Jeroen Kuiper
19.09.2012 | 09:12

Die Türen stehen weit offen

Kolumbien Kein Sektor der Superlative: Die boomende Kohleindustrie nimmt weder auf die Landschaft, noch auf ihre Arbeiter Rücksicht

Unvorstellbar groß sind sie, die Trucks von Cerrejón, einem der größten Bergbauunternehmen Kolumbiens. „Jedes Fahrzeug kann bis zu 190 Tonnen Steinkohle transportieren“, erzählt Adriana Montero, Sprecherin von Cerrejón, während wir auf eine unwirklich große Grube von über 200 Meter Tiefe und mehreren Kilometern Länge schauen, die sich als Riesenschneise durch die Landschaft zieht.

Wir stehen am Rand der Grube Patilla, einer der größten Tagebauminen der Welt. Cerrejón produziert jährlich etwa 35 Millionen Tonnen Steinkohle, die das Unternehmen über eine 150 Kilometer lange Bahnstrecke bis ans Karibische Meer zu ihrem Privathafen transportiert. Von dort wird die Kohle in alle Welt verschifft.

Kolumbiens Kohleindustrie ist ein Sektor der Superlative. In den letzten fünf Jahren wuchs die Produktion um 65 Prozent auf über 90 Millionen Tonnen. Mauricio Cárdenas, der Minister für Bergbau, will im kommenden Jahr mit einer Förderung von sogar bis zu 120 Millionen Tonnen glänzen. Schließlich werden noch Vorkommen von geschätzten zwei Milliarden Tonnen Steinkohle in der Region vermutet. Europäische, nordamerikanische, australische und brasilianische Firmen investieren in die notwendige Infrastruktur einer baldigen Erschließung, um an diesen Ressourcen teilhaben zu können.

Wo früher das dornige Gestrüpp einer Halbwüste wuchs und Ziegen grasten, wird jetzt Kohle gewonnen, die auch in deutschen Kraftwerken verfeuert wird. „Nachdem wir den Rohstoff abgebaut haben, schütten wir alles wieder zu und renaturieren das Gelände“, erzählt Adriana Montero munter weiter. Das aber klingt schöner als die Realität je sein wird. Tatsächlich renaturiert Cerrejón bestenfalls zehn Prozent der verunstalteten Biotope. Die Aussichtsplattform über der Grube Patilla ist die einzige Stelle, die Cerrejón interessierten Besuchern zeigt. Andere Steinkohleunternehmen in Kolumbien wie MPX oder Drummond wollen keine neugierigen Gäste sehen. Vermutlich aus Angst vor negativen Schlagzeilen, sollte es sich um Journalisten handeln.

Viele Analphabeten

Am nächsten Tag in Maicao, einer staubigen Grenzstadt in La Guajira, einer der ärmsten Gegenden weit im Norden des Landes, an der Grenze zu Venezuela. Hier lebt mit den Wayúu einer der indigenen Volksstämme Kolumbiens. Statt Wachstum und Wohlstand am Rande der Kohleflöze herrschen Armut und Depression. Nicht weniger als 64 Prozent der lokalen Bevölkerung leben mit einem Einkommen unterhalb des Existenzminimums. Viele sind Analphabeten, obwohl in der Nachbarschaft Betriebe wie Cerrejón Milliardengewinne verbuchen und dafür sorgen könnten, dass es so etwas wie eine Erwachsenenbildung gibt. Die Firma lässt in den Bilanzen zum Jahresende keinen Zweifel – nirgendwo sonst sind die Gewinnmargen so groß wie in Kolumbien.

