Gemma Pörzgen
05.05.2012 | 09:00 16

Die ukrainische Patientin

Ikone Im Moment schaut die ganze Welt auf Julia Timoschenko. Aber wer ist diese Frau eigentlich, die in einen erbitterten Konflikt mit Viktor Janukowitsch verstrickt ist?

In diesen Tagen ist Julia Timoschenko die europaweit wahrscheinlich am meisten beachtete Kämpferin. Selbst im Gefängnis und trotz ihres Bandscheibenleidens gibt die frühere ukrainische Ministerpräsidentin nicht auf. Obwohl Besucher die Gefangene als schwer krank und verzweifelt beschreiben, geht die Politikerin mit ihrem Hungerstreik ein hohes Risiko ein. Sie könnte ihre Gesundheit langfristig gefährden. Überall kann man nun teilweise erschütternde Fotos dieser einst so selbstbewusst auftretenden Frau betrachten, auf denen sie blass und zerbrechlich aussieht.

Die inhaftierte Politikerin aber hat nach Behandlungsfehlern ihr Vertrauen in die einheimische Ärzteschaft verloren. Die 51-Jährige fühlt sich bedroht, sodass Ärzte der Berliner Charité, die sie wiederholt im Gefängnis der ostukrainischen Stadt Charkow untersuchen durften, und auch die Bundesregierung auf eine Ausreise zur Behandlung nach Deutschland drängen.

Wenige Wochen vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft rückt das Land also wieder einmal in den Fokus. Timoschenko wird das wissen, und sie weiß auch, dass ihre Entscheidung, nun in den Hungerstreik zu treten, Präsident Viktor Janukowitsch einem immensen internationalen Druck aussetzt. Ihr Widersacher riskiert für diese schon lange währende persönliche Feindschaft viel: Eigentlich hatte das Land doch gehofft, von diesem sportlichen Großereignis zu profitieren. Man wollte sich ein junges, weltoffenes, demokratisches Image geben. Zumal im Oktober ein neues Parlament gewählt wird und die Partei des Amtsinhabers schon wegen der schweren Wirtschaftskrise mit großen Verlusten rechnen muss.

Eine auffallende Schönheit

Trotzdem scheint der Staatschef bisher entschlossen, seinen Feldzug weiter zu führen. Sein Ziel ist es offenbar, die politische Karriere Julia Timoschenkos für immer zu ­beenden. „Janukowitsch hat bis heute nicht verkraftet, dass sie ihn mit der Orangenen ­Revolution abserviert hat“, sagt Cornelius Ochmann, Osteuropa-Referent der Bertelsmann-Stiftung. Damals war sie es, die ihn des Wahlbetrugs überführte. Nun fürchte er zudem, dass die prominente Oppositionspolitikerin sich nach einer Ausreise schnell erholen und dann aus dem Ausland erfolgreich gegen ihn agitieren könnte, sagt Ochmann. Der Ukraine-Kenner hat das Land oft bereist und auch Timoschenkos politische Anfänge miterlebt.

Im Winter 2004 war Julia Timoschenko der Motor der Orangenen Revolution gewesen, die die Ukraine von einem Tag auf den anderen in den Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit rückte. Der größte Flächenstaat Europas bekam plötzlich ein Gesicht. Das von Julia Timoschenko: „Wir sind ein Volk, von dem andere nur träumen. Uns beneidet die ganze Welt“, rief die zierliche Frau damals und verband mit diesen volksnahen Auftritten sehr geschickt ukrainischen Patriotismus mit einer eleganten Weltläufigkeit. Ihre Auftritte waren perfekt inszeniert.

Mit der streng geflochtenen Zopffrisur knüpfte sie an bäuerliche Traditionen in den ländlichen Regionen an. Gleichzeitig strahlte sie ein großes Selbstbewusstsein und die Modernität der Großstädterin aus. Selbst im folkloristischen Kostüm wirkte sie keineswegs provinziell. In Talkshows konnte sie durch ungewöhnliche Sachkenntnis und erstaunliche Schlagfertigkeit überzeugen. Julia Timoschenko ist auffallend schön und weiß das einzusetzen. Die hohen Wangenknochen, die dunklen Augen und geschwungenen Lippen, das blonden Haar. Schon optisch also war der Gegensatz zu den einstigen Sowjetfunktionären gewaltig. Im Ausland wurde sie schon bald als „Evita von Kiew“ oder als „Jeanne d´Arc der Ukraine“ tituliert. In der einheimischen Bevölkerung dagegen hat sie immer polarisiert, bis heute. Die einen sind stolz auf die Politikerin und verehren sie, die anderen verachten sie, als sei sie eine Hexe.

