Die Unfreiheit des Schreckens

Das "Böse" und die Militarisierung der Politik Die Welt sollte sich nicht zur Geisel amerikanischer Feindbilder machen lassen

Die USA haben dem Islamismus im Mittleren Osten einen mächtigen Aufschwung verschafft, als sie 1953 im Iran das demokratische System unter der Regierung Mossadegh zu Fall brachten und Reza Pahlewi auf den Thron setzten. Die Folge war 25 Jahre später die antiamerikanische Revolution mit dem Sieg der Islamisten. Aus Furcht vor deren Ausbreitung rüsteten die USA dann den Irak auf und trieben diesen zum ersten Golfkrieg gegen das Mullah-Regime im Iran von 1980 bis 1988. Fortan wuchs die antiamerikanische Stimmung in der islamischen Region vor allem durch die einseitige Unterstützung Israels zu Lasten der Palästinenser. Als die USA nach Ende des zweiten Golfkrieges 1991 nicht davor zurückschreckten, sich in Saudi-Arabien, dem Land des heiligen Mekka, als Besatzung fest zu etablieren, schwoll der antiamerikanische Hass noch um weitere Grade an und entlud sich in den Anschlägen auf US- Botschaften in Afrika.

Hinzu kam ein im Westen kaum beachteter, aber in den islamischen Ländern anhaltende Erbitterung stiftender Vorfall. Im August 1998 bombardierten US-Kampfflugzeuge die sudanesische Pharmafabrik Al-Shifa, die tatsächlich nur Arzneimittel und keine Chemiewaffen produzierte, wie das von der US-Propaganda fälschlich verbreitet worden war. Der Ausfall dieser Firma als Lieferant wichtiger Medikamente wirkte sich auf das sudanesische Gesundheitssystem verheerend aus. Nach Schätzungen des damaligen deutschen Botschafters im Sudan sind mehrere 10.000 Opfer den Folgen dieser Bombardierung zuzurechnen.

Die Frage ist aber nun, wie ist das Ausmaß der islamistischen Bedrohung heute einzuschätzen? Übereinstimmend mit der Mehrheit seiner Fachkollegen lautet die Antwort des Islam- und Nahostexperten Professor Kai Hafez ganz nüchtern: "Der islamische Fundamentalismus und ›Jihadismus‹ können den USA und dem Westen durch Terrorismus sporadischen Schaden zufügen. Die islamische Welt befindet sich insgesamt aber in einer historischen Schwächeperiode, so dass weder militärisch noch ökonomisch auf absehbare Zeit eine vitale Gefahr von ihr ausgeht."

Mit anderen Worten: Es ist eine Irreführung, die westliche Welt gegen eine übertrieben dargestellte islamistische Bedrohung auszurichten, nachdem man diese durch die amerikanische Nahostpolitik und den Irakkrieg erst selbst aufbauen half. Will man der unheilvollen Entwicklung glaubhaft entgegenwirken, muss man die friedlichen Mehrheiten in den islamischen Ländern, die den Terror ablehnen, ungleich mehr als heute unterstützen und Zeichen der Achtung für die islamische Kultur und Religion setzen.

Da waren die führenden Theologen, Philosophen und Politikberater an den mittelalterlichen Höfen der Mächtigen während der Kreuzzüge weiser als ihre heutigen Nachfolger in ähnlichen Rollen. Nur eine kurze historische Reminiszenz: Der arabische Philosoph Ibn Ruschd, auch Averroes genannt, Leibarzt des Kalifen von Marokko, der jüdische Philosoph Maimonides, Leibarzt am Hofe des Sultans in Kairo, und später der Dominikaner, Philosoph und Naturforscher Albertus Magnus entwickelten die Idee einer Universalreligion, angelehnt an die Ethik des Aristoteles. Verkürzt lautete das Konzept: Jede der drei monotheistischen Religionen habe zwar einen eigenen Offenbarungsteil. Darüber hinaus existiere jedoch eine gemeinsame Vernunft und Ethik, also eine gemeinsame Wertewelt, gültig für alle Menschen und Religionen. - Es war dies ein Anstoß, die geistige Mauer zwischen den Fronten auf den blutigen Schlachtfeldern der Kreuzzüge zu überwinden. Zumindest dem Araber Ibn Ruschd und dem Juden Maimonides erging es allerdings nicht anders als jenen, die heute der Einschwörung auf ein verordnetes Feindbild widerstehen. Obwohl berufener Interpret des Koran, wurde Ibn Ruschd von seinem Kalifen fallengelassen und durch ein Tribunal zeitweise verbannt. Erbitterte jüdische Glaubensgenossen des Maimonides schrieben auf dessen Grab das Wort "Ketzer" und verbrannten seine Bücher.

