Die Umkleidekabine

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Nach einigen Stunden im Sommerbad teilten sie und ihre Freundin sich eine Kabine, um ihre nassen Badeanzüge gegen die Sommerkleider zu tauschen. Mit zwölf war es normal, zusammen in so einem Raum zu verschwinden. Besonders heute, an einem Hochsommertag, wenn sie lange darauf warten mussten, dass endlich eine frei wurde. So wie jetzt, schnell schlüpften sie durch die Tür. Aber etwas war genau so eilig hinter ihnen mit hineingeraten. Jemand. Er zog die Tür zu, bevor sie das tun konnten. Sie waren sprachlos und gelähmt. Ein Junge, der nur wenig älter war als sie, zog seine Badehose herunter und begann schon, an sich zu spielen, bevor er sie mit Worten aufforderte, mitzumachen. Er sagte aber nicht genau, was er wollte. Später kam es ihr so vor, als hätten sie und die Freundin sehr lange gebraucht, um sich darüber klar zu werden, was in dem kleinen Raum gerade geschah.

Nachher schrieb sie in ihr Tagebuch darüber in Worten, die sie dem Sexualkundeunterricht verdankte. Die Tatsache, aufgeklärt zu sein, gab ihr eine gewisse Überlegenheit, die aber nicht weit reichte.

Die Freundin brach den Bann zuerst und ging an ihm vorbei, er hinderte sie nicht. Seltsamerweise schafften es alle, sich nicht zu berühren in der engen Kabine. Der Junge, der sie in jeder Weise abstieß, beeindruckte sie doch durch seine Kaltblütigkeit, etwas zu tun, was so aussichtslos war. Da das zweite Mädchen sich der Lage noch nicht entzogen hatte, war es nur logisch, dass er sie noch einmal fragte: "Und du willst auch nicht?" "Nein, wirklich nicht." Sie war ziemlich höflich, darauf bedacht, hinauszukommen, aber auch besorgt, ihn nicht zu beschämen. Denn selbst in dieser Lage hatte sie Mitleid, vor allem mit der Zwanghaftigkeit dieses Jungen. Sie fühlte keine Wut. Das Ganze erschien ihr weniger sexuell als krank. Sie ekelte sich, aber fühlte dabei weniger Ohnmacht als Überlegenheit, eigenartigerweise.

Mit ihrer Freundin hat sie nie wieder darüber gesprochen. Sie verloren sich kurz darauf aus den Augen, weil sie auf andere Oberschulen gingen. In ihr Tagebuch schrieb sie: "Still und bedrückt gingen wir nach Hause." Den Eltern hat sie nichts erzählt. Stattdessen erstattete sie dem Buch Bericht. Für das, womit der Junge gespielt hatte, benutzte sie die Bezeichnung aus dem Aufklärungsunterricht. Und nicht etwa das verniedlichende Wort, das sie dafür zu Hause gehört hatte und das einzig für das Baby eingeführt wurde, das ihr kleiner Bruder gewesen war.

Bettina Klix lebt in Berlin und Darmstadt. Zuletzt erschien im Freitag 18/2007 ihr Text Gelegenheiten.


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00:00 03.08.2007

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