Aufstief der Oligarchen

In den männerdominierten Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist die ukrainische Spitzenpolitikerin bis heute eine Ausnahmeerscheinung geblieben. In der Ukraine gibt es nur noch eine einzige weitere Frau in der Regierung, die Gesundheitsministerin Raisa Bogatyrewa. Gerade mal acht Prozent Frauen sitzen heute im ukrainischen Parlament. Umso erstaunlicher ist es, dass sich Timoschenko in dieser Männergesellschaft durchsetzen konnte.

Ihr Lebensweg ließ eine so ungewöhnliche Karriere zunächst nicht ahnen. Sie wurde 1960 in der sowjetischen Rüstungsstadt Dnjepropetrowsk geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Nach einem Wirtschaftsstudium arbeitete sie als Wirtschaftsingenieurin und heiratete 1979 den Geschäftsmann Alexander Timoschenko. Ein Jahr später wurde ihre Tochter Jewgenija geboren. Die junge Mutter gründete einen Videoverleih und machte sich selbstständig, geriet dann aber nach dem Zerfall der Sowjetunion in die Energiewirtschaft und die undurchsichtige Welt ukrainischer Clans. Nomenklatura-Seilschaften halfen ihr dabei, waren sicherlich die Voraussetzungen für ihren schnellen Aufstieg.

Dort wurde sie zur Chefin des Energiekonzerns Vereinte Energiesysteme der Ukraine (EESU) und damit zur wichtigsten Händlerin für russisches Erdgas und Erdöl in der Ukraine. Ihr Konzern erzielte mit dem Verkauf von importiertem Gas Milliardengewinne. Julia Timoschenko stammt also keineswegs aus der Unabhängigkeitsbewegung des Landes, sondern ging erst als erfolgreiche Unternehmerin in die Politik, nachdem sie zuvor, in den wilden Jahren des Umbruchs, zu einem großen Vermögen gekommen war.

Dieser Aufstieg folgt ganz dem Muster eines typischen Werdegangs postsowjetischer Oligarchen. Wer dabei nach russischen Parallelen sucht, denkt schnell an Michail Chodorkowski. Auch der Chef der Ölfirma Yukos wollte als zu großem Reichtum gekommener Milliardär eines Tages in die Politik. Julia Timoschenko aber stieg anders als der russische Oligarch immerhin bis zur Ministerpräsidentin auf. Erst nach ihrer Wahlniederlage wurde sie zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt, während die russische Justiz einen politischen Aufstieg Chodorkowskis von Anfang an verhindern konnte. Korruptions- und sogar Mordvorwürfe gibt es gegen beide. Sie lassen sich aber weder eindeutig belegen, noch aus der Welt schaffen. Auch die persönliche Feindschaft von Wladimir Putin gegenüber Chodorkowski lässt an den erbitterten Widerstreit zwischen Timoschenko und Janukowitsch in der Ukraine denken.

Wirklich eine Demokratin?

Ihre Persönlichkeit bleibt weiterhin schillernd und mehrdeutig. Auch ihre politische Bilanz fällt zwiespältig aus. Die von ihr gegründete Partei Batkiwschtschyna (Vaterland), die sie 1999 ins Leben rief, war ganz auf sie als Vorsitzende ausgerichtet und wird autoritär geführt. Vielen Beobachtern ist das ein Indiz dafür, dass Timoschenko keine Demokratin ist.