So etwas kennen wir. In den achtziger Jahren waren wir Friedenskämpfer ein angeblich von Moskau gesteuertes Sicherheitsrisiko, heute wie damals gelten wir als einäugige Anti-Amerikaner oder bestenfalls als kitschige Weichlinge.

Die derzeitige Lage der Friedensbewegung ähnelt in gewisser Hinsicht derjenigen des Waffeninspekteurs Hans Blix im Irak, dessen vergebliches Suchen nach verbotenen Waffen den Frieden zu erhalten schien, während wir uns in der Hoffnung wiegen könnten, mit der Relativierung des Feindbildes Islamismus eine erwünschte Beruhigung zu schaffen. Indessen müssen wir uns darüber klar sein: Wer gegen den Islamismus weiter aufrüsten und noch mehr Überwachungsstaat will, dem kann das Böse gar nicht böse genug sein, um die eigene Kriegsstrategie moralisch abzusichern. Wenn laufend vorhergesagte Anschläge ausbleiben, so erfüllen die Vorwarnungen wenigstens den Zweck, die Angst wach zu halten. Die Angst erlaubt, weiter zu rüsten und noch mehr zu überwachen. Noch sehen die USA ihre moralische Führerschaft in Abhängigkeit von der Überzeugungskraft ihrer Botschaft, die Welt werde vom Bösen verfolgt und könne nur in williger Unterordnung unter ein stetig erstarkendes Amerika der Hölle entkommen. Mit der Schwächung oder mit dem Verlust des Bösen entfiele das Notwehrargument, das im Falle des Irak gerade noch funktionierte, um die partielle Duldung eines vermeintlich präventiven Angriffskrieges durchzusetzen.

Momentan stehen die USA vor der Wahl: Entweder sie heizen den militanten Islamismus neu an, indem sie auf eine Bombardierung des Iran zusteuern, oder sie brächten es tatsächlich fertig, sich mit dem Iran zu arrangieren und gleichzeitig erfolgreich auf einen lebensfähigen Palästinenserstaat hinzuwirken, um dem Terrorismus eine wichtige Antriebsquelle zu entziehen. Aber das hieße, sich selbst neu definieren zu müssen. Denn ohne das Böse könnte sich der eigene Herrschaftswille nicht mehr als Erlösungsanspruch nach dem Muster des Drachentöters verkleiden. Es ginge nicht mehr um Siegen und um Freiheit als Machtwillkür, sondern um die nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit eingeschränkte Freiheit innerhalb der Gemeinschaft unter Gleichen, wie es die UN-Charta vorsieht. Aber soeben hat die neue US-Außenministerin die Welt wieder in die Richtigen und die Falschen eingeteilt und im Iran einen Regierungswechsel verlangt. Das sind genau die gleichen Drohungen wie vor dem Irak-Krieg.

Jedenfalls ist der moralische Sonderbonus des 11. September für die USA aufgebraucht. Und es ist mit der Tsunami-Katastrophe ein Ereignis eingetreten, das in den Köpfen eine grundlegend gewandelte moralische Weltsicht freilegt. Robert Jungk hat einmal das Wort vom "Menschenbeben" als Buchtitel erfunden. Jetzt haben wir ein solches Menschenbeben erlebt, das noch andauert und noch eine Weile andauern wird und nicht wie der 11. September eine Abreaktion nach dem Gut-Böse-Schema erlaubt. Es ist keine Niederlage, keine Verletzung, die durch einen Sieg wettgemacht werden könnte. Es ist ein Ereignis, das nur zu Mittrauern und zu einem weltweiten Helfen nötigt.

