Erhard Schütz
24.11.2000 | 00:00

Die Unheimlichkeit, dazugehören zu wollen

SELBSTBEOBACHTUNG DES INTELLEKTUELLEN MITTELSTANDS In seinen Romanen kreiert der japanische Autor Kazuo Ishiguro den Internationalismus der national Bedenksamen

Die globalisierte Ökonomie auch im Kulturellen führt unter anderem dahin, dass die Ereignisse sich international synchronisieren. Was die Branche populärer Musik vorgemacht hat und was bei VideoGames längst üblich ist, nämlich praktisch weltweit identische ‚Release'-Daten, in der Filmbranche noch ein wenig retardiert durch die - allerdings immer kürzer werdenden - Synchronisierungszeiten, das hat nun auch die Literatur erreicht. Der fieberhafte Wettlauf gegen die Zeit beim vierten Harry-Potter-Band indiziert das, wie ohnehin die jeweiligen Erscheinungsdaten von literarischen global players á la Stephen King. Doch neben der Kategorie Burger King gibt es noch eine andere, nicht minder internationale Kategorie von Autoren, deren Werke alles andere als einen verdächtig synthetischen, ersatzstoffhaften Charakter haben und deren Präsenz in allen Sprachen der traditional literaturorientierten Länder nahezu gleichermaßen und gleichzeitig ist. Autoren wie Martin Amis, Paul Auster, Michael Ondaatje, Stewart O'Nan oder Salman Rushdie.

Oder eben Kazuo Ishiguro, dessen jüngster Roman Als wir Waisen waren soeben erschienen ist. 1954 in Japan geboren, kam er mit fünf Jahren nach England, wo er aufwuchs und heute in London lebt. Er hat studiert, unter anderem creative writing bei Malcolm Bradbury, hat sich als Sozialarbeiter um Obdachlose gekümmert und für Channel Four Drehbücher geschrieben. Damals in Nagasaki, lautete der Titel des vielbeachteten Romandebüts des 32jährigen. Spätestens seit dem großen internationalen Erfolg des mit Anthony Hopkins und Emma Thompson prominent besetzten Films nach seinem gleichnamigen, dritten Roman Was vom Tage übrig blieb gehört Ishiguro zur Gruppe dieser international höchst beachteten Autoren. In 28 Sprachen ist mittlerweile sein Werk übersetzt. Auch an den Verlagen, in denen seine Bücher in Deutschland erschienen, ist sein ökonomischer Wertzuwachs ablesbar: Das erste 1984 bei Arche, das zweite Maler einer fließenden Welt 1988 bei Klett-Cotta, das dritte, der mit dem Booker-Preis ausgezeichnete, verfilmte Beststeller dann 1990 bei Rowohlt, wo auch das nächste Die Ungetrösteten 1996 herauskam. Mit seinem jüngsten Roman nun ist er zu Knaus gewechselt, also vom Holtzbrinck- zum Bertelsmann-Konzern.

Autoren wie Ishiguro sind, kann man sagen, die Bezugsfiguren für einen internationalen kulturellen Mittelstand mittleren Alters, mittlerer Lage und beiderlei Geschlechts. Eine ökonomisch gut kalkulierbare Schicht. Und natürlich steht hinter dem synchronen Erscheinen ihrer in die jeweiligen Literatursprachen synchronisierten Werke auch ein ökonomisches Kalkül, zumal bei den international operierenden Konzernen, deren Handelsgut sie sind. Aber nicht nur.

Wenn nämlich der jüngste Roman von Kazuo Ishiguro nahezu zeitgleich auf Deutsch und in Englisch zu haben ist, dann ist das nicht nur Konzernkalkül. Oder zumindest kalkuliert der auf den Synergieeffekt eines international gleichermaßen vorhandenen und sich wechselseitig bestätigenden Interesses, eben des Interesses im und am intellektuellen Mittelstand. Gerade an Ishiguro lässt sich besonders deutlich zeigen, wie die Kalkulation auf einer spezifischen Thematik und einem spezifischen Stil beruht, in dem eine spezifische intellektuell-mittelständische Mentalität sich selbst beobachten kann.

Hier könnte man den Ansatz eines Internationalismus der, sagen wir: national Bedenksamen finden. Kurz, ein Indiz darauf, dass man nicht so allein sein brauchte, wie man glaubt, es sein zu müssen, um sich innerlich ohne Scham ins Gesicht sehen zu können.

