Die Uberisierung des Abendlandes

Disruption Neue Digitalkonzerne feiern ihren Bruch mit alten Strukturen. Doch tatsächlich befördern sie Monopole, Ausbeutung und Deregulierung
Die Uberisierung des Abendlandes
„Uber raus“ steht auf der Heckscheibe eines Taxis im kolumbianischen Cali
Foto: Luis Robayo/AFP/Getty Images

Ihre Geschichte lassen sie mit einem verschneiten Abend 2008 in Paris beginnen: Weil Garrett Camp und Travis Kalanick dort angeblich Schwierigkeiten hatten, ein Taxi zu bekommen, entwarfen sie die Idee eines Limousinendienstes. Sieben Jahre später ist Uber zum weltweit größten Vermittler von Taxidiensten geworden: Nach der Gründung 2009 in San Francisco war 2012 New York dran. Als erste Stadt im Ausland folgte 2014 Paris, bald London, Singapur, Sydney, Seoul, Kapstadt, Peking und Neu-Delhi, dann Großstädte in Osteuropa wie Warschau und Kiew, Lagos in Nigeria und schließlich Westeuropa im großen Stil: Wien, Zürich, Berlin, München.

Uber vermittelt über seine Internetseite und via Smartphone Fahrdienste an private Autobesitzer wie professionelle Taxi- und Mietwagenchauffeure. Die Fahrgäste zahlen über Paypal oder mit Kreditkarte an Uber, das die Fahrpreise festlegt und bis zu 20 Prozent Gebühren kassiert. So kommen mutmaßlich 1,1 Milliarden Dollar Umsatz im Quartal zustande, 69 Milliarden soll die Firma wert sein und im ersten Halbjahr 2016 ganze 1,7 Milliarden Verlust gemacht haben, was einkalkuliert ist. Die Zahlen hat Bloomberg geleakt, denn Uber ist nicht an der Börse notiert, was von den finanziellen Veröffentlichungspflichten entbindet.

Woher aber kommen dann die Mittel für Ubers teure Expansion? Von der Wall Street, etwa über Milliardenkredite von Goldman Sachs, später auch von Google und Microsoft. Für die Ausweitung ihrer Märkte in Asien investieren nunmehr auch die Autokonzerne Toyota aus Japan und Tata aus Indien. Statt der von vielen gepriesenen Disruption traditioneller Strukturen ist hier also vielmehr eine weitere Runde der Monopolbildung durch Großinvestoren und folglich der Ausweitung neoliberaler Kapital-Freiheiten im Gange.

Deutsche Bank mal zwei

So direkt sich in dieser angeblichen „Share Economy“ à la Uber der Kontakt zwischen Anbietern und Verbrauchern mithilfe des Internets gestaltet, so fern sind sich die Fahrer und ihr Auftraggeber. Denn Ubers Geschäftsmodell basiert darauf, dass kein einziger Taxifahrer ein Arbeitsverhältnis mit dem Konzern besitzt und selbiger kein einziges Taxi besitzt. So benötigt ein Unternehmen, für das mehr als der doppelte Wert der Deutschen Bank und gar das Zehnfache der Lufthansa veranschlagt werden, nur 6.700 Angestellte weltweit.

Doch es gibt Widerstand gegen dieses mutmaßliche Unterlaufen von Pflichten und Rechten. Weltweit laufen verschiedene Prozesse, Ende Oktober erreichten von der Gewerkschaft GMB unterstützte Fahrer von Uber ein Urteil, wonach sie als Angestellte mit Mindestlohn wie Urlaubsgeldanspruch zu behandeln sind. Uber geht in Revision und verfolgt auch sonst seine Strategie weiter, wo es keine nachhaltigen Proteste und Gesetze gibt. Den Europasitz hat die Firma in die Finanzoase Niederlande verlegt.

Darüber hinaus gelangt sie in den Besitz sehr vieler Daten ihrer Kunden. Uber kennt über GPS die Fahrrouten und -zeiten, die Stopps, die Passagiere. Die Verarbeitung der Daten findet vor allem in den USA statt. Was mit ihnen geschieht, welche Verpflichtungen aus dem US-Patriot-Act, etwa in der Zusammenarbeit mit Geheimdiensten, Uber und andere exekutieren, ist unbekannt.

