Die undichte Stelle

Das Flüssige als Kulturstörung Zur Paranoia des Dammbaus

Trockene Meldungen können vorüberfließen oder - befragt nach Ort und Szenario - festgehalten werden. Erste Meldung: ›Der Sumpf von Bin Laden ist noch immer nicht trocken gelegt‹. Ein imaginärer Ort, der innerhalb dieses Terror-Szenarios nichts mit der Realität zu tun hat. Zweite Meldung: ›Die Flut kam schneller, als das Geld‹. Die Realität innerhalb dieses Katastrophen-Szenarios bezieht sich, ortlos, auf die Zeit. Dritte Meldung: ›Der Welt-Gipfel in Johannesburg einigte sich darauf, ein Menschenrecht auf Wasser gibt es nicht‹. Der Ort dieses Weltpolitik-Szenarios ist real, es selbst wird durch einen imaginären Ort repräsentiert: durch den des Gipfels. Die Referenz dieser Weltpolitik-, Katastrophen- und Terror-Szenarien ist das Wasser, also auch sein Gegenteil, das Trockene. Mit Blick auf das Terror-Szenario ergibt sich daraus: nichts Trockenes in Sicht; der dort hausende Feind ist mit Sumpf oder Wasser identisch. Im Katastrophen-Szenario entmischen sich dagegen Wasser und Trockenes: das Geld tritt an die Stelle der Flut. Im Weltpolitik-Szenario ist das Wasser verschwunden; als Menschenrecht wird es entzogen und auch der imaginäre Ort des Gipfels ist ihm enthoben: Trockenes, wohin man blickt.

Fazit: In den Szenarien dieser auf Wasser und Trockenes bezogenen Topologie wird zwar ein konkreter Ort benannt, Johannesburg, aber sonst ist alles ortlos und imaginär. Nur ein Zeitstrom kreist, innerhalb dessen Flut durch Geld, Flüssiges durch Festes ersetzt wird. Und doch zeigt sich in dieser aufgelösten Topologie, folgt man den Stufen des Trockenen, eine Herrschaftsarchitektur, die vom Sumpf über das Geld bis zum Welt-Gipfel aufsteigt, der voll und ganz im Trockenen ist. Er verfügt über den wasserdichten Wert des Symbolischen, der ihn zum Recht über Wasser und Leben legitimiert. Ein ›Gipfel‹, auf dem man keine nassen Füße kriegt, und ein ›Sumpf‹, in dem man versinkt, sind der Rahmen jener Herrschaftsarchitektur, von der eines sicher ist: sie kann nicht auf ›Sumpf‹ gebaut sein. Sie steht auf festem Grund. Ihr Modell ist der Grundbesitz. Er schließt den ›Sumpf‹ aus, und den wasserdichten Wert ein, der den Entzug des Menschenrechts auf Wasser legitimiert. Er ist das Modell eines wasserdichten Grundbesitzes.

Keine nassen Füße

Ginge es bei diesem Modell um eine Gutsherrschaft der Feudalzeit, die den ihr Unterworfenen das Wasser abschnitt, wäre dies ein historisches Faktum; innerhalb der Globalisierung heute ist dieses Modell ein Anachronismus. Wenn aber etwas seine Legitimation verloren hat, wird es paranoid. Der aus dem Modell des Grundbesitzes ausgeschlossene ›Sumpf‹ stellt außerhalb seines Territoriums ein Terror-Szenario in petto dar, obwohl dieses Außerhalb innerhalb der ›einen Welt‹ der Globalisierung nicht existiert. Dennoch werden die nach ›Gutsherrenart‹ produzierten Kultur-Katastrophen auf jenes Außerhalb projiziert und dabei im Namen des Guten einem mythischen Höllen-Terror zugeschlagen, der ihnen den Namen eines ›altbösen Feindes‹ borgt. Die auf ihn projizierte Bedrohung hat die Bewältigung der Katastrophen in actu anzuheizen, während die Herrschaftsarchitektur dieses Modells im ›Feuer‹ dieses Feindes gehärtet wird.