Andere wiederum erkennen an, dass sie Voraussetzungen für mehr Transparenz und Rechtsstaatlichkeit zu schaffen versuchte. Es gilt zu vermuten, dass das maßgeblich zu ihrer späteren Verfolgung beitrug. Janukowitschs Macht stützt sich vor allem auf die Clans im Osten des Landes. Als stellvertretende Ministerpräsidentin versuchte Timoschenko nämlich, den Energiemarkt neu zu ordnen. Die Beschneidung der Einkünfte von Milliardären sollte Wirtschaftsreformen sozial abfedern.

Auch ihr außenpolitischer Kurs fand Anerkennung. Geschickt richtete sie ihr Land pro-europäisch aus und suchte gleichzeitig den Ausgleich mit Moskau. Kritiker werfen ihr vor allem vor, nachhaltige Reformen, beispielsweise im Justizwesen, versäumt zu haben. Unter dessen mangelnder Rechtsstaatlichkeit hat sie nun selbst zu leiden. Umstritten ist dabei aber, wie viel Timoschenko selbst anzulasten ist, denn der damalige Präsident Viktor Juschtschenko blockierte während der gemeinsamen Regierungszeit viele Entscheidungen. Bis heute ist die ukrainische Opposition von dieser Spaltung geprägt und zerstritten.

„Nach der Orangenen Revolution war die Ukraine ein freies Land“, betont Cornelius Ochmann dennoch die Erfolge. Genau das hat sich nach dem Machtantritt von Janukowitsch 2010 in atemberaubender Geschwindigkeit wieder umgekehrt. Die unabhängigen Medien wurden wie ehedem gegängelt, die Staatsanwaltschaften politisch instrumentalisiert; es herrscht die Willkür eines postsowjetischen Obrigkeitsstaates.

Im Zuge dieser rasanten Rückschritte wurden gegen Timoschenko und mehrere Mitglieder ihres früheren Kabinetts im Jahr 2011 Strafverfahren eingeleitet. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die frühere Regierungschefin mit Moskau Verträge über die Lieferung von Erdgas zum Nachteil ihres Landes abgeschlossen habe. Der Ukraine sei dadurch ein Schaden von rund 137 Millionen Euro entstanden, behaupteten die Richter und verhängten die Haftstrafe. Die EU kritisierte das Urteil und legte als Reaktion ein geplantes Assoziierungs-Abkommen mit Kiew zunächst auf Eis.

Ihre Tochter kämpft für sie

Wichtigste Fürsprecherin ihrer Mutter ist die Tochter Jewgenija Timoschenko-Carr. Eindringlich wirbt die 32-Jährige im Ausland um Unterstützung. Sie hat die angesehene London School of Economics absolviert und lebt mit dem britischen Hardrocker Sean Carr zusammen. Die Tochter erinnert bei ihren Auftritten sehr an ihre Mutter, sie ist ebenso schön, klug und zielstrebig in der Sache. Der Ehemann Alexander Timoschenko tritt dagegen kaum in Erscheinung. Er beantragte nach der Inhaftierung seiner Frau in Tschechien politisches Asyl. Von Prag aus ist er für ihre Freilassung jedoch nur wenig aktiv. Ob das bewusst geschieht oder das in Trennung lebende Paar nur noch wenig verbindet, wird unterschiedlich gedeutet.

Der Fall Julia Timoschenko polarisiert die Ukrainer. Einerseits gibt es Sympathie-Kundgebungen von Anhängern. Andere Teile der Bevölkerung verfolgen die Forderungen nach Freilassung aus dem Ausland mit einem gewissen Unverständnis. Schließlich hatte die EU von Kiew jahrelang mehr Korruptionsbekämpfung gefordert. Wenn Politiker aufgrund solcher Vorwürfe verurteilt werden, verstehen viele Menschen nicht, warum dies nun kritisiert wird. Zu dieser Sicht tragen auch die einheimischen Medien einiges bei.

