Die Überlebenden

das Unternehmen Was wird aus Verlag und Magazin ohne den Herausgeber?

Rudolf Augstein wurde die Frage im Laufe seines Lebens des Öfteren gestellt: Ob er sich denn seinen Spiegel ohne ihn selbst als Herausgeber vorstellen könne. Meist wehrte er die in der Frage liegende Unterstellung, es ginge natürlich nicht ohne ihn, mit einer Handbewegung ab. So groß sei sein Einfluss nicht. Als Herausgeber besäße er noch nicht einmal so etwas wie eine Richtlinienkompetenz. Er dürfe nur dank seiner Funktion gelegentlich in seinem eigenen Blatt etwas richtig stellen. Und dieses Recht nähme er gerne wahr.

Mit der Wirklichkeit hatte das nur entfernt etwas zu tun. Mit Ausnahme der letzten Jahre hat Rudolf Augstein sein Blatt wie kaum ein anderer Herausgeber regiert. Er gab über vierzig Jahre die Richtung an und die Schlagzahl vor. Sein wichtigstes und nachhaltigstes Mittel war die Bestallung der Chefredaktion. So veränderte er mit der Berufung von Claus Jacobi 1962 den Spiegel entscheidend. Das in seinem Kurs durchaus wankelmütige, aber stets politische Blatt wurde bunter, setzte auf Unterhaltungsthemen, pflegte Tratsch und Klatsch - natürlich auf höchstem Niveau - und versuchte mit seinen Titelgeschichten Themen jenseits der Politik zu setzen. Umgekehrt bedeutete 1968 der Wechsel von Jacobi zu Günter Gaus eine Repolitisierung des Blattes. Mit Folgen - auch für die innere Struktur. Der aus der Politisierung zwangsläufig resultierende Hierarchie-Konflikt, den die Redaktion in großer Heftigkeit erlebte, wurde nach Art des Hauses gelöst. Die Anführer des Aufstandes wurden rausgeworfen, der Rest der prompt getreuen Belegschaft mit knapp der Hälfte der Anteile am Unternehmen belohnt.

Doch die Leitlinien des Unternehmens bestimmte weiterhin Augstein. Ein Unternehmen, das lange nur das Produkt Spiegel kannte. Absicht war das nicht. Der Unternehmer Augstein, der Zeit seines Lebens einem ältlichen Kinde nicht nur ähnlich sah, sondern in seiner Begeisterungsfähigkeit wie in seinem jäh aufkommenden Desinteresse auch wie eines handelte, hat eine Reihe von anderen Zeitschriften gegründet oder übernommen. Aber erfolgreich war lange Zeit nur der Spiegel. Weder den frühen Ergänzungsblättern zu Themen wie Reise oder Sport war Erfolg beschieden noch der ebenso viel versprechenden wie teuren Idee einer nationalen Sonntagszeitung. Erst dem 1971 gegründeten Manager-Magazin war Erfolg beschieden. Es erscheint bis heute in Zusammenarbeit mit Gruner + Jahr. Dieser Verlag hält seitdem bis heute einen Anteil am Spiegel-Verlag.

Bei manchen seiner Gründungen und Übernahmen hatte es den Anschein, als wollte Augstein dem Spiegel einen Print-Titel zur Seite stellen, die seiner - vielleicht unglücklich zu nennenden - Liebe zum Feuilleton mehr Platz einräumte. So kann man die Übernahme des von Hans-Magnus Enzensberger gegründeten Monats-Zeitschrift TransAtlantik Anfang der achtziger Jahre deuten. Doch die Kooperation funktionierte nicht. Es stellten sich keine der beabsichtigten Synergie-Effekte ein; die Spiegel-Autoren wollten lieber um Platz im Hauptblatt kämpfen als auf der neuen Spielwiese sich ausbreiten. Das Beiblatt Spiegel Spezial wurde nach mehreren Relaunches aufgegeben. Auch seinem unter viel Vorschusslorbeeren gestarteter Nachfolger Spiegel Reporter war kein langes Leben beschieden.