Klar ist, dass dieser Höllen-Terror die paranoide Kehrseite der ›Gutsherrenart‹ ist; unklar könnte sein, warum er ›Feuer‹ und ›Sumpf‹ beschwört. Die Antwort liefert die zweiwertige Logik dieses Grundbesitz-Modells, die eine zweiseitige Kriegsstrategie impliziert: die, dass Verteidigung Angriff ist. Verteidigt wird der wasserdichte Wert des ›Gipfels‹, bekämpft wird der Unwert des ›Sumpfs‹; das ›Feuer‹ ist produktiv und destruktiv im Spiel; die Effekte der ›verbrannten Erde‹ werden dem Terror zugeschlagen, der Rest ist Fortschritt. Die Grundformel dieses Kriegs ist: Gut ist der ›Gipfel‹, das Trockene, Harte, Feste und so weiter, eine Reihe, die dem Symbolischen des wasserdichten Werts angehört; Böse ist das Gegenteil: Sumpfiges, Feuchtes, Weiches, Schwankendes und so weiter, eine Reihe, die vom Symbolischen abhängig ist, das sich negativ auf sie fixiert, worin sich das Paranoide des ›Trockenen‹, ›Harten‹ und so weiter ausspricht. Alles, was wasserundicht ist, löst aus der Sicht des wasserdichten Werts Horror aus.

Immer auf dem Damm

Wasserundicht ist das Wasserdurchlässige, womit nicht nur Sprünge, Risse, Löcher, sondern auch das Durchlässige des Wassers selbst gemeint ist, das, weshalb es fließt und überfließt: es ist das Flüssige, was weder durch den zweiseitigen Krieg getroffen, noch von der zweiwertigen Logik erfasst werden kann. Das Flüssige ist unfassbar, es rinnt durch die Finger, es entzieht den Boden unter den Füßen. Es ist die Asymmetrie der Zweiwertigkeit, es setzt sich dem Festen nicht entgegen, es ist unabhängig von ihm. Es ist die Kultur-Störung schlechthin, gegen die sich nichts Wasserdichtes abdichten kann; wird es nicht von einem Schwall verschlungen, ist es der stete Tropfen, der es aushöhlt. Ob so oder so, der Übergang vom Festen zum Flüssigen ist immer fließend: das Schwankende ist noch sein Gegenteil, das Unfeste, und schon Ambivalenz, Vermischung der Gegensätze, Zwei- und Vieldeutigkeit bis hin zu ihrer Auflösung, bei der kein Tropfen dem anderen gleicht.

Der gegen den Sumpf des Terrors und für den Gipfel des Werts geführte Krieg ist darum in erster und in letzter Konsequenz ein Schlag ins Wasser, das ihn, spritzig, wiedergibt und sich in Permanenz verschiebt. Selbst wenn es versiegt, ist es nicht besiegt, denn seine verödeten Adern schwellen anderswo. Nicht obwohl, sondern weil die krumme Tour der Flüsse begradigt, weil ihr Lauf auf Linie gebracht, weil er gestaut, durchgeschleust, kanalisiert, abgepumpt, weiter- und umgeleitet wird, nach der für diesen Krieg ausschlaggebenden Devise, die das Modell des Grundbesitzes bestimmt: Landgewinnung durch Wasserverlust. Nur wenn die Flussbetten zubetoniert sind, schwimmen die Felle nicht weg. Nur wenn der Rachen der Fluten mit Zement ausgegossen ist, wird das Schäfchen ins Trockene gebracht. Im Kampf gegen den ›Sumpf‹ gräbt sich die vom Modell des Grundbesitzes besessene Kultur selbst das Wasser ab; in Verteidigung des ›Gipfels‹ steht ihr das Wasser bis zum Hals, da jede Wehr als Gegenwehr im Namen alles Trockenen, Harten, Festen nie mehr als ein Ersatz ist, der nichts ersetzt. Denn er ist es, der bricht, nicht das Wasser.

