Die Unbeirrbaren

Nobelpreisfolgen Zu Besuch in Siebenbürgen bei den letzten rumänien­deutschen Kollegen der Nobelpreisträgerin Herta Müller. Eine Reportage

Das Interview ist dann gerade so zustande gekommen. Er könne „sich des Gefühles nicht entschlagen“, so der Schriftsteller am Telefon, dass der Journalist die Materie „nicht durchdringen“ werde. Er konnte dann doch noch überredet werden, zum Treffen in seinem Landhaus in dem kleinen Dorf Rosia/Rothberg, 20 Minuten Busfahrt von Sibiu/Hermannstadt aus. Es beginnt leicht störrisch, erst nach der Beweisführung, sich mit seinem Werk beschäftigt zu haben, geht es ins Nebenzimmer, wo Kekse und Tee bereitstehen. Es wird klar: Man geht auf sensiblem Grund.

Zu Besuch bei Eginald Schlattner. Ihn muss befragen, wer sich ein Bild machen will über die deutschsprachige Literaturszene in Rumänien. Die meisten sind ausgewandert, wie Herta Müller, oder tot, wie Oskar Pastior, auf dessen Erlebnisse sich Müller in ihrem gekrönten Werk bezieht. Insgesamt leben noch an die 60.000 Rumäniendeutsche in Rumänien, fast alle Rentner. Schlattner, mit schlohweißem Haar, ist einer von ihnen. Er empfängt in einem dunklen holzgetäfelten Haus samt Wintergarten, es liegt an der Hauptstraße, die hauptsächlich von Pferdekutschen befahren wird. Schlattner ist nach Herta Müller der bekannteste rumäniendeutsche Schriftsteller. Als 65-Jähriger preschte er 1998 mit dem autobiografischen Werk Der geköpfte Hahn auf den deutschen Buchmarkt, innerhalb von acht Jahren vollendete er eine eineinhalbtausend Seiten dicke Trilogie. Danach kam (außer der inzwischen zehnten Auflage des geköpften Hahns) nichts mehr, obwohl sich die F.A.Z. wünschte, er möge ein zweiter Fontane werden. Aber Schlattner wollte nicht.

Neben Schlattner gibt es noch Joachim Wittstock in Hermannstadt, Schriftsteller auch er, aber zuvorderst Literaturwissenschaftler. Das war es eigentlich schon, mit den deutschsprachigen Schriftstellern hier. Zu Besuch also bei einer aussterbenden Truppe. Was vereinen Schlattner und Müller? Eginald Schlattner gibt eine klare Antwort. „Tief verwundert“ sei er, warum die Journalisten ihn anrufen, um einen Kommentar zur Herta Müller abzugeben. Er und sie kommen aus dem gleichen Land, ja, sind beide Angehörige der rumäniendeutschen Minderheit, gut, aber „eine von uns? Nein, dieses Gefühl ist bei mir nicht aufgekommen.“ Aber es gibt Gemeinsamkeiten. Die augenscheinliche: Wie Müller in ihrer Atemschaukel beschäftigt sich Schlattner in seiner Trilogie ausschließlich mit der eigenen, auch traumatischen Vergangenheit. „Wenn in dem Buch etwas steht, habe ich das nicht unbedingt selbst erlebt. Aber mindestens jemand in meinem Umfeld hat es so erlebt“, sagt er. Fiktives werde man in seinen Büchern nicht finden, eigentlich sei alles eine Autobiografie.

Michaela Nowotnick erklärte mir zwei Tage zuvor, woher dieser fast zwanghafte Bezug auf die eigene Vergangenheit bei rumäniendeutsche Schriftstellern kommt. Die Literaturwissenschaftlerin arbeitet in Hermannstadt an Schlattners Nachlass zu Lebzeiten, sichtet im Zentralarchiv der evangelischen Landeskirche seine Schriftstücke für ihre Dissertation. „Man bezieht sich auf die Region und auf die Vergangenheit“, so Nowotnick. Das bedeutet zunächst einmal: Deportation, denn nach dem ­Zweiten Weltkrieg wurden arbeitsfähige Deutsch­rumänen, qua Abstammung als „Hitleristen“ bestimmt, massenweise nach Russland verschleppt, nur wenige kamen zurück. Meint dann Enteignung, meint Misshandlung durch den rumänischen Geheimdienst.

Fast geschlossen in der SS

„Das einschneidende Erlebnis war aber sicher der Krieg“, sagte Nowotnick außerdem, „das Kollektivtrauma die anschließende Deportation“. Kinder verloren damals ihre Eltern, Höfe ihre Erben, eine seit Jahrhunderten eingesessene Minderheit fühlte sich auf den Müllhaufen der Geschichte geschmissen. Eigentlich war es unter Ceausescu verboten, über das Thema zu schreiben. Es habe sich deshalb unter den rumäniendeutschen Schriftstellern eine „sehr bildhafte Sprache“ entwickelt, das Trauma sei in ausschweifenden Werken sehr zwischen den Zeilen aufgearbeitet worden. Ein anderer Begriff von „Heimatliteratur“, kein falscher, findet Nowotnick.

