Die Unsichtbare

Erniedrigung Wie fühlt sich das Leben im Grandhotel an? Ich war dort. Als Zimmermädchen
Die Unsichtbare

Fotos: Jim Dyson/Getty Images, Kevin George/Alamy

Vollgestopft mit Wäsche ist der Raum, die Laken stapeln sich vom Boden bis zur Decke, auf der Erde liegen Putzlappen. Eine Waschmaschine dreht sich ununterbrochen.

Fatima Benchenni (alle Namen in diesem Text wurden geändert) empfängt mich hier, in ihrem Büro, zum Einstellungsgespräch. Ich habe keine Erfahrungen als Zimmermädchen. „Ich gebe jedem eine Chance“, sagt sie. „Wir werden ja sehen, ob Sie den Takt halten können.“ Die Gouvernante, wie sie im Hotel von allen genannt wird, trägt einen blondierten, gestriegelten Pferdeschwanz, dickes Make-up und spricht mit einem starken provenzalischen Akzent. Man kann sie sich in einem Bistro am Hafen von Marseille vorstellen, bei einer Mauresque, diesem Aperitif aus Pastis und Mandelsirup. Fatima Benchennie stammt aus dem Maghreb und betreut im Hotel die Zimmermädchen. Unter ihrer Aufsicht werde ich arbeiten.

Vor den Türen des Hotels, einem Viersterneetablissement am alten Hafen von Marseille, reihen sich weiße Buge und Masten fast bis zum Horizont. Fähren und Fischerboote fahren ein und aus. Manche Fenster haben Hafenblick. Zeit, den Möwen nachzuschauen, hat man als Zimmermädchen nicht. Man kämpft sich mit dem Bett ab, damit, die riesige Steppdecke in den weißen feinen Bezug zu stopfen. Man muss der Länge nach hineintauchen, muss sie von allen Seiten angreifen. Ein Triumph, wenn die Decke am oberen Ende einen fast aufgestellten Rand bildet, auch wenn die Oberfläche nie so glatt und straff wird, wie es gewünscht ist.

Die Regeln sind strikt. Ein Kissenbezug, der ein bisschen knitterig ist, muss ausgewechselt werden. Kein Tropfen Wasser darf an den Fliesen im Bad hängen bleiben.

Die Gouvernante prüft die fertigen Zimmer, sie kommt unangekündigt vorbei. „Sie schleicht sich an wie eine Katze“, warnt mich meine Kollegin Anca, die mich einweisen soll, eindringlich. Sie arbeitet seit fünf Jahren im Hotel. Anfangs scheint es mir unmöglich, wie viele Gesten sie in zackiger Choreographie ausführen kann, wie sie zum Fenster eilt, die Mülltüte schüttelt, mit dem Lappen den Wandvorsprung abwischt. „Mach am Besten immer alles in der gleichen Reihenfolge, damit es automatisch wird“, rät sie mir. Sie ist Ende dreißig, hat feine Züge und unter dem blauen Lidschatten einen reservierten, aber sanften Blick. Sie kommt aus Rumänien. Durch die Glaswand der Dusche, die sie mit vehementen Gesten wischt, erzählt sie mir von ihrer 17-jährigen Tochter, der sie jeden Monat Geld überweist, und ihrer Mutter, deren neues Gebiss sie noch abbezahlen muss. Anca verdient 1.000 Euro netto.

Bald mache ich meine eigenen Erfahrungen mit der Arbeitsmethode der Gouvernante: Immer, wenn ich es am wenigsten erwarte, taucht ihre kleine energische Gestalt in meinem Rücken auf. Manchmal schaut sie kurz ins Zimmer, sagt „tadellos“ und verschwindet wieder. Dann wieder fragt sie schneidend: „Haben Sie das Mittel auf die Fliesen gesprüht?“ Oder: „Das Bett ist nicht schön.“ Sie nimmt die Kissenzipfel und schüttelt sie vor ihrem fülligen Leib hin und her, ich muss es nachmachen.