Umso mehr ist die Kultur auf den Ersatz als Grundsatz ihrer Selbstbegründung fixiert: auf den Damm. Für ihn ist sie ununterbrochen ›auf dem Damm‹. Von ihm aus verdammt sie das, was ausufert, keine Grenzen kennt, sich vermischt. Der Damm trennt After und Geschlecht, Sumpf und fruchtbaren Boden, Wasser und Land. Er ist der Ersatz als Grundsatz, durch den sich die Kultur definiert. Bricht das vom Damm Verdammte aus, steht sie vor ihrer Vernichtung. Gleichzeitig entspricht der gebrochene Damm dem Dammriss bei der Geburt. Ob auf Leben oder Tod bezogen, beides ist der ›entscheidende Durchbruch‹. Durch ihn wird jeder Ersatz weggeschwemmt. Die Kultur-Störung des Flüssigen taucht auf: das Unersetzliche, was eben darum das grundlegend Verdammte ist. Das Flüssige selbst stört grundlos. Es ist der fehlende Grund in jedem Grund, die ›undichte Stelle‹ im Modell des Grundbesitzes.

Das Wasser abgraben

Weil dieser fehlende Grund in jedem Ersatz wiederkehrt, ist er das ›Überflüssige‹ in der Form von Reichtum oder Abfall. In ihnen kehrt das verdammte Flüssige, als das für ihren Austausch unersetzliche Liquide, sowohl in der Liquidität des Reichtums als auch in der Liquidierung des Abfalls wieder. Im Austausch verflüssigt und vermischt, bleiben sie dennoch, bezogen auf Wert und Unwert, entmischt: absolut, wenn Reichtum als Kapital, und Abfall als Liquidierung von menschlichem Leben verstanden wird. Mit diesem Ende jeglichen Austauschs stehen sich die Extreme eines ›flüssigen Unwerts‹ hier, und eines ›festen Werts‹ dort, gegenüber, die in ihrem Austausch vorausgesetzt sind, weil das Unersetzliche zugleich das verdammte Flüssige ist. Innerhalb dieser Extreme gilt der Austausch nur insofern, als sich der feste Wert in seiner Verflüssigung mit menschlichem Leben vollsaugt, mit seinen ›Ausscheidungen‹ in der Form von Arbeit, Bedürfnissen, Lebensäußerungen. Dieser Entzug von ›Ausscheidungen‹ ist bereits innerhalb des Austauschs eine graduelle Liquidierung menschlichen Lebens, deren Extrem die tödliche Liquidierung ist. Dabei wird das Flüssige gegen sich selbst eingesetzt: es liquidiert sich selbst, indem es als Unersetzliches entzogen und, eben darum, als Verdammtes benutzt wird. Derweil hat sich der feste Wert des Kapitals mit ›Flüssigem‹ vollgesogen, ohne dass er nass geworden ist. Er bleibt in dem Maß wasserdicht, wie diese Liquidierung spurlos ist.

Mit ›Verpiss dich!‹ wird dem Körper der Laufpass gegeben; ist er in der Gosse gelandet und den Bach runter, schlagen die Wogen des Schicksals über ihm zusammen, was er um den Preis des Untergangs verdient. Denn er war nie trocken hinter den Ohren, er entriss sich nie an den eigenen Haaren dem Sumpf, er war immer zu nah ans Wasser gebaut. Je weniger er sich vom Flüssigen entfernt, desto tiefer muss er sinken. Seine Höherentwicklung nach dem Motto ›Wo Es ist, soll Ich werden‹ fällt aus. Kein ›Gipfel‹ der Ichwerdung in Sicht. Das ›Es‹ hockt im eigenen ›Sumpf‹: und dort bleibt es auch. Denn die Libido wird nicht ›wie die Zuider-See trockengelegt‹. Die Inbesitznahme des Selbst wird nicht wie die Landnahme durchgeführt. Hemmung durch Eindämmung trifft nicht zu. Im Gegenteil. ›Überschwemmung mit Libido‹ muss befürchtet werden. Ein fester Boden unter den Füßen fehlt, ebenso ein fester Standpunkt. Schwankt aber das Feste, kommt die Frau ins Spiel, die nach unten ausblutet, die ›nicht ganz dicht‹ ist. Sie ist das Loch im Modell des Grundbesitzes, das als reales Loch mit seiner ›undichten Stelle‹ identisch ist.