In der internationalen Medienwelt sieht man das ganz anders: Hier wird der Machtkampf längst zu einem ungleichen Wettstreit von David gegen Goliath verkürzt. Die PR-Leute aus dem Timoschenko-Lager leisten dabei exzellente Arbeit. Vor allem die Berichte über eine gewaltsame Verlegung der Oppositionspolitikerin in die Klinik, bei der sie einen Faustschlag in den Magen erhalten haben soll, lösen selbst bei Kritikern von Timoschenko blankes Entsetzen aus. Nun wandte sich auch noch die Tochter per Zeitungsinterview in einem dramatischen Appell direkt an die Bundeskanzlerin: „Retten Sie das Leben meiner Mutter, bevor es zu spät ist“, forderte Jewgenija Timoschenko. „Das Schicksal meiner Mutter und meines Landes sind jetzt eins. Wenn sie stirbt, stirbt auch die Demokratie.“

Soviel steht bis heute fest: Viktor Janukowitsch hat mit seinem harten Vorgehen vor allem erreicht, das Image von der Märtyrerin Julia Timoschenko weltweit zu befördern.

Gemma Pörzgen, geboren 1962, wuchs in Moskau auf und berichtete viele Jahre als Auslandskorrespondentin aus Belgrad und Israel. Heute lebt sie als freie Journalistin in Berlin

Kommentare (16)

Sünnerklaas 05.05.2012 | 11:51

Die Frage für mich ist, für was für eine "Freiheit" Frau Timoschenko steht. Ich halte sie ehrlich gesagt für genauso problematisch, wie den derzeitigen ukrainischen Präsidenten.

Zudem: Timoschenko hätte ihre Regierungszeit dazu nutzen können, die Ukraine zu einem Staat mit einer strikt nach rechtsstaatlichen Prinzipien arbeitenden Justiz umzubauen. Sie hat dies nicht getan - da stellt sich mir die Frage, WARUM dies nicht geschah. Juschtschenko allein wird man dies nicht anlasten können.

Wir sollten nicht vergessen: Timoschenko ist keine Heilige - auch sie ist Teil des Ukrainischen Systems - das System der Oligarchen und ein politischen Systems der Vetternwirtschaft und der Korruption.

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Ehemaliger Nutzer 05.05.2012 | 14:14

Ich weiss nicht ob die gute Julia wirklich eine Demokratin ist? Ihre Behandlung im Gefängnis und die Bilder erinnern mich an Holger Meins und die IRA-Gefangenen in England in den 70/80 Jahren. Da war das alles OK!?
Aber das Verfahren gegen sie war eindeutig politisch, unberechtigt und vom Hass Janukowitschs geleitet! Weswegen auch ihr Gefängnisaufenthalt ungerechtfertigt ist.
Ob mit ihr aber die wahre Demokratie in der Ukraine ausbricht wage ich zu bezweifeln.

Lethe 05.05.2012 | 14:56

tja, la Timoschenko. Nichts genaues weiß man nicht. Bilder, schön und gut. Ich habe keine Bilder gesehen, denen ich Beweiskraft für irgendwas zubilligen würde. Bisschen rötlich gefärbte Haut, noch nicht mal blaue Flecken, kann tausenderlei Ursachen haben. Entzündungen sehen so aus. Falsch diagnostizierter Bandscheibenvorfall. Ist Scheiße, passiert aber weitaus häufiger, als irgendein Orthopäde freiwillig zugeben würde. Das Brot der armen Leute, die sich keine Chefarztbehandlungen leisten können. Natürlich ist frau als Spitzenpolitikerin und Oligarchin anderes gewöhnt. Persönliches Pech.

Was mich irritiert, ist das Insistieren der deutschen Regierung und der europäischen Kommission. Das machen die doch nicht für irgendwelche politische Gefangene, man kennt das ja von China, kurz auf die Menschenrechte verwiesen und dann weiter zu den geschäftlichen Besprechungen. Auf mich wirkt das, als würden sie versuchen, mit schwerem Geschütz eine von ihnen, eine Angehörige ihrer Kaste, die nach ihren Maßstäben funktioniert, frei zu bekommen. Kann mich täuschen. Aber es riecht danach.

Natürlich bleibt die gesamte Geschichte fraglich. Der Grund für ihre Verurteilung - lächerlich durchsichtig, ebenso wie die putzigen Auftritte und Appelle ihrer Tochter. Klar steht da ein Machtkampf dahinter, der mit harten Bandagen ausgefochten wird. Nur ob an diesem Kampf eine Seite beteiligt ist, die für die unprivilegierten Bevölkerungsteile einen positiven Unterschied ausmachen würde - sehr, sehr fraglich.