Denn Ishiguros Romane sind zumindest auch Romane einer inneren Emigration, selbst wenn sie in exotischen, internationalen Gefilden sich bewegen, wie nun wieder sein soeben erschienener Als wir Waisen waren.

Christopher Banks, der Ich-Erzähler, erinnert sich im London der dreißiger Jahre an seine Kindheit in den zehner Jahren im Internationalen Viertel von Shanghai, an den Vater, Mitarbeiter eines großen britischen Handelshauses, zugleich involviert in Drogengeschäfte, an die wunderschöne Mutter, aktiv im Kampf gegen das Rauschgift, Geliebte eines skrupellosen chinesischen Warlords, an den zwielichtigen Onkel Philip und an den kleinen japanischen Gespielen Akira.

Eines Tages verschwindet der Vater, bald auch die Mutter. Banks kommt zehnjährig nach England, wo er erzogen wird. Dort ist er nun als gefeierter Detektiv Mitglied der feinen Gesellschaft. Als eine eher von ferne bewunderte, geliebte Frau mit ihrem Mann nach Shanghai geht, folgt Banks ihnen nach und gerät in das Chaos des Krieges der Japaner gegen China. Mitten darin versucht er, das Geheimnis seiner verschwundenen Eltern zu ergründen.

Eine weitgespannte Szenerie aus intim wie abenteuerlich Privatem und bewegtester Geschichte, dargestellt aber aus der Perspektive eines, der allen Wert darauf legt, sich so förmlich, kontrolliert und abgewogen zu äußern, wie nur irgend möglich. Da werden Augenblicke des Kinderglücks ebenso temperiert wie die ungeheuerlichsten Schreckensmomente. Ein weiches Grau unentwegter zeitlicher wie emotionaler Distanzierung, durch das die Farben der unterdrückten Emotionen wie Völker um so unheimlicher dringen.

Die Suche eines, der sein ganzes Leben der Knabe blieb, der sich in der Verantwortung wähnt, die Eltern und zugleich die ganze Welt zu retten, der sich nicht heimisch fühlt und deshalb um alles in der Welt dazugehören möchte, aber eben darin an Zerfällung und Zerstörung mitwirkt.

Ishiguros Romane, auch schon die des ganz jungen Autors, haben immer wieder die Erinnerungsperspektive alter, gealterter Menschen inne: Lebenserforschungen als Umschriften von Lebenslügen.

Ono, der Maler der fließenden Welt, der sich in vermeintlich alles bedenkender, einbeziehender, abwägender Erinnerung der Konfrontation seiner schuldhaften Verstrickung als ‚patriotischer Maler' in den japanischen Chauvinismus entzieht; der Butler, der sich die fragwürdigen Verstrickungen des Herren, dem er so hingebungsvoll diente, mit den Nazis ebenso eingestehen müsste wie sein Versagen vor der Liebe, und sich am Lebensabend in dem Wenigen arrangiert, Was vom Tage übrig blieb.

Man hat an Ishiguro immer wieder die virtuose Darstellung der sich disziplinierenden Sprache, die Zurückgenommenheit auf winzigste Indizien, die dezente Indirektheit aller Beziehungen und die schlichthin perfekte, alles bedenkende Konstruktion gelobt. Und man hat sie mal als besonders britisch, mal als typisch japanisch bezeichnet. Doch je mehr man von seinen Romanen liest, desto weniger will das in den Völker- und Nationalschablonen aufgehen. Denn mit eben solchem Recht könnte man seine Figuren typisch protestantisch, typisch preußisch, ja, sogar DDR-typisch nennen.

Viel eher scheinen sie, jenseits solcher Platzanweisungen, Ko-Figuren des intellektuellen Mittelstandes. Wo dieser sich real in seiner Haut und seiner Mitwelt stets ein wenig deplaziert fühlt, sind sie wie Heimatvertriebene: überkorrekt.

So können wir uns in ihnen spiegeln, ohne uns durch sie auch erkennen zu müssen.