Als dieses Loch ist es jedoch imaginär mit Blut und Sumpf konnotiert und entsprechend dem Modell des Grundbesitzes in ein Außerhalb seines Territoriums verwiesen, was es in der ›einen Welt‹ der Globalisierung nicht gibt. Darum verweist die imginäre Überbesetzung jenes realen Lochs innerhalb des Symbolischen des Trockenen, Harten, Festen, ebenso auf ein Loch des Realen, auf seine Leugnung bis hin zur völligen Abwesenheit. In dem Maß aber, wie das Symbolische seinen Bezug zum Realen verliert, in dem Maß verengt sich seine zweiwertige Logik von ›Gipfel‹ und ›Sumpf‹ nach ›Gutsherrenart‹ paranoid, wofür Mr. President (George Bush) nur ein Beispiel ist, wenn er den in diese Logik eingeschlossenen Krieg im Namen des Guten, gegen alles Böse, nach der Formel ausposaunt: Verteidigung durch Angriff zwecks Prävention. Denn diese Prävention ist die Paranoia, die zur Verteidigung eines Innerhalb namens ›Heimatschutz‹ bei gleichzeitigem Angriff auf ein Außerhalb namens ›Schurkenstaaten‹ aufruft: hier mit Blick auf einen festen Gipfelwert, und seien es Türme; dort mit Blick auf ein Sumpf- und Blutloch im ›Ausland‹.

Den Bach runter

Paranoia nach ›Gutsherrenart‹ ist Verfolgungswahn aufgrund einer Verbrechensschuld, die in Permanenz projektiv abgewehrt wird. Dabei regrediert das Symbolische zu einem mythischen Zeichensystem, bei dessen Deutung das Imaginäre, auf der Flucht vor jener Verbrechensschuld, eine desto striktere Regie führt, je weniger sich der Ersatz legitimieren kann, der dazu da ist, jene Verbrechensschuld ›unterm Boden‹ zu halten. Das Grundbesitz-Modell ist ein solcher Ersatz, der Geschichte gemacht hat, der sich heute jedoch in keiner Weise mehr legitimiert. Er ist besessen davon, alles grundlegend abzudichten, alles grundlegend zuzubauen. Seiner fundamentalen Abwehr, die sich auf einen wassserdichten Grundbesitz fixiert, entspricht ein Horror vor jeder Grenzauflösung, die in der Kultur-Störung des Flüssigen auf ihren Nenner kommt. Eben darum kennt dieser Horror in seiner Paranoia nach ›Gutsherrenart‹ auch keine metaphorischen Grenzen mehr, wenn er durch die Beschwörung von Blut und Sumpf seine selbst produzierten Katastrophen als Terror im ›Ausland‹ mythisiert. Dabei kippt das Reale ins black out, je mehr dieser Horror in seinem eigenen Terror erstarrt, während er auf das reale Loch seines Grundbesitzes starrt. Es ist zum Ground Zero, zum Ort als Null geworden, soweit das Reale im Symbolischen ausfällt; gleichzeitig ist es der annulierte Ort, die dicht gemachte ›undichte Stelle‹, die vollkommene Austrocknung, von dem aus heute das Menschenrecht auf Wasser entzogen und der ›altböse Feind‹ zwecks neuer Feuerhärtung des Systems beschworen wird.

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00:00 13.09.2002

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