Schlattner, konfrontiert mit der wissenschaftlichen Expertise, stimmt dann doch zu, spricht plötzlich sogar in der Wir-Form. „Hier berühre ich mich durchaus mit Herta Müller: Wir kommen über bestimmte Themen nicht hinweg.“ Es gebe das Bedürfnis bei ihm und den Kollegen, „das Erleben der Gemeinschaft zu erfassen“, und ja, das sei vor allem gemeinsam erlebtes Leid. Bei Schlattner ist es zum Beispiel die Folter im Securitate-Gefängnis und die Enteignung bei den großbürgerlichen Eltern. Bei Herta Müller und Schlattner die Deportationen.

Dreht sich denn alles nur um erfahrenes Leid? Man täte den Schriftstellern Unrecht, verschwiege man ihre Rolle bei der Aufarbeitung eigener Schuld. Anders als der Großteil der Banater Schwaben (zu denen Herta Müller zählt) und der Siebenbürger Sachsen (zu denen Schlattner gehört) schweigen ein paar wenige Dichter nicht zu den rumäniendeutschen Verstrickungen in das faschistische Rumänien, das 1944 auf die Seite der Alliierten wechselte. Immerhin sind die Männer seinerzeit fast geschlossen in die Waffen-SS eingetreten. Auf den Dörfern berichten bis heute manch alte Sachsen stolz von diesen Zeiten. Schlattner erinnert sich gut, wie man „großdeutsch“ sein wollte, wie sich die Schulkameraden eifrig mit „Heil Hitler“ begrüßten. Er hat sich in seinen Büchern so geäußert, dass das strapazierte Adjektiv „schonungslos“ trifft.

Doch scheint diese Schonungslosigkeit mit der Fixierung auf die eigene Vergangenheit erkauft. Wolfram Theilemann ­versucht diese ‚Dialektik‘ zu erklären. Theilemann ist Leiter des Teutsch-Hauses in Hermannstadt. Der 45-jährige gebürtige Vogtländer sagt, dass die Rumäniendeutschen unter Ceausescu eine Art „Freilichtmuseum des Volksdeutschtums“ bildeten. Darin wurde eine Stimmung konserviert, wie sie in der Bundesrepublik schon nach Adenauer Geschichte war. „Als die Käseglocke 1990 geöffnet wurde“, habe sich etwas entladen. Endlich durfte man über die eigenen Traumata offen schreiben So intensiv sei dieses Befreiungserlebnis gewesen, dass bis heute nichts anderes mehr ginge. Man arbeite so sehr auf, dass die Kraft für andere Literatur fehle. „Es gab eine große Erlösung nach 1990“, sagt Schlattner.

In der Beurteilung der Vergangenheit öffnen sich Gräben zwischen den Rumäniendeutschen. Wer floh, urteilt in der Regelhärter, als der, der blieb. „Dass sie so böse auf ihre Herkunft ist, macht mich betroffen“. sagt Schlattner über Müller. Sie hat sowohl den Rumäniendeutschen als auch dem rumänischen Staat einiges zugemutet. In einer Heftigkeit, die Schlattner für sich ausschließt. Er hat da eine Theorie, die er mir erklärt, während es draussen dämmert. Demnach habe Herta Müller wie alle Ausgewanderten den Druck gespürt, sich für die Flucht zu rechtfertigen. Je schlimmer sie die Zustände in der ehemaligen Heimat schilderte, so ist Schlattner überzeugt, desto erträglicher sei der Rechtfertigungsdruck geworden. Mit dieser Art der Vergangenheitsbewältigung hat er spürbar seine Probleme. Herta Müller sei da ziemlich „unbeirrbar“, drückt er es positiv aus. „Nestbeschmutzerin“ ist das aggressivere Urteil über Herta Müller, das unter den älteren Rumäniendeutschen öfter zu hören gewesen sein soll. Bevor sie den Nobelpreis bekam.

Jetzt hört man das nicht mehr. Vielmehr könnte jetzt, so hofft Teutschhaus-Leiter Theilemann eine neue Offenheit für die von ihr kritisierten Aspekte rumäniendeutscher Vergangenheit eintreten. Das wäre die Wirkung nach innen. Für viel wichtiger hält er aber das politische Signal nach außen. Plötzlich spricht die Welt über die Rumäniendeutschen, nein, nimmt sie überhaupt erst mal wahr. Als Journalisten aus Deutschland bei Schlattner anriefen und nach einer schriftlichen Würdigung für die Kollegin Müller fragten, sei er „in einem hohen Maße verwundert gewesen, wie die auf mich kamen“. Auch wenn er die Reaktion im Ausland sichtlich mit Wohlwollen aufnimmt, ist sie ihm suspekt. „Ich habe in keinem Augenblick daran gedacht, dass das etwas mit mir zu tun haben könnte. Herta Müller ist Herta Müller.“ Punkt! Einerseits.