Vollzeitjob, Teilzeitlohn

Einmal putze ich gerade ein Bad, dusche die Fliesen ab, wie Anca es mir beigebracht hat. In den hinteren Ecken der Badewanne steht das Wasser. Mit dem Putzlappen wäre es ein aussichtsloses Unterfangen, es so trocken zu bekommen, dass man keine Tropfen mehr sieht. Ich packe kurzerhand eines der gebrauchten Handtücher auf dem Boden, um zumindest den gröbsten Schaden zu beheben. „So machen Sie das also, Sie putzen die Dusche mit den Handtüchern des Kunden?“, höre ich plötzlich.

Fatima Benchenni steckt ihren Kopf durch den Türspalt des Bads. „Das kann nicht sein. Sie wissen, dass das verboten ist! Unhygienisch! Wenn das so weitergeht, können Sie nicht bleiben!“ Ich stehe vor ihr wie ein Kleinkind, ihr Blick triumphiert. Sie weiß, wie sie furchteinflößend wirken kann. Man kennt solche dosierte Willkür von anderen Jobs, bei McDonald’s etwa, aber diese Situation ist besonders skurril, da man zwischen Klo und Dusche in einem seltsam intimen Raum steht.

Auf dem Papier werden im Hotel alle Zimmermädchen nach dem französischen Mindestlohn bezahlt, allerdings werden nicht die am Arbeitsplatz verbrachten Stunden gezählt, sondern die ihnen zugewiesenen Zimmer. Eine halbe Stunde hat man hier im Hotel, in dem ein Gast für eine Nacht zwischen 165 und 341 Euro zahlt, für die Reinigung des Zimmers. So der „Takt“, den Fatima Benchenni vorgibt. Das sind zwei Zimmer pro Stunde à fünf Euro. Gemessen an anderen Hotels ist das nicht schlecht, in manchen hat man für ein Zimmer nur acht bis zehn Minuten und bekommt dafür 2 Euro 50.

„Schafft ihr das?“, frage ich nach ein paar Tagen die Mädchen in der in der Umkleide. „Nie“, antwortet eine. „Bei einer Duplex Suite und bei einer Abreise brauchst du eine Stunde. Auch wenn du nur sauber machst, schaffst du es meistens nicht, wenn sie es nicht in gutem Zustand hinterlassen.“ Fatima Benchenni stellt nur in Teilzeit ein, „damit man ein bisschen ein Mensch bleiben kann“, so hatte die Gouvernante es in meinem Einstellungsgespräch formuliert. De facto arbeiten alle Zimmermädchen hier Vollzeit, werden aber nur in Teilzeit bezahlt.

Morgens darf man bei Gästen erst dann klopfen, wenn sie das Schild A memorable moment away (was immer das heißen soll), an ihrer Klinke aufgehängt haben. Man schleicht eine Weile durch die Gänge. Der Albtraum jedes Zimmermädchens aber ist ein Schild auf dem A memorable rest steht. Es ist mein zweiter Tag, ich arbeite noch immer mit Anca zusammen. Gegen 16 Uhr sind wir bis auf ein Zimmer fertig. An der Klinke eines Zimmers hängt dieses Schild. „Wir warten eine halbe Stunde“, sagt Anca und schlägt vor, eine rauchen zu gehen. Als wir zurückkommen, hängt das ominöse Schild immer noch da. Schüchtern klopft Anca an. Ein Mann öffnet einen Türspalt: „Können Sie ein bisschen warten, das Baby schläft“, sagt er. Ein eleganter Franzose, junger Vater. Die Gouvernante erscheint. „Tja, wenn er sagt, warten Sie ein bisschen, dann muss man ein bisschen warten!“, sagt sie und lächelt schief.

Müde kauern wir uns auf der anderen Seite des Gangs an die Wand. „Sollen wir nicht nochmal klopfen?“ Anca schüttelt den Kopf. „Wir können nichts tun“, sagt sie. Aber das Zimmer muss gereinigt werden. Niemals würde sie sich über die Arbeitsbedingungen beschweren, so wenig wie die anderen das tun. „Tja, am Ende hat es lange geschlafen!“, sagt der Gast nur, als er nach anderthalb Stunden die Tür öffnet. Es ist nach sechs, unser Arbeitsschluss war um zwei.

