Die unbekannte Revolution

Theatralisches Plädoyer für den türkischen EU-Beitritt Der Regisseur Roberto Ciulli inszeniert in Istanbul »Dantons Tod« von Büchner

Der türkische Flughafenbeamte auf dem Flughafen von Istanbul hat gestern eindeutig noch rot lackierte Fingernägel gehabt – nur notdürftig ist der Nagellack entfernt. Eine halbe Stunde später auf dem Taksim-Platz im Herzen von Istanbul, während sich der islamische Gebetsruf in klagende Arabesken verstrickt, traut man seinen Augen noch weniger: Künstliche Engel mit blonden Plastikrastalocken und aufgeblasenen Silikonbrüsten gehen Hand in Hand über die Straßen, sorgfältig geschminkte junge Männer halten Autos an. Auf Werbeplakaten schlägt der schöne junge türkische Popstar Tarkan verführerisch seine Augen auf und in überdeckten Basargängen locken hämmernde Beats verschwiegene Treppen zu den Gaybars hinauf: Istanbul ist eine angesagte Hochburg für Transvestiten, in der weltläufigen Istanbuler Kunstszene ist die sexuelle Grenzüberschreitung schick.

Doch gleichzeitig, hören wir, gibt es kaum ein größeres Tabuthema in der Türkei, können Transvestiten hier auch jederzeit inhaftiert und misshandelt werden. Sie sind auch in Roberto Ciullis Inszenierung von Dantons Tod allgegenwärtig. Transvestiten treiben die Marionette Robespierre zum Fanatismus an, heizen den Totentanz auf, in den die Französische Revolution versinkt, fahren Särge auf die Bühne und lassen Peitschen knallen – alles ist ihr Spiel, sie delektieren sich an der Eskalation und welche politische Haltung sie dabei haben, ist ebenso uneindeutig wie ihr Geschlecht.

Zum ersten Mal hat ein deutscher Regisseur im Stadttheater Istanbul mit türkischen Schauspielern gearbeitet. In der 17-Millionen-Metropole ist dies eine Sensation: Auf großen Werbeflächen prangen Danton-Plakate, täglich ist Ciulli in Zeitungsinterviews und Talkshows präsent. »Kann man mit Gewalt Demokratie erreichen?« wird er zitiert. Eine recht späte Abrechnung mit der US-Regierung. In der türkischen Bevölkerung, die mehrheitlich gegen den Irakkrieg war, wird dies trotzdem dankbar verstanden.

Die weit reichende deutsch-türkische Theaterkooperation, die nun mit Ciullis Inszenierung von Dantons Tod begonnen werden soll, nimmt sich nur auf den ersten Blick unspektakulärer aus als Ciullis frühere kulturpolitische Seidenstraßenexpeditionen nach Bagdad oder Teheran. Denn der 71-jährige unermüdliche Theaterdiplomat hat sich an ein groß angelegtes und politisch brisantes Projekt gewagt. Es versucht nichts weniger, als eine »kulturelle Integration« der in Deutschland lebenden Türken neu zu denken – und wie nebenbei auch eine Art theatralisches Plädoyer für den türkischen EU-Beitritt zu sein. 2,5 Millionen Türken leben bei uns; ins Theater setzt kaum einer der vorwiegend aus dem bäuerlichen Ostanatolien Stammenden einen Fuß. Aber kann sich ein Theater leisten, die größte ausländische Einwanderergruppe zu vernachlässigen? Und daher werden sich auch das Thalia Theater Hamburg, das Berliner Ensemble und die »Europäische Kulturhauptstadt Ruhrgebiet« einer Kooperation anschließen, bei der vor allem Regisseure und Inszenierungen ausgetauscht werden sollen. Es ist ein Versuch, neue Zuschauerschichten zu gewinnen und den Begriff »nationale Identität« neu zu definieren: unter anderem als jenes kulturelle Weltbürgertum, an dessen Utopie Roberto Ciulli und sein Mülheimer Theater an der Ruhr schon seit über 20 Jahren arbeiten. Ciulli glaubt fest daran, dass Theater Kultur- und Nationengrenzen überwinden und dass der Kunstaustausch eine neue, gemeinsam gemischte Kulturbasis schaffen könnte – Fatih Akims Film Gegen die Wand machte das vor zwei Jahren erfolgreich vor.