An diesem Augusttag strömen Hunderte in Maicao zusammen, um über die Folgen eines beschleunigten Steinkohleabbaus zu diskutieren. Sie widersetzen sich Plänen von Cerrejón, den örtlichen Fluss zu verlegen. Die Minengesellschaft will die Ranchería auf einer Länge von fast 30 Kilometern umbetten, weil mehr als 500 Millionen Tonnen hochwertige Steinkohle unter dem jetzigen Flusslauf liegen, sagen die Erkundungen. „Das werden wir nicht hinnehmen. Unser Land könnte zur Wüste werden“, meint Luis Gyuaryiu, ein lokaler Wayúu-Führer. „Viele Dörfer in der Umgebung sind völlig vom Wasser dieses Flusses abhängig. Was wird mit den Menschen? Müssen sie umziehen, falls der Fluss umgeleitet wird? Uns ist dieser Wasserlauf heilig.“

Auch Euripides Pulipo, der Bürgermeister von Maicao, ist beunruhigt. „Es gibt genügend Gemeinden in Kolumbien, die ohne Steinkohle überleben. Aber wie viele überleben ohne Wasser? Unsere 120.000 Einwohner leiden schon jetzt unter akutem Mangel an Trinkwasser.“

Kolumbien erfreut sich seit einigen Jahren anhaltender wirtschaftlicher Prosperität. Die Türen für ausländische Investoren stehen sperrangelweit offen. Im Vorjahr floss die Rekordsumme von gut 13 Milliarden Euro, was eine Wachstumsrate von knapp sechs Prozent ergab. Aber das Land hat weniger davon, als es auf den ersten Blick scheint. Das Gros der Gewinne fließt direkt ins Ausland. Dem Rohstoffsektor mit seinen Ressourcen an Öl, Gas, Gold und Kohle gelten die meisten Investitionen, die allerdings den Nachweis schuldig bleiben, für Arbeitsplätze in vergleichbaren Größenordnungen zu sorgen, gerade dann wenn im Vorjahr im Rest des Landes 800.000 neue Jobs entstanden.

Nirgendwo in der Welt werden jährlich so viele Gewerkschafter ermordet wie in Kolumbien – seit 1990 über 2.800. Aufklärung täte not, bleibt aber aus. Das Phänomen der Straflosigkeit erweist sich noch immer als übermächtig. Ein Grund dafür, dass sich Anfang des Jahres nordamerikanische Gewerkschaften heftig gegen das Freihandelsabkommen zwischen Kolumbien und den USA gewehrt haben. Geholfen hat es wenig. Präsident Obama zufolge hat Kolumbiens Regierung 2011 mit einem speziellen Aktionsplan gezeigt, dass es sich mit den Gewerkschaften aussöhnen will. Nichtsdestotrotz starben auch 2012 ein Dutzend Gewerkschafter bei Überfällen rechter Todesschwadronen. Vorfälle, die keinen Einfluss darauf hatten, dass seit dem 15. Mai der Warenaustausch zwischen beiden Ländern durch ein Freihandelsabkommen geregelt wird. Wie es im Übrigen auch die Europäische Union mit Kolumbien geschlossen hat, auch wenn das wenig Einfluss auf den kolumbianischen Kohle-Export hat, weil der schon jetzt ohne Beschränkungen viele EU-Staaten erreicht.

Wie zweifelhaft der Ruf des kolumbianischen Bergbaus ist, zeigt das Beispiel des US-Unternehmens Drummond, nach Cerrejón der zweitgrößte Kohleproduzent im Land, der sich in den USA wegen der möglichen Verwicklung in die Ermordung kolumbianischer Gewerkschafter verantworten muss. Obwohl Drummond das strikt abstreitet, gaben ehemalige Paramilitärs mittlerweile zu, Geld für Anschläge auf zwei Gewerkschafter genommen zu haben, das von Drummond kam. Die beiden Opfer wurden vor gut zehn Jahren auf dem Drummond-Gelände am helllichten Tag aus dem Betriebsbus gezogen und einfach exekutiert. Drummond wird ebenso vorgeworfen, in der Vergangenheit dafür gesorgt zu haben, dass ganze Dörfer unter Zwang – also mit Hilfe der Polizei – umgesiedelt wurden.

Mittlerweile regt sich in mehreren EU-Ländern Widerstand gegen die Einfuhr kolumbianischer „Blutkohle“. In den Niederlanden wurde im Sommer 2010 nach Ausstrahlung einer TV-Reportage über die Machenschaften der Kohlebetriebe ein sogenannter „Steinkohledialog“ initiiert. Ministerien, Energieerzeuger und Gewerkschaften treffen sich seither regelmäßig. Offiziell heißt es, sie wollten „mehr gegenseitiges Verständnis aufbauen“, indes bleiben die Akteure konkrete Resultate schuldig, weil die Energieunternehmen aus „Konkurrenzgründen“ nicht öffentlich machen, woher sie ihre Steinkohle beziehen.