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Ehemaliger Nutzer 05.05.2012 | 17:22

Es wird Zeit, dass die Medien das wirkliche Bild von Frau Timoschenko abgeben. Unsere Obrigkeit a la Merkel will die Bürger für dumm erklären und setzt einen Popanz in die Welt, der so nicht ist.
Dass es weitaus angenehmere Orte auf der Welt gibt als ukrainische Haftanstalten, steht außer Frage. Amnesty International zählte in einem Jahr 165 Folter- und Misshandlungsvorwürfe gegen ukrainische Haftanstalten und beklagte die „Untätigkeit der Behörden“, die keine adäquaten Ermittlungen durchführten. Amnesty International spricht auch davon, dass ukrainischen Häftlingen überlebenswichtige Medikamente vorenthalten würden – dies sei eine Folge der dramatischen Unterfinanzierung der Vollzugseinrichtungen und Gefängniskrankenhäuser. Alle diese Vorwürfe stammen aus dem AI-Jahresbericht 2009, die Ministerpräsidentin, die damals für diese desolate Situation verantwortlich zeichnete, hieß Julia Timoschenko. Den Westen störte dies damals nicht sonderlich. Weder von Angela Merkel noch von Guido Westerwelle sind kritische Statements überliefert, die Frau Timoschenko auffordern, die Haftbedingungen in ihrem Land im Namen der Menschenrechte zu verbessern.
Es ist auch nicht überliefert, dass deutsche Politiker auch nur einen Hauch von Empörung äußerten, als Polen und die Ukraine im April 2007 von den UEFA-Delegierten den Zuschlag für die Ausrichtung der Fußball-EM im Jahre 2012 erhielten. 2007 war die Menschenrechtslage in der Ukraine kein Jota besser als heute und auch damals war das Land vor allem für sein durch und durch korruptes politisches System bekannt. Aber Korruption war und ist ja bekanntlich weder für die UEFA, die FIFA, noch westliche Regierungen ein ernsthaftes Hindernis, wenn es um sportliche Großveranstaltungen geht. Wenn es die empörten deutschen Politiker mit ihrer Verquickung von Sport und Menschenrechten ernst nehmen würden, hätten sie in diesen Wochen eine wunderbare Gelegenheit dazu. Momentan laufen die Vorbereitungen für die EM-Vergabe 2020 und die Türkei gilt nicht nur als aussichtsreichster Kandidat, sondern ist bis dato auch der einzige Bewerber – schon in zwei Wochen läuft die Bewerbungsfrist ab. Deutschland hat kein Interesse, als Konkurrent in den Ring zu steigen. Das ist freilich „erstaunlich“, ist es doch bekannt, dass die Haftbedingungen in türkischen Gefängnissen ebenfalls desaströs sind und sich dort mehrere hundert kurdische politische Häftlinge im unbefristeten Hungerstreik befinden. Aber die inhaftierten Kurden haben sicher einen Schnurbart und ein orientalisches Äußeres und eignen sich allein deshalb nicht so gut für eine PR-Kampagne wie die blonde Jeanne d’Arc der orangenen Revolution in der Ukraine.
Die Gasprinzessin
Wenn ein Hollywood-Drehbuchautor ein herzzerreißendes Plot für eine Schmonzette über eine Politikerin schreiben würde, die in einem Schurkenstaat gegen das böse System kämpft, so hätte dieses Plot sicher große Ähnlichkeiten zur medialen Berichterstattung im Fall „Julia Timoschenko“. Die ehemalige Ministerpräsidentin genießt hierzulande das Image der demokratischen Ikone, die der ehemaligen Sowjetrepublik den Weg in den freiheitlichen Westen weisen will. Der Prozess gegen Timoschenko sei, so wissen es deutsche Medien zu berichten, ganz eindeutig politisch motiviert, ihre Haft sei mit Folter