Manche Hotelgäste grüßen höflich, mehr Aufmerksamkeit erfährt man nur selten. Einmal schiebe ich gerade meinen Chariot, den Zimmermädchenwagen, durch den Gang. Ich trage mein Pinguinkostüm mit der übergeknöpften blauen Bluse, wie eine Maid in einem englischen Herrenhaus. Da kommt ein Gast aus seiner Tür, gefolgt von einer Frau. Als er mich sieht, zögert er kurz, zieht dann einen 10-Euro Schein aus der Tasche und bittet mich, sein Bett frisch zu machen. Mein Trinkgeld hatte sich bisher auf ein paar aufs Bett geworfene Centstücke beschränkt. Nicht gerade respektvoll, dann lieber gar nicht. Es gab mal eine Kultur, da hat man sich als Gast geschämt, wenn man zu wenig gab.

Ich gucke mich um, bin unsicher, ob ich den Schein überhaupt annehmen darf, lasse ihn schnell in meiner Tasche verschwinden. Als ich in sein Bad komme wird mir klar, ich hätte misstrauischer sein sollen. Er hatte sein Geschäft nicht beseitigt und die Toilette war vollgepinkelt bis auf den Boden. Als ich meinen Kolleginnen davon berichte, unter denen keine einzige Französin ist (sie kommen aus Madagascar, Paraguay, Nigeria oder Rumänien), erzählt mir eine, dass ein Gast sein Geschäft mal unter der Dusche verrichtet habe. Protest würde ihnen nicht einfallen. Schon allein weil sie wissen, dass sie sonst ihren Job verlieren. Die meisten arbeiten wie ich mit einem so genannten Contrat d’extra, einem befristeten Zusatzvertrag, der für jeden Tag neu geschlossen wird. Solche Verträge sollen es vor allem Arbeitgebern im Hotel- und Gastronomiegewerbe erleichtern, für einmalige Anlässe zusätzliches Personal einzustellen. Im Hotel arbeiten viele der Mädchen seit Monaten mit solchen Verträgen. „Im letzten Hotel war es auch schon so“, sagt Layla. „Ich werde mein Leben lang Zusatz sein.“

„Das ist zu hart für Sie“

Layla stammt aus Marokko, sie ist jung, großgewachsen und hübsch. An einem meiner ersten Tage trägt sie eine Art silbernes Diadem im Haar. „Nehmen Sie mir dieses Ding ab“, schnarrt die Gouvernante, aber Layla lässt sich nicht unterkriegen. Am nächsten Tag trägt sie eine silberne Haarklammer mit einer großen Libelle daran. Sie möchte die französische Staatsbürgerschaft beantragen, aber dafür bräuchte sie einen festen Arbeitsvertrag.

Drei Wochen sind vergangen, seit ich im Hotel arbeite. Am Ende eines langen Tages, ich mache schon die vierte Überstunde, bin ich müde und verstimmt. Fatima Benchenni taucht auf. „Sagen Sie, glauben Sie nicht, der Job ist zu hart für Sie?“, höre ich sie fragen. Ich antworte, der Job passe mir gut, aber es stimme, dass ich es nicht gewöhnt sei, acht Stunden zu arbeiten und nur für vier bezahlt zu werden. „Das habe ich mir schon gedacht, ich glaube, Sie schaffen das nicht“, sagt die Gouvernante.

„Ich sehe Sie immer weniger auf lange Sicht bei uns. Deshalb glaube ich, ist es besser, wir sprechen jetzt miteinander.“ Dann soll ich sie in ihr Büro begleiten. „Hier ist es zu hart für Sie, aber ich würde Ihnen die Ibis-Hotels empfehlen, da glaube ich können Sie es schaffen“, sagt sie und gibt sich großmütig: „Wenn die mich anrufen, werde ich auch nicht sagen, dass sie zu langsam waren.“ Ein paar Sätze, erledigt.

Luisa Marie Schulz ist Journalistin, den Job im Viersternehotel hat sie zu Recherchezwecken angenommen

06:00 12.06.2019

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