Die unseligen 1970er

Revival „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gibt es jetzt als Serie. Sie will nicht zum Moral-Lehrstück für die Schule versteinern
Die unseligen 1970er
Christiane F. (Jana McKinnon) macht ihr eigenes Ding

Foto: Mike Kraus/Constantin Television

„So ein Bahnhof ist ein trauriger Ort“, philosophiert Christiane F. in der Auftaktfolge der Neu-Adaption von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Tatsächlich gilt der Berliner Bahnhof wohl als einer der traurigsten der ganzen Bundesrepublik, woran das Schicksal von Christiane F. einen nicht geringen Anteil hat. Die Buchvorlage von 1978 mag als Jugendlektüre inzwischen etwas in Vergessenheit geraten sein, aber genau das soll die neue Serienadaption nun ändern.

Für die achtteilige Amazon-Prime-Serie ließ sich das Team um Regisseur Philipp Kadelbach (Hindenburg) und Drehbuchautorin Annette Hess (Ku’damm 56/ Weissensee) von den Stern-Reportern Horst Rieck und Kai Hermann beraten, die ihre Recherchen im Milieu rund um den Bahnhof Zoologischer Garten seinerzeit zum Bucherfolg machten. Anders als die Verfilmung des Stoffs durch Uli Edel von 1981 erweitert die Serie den Plot um einige Figuren und Nebenhandlungen. Einerseits wird die Handlung in den 70er Jahren belassen, andererseits eine Zeitlosigkeit angestrebt, die mit dem engen historischen Kontext des Originalstoffes brechen will. Optisch dominiert in Haarschnitten und Kostümen der Geschmack der späten 70er; statt Smartphones benutzen die Protagonist:innen zur Kommunikation Wählscheibentelefone oder Telefonzellen.

Im Zentrum steht die Clique aus sechs Jugendlichen um Christiane F. (Jana McKinnon), die sich zuerst in der Diskothek Sound, später am Bahnhof Zoo und dem Strich an der Kurfürstenstraße trifft. Christianes Erstkontakt in die Szene ist die vorlaute Stella (Lena Urzendowsky), die ihr schon auf dem Raucherhof in der Gesamtschule der Gropiusstadt imponiert. Wenig später lernt sie den bereits heroinabhängigen Axel (Jeremias Meyer) und ihren späteren Freund Benno (Michelangelo Fortuzzi) kennen. Den Jugendlichen gemeinsam ist nicht nur ein gewisser Hang zur Sucht, sondern auch ein prekäres Familienumfeld. Während Christiane in der Plattenbauwohnung die häusliche Gewalt ihres Vaters (Sebastian Urzendowsky) miterleben muss, übernimmt Stella anstelle ihrer alkoholabhängigen Mutter die Erziehung ihrer Geschwister. Die jüngere Babsi (Lea Drinda) kommt aus besseren Verhältnissen, wird aber mit dem Selbstmord ihres Vaters nicht fertig.

Angefixt wird die Clique in der Diskothek Sound, die hier als glattpolierte Großraumdisco präsentiert wird. Es wirkt ein wenig absurd, dass ein Teil der Clique seine Freizeit auf dem Straßenstrich und dem Bahnhof verbringt, die Nächte hingegen in perfekten Outfits in einem Schickimicki-Club durchmacht. Als Zuschauer:in könnte man fast meinen, dass sich die Held:innen im Drogenrausch aus den 70er Jahren in einen Hochglanz-Club der Jetztzeit gebeamt haben. Erst eine Szene, in der ein DJ zum „David-Bowie-Luftgitarren-Wettbewerb“ aufruft, erinnert wieder daran, dass es sich hier um die 70er Jahre handelt.

Der Tod reicht ihr die Spritze

Wie schon in Edels Film nimmt Bowie in der Serie als Figur und auf dem Soundtrack einen entscheidenden Platz ein, auch wenn das ikonische Heroes nur anklingt und auf Station to Station verzichtet wurde. „Die Clique für Bowie, Bowie für die Clique“ wird anfangs zum Leitspruch der Jugendlichen, bevor sie gänzlich dem Heroin verfallen. Wobei das – wie auch schon in Buch und Film – gewissermaßen zusammengehört: Im Backstage-Bereich setzt sich Christiane den ersten Schuss, der ihr in einer psychedelischen Szene vom Tod höchstselbst überreicht wird.

Mit solchen Szenen gibt die Serie bewusst ihre Bodenhaftung auf. Bennos erster Schuss endet in einer hellen Schneelandschaft, Christiane erträumt sich im Auto eines Freiers einen glücklichen Familienausflug. Im Drogenrausch weichen Zimmerwände einem endlosen Tunnel. Mit dem rauen Heroinsucht-Realismus der Edel-Verfilmung hat das nicht mehr viel gemein, die Serienmacher:innen orientierten sich offenbar eher an Vorbildern wie Trainspotting oder Requiem for a Dream.

Auch der Soundtrack wurde bewusst modernisiert. Neben den wenigen Bowie-Songs läuft vorwiegend elektronische Popmusik der frühen 2010er Jahre. Einige dramatische Momente bekommen dadurch eine schräge Tonlage. In einer Szene sind beispielsweise Christiane, Babsi und Stella auf dem Straßenstrich zu sehen. Zu schnell geschnittenen Szenen läuft ein energetischer Song der Künstlerin Santigold aus den nuller Jahren, was der abgebildeten Thematik der Kinderprostitution fast etwas Erhaben-Rebellisches verleiht. Dementsprechend glorfizierend kommt bisweilen auch die Darstellung der Drogensucht rüber. Die Protagonist:innen sind in beinahe jeder Phase ihrer Abhängigkeit perfekt gestylt, zeigen keinerlei körperliche Verfallsmerkmale oder Narben. So bedient die Neuverfilmung eine Ästhetik, die eher dem Heroin-Chic der 90er Jahre als den 70ern gerecht wird.

Dem Uli-Edel-Film wurde seinerzeit noch Sensationalismus vorgeworfen. Die Serie dagegen scheint sich mit ihrem Wechsel zwischen Traum und Wirklichkeit kein Urteil anzumaßen zum Drogenkonsum der Christiane F.; sie will nicht moralisieren, nicht (wieder) zum Lehrstück für den Schulunterricht versteinern. Diese Erzählweise könnte bei der Zielgruppe der Generation Z durchaus ankommen, zumal sie von durchweg guten Darstellern wie Jana McKinnon, Michelangelo Fortuzzi und Lena Urzendowsky getragen wird.

Am Ende sieht man die ausgenüchterte Christiane beim Reiten kurz vor dem ersten Interview mit den Stern-Reportern. Wer von ihrer Geschichte zum ersten Mal erfährt, könnte hier fast glauben, dass die Drogensucht nur eine vorübergehende Phase in ihrem Leben darstellte. Dabei ist ihre weitere Geschichte mit Aufstiegen und Rückfällen fast noch interessanter.

Info

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Deutschland 2021, 8 Folgen, Amazon Prime

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