gleichzusetzen. Doch diese Mischung aus einer Gauck-Rede und einem Hollywood-Blockbuster basiert, ebenso wie die Schilderungen über Timoschenkos Haftbedingungen, nahezu ausschließlich auf den Aussagen von Timoschenkos Anwälten und ihrem familiären Umfeld. Es ist natürlich deren gutes Recht, eine sehr subjektive Sichtweise zu haben – es ist jedoch die Pflicht der Medien, darauf hinzuweisen, dass die subjektiven Schilderungen einer Konfliktpartei kein objektives Bild liefern, dies auch gar nicht liefern sollen. So werden beispielsweise die Schilderungen des Timoschenko-Anwaltes Sergej Wlasenko in der ansonsten so auf journalistische Akkuratesse bedachten FAZ zwischen den Zeilen als Fakt dargestellt – ganz ohne Konjunktiv und indirekter Rede, die Schilderungen des Anwalts gehen vielmehr nahtlos in den redaktionellen Teil des Artikels über. Dabei gäbe es auch alternative Erklärungen [*], die man zumindest in Betracht ziehen könnte.
Ob Frau Timoschenko sich der Verbrechen, für die sie verurteilt wurde und für solche, für die sie sich noch vor Gericht verantworten muss, schuldig gemacht hat, kann kein deutscher Journalist wissen. Fest steht jedoch, dass die Anschuldigen keinesfalls aus der Luft gegriffen sind und die einseitige Interpretation, nach der Julia Timoschenko eine politische Gefangene sei, weder belegbar, noch zielführend ist. Während der Periode des Zusammenbruchs der Sowjetunion war Julia Timoschenko einer der jungen und skrupellosen Geschäftsleute, die binnen weniger Monate zu steinreichen Oligarchen emporstiegen. Es ist hinlänglich bekannt, dass es im damaligen „Wilden Osten“ nur selten gesetzeskonform zuging und Korruption und Steuerhinterziehung, sowie diverse Kapitalverbrechen, nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren. Es wäre somit zumindest unwahrscheinlich, wenn Frau Timoschenko bei ihrem sagenhaften Aufstieg vom vaterlosen Kind aus einfachen Verhältnissen zur reichsten Frau der Ukraine und Direktorin des nationalen Energiemonopolisten keine Gesetze gebrochen hätte.
Freilich ist jeder Mensch so lange als unschuldig anzusehen, bis ihm konkret eine Schuld bewiesen wurde – der in Deutschland vorherrschende Medientenor, der alle Vorwürfe als „politisch motiviert“ abtut, ist jedoch nicht haltbar. Die Klage gegen Timoschenko ist keine „Willkürjustiz“ (Zitat Kanzleramtsminister Ronald Pofalla). Sie basiert auf Ermittlung amerikanischer Anwaltskanzleien, wird parallel zum ukrainischen Verfahren auch in den USA geführt [PDF - 230 KB] und ein Gericht in New York hat im Februar eine Subpoena (Erzwingung zur Herausgabe von prozessrelevanten Informationen mit Strafandrohung) gegen die ehemalige Ministerpräsidentin erwirkt. Die Vorwürfe gegen Timoschenko sind auch Gegenstand eines amerikanischen Verfahrens gegen die Schweizer Bank Credit Suisse, die Timoschenko bei der Geldwäsche der unterschlagenen Geldern geholfen haben soll. Pawel Lasarenko, der nicht nur Timoschenkos politischer Ziehvater, sondern auch ihr Geschäftspartner und von 1996 bis 1997 ebenfalls Ministerpräsident der Ukraine war, wurde wegen ähnlicher Vorwürfe bereits 2004 in den USA zu einer neunjährigen Haftstrafe verurteilt. Wer das Verfahren gegen Julia Timoschenko als „rein politisch motiviert“ betrachtet, unterschlägt sehr viele Indizien, die klar gegen das Bild der unschuldigen Jeanne d´Arc sprechen.