Kolumbianische „Blutkohle“

Daniel Hawkins, ein Australier, der schon seit zwölf Jahren im kolumbianischen Medellín für die Escuela Nacional Sindical (Nationale Gewerkschafterschule/ENS) arbeitet, veröffentlichte vor kurzem eine Studie über die Steinkohlebetriebe. Danach ist die Gesundheit der Minenarbeiter eines solchen Unternehmens eines der wichtigsten Themen für die kolumbianischen Gewerkschaften.

Hawkins schreibt, die Steinkohleindustrie sei ein relativ junger Industriezweig. In großem Stil werde der Rohstoff erst seit 15 bis 20 Jahren gefördert, ohne dass den Gesundheitsproblemen die nötige Aufmerksamkeit geschenkt werde. Von Cerrejón wisse man beispielsweise, dass von den etwa 3.500 Bergleuten über 700 unter einer Staublunge zu leiden hätten. Mindestens ebenso häufig gebe es wegen der schweren körperlichen Arbeit irreparable Rückenerkrankungen. Cerrejón erkenne jedoch nur einen geringen Teil der betroffenen Arbeitnehmer als Betriebskranke an.

Fast überall auf der Welt liege die Beweislast bei den Arbeitgebern – in Kolumbien sei es umgekehrt. „Hier,“ schreibt Daniel Hawkins, „musst du als Arbeitnehmer beweisen, dass es die zu leistende Arbeit und die zu erfüllenden Normen sind, die dich krank machen. Derartiges aber ist in Kolumbien so gut wie unmöglich, weil die Unternehmen ausschließlich selbst entscheiden, welche medizinischen Inspektionen sie zulassen und welche sie kategorisch verweigern. Natürlich sind die dann in Erscheinung tretenden Ärzte oft durch die Firma gekauft und urteilen entsprechend. Das hat Folgen für die Renten der Arbeiter, die selbstredend viel niedriger sind, wenn die Krankheiten nicht anerkannt werden.“

Carlos López ist einer der wenigen Angestellten von Cerrejón, der Mitglied einer Gewerkschaft ist und sich traut, über seine Arbeit und die Positionen seiner Gewerkschaft Sintracarbon zu reden. Neben der Anerkennung von Betriebskrankheiten liegt es López sehr am Herzen, auf die sogenannte „Tercerización“ hinzuweisen, das „Outsourcen“ von Arbeitern, die mit jähem Erschrecken feststellen müssen, an ein Subunternehmen verkauft worden zu ein und dadurch an Einkommen zu verlieren. „Mehr als die Hälfte der Arbeiter bei Cerrejón“, so López, „kommt inzwischen aus Firmen, die mit Leiharbeit handeln, nur noch Zeitverträge schließen und den Arbeitern soziale Sicherheit verweigern.“

López wohnt in Villanueva, etwa anderthalb Stunden von Cerrejón entfernt. „Das ist noch hinnehmbar. Viele Minenarbeiter fahren jeden Tag zwei Stunden zur Arbeit hin und zwei Stunden wieder zurück.“ Obwohl López sein Brot bei Cerrejón verdient, lehnt er die Pläne ab, den Fluss Ranchería umzubetten. „Es gibt hier im Norden genügend Steinkohle an andere Orten. Wir sollten auch an die betroffene Bevölkerung und die Umwelt denken.“ Kann er dies einfach so sagen? López: „Zum Glück muss es Cerrejón akzeptieren, dass den Gewerkschaftern so viel Freiraum bleibt, ihre Meinung zu äußern. Leider ist die Firma eine Ausnahme. Gewerkschaftsmitglieder müssen in Kolumbien sehr genau aufpassen, was sie sagen.“

Jeroen Kuiper hat für den Freitag zuletzt über den Strategiewandel bei der FARC-Guerilla geschrieben