Ahmed im Terrornetzwerk findet, stellt einen sicheren Gegenpol zur sexualisierten Teenagerkultur an seiner Highschool dar, zum erpresserischen Imaginären der alles bestimmenden TV-Celebrity-Spaßkultur, zu den hoffnungs- und sinnlosen Lebenskonzepten der müden, verbrauchten und übergewichtigen Erwachsenen.

So weit so gut, aber warum stürzt das den hübschen, verklemmten Ahmed nicht in eine handfeste Depression, sondern bringt ihn dazu, vierzig Tonnen Ammoniumnitrat im Lincoln Tunnel hochjagen zu wollen, der Verkehrsader, die New Jersey mit Manhattan verbindet? Und wie, um Gottes Willen, sollen ein kurz vor der Rente stehender, jüdischer Vertrauenslehrer (dessen Schwägerin zufällig Unterstaatssekretärin im Heimatsicherheits-Ministerium ist) und zwei feixende Kinder in einem Autorücksitz dabei helfen, den Terrorakt zu verhindern? Oder gar jener verunglückte, aber für den Handlungsverlauf des Romans äußerst prominente Sexakt mit einer sich prostituierenden Teenagerin? Soviel Naivität, Einfallslosigkeit und Klischee ist geradezu ein Affront für intelligente Leser. Soviel Potenzfantasie angesichts omnipräsenter Machtlosigkeit dem realen Terror gegenüber stößt böse auf.

Vielleicht sollte die psychologische Erkundung von Terroristen lieber Autoren überlassen werden, die mehr erfahrungsgefütterte Einsichten in die muslimische Geistesverfassung haben oder zumindest eine größere Recherchearbeit als gerade mal eine Koranlektüre hinter sich bringen. Autoren wie Yasmina Khadra, Orhan Pamuk oder Nahid Rachlin haben das schon vorgemacht. Doch die narrativen Fäden, die sie ausgelegt haben, werden vom westlichen Genre der Terror-Literatur leider weitestgehend ignoriert.

Was das Scheitern von Updikes Terrorist nicht nobel, sondern tragisch macht, sind seine schönen Passagen, die über das Altern in Amerika erzählen. Jack und Beth Levy sind zwei Updike-Figuren, die sich so traurig und echt anfühlen, dass man mehr über ihre einsame Perspektivlosigkeit nach der Erfüllung ihres Fortpflanzungsauftrags lesen will, und über die fortschreitende Banalisierung ihres amerikanischen Lebens, das ihnen zunehmend die Luft abdrückt.

Auch wenn noch niemand den Einfluss von Viagra auf die zeitgenössische amerikanische Literatur untersucht hat, liegt die Vermutung nicht fern, dass jener Club der lüsternen alten Herren, den John Updike zusammen mit Kollegen Norman Mailer und Philip Roth bildet, ohne die potenzverstärkende Medizin bessere Bücher schreiben würde - über Themen jenseits ihrer mittlerweile ausgeleierten Sexobsession, Themen, über die sie wirklich etwas zu sagen haben.

John Updike: Terrorist. Roman. Aus dem Englischen von Angela Praesent. Rowohlt. Reinbek bei Hamburg. 400 S., 19,90 EUR


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00:00 06.10.2006

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