Es ist jedoch Einerlei, ob man Julia Timoschenko für eine Verbrecherin oder eine Märtyrerin hält – die Haftbedingungen in der Ukraine sind desaströs und es gibt viele gute Gründe, diesbezüglich diplomatisch auf Kiew einzuwirken. Wenn die versammelte politische Prominenz dem ukrainischen Präsidenten Janukowitsch jedoch über die Medien ein Ultimatum stellt, das der internationalen Rechtspraxis zuwider verläuft (kein Land der Welt würde einen verurteilten Straftäter, gegen den weitere Verfahren anhängig sind, in ein Land ausreisen lassen, das die eigene Gerichtsbarkeit nicht anerkennt), so ist dies im höchsten Maße kontraproduktiv. Nun kann Janukowitsch, der schon öfters mit dem Gedanken spielte, die EU durch eine Ausweisung Timoschenkos zu besänftigen, die inhaftierte Politikerin nicht nach Deutschland überstellen, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren.
Wie Albrecht Müller bereits korrekt angemerkt hat, geht es weder den deutschen Politikern, noch den deutschen Medien, um Frau Timoschenko, sondern vor allem um Selbstbeweihräucherung. In nicht einmal zwei Wochen wird in Nordrhein-Westfalen gewählt. Daher überrascht es auch nicht sonderlich, wenn CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen sich besonders weit aus dem Fenster hängt und die Ukraine als Diktatur bezeichnet. In der Ukraine ist vieles im Argen, das Land ist sicher alles andere als eine lupenreine Demokratie, aber der Vorwurf einer Diktatur, ist für ein Land, in dem es zumindest halbwegs freie Wahlen gibt und das nach Willen der EU ein enger Partner werden soll, doch reichlich kindisch. Ebenso kindisch ist die Forderung der FDP-Politikerin Gudrun Kopp, die allen Ernstes die EM wenige Wochen vor dem Eröffnungsspiel in „ein anderes Land“ verlegen will. Offenbar hat die Hitze an diesem Wochenende einige Kollateralschäden in den Köpfen angerichtet. Da kann natürlich Sigmar Gabriel nicht außen vor bleiben und ermahnt seine Kollegen via BILD am Sonntag nicht „zu Claqueren des Regimes zu werden“ und in den Stadien „neben Gefängnisdirektoren und Geheimpolizisten“ zu sitzen. Da fragt man sich unwillkürlich, was Sigmar Gabriel seinem Parteifreund Walter Steinmeier zugeflüstert hat, als dieser die beiden Diktatoren Saparmyrat Nyýazow (Turkmenistan/ließ sogar einen Monat nach sich benennen) und Islam Karimow (Usbekistan/Spitzname „Schlächter von Taschkent“) im Rahmen seiner „Zentralasienoffensive“ zu bevorzugten Partnern ernannte und freundschaftlich zum Händeschütteln besuchte?
[*] unser Leser D.S. schrieb uns: “Es wird ein Bild in den Medien verbreitet, dass die Frau Timoschenko im Gefängnis zeigt und Misshandlungen beweisen soll. Kann so sein. Könnte aber auch beweisen, dass Frau Timoschenko nach medizinischen Standards qualifiziert behandelt wird. Sollte es so sein, dass sie bettlägerig ist, aufgrund einer wie auch immer gearteten Rückenproblematik, so gehört eine Thromboseprophylaxe mittels Heparin oder niedermolukelare Heparine zwingend dazu. Alles andere wäre eine Verletzung medizinischer Standards. Dies o.g. Medikamente werden durch eine tägliche Injektion subkutan üblicherweise in die Bauchdecke verabreicht und verursachen in den meisten Fällen lokale Hämatome, wie sie in diesem gezeigten Bild dargestellt, hervorgerufen sein können. Glaubwürdiges Bild oder Beweis für stattgefundene Misshandlung soll jeder für sich selber entscheiden.”
www.nachdenkseiten.de

