Die üblichen Getöteten

Sportplatz Kolumne

Es waren surreale Szenen: 22 Männer mit bunten Trikots, umgeben von leeren Rängen und Totenstille. Die meisten Partien der beiden italienischen Profiligen fanden am vergangenen Wochenende vor Geisterkulissen statt: Neunzig Schweigeminuten hintereinander. Zwei Wochen nachdem der Polizist Filippo Raciti bei schweren Fankrawallen im sizilianischen Catania getötet worden war, durfte der italienische Fußballzirkus wieder anlaufen. Doch über die Hälfte der Stadien in der Serie A und der Serie B bleiben für Zuschauer bis auf weiteres gesperrt, nur in Rom, Turin, Genua und drei weiteren Städten darf vor Publikum gespielt werden. Milan und Inter werden ihre Champions-League-Heimspiele wohl in der Schweiz austragen, obwohl für die wenigen Dauerkartenbesitzer in Mailand eine Ausnahmeregelung gilt.

In den Tagen nach den blutigen Ausschreitungen hatte die Regierung gar mit dem Abbruch der Saison gedroht. Doch im Fußball geht es um zuviel Geld. "Fußball ist eine Industrie, wie Fiat", erklärte der Liga-Präsident Antonio Mattarese, "wir haben laufende Kosten. Tote gehören zum System, die Show muss weitergehen."

Worte, die das Drama im Land des Weltmeisters vielleicht deutlicher machen als die Fernsehbilder aus Catania. Die Sperrung der baufälligsten Stadien ist ein hilfloser Versuch, die Gewalt der Ultras in den Griff zu bekommen - und den Zynismus der Vereinsbosse. Die Maßnahme mutet umso paradoxer an, als die Tribünen in Italien auch vorher nicht viel voller waren: Noch nie gab es in der ersten Liga niedrigere Zuschauerschnitte als in der laufenden Saison. Die Fans wenden sich ab von dem teuren Spektakel, von Geschäftemacherei und Korruption. Oder sie rasten aus, wie in Sizilien.

Die Stadiongewalt, früher ein Problem der norditalienischen Großstädte, ist in den armen Mezzogiorno gewandert. In einem aktuellen Lagebericht des Innenministeriums werden die süditalienischen Fankurven, vor allem in Neapel, Tarent und Bari als neue Brennpunkte ausgemacht. Und natürlich Catania und Palermo auf Sizilien. Die gewaltbereiten Ultras werden immer jünger, die Zahl der Rechtsextremisten steigt. Die Hälfte der in Catania verhafteten Hooligans ist minderjährig. Einer ist Mitglied der regionalen Führung der neofaschistischen Partei Forza Nuova. Der mutmaßliche Täter, der den getöteten Polizisten mit einem Rohr aus der Stadiontoilette angegriffen haben soll, ist gerade 17.

Der soziale Niedergang und die Mafia heizen die Situation weiter an. Für Camorra und Cosa Nostra sind die Fankurven riesige Marktplätze. Die jungen Hooligans sind dankbare Kunden, Kokain, Amphetamine, alles was den Frust in Rausch verwandelt. Und die Mafia zeigt in den Stadien öffentlichkeitswirksam ihre Macht. Als 2003 eine Gesetzesverschärfung gegen das organisierte Verbrechen geplant war, tauchte in der Kurve von Palermo ein riesiges Transparent auf: "Wollt ihr Sizilien zum Feind haben?"

Die Randale ist aber auch ein verzweifelter Aufschrei. Die jungen Ultras im Süden lieben ihre Außenseitervereine, weil sie genauso an den Rand gedrängt sind wie sie selbst. Wer im abgehängten Teil Italiens aufwächst, hat kein Geld, keine Perspektive, keine Chance. Die Aussicht auf einen vernünftigen Job ist ungefähr so groß wie die des Catania Calcio auf die Meisterschaft. In den Kurven der baufälligen Arenen explodiert der Hass einer verratenen Generation, der sich gegen eine Gesellschaft richtet, die nicht mehr zu bieten hat als Tränengas und Knüppel. Lieber ein Ultra als ein Niemand.

Die Gewalt der Ultras entsteht nicht im Fanblock, sondern lange vorher. Sie gärt zum Beispiel in den Straßen von San Cristoforo. Dort, im stickigen Zentrum von Catania, ist auch der mutmaßliche Mörder von Raciti aufgewachsen. Das Revier gehört dem Mafia-Paten Nitto Santapaola, die Jugendarbeitslosigkeit liegt über 50 Prozent.

Es wird so laufen, wie es immer läuft in Italien. Im Sport und in der Gesellschaft. Der Tod von Filippo Raciti wird abgewickelt wie der große Skandal um verschobene Spiele und geschmierte Schiedsrichter vor nicht einmal einem Jahr. Auch die größte Korruptionsaffäre im europäischen Fußball ist längst Geschichte. Die involvierten Vereine Juventus und AC Mailand wurden für ein Jahr in die zweite Liga verbannt oder mit minimalen Punktabzügen belegt. Schon im kommenden Jahr werden die beiden Dauermeister wieder die Serie A anführen. Auch Liga-Präsident Mattarese sieht die Dinge relativ. Wenige Tage nach den Krawallen von Catania kommentierte er: "Die Saison wird traurig, aber immerhin gibt es diesmal keine Schiebungen." Na, dann.


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00:00 16.02.2007

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