Die Verantwortung liegt bei beiden Partnern

Im Gespräch Der Geschäftsführer der Berliner Aids-Hilfe, Kai-Uwe Merkenich über freie Entscheidungen, ethische Standards und schwulen Jugendwahn

FREITAG: Was bedeutet der Anstieg der Neuinfektionen für die Arbeit der Aids-Hilfen?
KAI-UWE MERKENICH: Wir haben es heute mit einer anderen Bandbreite von Lifestyles, Sexpraktiken oder Locations als vor zehn oder 15 Jahren zu tun. Da müssen wir in die Szenen gehen, vor Ort präsent sein. Viele wissen zudem nicht, dass noch immer ein Drittel der Patienten an Aids stirbt, Jüngere denken oft, Aids betreffe nur Ältere. Dabei gibt es gerade in der Gruppe der bis 29-Jährigen einen markanten Anstieg. Sich konsequent zu schützen ist zudem ein großer emotionaler Kraftakt. Die Frage nach HIV ist zum Beispiel am Beginn einer Liebesbeziehung oft tabu. Dann ist da das Missverständnis, man könne jemandem eine HIV-Infektion ansehen. Wir müssen heute sehr viel genauere Informationen anbieten. Da heute vieles über das Internet läuft, schalten wir gezielt Banner in den üblichen Chatforen, so dass User leicht auf Internetberatung zugreifen können.

Ein Slogan der Aidshilfen aus den achtziger Jahren lautete: "Jeder HIV-Positive hat das Recht auf ungeschützten Sex". Kann man das heute noch so stehen lassen?
Nur, wenn es entsprechend ausgehandelt wird. Wenn zwei Partner voneinander wissen, dass sie infiziert sind, ist das eine freie Willensentscheidung. Wenn es verschwiegen wird, ist es mindestens versuchte Körperverletzung. Ethisch-moralisch betrachtet, liegt die Verantwortung beim Sex bei beiden Partnern. Sex ist Vertrauenssache, da steht jeder in der Verantwortung. Die Aidshilfen sprechen sich vehement für Safer Sex aus - denn auch HIV-Positive untereinander gefährden ihre Gesundheit ohne Kondom mehr, als wenn sie sich schützen. Wenn zwei Partner sagen: "Wir wissen, was wir da tun", ist das ihre freie Entscheidung. Aber auch hier klären wir auf.

Wie gehen die Aidshilfen mit Barebacking um?
Das Phänomen ist eine Randerscheinung. Etwa zwei Prozent, sagen verlässliche und repräsentative Studien, geben an, dass sie immer ungeschützten Sex machen. Dennoch befassen wir uns natürlich mit dieser Gruppe, aber sie ist schlecht erreichbar. Wir können nicht auf private Bareback-Partys gehen. Es gibt Saunen, Darkrooms oder Sexpartys, wo ungeschützter Sex gegen den Willen der Betreiber vorkommen kann. Da sind wir vor Ort und bieten Beratung an. Wir versuchen auch, die Ursachen zu erkennen, um entsprechende Angebote zu machen.

Welche Gefahren sehen Sie bei der Präventionsarbeit?
Wir müssen klar und besonnen bleiben und weiterhin gegen Diskriminierung vorgehen. Man kann von Drogenabhängigen, die diskriminiert werden, nicht erwarten, dass sie sich schützen. Wir müssen die Lebensverhältnisse dieser Gruppe akzeptieren und verbessern. Auch beim Thema Barebacking haben wir jetzt prophylaktisch Antidiskriminierungsarbeit zu leisten. Man wirft Jugendlichen ja auch nicht vor, dass ungewollte Schwangerschaften passieren, sondern klärt sie auf, stabilisiert, motiviert.

Was wünschen Sie sich innerhalb der Szene?
Eine ethische Haltung. Mit ethischen Werten durchzukommen ist in unserer schnelllebigen Gesellschaft immer schwieriger. Wir sind für ethische Standards, dazu gehört zum Beispiel, dass wir Gesundheit für ein hohes und ganz wichtiges Gut halten. Gerade in der Schwulenszene gibt es einen großen Jugendfetischismus und viele kommen schon mit 30 in die erste Midlifecrisis. Wir sagen den Jungen: Es gibt ein Leben jenseits der 30. Aber es macht nur Spaß, wenn man gesund ist und nicht schwerstbehindert in Frührente gehen muss. Eine HIV-Infektion ist keine wünschenswerte Lebensperspektive.

Das Gespräch führte Fabian Kress


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00:00 28.04.2006

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