Fro 05.05.2012 | 17:36

Sehr guter Beitrag.

Hier noch andere Quellen, die helfen können sich ein realistisches Bild von Timoschenko zu machen.

„Mitarbeiter einer Offshore-Filiale der Grossbank Credit Suisse sollen der ehemaligen ukrainischen Machthaberin geholfen haben, veruntreute Gelder in Sicherheit zu bringen. Ein US-Unternehmen verklagt die Bank deswegen nun.“
Mehr

Hier noch etwas zur Zusammenarbeit Timoschenkos mit Gazprom.

mathias 05.05.2012 | 17:47

Glückwunsch! Gemma Pörzgen hat mit ihrem Beitrag etwas geschafft, was ich in anderen Texten zum Thema vermißt habe: Mehr Klarheit zur schillernden und mehrdeutigen Person Timoschenkos zu vermitteln. Der Beitrag ist informativ und differenziert. Angenehm auch, daß Pörzgen darauf verzichtet, tendenziöse Positionen zu bedienen. Sie vertraut vielmehr auf die Kraft und Fähigkeit der Meinungsbildung ihrer Leserinnen und Leser. Klar ist, daß zum besagten Thema mit weiteren erhellenden Tatsachen zu rechnen ist, die bisher noch nicht veröffentlicht wurden.

weinsztein 06.05.2012 | 05:23

Eine Ergänzung zu:

Wer ist Julia Timoschnkow?

„Als politisches Ziehkind des Dnipropetrowsker Gebietschefs Pawlo Lazarenko, der 1996 Ministerpräsident der Ukraine wird, findet sie Zugang zur Kiewer Machtelite. Lazarenko sorgt auch dafür, dass ihre Firma „Vereinigte Energiesysteme“ (EESU) zum wichtigsten Händler für russisches Erdgas aufsteigt. 75 Milliarden Kubikmeter benötigt die Ukraine im Jahr, drei Viertel davon kommen aus Russland und Turkmenistan. Mit dem russischen Monopolisten Gazprom schließt Timoschenko einen Vertrag über die Lieferung von 24,2 Milliarden Kubikmeter. Innerhalb von zwei Jahren erreicht ihr Konzern einen Umsatz von zehn Milliarden Dollar. Die Kiewer Wochenpresse kommentiert das Wirtschaftswunder mit der Überschrift: „Die Ukraine ist der EESU beigetreten.“ Seither trägt Julia Timoschenko den Spitznamen „Gasprinzessin“.

Dass bei ihrem Aufstieg nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann, wird deutlich, als ihr Förderer im Februar 1999 auf dem New Yorker Flughafen festgenommen wird. 114 Millionen Dollar soll Pawlo Lazarenko ins Ausland verschoben haben: Schmiergelder, die er für die „Regulierung“ des Gasmarkts bekommen hat.

Zu dieser Zeit ist Julia Timoschenko längst aus dem Schatten ihres Schwiegervaters getreten. Mit ungeheurer Energie durchläuft sie verschiedene Parteien – bis sie ein Bündnis schmieden kann, das ganz auf sie zugeschnitten ist, den „Block Julia Timoschenko“, abgekürzt BjuT, frei übersetzt: Schlag zu! Im Kampf gegen Präsident Kutschma marschiert sie nun an vorderster Front, kompromisslos, charismatisch, attraktiv – ein Popstar der Politik. Auf dem Maidan erlebt sie ihren Höhepunkt. Die Medien stilisieren sie zur „Jeanne d’Arc der orangenen Revolution“.
(Ausschnitt aus einer Reportage, die Wolfgang Michal Anfang 2007 über die Ukraine geschrieben habe: „Staat auf Bewährung“, Geo 2/2007)

Sünnerklaas 06.05.2012 | 11:55

Eine Erklärung für die Reaktion der Bundesregierung und einiger anderer Regierungen dürfte in dem Umstand liegen, dass Frau Timoschenko eine der wichtigsten Zöglinge von George W. Bush auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR war. Ein anderer war der Präsident Georgiens, Micheil Saakaschwili - auch so ein "lupenreiner" Demokrat und "friedliebender" Mensch... Aber beide sind "pro-westlich" - da wird dann Korrumpierbarkeit und Bereicherung als "Notwehr" hingestellt.

luggi 06.05.2012 | 23:19

hmm, nachdem, was du da so buchstabierst, bleibt die Timoschenko in meiner Erinnerung als Politschlampe bestehen ... die Frau ist mehrfach peinlich

und an die Tochter, deine Mutter braucht keine Hilfe von der dt. Bundeskanzlerin, oder soll diese deiner Mutti Stullen schmieren?
btw.
Nach der Fastenzeit von Frau Timoschenko gab der Schäff der Charitee keine Ifo. weiter, ob sich das Bandscheibenleiden weiter verschlechtert hat. Nach meinem Wissen muss sich ein Bandscheibenleiden nach einer Fastenzeit verbessern.