Man kann das Interesse von Augstein für TransAtlantik und die anderen genannten Blätter allerdings auch anders deuten. Der Gründer der Spiegel ließ sich gerne begeistern. Und wenn man ihn in der richtigen Stimmung ansprach, engagierte er sich gerne und als reicher Gönner für das, was man dann in den siebziger Jahren "Projekte" zu nennen pflegte. Oft heimlich, gelegentlich öffentlich und öffentlichkeitswirksam. So beispielsweise sein Engagement für den Filmverlag der Autoren, an dem er sich 1977 für die nächsten acht Jahre mehrheitlich beteiligte. Für dessen Produktionsfirma finanzierte er die Kollektivfilme der deutschen Regisseure vor, sei es Deutschland im Herbst, Der Kandidat oder Krieg und Frieden. Heute besitzt der Verlag die Produktionsfirma Aspekte Telefilm, die Fernsehfilme herstellt.

Die wichtigste und bis heute ökonomisch erfolgreichste Neugründung erfolgte 1988. Mit Spiegel TV ging eine Fernsehvariante des Papier-Spiegel, so der freche Ausdruck der keck Videogruppe Nord gerufenen Redaktion, auf Sendung. Mittels der DCTP, einer von Alexander Kluge und dem japanischen Werbemulti Dentsu gegründeten Firma, wurde das wöchentliche Fernsehmagazin in weit gehender Autonomie via RTL und SAT 1 ausgestrahlt. Diese Autonomie verdankte die DCTP einer besonderen medienrechtlichen Konstruktion in Nordrhein-Westfalen. Sie sicherte Spiegel TV eine gewisse Schutzzeit zu, in der sich das Magazin positionieren und entwickeln konnte. Dank seiner bald erreichten Einschaltquoten flößte die von Stefan Aust als Chefredakteur konzipierte Sendung selbst den Managern des Privatfernsehens, die selbstverständlich die Unabhängigkeit der Redaktion hassten, Respekt ein. Spiegel TV erwirtschaftete bald Gewinn. Die Redaktion baute das Angebot mit Reportage- und Dokumentationsreihen aus. Und der Verlag beteiligte sich am Träger DCTP.

Nach allerlei Abenteuern hat der Verlag heute seine elektronischen Engagements auf unterschiedlichen Ebenen klug diversifiziert. Die Tochter a + i produziert Talkshows wie Johannes B. Kerner (ZDF) und die Sexsendung Wa(h)re Liebe (Vox) nebst den dazugehörenden Hotlines und Sex-Sites. Zusammen mit der DCTP betreibt man den Fernsehsender XXP, der zunächst nur in Berlin zu sehen war, aber heute sein Programm auch in Nordrhein-Westfalen über Kabel vertreibt. Spiegel Online gilt als das erfolgreichste deutsche Internetangebot. Die Liste der am meisten angeklickten Seiten führt das clever wie ein Fernsehangebot (und eben nicht wie eine Tageszeitung) strukturierte News-Forum regelmäßig an. Auch wenn es noch nicht schwarze Zahlen schreiben wird, ist es eine Zugewinn für den Verlag und sein Flaggschiff.

Unter Aust hat der Papier-Spiegel sich der Attacken der im Anfang der neunziger Jahre aus München erwachsenen Konkurrenz (Focus) erwehren können. Der Spiegel ist als gelegentlich politisches Unterhaltungsblatt, das jeder Zeit für jeden etwas bietet und kein Thema verschmäht, wenn es in der Sauren-Gurken-Zeit Leser und Käufer zu bringen verspricht, auf dem Markt etabliert. Der Rückgang der Werbeanzeigen macht zwar auch ihm zu schaffen. Verglichen mit manch früheren sind die jüngsten Ausgaben arg dünn. Aber er kann die Einnahmenrückgänge weitgehend durch die Gewinne aus den anderen Geschäftsfeldern kompensieren. Deshalb steht das Unternehmen heute - besonders im Vergleich zu anderen Zeitungsverlagen - gut da.

Spannend ist, wie es ohne Augstein in Unternehmen, Verlag und Magazin weitergehen wird. Noch ist keine Machtbalance zwischen der Mitarbeitergesellschaft, die knapp unter 50 Prozent hält, Gruner + Jahr mit seinen 24,75 Prozent und den Erben von Augstein mit 25 Prozent gefunden worden. Und um das entscheidende eine Prozent, das sich Rudolf Augstein selbst vorbehalten hat und mit dem er in den letzten Jahrzehnten regieren konnte, wird der Streit entbrechen. Aber auch das wird der Spiegel überleben.

00:00 15.11.2002

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