Nicht überall gefeiert: Uber-Gründer Travis Kalanick
Foto: China Foto Press/Imago,

Ein prominenter Kreis von Personen steht hinter dem Unternehmen. Es hat Ex-EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes in sein Strategiegremium geholt, ebenso wie den bis 2013 als US-Verkehrsminister amtierenden Ray LaHood, Perus früheren Premier Roberto Dañino und die saudische Prinzessin Reema bint Bandar: Sie bekamen Unternehmensanteile und sollen dabei helfen, die Marktführerschaft zu sichern.

Die Kredite ihrer Investoren nutzen die Konzerne der Branche für den schnellen Aufkauf von Konkurrenten und Start-ups, um so den Wettbewerb auszuschalten und Monopole zu schaffen. In der Erwartung späterer Gewinne nehmen Akteure wie Goldman Sachs durchaus jahrelange Durststrecken in Kauf, treiben aber auch dazu an, jede Möglichkeit zur Erhöhung von Preisen und Gebühren sofort auszuschöpfen. So nutzte Uber die infolge einer Geiselnahme nötige Evakuierung von Bürgern in Australien, um die Fahrpreise zu verdreifachen. Flixbus, hinter dem etwa der Private-Equity-Fonds General Atlantic, Daimler Mobility Services und die Verlagsgruppe Holtzbrinck stehen (Freitag 44/2016), hat seine Fahrpreise in zwei Jahren um bis zu 40 Prozent erhöht.

In Holzbrincks (Handelsblatt, Zeit) Fänge war schnell auch die 2000 gegründete Partnervermittlung Parship, zu der GayParship für homosexuelle Zielgruppen gehört, geraten. Als Parship in Europa expandierte, kauften es die Private-Equity-Investoren Oakley und Permira 2015 auf, um sich dann noch das Portal Elite-Partner dazuzuholen. 2016 wechselte die neugebildete Parship Elite Group wieder den Eigentümer: Das TV-Unternehmen ProSiebenSat.1 will mit den Millionen von Singles sein Digital- und Werbegeschäft erweitern.

Airbnb, das heute in so gut wie allen Staaten der Welt Unterkünfte bei privaten Vermietern und in Hotels vermittelt und mit Facebook und Linkedin kooperiert, fasste in Deutschland durch den Aufkauf des kleinen Konkurrenten Accoleo Fuß. Den globalen Aufstieg Airbnbs, das heute 24 Milliarden Dollar und damit fast so viel wert sein soll wie die größten Hotelketten Hilton und Intercontinental, deren Zimmer Airbnb vermittelt, haben Investoren aus Kalifornien und der Fonds DST Global des russischen Unternehmers und Managers Juri Milner finanziert.

Das Prekariat ausnutzen

Verwaltung und Staatsanwalt in New York stellten bei der Vermietung durch Airbnb Steuerhinterziehung ebenso fest wie Zweckentfremdung von Wohnraum und steigende Mieten. Nach Schätzungen in Frankreich, wo sich das Parlament mit dem neuen Geschäftsfeld beschäftigt hat, wird nur ein minimaler Teil der Einkommen der dortigen Uber-Fahrerinnen versteuert. In mehreren Staaten, etwa in Frankreich, musste Uber die Vermittlung von privaten, nicht lizenzierten Autobesitzern einstellen; sie hatten keine geeichten Kilometerzähler, keine Versicherung, keine Nachweise über Sehtests und den Zustand ihres Autos.

Gegen einschlägige Regularien kämpfen und das Prekariat der Millionen von Scheinselbstständigen weltweit ausnutzen, so sieht das Gebaren der für ihre Innovationen gefeierten Gründer aus dem Silicon Valley aus. Die jungen, hochselektierten Kreativen aus dem Milieu der Elite-Universität in Stanford – nur fünf Prozent der Bewerber werden für das jährlich 100.000 US-Dollar teure Studium zugelassen – hassen jegliche gesellschaftliche Regulierung.

Sie wollen alle Freiheit, jedenfalls für sich selbst, und einen Bruch mit dem erstarrten Kapitalismus – allerdings nur einen technologischen Bruch. Statt Antikapitalisten sind sie fundamentalistische Prokapitalisten, die von Demokratie, Steuern, Arbeitsrechten und Datenschutz nicht viel halten.