Das Istanbuler Stadttheater ist riesig: sieben Bühnen werden hier durch 200 fest angestellte Schauspieler unentwegt als Repertoire-Betrieb bespielt. Direktor Mazlum Kiper (59), erst seit vier Monaten im Amt, erhofft sich viel von der neu belebten deutsch-türkischen Kooperation, die Ciulli zwar 1987 schon einmal begonnen hatte, die aber zwischendurch einschlief – ohnehin wollte sich damals kein deutsches Stadttheater seiner Aufforderung anschließen, einmal im Monat auf Türkisch zu spielen. Vielleicht sind die Zeiten jetzt anders geworden. 24 Jahre lang hat Kiper Theater an der schwedischen Kunstakademie gelehrt. Dass die Türkei zur EU gehört, davon ist er überzeugt, das spüren wir vom türkischen Stadttheater eingeladenen deutschen Journalisten selbst im Ausflugsprogramm: Durch liebliches Grün werden wir geführt, Hügel am Rande Istanbuls, die zuweilen so sehr an Schwarzwaldhöhen oder Rheintäler erinnern, als wolle man uns die Europafähigkeit der Türkei auch landschaftlich beweisen.

Mazlum Kiper will frischen Wind und Gegenwart in das sonst eher volkstümlich-biedere türkische Theater bringen: Er hat ein Stück über den Bosnien-Krieg und eins über die Schicksale anatolischer Frauen geplant, im nächsten Jahr wird hier sogar eine türkisch- schwedische Koproduktion über einen Ehrenmord inszeniert. Ob Kiper im nächsten Jahr allerdings noch im Amt ist, weiß niemand: Kein Intendant am zu 100 Prozent vom Staat finanzierten türkischen Theater arbeitet mit Vertrag, jeden Tag könnte er entlassen werden.

Die türkischen Schauspieler geben unumwunden zu, dass sie das türkische Theater rückständig und entwicklungsbedürftig finden. »In einem Land mit 70 Millionen Einwohnern gibt es nur drei oder vier interessante zeitgenössische Autoren«, erzählt der 40-jährige Bahtiyar Engin, Darsteller des St. Just, in fließendem Deutsch. Obwohl Schauspieler fast auf Lebenszeit am Stadttheater angestellt sind und nahezu täglich Repertoire spielen, verdienen sie im teuren Istanbul im Monat nur 900 Euro, müssen als Lehrer und Synchronsprecher dazuverdienen und sogar die Schminke selber kaufen. »Im Grunde sind wir es, die das Theater hier subventionieren«, sagt Engin. Umso atemberaubender ist daher, wie souverän und durchlässig, improvisationsfreudig und routiniert, aber auch völlig pathosfrei Ciullis zwölf Darsteller agieren, auf einem Niveau, das spielend mit dem eines europäischen Schauspielers mithalten kann.

Dantons Tod spielt in einem Zwischenreich des Todes, der ein Bühnen-Jahrmarkt ist: Köpfe sind hier bereits gerollt wie Bowlingkugeln, die Revolutionäre sind lebende Tote. Eine typische Ciulli-Metapher, tröstlich und verstörend zugleich, bei der mitschwingt, dass Leben nur ein flüchtiges Theater und vor dem Tod jeder gleich ist. Autistisch wippend sitzen die gefressenen Kinder der Revolution in Sträflingskleidung auf einem abgestürzten Karussell und halten ihre Ketten selbst: im Namen der Freiheit begibt man sich freiwillig in selbst kreierte Gefängnisse. Der Danton bei Ciullis Mülheimer Inszenierung vor einem Jahr wirkte müde, todessehnsüchtig, fast abgeklärt. Der Istanbuler Danton Engin Alkan ist dagegen ein lebensgefräßiger, sinnlicher Koloss. »Eygül«, September, heult er immer wieder, gepeinigt von den Gespenstern seiner Vergangenheit: denn ehe Danton aus der Tötungsmaschinerie der Revolution ausstieg, war er für die Septembermorde auf dem Marsfeld verantwortlich. Es ist dieser Ausstieg aus der Logik des Tötens, der Ciulli interessiert und den er hier intensiver zeigen kann als vor einem Jahr bei der Premiere in Mülheim: ein Mann, der auf der Höhe seines Ruhms lieber selber stirbt, als weiter zu töten. Der aussteigt aus dem eigenen Erfolg. Und während die toten Revolutionäre wie Treibholz auf dem gleichgültigen Meer der Geschichte treiben, der blau angestrahlten, leeren Bühne schwimmen, wird Danton dennoch von seiner Eitelkeit eingeholt, richtet sich immer wieder auf, um letzte, vergessene Worte zu verkünden. Ciulli schert sich nicht um islamische Sitten und bebildert genüsslich Büchners sexuell aufgeladene Sprache: Danton gibt der Hure Marion einen erotischen Lebenskuss, fast lieben sie sich auf offener Bühne.