Eigentümlich an Ishiguros Romanen ist, dass ihre Figuren sprachlich so äußerst Gefasste, so sorgfältig Wägende, so diplomatisch Formulierende sind, dass von ihren Wünschen und Sehnsüchten, von ihren Vorstellungen und Meinungen darin nichts mehr zu erscheinen scheint - und eben dadurch das Verdrängte durchschimmert und durchbricht. Unbedingt fixiert auf den Erwerb von Bildung, Manieren und Voraussetzungen gesellschaftlicher Akzeptanz, ist Verlust der Selbstkontrolle ihre größte Angst, sichert die unbedingte Selbstzurücknahme den - allerdings jeweils nur bedingten - Selbsterhalt. Ihr Takt, ihre Konventionalität, ihre Bescheidenheit und Dienstfertigkeit sind Formen des Humanen, die unmerklich und unversehens zu Fesseln des Lebens wie der Humanität werden, übergehen in Indifferenz, Verstockung und Selbstgerechtigkeit.

Geradewegs scheint es so zu sein, dass die äußere Displaziertheit der Figuren - sei es als Angehörige einer fremden Rasse, sei es als Relikte einer anderen Zeit - Figuration einer inneren Entortung sind: In ihrer Zuvorkommenheit kommen sie sich selbst zuvor. Sie stehen sich selbst im Weg, um zu verhindern, sie könnten von der Stange oder aus dem Ruder laufen.

Ishiguros Romane sind Romane einer inneren Emigration. Sie sind Romane von solchen, die sich in einer fremd und fließend gewordenen Welt durch innere Haltung bewahren und bewähren wollen. Aber die Romane sind nicht auch deren Apologie. Sie bringen vielmehr, woraus diese ihre Kraft und Legitimation ziehen, unmerklich auf den kritischen Punkt, in dem die Unverantwortlichkeit, die psychische wie soziale Indifferenz und Verhärtung, die Destruktivität, sich selbst wie der Mitwelt gegenüber, kurz, das Schuldigwerden der so sehr auf Unbelangbarkeit und Nichteinmischung Bedachten, immer kenntlicher wird.

Und an diesem Punkt springt die Spannung vom Pol der Persönlichkeit zu dem des Politischen über. Denn das scheinen die Romane zu zeigen: Zwar brauchen Menschen das Gefühl von Zugehörigkeit, aber gerade diejenigen, die sich unzugehörig, innerlich wie äußerlich deplaziert fühlen und doch unbedingt dazugehören wollen, arbeiten mit an den Konflikten, die sich noch stets in den Orgien des Nationalismus entladen haben.

Als Banks einen japanischen Offizier fragt, wie er das Gemetzel ertragen und verantworten könne, sagt der. "Es ist bedauerlich, da stimme ich Ihnen zu. Doch wenn Japan eine große Nation wie Ihre werden will, Mr. Banks, dann ist es notwendig. Ebenso wie es damals für England notwendig war." Der Preis, um den Banks nach diesem Gespräch die Botschaft von der unverbrüchlichen Liebe seiner Mutter zu ihm erhält, ist hoch. Denn auf seiner persönlichen Suche nach Zugehörigkeit und Eindeutigkeit metzelt er nicht minder - nur dass es hier die eigenen Erinnerungsbilder sind.

Das Besondere, das zutiefst Kunstvolle wie Humane an Ishiguros radikalem Prozessieren mit den Figuren einer inneren Emigration in einer deplazierenden Welt aber ist, dass er sie niemals denunziert. Er stellt sie nicht bloß und stellt sie nicht aus, sondern widmet ihnen, was irgend ein Autor seinen Figuren widmen kann: alle Mühe der Perfektion. Selbst in der deutschen Übersetzung, die, so gut sie ist, die Nuancen dieser Sprache nicht gänzlich entfalten kann, wird man unweigerlich von der Faszination einer schier makellosen Perfektion in den Text hineingezogen. Ishiguro hat viel zu viel Selbstachtung und -anspruch als Autor, als dass er seine Figuren achtlos oder verächtlich behandelte; aber seine Achtung vor den Figuren wie den Lesern schließt mit ein, ihnen eben das, was er als ihre Wahrheit erkennt, nicht zu ersparen. Doch auch das tut er mit Takt, indem er ihnen anheimstellt, was sie an sich erkennen können und wie sie zukünftig damit umgehen wollen.

Genau darin sind sie so unheimlich. Weil alle Unheimlichkeit zuerst aus der Heimat kommt. Und das lieben wir internationalen intellektuellen Mittelständler. Dahin wollen wir gehören.

Kazuo Ishiguro: Als wir Waisen waren. Roman. Aus dem Englischen von Sabine Herting, Verlag Albrecht Knaus, Hamburg 2000, 349 S., 42.- DM