Die Unsrigen, wie sie Schnaufen, schiessen, skaten

Sportplatz Um genau zu sein: 96,3 Prozent meiner Bekanntschaft halten mich für nicht ganz sauber, für plemplem. Die restlichen 3,7 Prozent schweigen vornehm. ...

Um genau zu sein: 96,3 Prozent meiner Bekanntschaft halten mich für nicht ganz sauber, für plemplem. Die restlichen 3,7 Prozent schweigen vornehm. Nur meine Freundin, die versteht mich.

Wie kann ein Mensch, höhnen meine auf jedes drittrangige UEFA-Cup-Match spitzenden Kumpel, allen Ernstes Stunde um Stunde damit zubringen, Wintersport zu gucken? Woran findet ein angeblich kultivierter Zeitgenosse Gefallen, wenn er in silber, blau oder giftgelb glänzende Kunststoffpellen gezwängten Würmern und Würsten dabei zusieht, durch Eiskanäle zu schreddern oder von Schanzen zu hüpfen, ohne dass jemals zu erkennen wäre, weshalb der eine Rodler schneller als der andere fährt oder der eine Skispringer weiter als der andere segelt?

"Komm, wir kochen uns einen Kakao, schmeißen uns aufs Sofa, und dann schauen wir Biathlon", strahlt meine Angebetete, und dagegen ist nichts, rein gar nichts einzuwenden. Hätte sie Skispringen oder den Rodel-Weltcup vorgeschlagen, ich wäre in die Verlegenheit geraten, sie zu düpieren. Ich hätte ein "gutes Buch" (Günter Grass) oder ein "gutes Pils" (Gunter Gabriel) präferiert. Aber so? Biathlon? Aber immer!

Während der lauschigen Wintermonate sind die von Mittwoch bis Sonntag dauernden Biathlonübertragungen der beinahe einzige und fast schon pure Segen des modernen Mediendaseins. Ich verfolge besonders gern die meist zum Herzzittern wackligen, ängstlichen Einsätze der blondschopfigen Thüringerin Katrin Apel. Die Frau bevorzugt den kraftvollen Stil des Schmalkaldeners Sven Fischer. Sie genießt es, lasterhaft herumzulungern und der "herrlichen Quälerei in der Loipe" beizuwohnen. Als Fischer am 20. Januar das Verfolgungsrennen von Ruhpolding (einen der sechs Wettbewerbe) nach einem atemberaubenden letzten Stehendsynchronschießen durch einen titanischen Endspurt gegen seinen Schwager Frank Luck entschied, tollte die Holde vor schierer Begeisterung herum wie mein Vater 1970, da Uwe Seeler mit dem Hinterkopf getroffen hatte.

"Die Unsrigen tragen kleidsame Anzüge", sagt meine Freundin, und ich gestatte ihr generös die Rede von "den Unsrigen". Im Biathlon, dieser unvergleichlichen Kombination aus narrischer Konditionsbolzerei und filigraner Konzentrationsleistung am Schießstand, nämlich treten ausschließlich zurechnungsfähige, freundliche, angenehm besonnene Gemüter an, die keine Grütze plappern und durch so sagenhaft benamste Trainer wie Uwe Müßiggang betreut werden - neben den Unsrigen um Sven Fischer, Ricco Gross, Peter Sendel, um Martina Glagow, Disls Uschi und Andrea Henkel oft sogar im trauten geschwisterlichen Doppelpack: Dag und Ole Einar Björndalen, ein wahres Laufgenie, Ann Elen und Liv Grete Skjelbreid, die Gattin des französischen Kleinkaliberkünstlers Raphael Poirée, dessen Schwester Gael gleichfalls eine prima Figur abgibt.

Schnaufen, Schießen, Skaten - dieser Trias des Rackerns in den "Anstiegen", der psychisch-physischen Sammlung am Schießstand und der eleganten Bewältigung rasanter Abfahrten, antwortet der TV-Konsument durch die selten gewordene Simultanhaltung der Kontemplation und Anspannung. "Im Biathlon", klärt ein Internet-"Biathlonlexikon" unter dem Eintrag "Y wie Y (mathematische Unbekannte)" auf, "gibt es keine absolute Gewissheit, dass im Wettkampf alles glatt läuft. [...] Besonders sich schnell ändernde Windverhältnisse stellen die Athleten am Schießstand gelegentlich vor größere Probleme." Es gilt eben der Satz des Sepp Herberger: "Die Menschen gehen zum Biathlon, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht." Beziehungsweise gilt die Frage der Fragen: Ballert Uschi Disl den fünften Schuss erneut neben die 4,5 Zentimeter (liegend) oder die 11 Zentimeter (stehend) messende Scheibe? Und kassiert darob die entscheidende Strafrunde beziehungsweise -minute?

Nun rankt sich unterdessen - im Zuge der massiv ausgeweiteten Fernsehberichterstattung - leider auch um den schönen, keuschen Biathlonsport, dessen Ursprünge 5.000 Jahre zurückreichen und der seit 1960 olympisch ist, ein partiell groteskes Interview-, Experten- und Eventgewese, bis hin zur "Wettkultur" (www.biathlonworld.com). Ausgerechnet die unfähigsten, die verschnarchtesten Reporter werden, scheint´s, mit Plan berufen. Das ZDF bietet die legasthenieverdächtige Motorsportfachfrau Christa Haas auf, um an der Seite der neunfachen Weltmeisterin Petra Behle irgendwelche kreuzdummen Graphiken deuten zu lassen, und während der Rennen assistiert dem Versprecherchampion Hermann Ohletz der Ex-Aktive Herbert Fritzenwenger, der Karl-Heinz Rummenigges legendäre Co-Kommentatorenaussetzer spielend übertrifft, mutmaßlich bekifft.

"Da muss er dem Tempo Tribut zahlen", hörten wir es zum Beispiel am 13. Januar aus Oberhof faseln - oder: "Kati sieht nicht gut aus". Doch, sah sie, die Kati Wilhelm, die trotz ihrer Erschöpfung noch voller Anmut die Wolfsschlucht hinabbrauste, derweil wir, offenbar schwerst TV-bekloppt, zur Vorbereitung auf Salt Lake City in der beheizten Stube mit glühenden Ohren das Zittern und Bibbern übten.

Aber Kakao soll ja gut für die Nerven sein. Also hoch die heißen Tassen! Auf den Biathlon! Auf das Vergnügen!

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00:00 08.02.2002

Ausgabe 38/2020

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