Es gibt sehr gute, eigentlich zwingende Gründe, aus der unfreien Arbeit und aus den sonstigen asozialen Verhältnissen des bisherigen westlichen Kapitalismus auszubrechen. Doch mit den Verursachern und Gewinnern der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise im Rücken nutzt die Share Economy die andauernde Krise, um den Kapitalismus in eine neue Form zu bringen. Dazu gehört die weitere Degradierung der abhängigen Arbeit im Namen sogenannter Investorenrechte, ob nun mit oder ohne transkontinentale Freihandelsabkommen.

Die Großinvestoren sichern sich bei den erfolgreichen Aufsteigern der Branche die Kapitalmehrheit, belassen jedoch den kreativen Unternehmensgründern Anteile, die fix viele Millionen wert sein können.

Ständig werden neue Bereiche erschlossen: Upwork vermittelt Jobs an zwölf Millionen registrierte Freiberufler, Taskrabbit Putz-, Liefer- und Reparaturdienste. Netflix versorgt seine 83 Millionen Abonnenten mit Serien und Filmen, Spotify sorgt für Musik, Gett organisiert innerstädtische Briefauslieferungen. Dutzende Anbieter von Finanz- und Essensdiensten entstehen. UberEats soll bald in Deutschland starten.

Von Berlin bis Reykjavík: das Ringen mit Airbnb

Ferienwohnungen sind in Berlin ein heißes Thema, weil deren profitträchtige Vermietung zu Lasten des knappen Wohnraums geht. Seit 1. Mai 2014 gilt daher das Zweckentfremdungsverbot. Vermieter brauchen nun für jede Ferienwohnung eine Ausnahmegenehmigung. Mieterinitiativen kritisieren, dass das Verbot nur für mehr als die Hälfte des selbst genutzten Wohnraums gilt.

Doch auch dagegen wehren sich Vermieter: Im August erreichten mehrere vor dem Verwaltungsgericht ein Urteil, wonach das Verbot nicht für Zweitwohnungen, wie sie sich gerade Reiche gerne in Berlin zulegen, gilt. Aggressive Lobbyarbeit betreibt das Portal Airbnb. Sein Deutschland-Chef zweifelt die Legalität des Verbots an. Berlins Bezirke klagen derweil, Airbnb rücke zur Identifizierung von Ferienwohnungen nötige Daten nicht heraus. Mit Verboten, Sondersteuern oder der Verknappung nötiger Genehmigungen für Ferienwohnungen wehren sich unter anderem auch Wien, Barcelona und Airbnbs Heimatstadt San Francisco.

In Reykjavík, wo gerade der Tourismus explodiert, sind nur noch Vermietungen für bis zu 90 Tage im Jahr steuerfrei. Lissabons Bürgermeister dagegen begrüßt die Verdreifachung der Airbnb-Nutzerzahlen in drei Jahren dort. Moskau gilt als einer der am schnellsten wachsenden Airbnb-Märkte, weil in der Wirtschaftskrise viele Bewohner auf Einkünfte angewiesen sind. Sebastian Puschner

Im Englischen und Französischen hat sich der Begriff „Uberisation“ durchgesetzt, um diesen Wandel zu beschreiben, im Deutschen ist von Uberisierung die Rede. Ein Wandel, gegen den sich Widerstand lohnen kann: Nach heftigem Protest von Profi-Taxifahrern und Gerichtsurteilen gab Uber die Vermittlung privater Fahrer 2015 in Deutschland auf, ähnlich in New York.

Statt nur um einen Abwehrkampf sollte es aber auch darum gehen, die digitalen Möglichkeiten für die Gestaltung besserer Lebens- und Arbeitsbedingungen für mehr Menschen wie die Allgemeinheit zu nutzen. Wenn denn alte, privilegierte Vermittler überflüssig werden, muss das bisherigen wie neuen Beschäftigten und den Konsumenten zugutekommen.

Gesetzgeber und Kommunen können eingreifen (siehe Info). Und an vielen Orten der Welt, etwa in den USA, sind prekäre Freiberufler dabei, sich in ganz neuen Formen zu organisieren: aus der Beyond-Care-Kooperative in New York etwa ist die App Coopify (Freitag 25/2016) entstanden.

Jede Technologie ist ambivalent und bedarf der politischen Gestaltung. Für diese aber braucht es auch das, was die Share Economy für sich reklamiert:Kapital und Kreativität.

Werner Rügemer ist Publizist und hat soeben das Buch Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet. Transatlantische Sittenbilder aus Politik und Wirtschaft, Geschichte und Kultur (PapyRossa) veröffentlicht

06:00 07.12.2016

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