Andererseits: Joachim Wittstock, Schlattners Kollege in Hermannstadt, ist zwar weit entfernt, in Eine-von-uns-Fratanisierungsrufe auszubrechen, einen Bezug Müllers zu sich und damit auch den Deutschrumänen sieht er jedoch schon. Wittstock, der bedachten Schritts durch die Stadt führt, wählt seine Worte ebenso bedacht. Herta Müller sei eine Autorin, „die aus unserer Region kommt“. Darauf könnten sich sowohl die Rumänen als auch die deutsche Minderheit etwas einbilden. „Aber man sollte sie auf keinen Fall vereinnahmen“, warnt der 71-Jährige. „Denn genau dagegen hat sie sich immer gewehrt.“

Trotzdem, der Begriff „rumäniendeutsche Literatur“ habe seine Berechtigung, und Müller sei ihm zuzuordnen. Folgende Formulierung hat wohl als Wittstock-typisch zu gelten: Die Nachricht über den Nobelpreis sei für ihn als Rumäniendeutschen „eine verbindlichere gewesen als die vorherigen Preisvergaben“. Oder: Ja, er hat sich gefreut.

Der Nachwuchs steht bereit

Joachim Wittstock und Eginald Schlattner halten viel voneinander, sehen sich regelmäßig. Gut vorstellbar, dass ihre Gespräche etwas Melancholisches haben. Sie sind die letzten ihrer Art, rumäniendeutsche Schriftsteller. „Ich kenne keinen, wir sterben aus“, sagt Eginald Schlattner, recht unberührt und meint die rumäniendeutschen Schriftsteller ebenso wie die Rumäniendeutschen insgesamt. Er macht in solchen Situationen, man kann das in anderen Interviews nachlesen, oft diesen makabren Witz: In seinem Dorf gebe es noch fünf Deutsche und zwei Särge. Es gebe nun einen Wettlauf um die letzte Grabstätte.

Im vergangenen Monat ist übrigens der fünfte Deutsche gestorben. Wäre also die nächste Schriftstellergeneration dran. Gibt es sie überhaupt? Ja, da ist die „Stafette“ in Timosoara/Temeswar. Ein Zusammenschluss von Rumänen, die deutsch schreiben. Keine Rumäniendeutsche also, sondern rumänische Germanisten. Ein weiteres Beispiel ist der neu gegründete Literaturkreis in Hermannstadt, er hat zwar noch einige Deutschrumänen in seinen Reihen, aber vor allem Rumänen, die in der Regel ans deutschsprachigen Brukenthal-Lyzeum gingen oder noch gehen. Rumäniendeutsche Literatur von Rumänen, nicht von Deutschen. Theilemann begrüßt diese Entwicklung. „Die rumäniendeutsche Literatur hat nur eine Chance, wenn sie sich endlich auch den Rumänen öffnet.“ Der Nobelpreis sei die perfekte Chance für diese Öffnung, denn jetzt würden „sich viele Boote an den Kreuzer hängen“. Will heißen, der deutsche Literatennachwuchs in Rumänien steht bereit, Schlattners und Wittstocks Erbe anzutreten. Die Erben werden deutsch schreiben, und sie werden anders schreiben. Direkte Sprache, weniger konserviertes Deutsch. Und vor allem neue Themen, davon geht Theilemann aus.

Welche das seien können, wird in Temeswar bei der Stafette und im Hermannstädter Literaturkreis wohl noch ausprobiert. Vielleicht geht es ja um das wahrscheinlich letzte rumäniendeutsche Trauma. Ein künftiger Roman könnte zum Beispiel von dem Dorfpfarrer und Schriftsteller Eginald Schlattner handeln, wie er in seiner Kirche steht und wie jeden Sonntag alleine zum Herrn betet. Von einem Mann, der seine Muttersprache im Dorf nur noch spricht, wenn ein Journalist vorbeikommt. Von einem Mann, der zum Abschied sagt, dass er mit der Literatur fertig ist. Das Thema wäre wieder ein Trauma. Vielleicht handelt der Roman ja aber auch davon: Dass nach dem 800 Jahren rumäniendeutsche Minderheit die deutsche Sprache endlich in Rumänien angekommen ist. Eine Erfolg Herta Müllers irgendwie, der Ausgewanderten.

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08:52 03.12.2009

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