Die Tür in mich hinein

Todesphantasie Keto von Waberers autobiografischer Text "Schwester"

Man durfte durchaus gespannt sein auf Keto von Waberers neues Buch, zumal die Autorin als Verfasserin bitterböser Liebesgeschichten und launisch-launiger Glossen ebenso geschätzt wird wie als Romanschriftstellerin seinerzeit in ihrem Blaue Wasser für eine Schlacht (1987) durchweg kritisiert worden ist. Nun also legt sie einen umfänglicheren Band vor, der mit 168 Seiten Länge - für Gattungspuristen - irgendwo zwischen einer Novelle und einem Roman angesiedelt ist.

Doch spart Keto von Waberer jegliche Gattungsbezeichnung aus, verweigert sich und uns Lesern damit die Zuordnung. Am ehesten wohl könnte noch eine Formulierung hilfreich sein, die den Text Schwester eine Art von autobiographischer Prosa nennt - möglicherweise in dem Sinne, wie seinerzeit der saarländische Schriftstellerkollege Ludwig Harig seinen Roman Ordnung ist das ganze Leben (1986) als Roman meines Vaters charakterisiert hat. Sicherlich gehört auch vonWaberers Buch grosso modo in jene seit Ausgang der siebziger und im Verlauf der achtziger Jahre dann rundum "boomende" Klasse von kritischen Mütter-Väter-Geschwister-Büchern, als deren spätes Nachspiel, wenn man so will.

Ähnlich, zugleich aber doch wieder ganz anders! Anders - weil zögerlicher, tastender, fragender. Wo etwa die Autorinnen und Autoren vor rund 20 Jahren nach schlüssigen Antworten auf Fragen, die die Historie gestellt hatte, suchten, nach der treffenden, griffigen Erklärung, und dabei im Prozess der Narration, in der Verdichtung zur Erzählung, ja zum Roman zu Schlussformeln und Abrundungen zumindest gelangen wollten, da tritt die Erzählerin von Waberer in ein Zwiegespräch mit der älteren, am Ende ihres Textes bereits seit fünf Jahren toten Schwester ein. Ohne Teleologie und ohne Finalität arrangiert sie viele kleine und kleinste Episoden aus gemeinsamer Zeit nebeneinander, verschiebt zuweilen die Zeitebenen gegeneinander, notiert - zu Beginn ihrer Niederschrift - Dinge, die zwei Jahre nach dem Erstickungstod der Schwester geschehen sind, um gegen Ende dann drei weitere Jahre durchschritten und -litten zu haben.

Immer geht es ihr darum, die Komplexität der Beziehung in ihrer Widersprüchlichkeit aufzuzeigen: eine undeutliche Gefühlslage aus Liebe und Hass, Wut und Zuneigung, Einswerdenwollen und Sich-Trennen-Müssen. Da ist das Muttertier, die Schwester, auf der einen, ein Familienmensch, praktisch, energisch, "down to earth", auf der anderen Seite dann die Erzählerin, dem Vater zugewandt, musisch begabt, schreiben wollend und zugleich lange Zeit zu einer bürgerlich-familialen Doppelexistenz gezwungen. Beide reiben sich aneinander: auf Zeiten engster Vertrautheit folgen Momente, kurze Augenblicke, aber auch lange Jahre größtmöglicher Distanz.

Als der geliebte, verehrte (und begehrte) Vater stirbt, stürzt die Schriftstellerin in eine langanhaltende Schreibkrise - und das Projekt ihrer Blockade ist dabei gerade jenes geplante Buch über die Schwester. Sie begibt sich in eine Therapie; sie könne, so die Autorin auf die Frage, was mit ihr los sei, die Tür nicht in sich hineinfinden. Beim Beschreiben der Tür, wozu sie die Therapeutin aufgefordert hat, stellt sich ein ganz frühes Bild von jener Tür ein, die ins Schlafzimmer der kranken Schwester führt: "drinnen liegt meine Schwester im Bett und ist sehr krank. So krank, dass meine Mutter immerzu weint und betet und Umschläge macht und Grießbrei kocht und die Holztreppe hinaufrennt und hinunter. Und so geht das schon seit Tagen. Und ich kenne meine Aufgabe. Ich muss meiner Mutter helfen und sie trösten, und auf gar keinen Fall darf ich ihr Arbeit und Ungelegenheiten machen, sonst kann sie nicht mehr, und ich fühle, sie ist am Ende, und wenn sie aufgibt, dann ist es aus mit uns allen. Mir darf nicht kalt sein, und ich darf auch keinen Hunger haben, und ich darf unter keinen Umständen weinen. Meine Schwester hat hohes Fieber, und sie kauert im Bett und heult wie ein kleiner Wolf und will sich das Nachthemd ausziehen. Und draußen liegt hoher Schnee. Und das alles sehe ich in Sekundenschnelle. Es blitzt an mir vorbei, und doch bin ich mittendrin und stehe da an der Holzschwelle, die mir bis zur Brust reicht, und wünsche, daß meine Schwester stirbt und nicht mehr da ist."

Da ist diese Todesphantasie, glasklar, aber ebenso messerscharf und plötzlich jenes andere Gefühl des tatsächlichen Verlassenwordenseins: "Ich fühle mich von ihr im Stich gelassen, allein, ohne meinesgleichen und wie ausgesetzt in der Welt." Dazwischen laviert die Erzählerin, führt ihre Beschreibung bis hart an die Grenze zur Auslöschung der Schwester-Figur, um dann wieder - als letztes, wiewohl nur vorläufiges Wort - einen Traum zu berichten, in dem sie ihre Schwester auf einer Bank an einer Bushaltestelle sieht, während ein Gewimmel von Menschen um sie brandet, worin die Erzählerin unaufhörlich weitergeschoben wird: "Immer wenn ich mich nach ihr umschaute, sah ich sie lachen. - Ich halte das für ein gutes Zeichen."

Zwischen den Zeilen - besonders interessant für kundige von Waberer-Leser - schreibt die Erzählerin noch die eigene Entwicklungsgeschichte zur und dann als Schriftstellerin auf: die lange Inkubation, tastend-zögerliche Versuche, erste Publikationen, Erfolge und Preise, dann wieder Krisen und Blockaden - die Ausweitung jener sich vermeintlich ausschließenden Kampfzonen von Mutter- und Familienpflichten einerseits, künstlerischer Berufung andererseits.

Keto von Waberer: Schwester. Berlin, Berlin 2002, 168 S., 16 ETB, 8,90 EUR


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00:00 15.12.2006

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