Das kann die Istanbuler Zuschauer im ausverkauften Theater auch nicht schockieren. Was sie jedoch wirklich von Dantons Wesen und der assoziativ mit Bildfragmenten arbeitenden Inszenierung halten, ist schwer auszumachen. Obwohl Brecht, Schiller und sogar Tankred Dorst regelmäßig in der Türkei gespielt werden, wurde Dantons Tod noch nie in Istanbul aufgeführt. 1956, erzählt Theaterdirektor Kiper, wurde in Istanbul einmal der Versuch einer Inszenierung gemacht – kurz vor der Premiere wurde sie verboten, weil das Wort »Septembermorde« darin zu oft vorkam und am 6. September, zwei Wochen vorher, wieder einmal ein Umsturz stattgefunden hatte – angeblich, weil das Haus von Atatürk angezündet wurde. Auch der vorerst letzte türkische Militärputsch 1980 fand an einem 12. September statt – »der September hat für die Türken eine blutige Bedeutung«, sagt Kiper. Was denkt ein Türke, wenn Julie sagt: »Du sprachst von garstigen Sünden und dann sprachst du: September?«

Wir erfahren es nicht. Denn die Französische Revolution, gewissermaßen das blutrünstige Kernereignis der europäischen Aufklärung, ist in der Türkei kaum ein Begriff. »Wir hatten alle zehn Jahre einen eigenen Militärputsch, da interessiert man sich nicht so für eine einzige Revolution«, sagt Barki Kiper, der Bruder des Intendanten. Er lebt in Frankfurt und hat die Theaterinitiative angeregt, ist auf eigene Faust zu den deutschen Theatern gefahren, bis er seine Kooperationspartner gefunden hatte, die nun strategisch klug in die türkischen Hochburgen Deutschlands gelegt sind. Wie sehr sein Herzblut daran hängt, erahnen wir am Premierenabend, als Barki Kieper neben seinem Frankfurter Fischhändler auch seinen Zeitungsverkäufer und seinen blinden Hund nach Istanbul hat einfliegen lassen.

Der graue Stadttheaterkasten mit rund 900 Plätzen ist ausverkauft, der Applaus ist grandios. Manche Zuschauer scheinen auf diffuse Art froh, dass sie sich dem europäischen Theater nähern, andere sind aber auch konsterniert und äußern deutliche Kritik. »Was hat diese Geschichte, die wir nicht kennen, mit der Türkei zu tun, wir haben genug eigene Probleme«, sagen einige. Viele haben nichts verstanden, vielen sagt der ideologische Unterschied von Robespiere und Danton nichts. Andere sind dagegen zutiefst und wortlos bewegt. Wenn man sie nach Europa fragt, sind die meisten gespalten: »Uns interessiert der Weg, den die Türkei für den EU-Beitritt geht, viel mehr als der Beitritt – in den letzten zehn Jahren hat sich hier enorm viel getan. Es wäre fantastisch, wenn diese Entwicklung nun auch im Theater passieren würde«, sagt ein Zuschauer. Wie sehr dieses Land zwischen Tradition und Moderne, Europa und Islam zu Europa gehört, vermag man auch nach einer deutsch- türkischen Premiere im weltläufigen Istanbul nicht zu sagen.


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00:00 13.05.2005

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