Dabei geschieht etwas Eigenartiges. Auch in weitab liegenden Ländern fühlen sich Menschen wie Mitbetroffene. Als seien alle durch diese Katastrophe mit hindurchgegangen und hätten durch dieses Schicksal eine neue Orientierung gewonnen. Als wüssten sie über ihr Leben, über ihre Zerbrechlichkeit und über die Verbindung mit allen anderen erst jetzt voll Bescheid.

Albert Einstein hat nach Hiroshima und Nagasaki einmal geschrieben, im Schatten der Atombombe müsste den Menschen doch aufgegangen sein, dass sie alle Geschwister sind. Damals waren nur zwei Städte getroffen worden. Jetzt handelt es sich um die Naturkatastrophe mit der größten Ausdehnung seit Menschengedenken. Und Gläubige wie Ungläubige fühlen, es ist ein Signal, das dazu zwingt, vieles scheinbar Selbstverständliche nicht mehr als selbstverständlich zu betrachten. Es stimmt nicht, dass wir im Computerzeitalter dicht davor ständen, alles berechenbar machen zu können. Oberirdische wie Unterwasser-Erdbeben lassen sich heute genauso wenig vorhersagen wie vor Tausenden von Jahren. Unsicherheit ist eine elementare Seite unseres Lebens, was immer wir schon zu mehr Sicherung erfunden haben. Kein technisches System schützt uns in dem Maße, wie es uns die Anführer der wissenschaftlich-technischen Revolution verkünden. Die akute Weltkatastrophe belehrt uns, dass die wichtigsten Kräfte immer noch in uns selbst liegen: die Kraft, Leid und Trauer zu tragen, zu helfen, zu hoffen, zu vertrauen und sich Vertrauen zu verdienen, sich in Verantwortung zu bewähren.

Aber von diesen Kräften war in der Ansprache Bushs bei Antritt seiner zweiten Amtszeit nicht die Rede, dafür 42mal in großem Pathos von Freiheit. Diese nennt er ein "ungezähmtes Feuer". Ungezähmt, das erinnert fatal an die angemaßte Freiheit, eigenmächtig Angriffskriege zu führen; und es erinnert an die Willkür, sich unentbehrlichen Gemeinschaftsverpflichtungen wie der Anerkennung des Internationalen Strafgerichtshofes zu entziehen. Schließlich nimmt Amerika sich die Freiheit, die Welt mit der Geißel übermächtiger atomarer Bedrohung in die furchtbarste aller Unfreiheiten zu versetzen. Denn durch die erstrebte eigene Unverwundbarkeit mittels eines Raketenschutzschildes geriete die übrige Welt in eine Art nuklearer Geiselhaft, ihr droht der Zustand permanenter Erpressbarkeit, einer Unfreiheit des Schreckens.

Im Zeitalter der Ausrottungswaffen gilt es, endlich zu lernen, dass Zusammenhalt in der Völkergemeinschaft nicht eine fromme Gutmenschen-Utopie ist, sondern die schlichte Respektierung der Tatsache, dass die Völker, - welche Vorurteile sie auch gegenseitig hegen - zum eigenen Erhalt aufeinander angewiesen sind. Vielleicht, ja hoffentlich sind Israel und Palästina endlich auf dem Wege, der Welt zu demonstrieren, welches Konzept allein dazu taugt, eine scheinbar endlose Kette von Drohung, Gewalt, Hass, Rache und Leiden zu durchbrechen. Nämlich die Beherzigung der Einsicht, dass die Angst und das Leiden, das man den Anderen bereitet, nur das Spiegelbild der eigenen Angst und des eigenen Leidens sind. Die Chance zum Aufbau einer gemeinsamen Sicherheit liegt darin, dass sich die Einen in den Anderen wiedererkennen. Wenn dieser Durchbruch im Denken erreicht wird, kann man anfangen, ein Verhältnis gegenseitiger Achtung herzustellen und Bindungen zu knüpfen, die am Ende eine auf Vertrauen gegründete Sicherheit stiften, die hundertmal mehr wert ist als die teuersten Abwehrsysteme und die mächtigsten militärischen Drohkulissen.

Nelson Mandela hat es wunderbar beschrieben, wie in seinen Häuptlingen und in ihm selbst in den Jahren quälender Gefangenschaft die Erkenntnis reifte, die erlittene eigene Verfolgung nicht mit Gewalt, sondern mit Verständigung zu beantworten. Wir müssen auf beiden Seiten das Leiden beenden, schreibt er, unser eigenes Leiden als Unterdrückte, aber auch das Leiden unserer Unterdrücker, die im Gefängnis ihres Hasses eingesperrt sind. Dass Mandela mit seinem Vertrauen in die beiderseitige Versöhnungskraft kein realitätsferner Träumer war, erwies sich dann, als Schwarze wie Weiße mithalfen, einen schon unvermeidlich scheinenden Bürgerkrieg abzuwenden.

Die Zeit ist reif dafür, daran zu glauben, dass in uns allen Energien stecken, wie sie in Südafrika zum Frieden geführt haben. Wir dürfen uns nicht länger suggerieren lassen, Mandela sei eine Art Franziskus - zu gut, als dass sein Beispiel in der Welt von heute Schule machen könnte. Gerade die Welt von heute schreit nach dem Mut, an unsere eigene Friedensfähigkeit zu glauben, anstatt uns gefallen zu lassen, dass ein Drohpotential von Nuklearwaffen uns gewissermaßen gegen eigene Gewaltbereitschaft versichern soll. Das ist absurd. Wir haben nicht nur Mandela als Beispiel vor Augen. Alle großen erfolgreichen Friedensinitiativen des 20. Jahrhunderts sahen Menschen an der Spitze, die auch und gerade auf den Höhepunkten großer Krisen daran geglaubt haben, dass sich Völker mit Völkern, Menschen mit Menschen verständigen können und müssen.

Es ist bemerkenswert, dass jede dieser großen Initiativen aus einem Zustand des Leidens entsprang. Die Inder waren von britischer Unterdrückung gequält, als Mahatma Gandhi ihre friedliche Widerstandskraft weckte. Willy Brandt traf auf ein Volk, das nach 20 Jahren verschwiegener Vergangenheit moralische und soziale Erneuerung erstrebte. Der Warschauer Kniefall am Ghettodenkmal war zugleich Bekenntnis wie Bitte um Versöhnung. In Russland zehrte Michail Gorbatschow von dem Selbstheilungswillen nach Jahrzehnten stalinistischer Unterdrückung.

Der amerikanische Sozialforscher Jeremy Rifkin, Autor des kürzlich erschienenen Buches Der europäische Traum, entnimmt verschiedenen jüngsten Umfragen in den Ländern der Europäischen Union im Vergleich zu den USA, dass die Europäer den Amerikanern in "sozialer Empathie" klar voraus seien. Sie fühlten sich mehr global mitverantwortlich, hätten vergleichsweise mehr Sinn für die Interessen derer, die nach ihnen kommen, und für den Schutz der Umwelt. Das Helfen sei ihnen wichtiger als den Amerikanern, von denen fast die Hälfte meint, die wohlhabenden Länder würden schon zuviel für die ärmeren geben. Aber Rifkin macht sich Sorge, ob die Europäer genügend optimistisch seien, um ihren Traum von einer sozialeren Welt durchzusetzen.

In der Tat muss aus der Zivilgesellschaft heraus noch viel mehr Druck kommen. Was soll denn noch passieren nach über 100.000 Toten im Irak mit einem hohen Anteil von Frauen und Kindern, nach Aufdeckung der Kriegslügen und der Folterverbrechen, um Europa endlich zu offenem Widerstand gegen die nächste amerikanische Kriegsandrohung aufzurütteln? Dieses "Anti" muss laut und klar und darf nicht geduckt und leisetreterisch zum Ausdruck kommen. Aber das "Anti" allein ist, wie gesagt unzureichend. Über allem muss das "Pro" als Bewusstsein der globalen Zusammengehörigkeit stehen, das nicht sogenannte "westliche Werte" von der alle Völker, Rassen und Religionen übergreifenden Moral der Menschlichkeit abtrennt.


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00:00 18.02.2005

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