Die verborgene Wirklichkeit retten

Jubiläum IV Vieles nahm einen anderen Gang als 1990 angenommen

Als wir anfingen, war da eine echte Freude über die Öffnung der Mauer. Das eigene Denken schien sich mit zu öffnen. Wir sahen mit der Auflösung der zwei Machtblöcke das ersehnte Ende der gegenseitigen Bedrohung mit Vernichtungswaffen kommen. Der ewige Antikommunismus, der das Denken blockierte, würde an Stoffmangel verkümmern und in der internationalen Politik würde sich mehr Raum für Vernunft auftun. Es wirkt heute unglaubwürdig, ich wüsste es wohl kaum noch, aber finde es in meinen Notizen.

Diese Zeit eines Aufatmens dauerte nur kurz - einen Winter, ein Frühjahr, noch den Sommer. Auch den Herbst unserer Gründungsphase als Freitag. Dann nahm alles einen anderen Gang.

Die nun folgenden Jahre vom Standpunkt des Zeitungsmachens aus zu betrachten, macht schwindlig. Als erstes hatte sich unerwartet eine neue geistige Mauer zwischen Ost und West gezeigt. Aber das gehörte noch nicht zu den tiefen Erschütterungen, man staunte und ließ sich zu unterschiedlichen Deutungen reizen. Im Grunde blieb es mit diesem Konflikt, einem der Freitag-Themen, bis heute ähnlich, nur dass es deprimierend wurde, auch aggressiv machte, auf die stets gleichen, platten Sprüche zu stoßen. Die wirkliche, bis heute anhaltende Erschütterung waren die Kriege, die soziale Demontage ohne starke Gegenwehr und die Sprachlosigkeit der Linken. Das hat uns gebeutelt, gepeinigt, umhergeschleudert und herausgefordert.

Zur Vorgeschichte gehört die Deutsche Volkszeitung (DVZ), die mehr als 30 Jahre lang in Düsseldorf erschienen war, gegründet in der seltsamen Verbindung von Konservativen und Kommunisten, auch christlichen Gruppen, die in den fünfziger Jahren die Einheit Deutschlands anstrebten. Gegen Adenauer. Eine der politischen Konstellationen, die sich kaum noch jemand vorstellen kann. Später war die DVZ eine Wochenzeitung der Friedensbewegung, alternativer Gruppen, der Gewerkschaften, antifaschistischen Zusammenschlüsse, der Entspannungspolitik, der Aufklärung über die sozialistischen Länder - sie stand der DKP nah.

Im Januar 1990 gründete sich die Volkszeitung in Berlin neu. Das Geld dafür kam aus einer damals überraschenden, großzügigen Spendenaktion der Leser. Die Redaktion war nun viel kleiner und neu zusammengesetzt. Überhaupt alles wurde neu bestimmt, und die acht Monate bis zur Fusion mit dem SONNTAG waren wie eine rasante Fahrt, bei der man sich mit Spannung, auch einem gewissen Leichtsinn, mit Euphorie und zuweilen Erschöpfung auf das Unbekannte einlässt.

Natürlich formulierten wir auch unsere Prämissen, sehr vorsichtig taten wir es. Die größte Angst des neuen Teams war, auf eine "Linie" festgelegt zu werden. Wir waren ganz auf die neue Offenheit eingeschworen, auch viele der Autorinnen und Autoren. "Wir haben nichts zu verkünden, aber viel zu erkunden", stand in unserem Papier an die Abonnenten. Gegen die Sorgen in der Leserschaft, dass die neue Zeitung in Beliebigkeit abrutscht, setzten wir wie Zauberwörter die Begriffe "Genauigkeit und Ernst-nehmen": das Thema ernst nehmen und die Leser. Daraus würde sich ein anderer Ton ergeben, hofften wir, er sollte uns von der übrigen Presse unterscheiden - der Blick sollte auf die Gesellschaft von unten gerichtet sein.

Die verborgene Wirklichkeit retten - diese Formel einer Hamburger Autorengruppe nahmen wir auf. Dass sie bis heute mein Leitmotiv bleiben würde, habe ich damals nicht gedacht. Die Formel hat gehalten, ist immer noch gültig. Wie Wirklichkeit abhanden kommen und die eigene Erfahrung zerredet werden kann, und wir an den Zügeln unserer Gefühle hierher und dahin gezogen werden können - wie viele neue Hitler wir schon inbrünstig hassten und dabei den Überblick verloren, haben wir inzwischen bis zum Exzess erlebt. Die Wirklichkeit schreibend retten oder bescheidener: dazu beitragen, dass man sich auf sie einlässt und sie aufmerksam wahrnimmt, ihr noch glaubt - so zu schreiben wurde dann im Freitag auf besondere Weise möglich. Wirklichkeit beschreiben war die Qualität des SONNTAG, sein Markenzeichen in der DDR, das die Redaktion mit einbrachte in die neue Zeitung.

Der Bruch war der Golfkrieg 1991. In jenen drei Monaten, Januar bis März, veränderte sich die Tonlage im Land und auch im Freitag gründlich. Es war der Moment für viele Linke, sich von Vergangenheiten, Theorien, auch von einander, zu verabschieden. Der Fall der Mauer hatte noch keine solche Bewegung ausgelöst, aber es war wohl auf einen Anlass, die Trennung nachzuholen, gewartet worden. Dass es ein Abschied von der Linken für immer sei, habe ich nie gedacht, sicher auch sonst kaum jemand in der Freitag-Redaktion. Doch erst einmal entglitt fast alles.

Wir erlebten, wie es misslang, sich zu verständigen. Auch Linke aus Ost und aus West taten sich schwer, oft wünschten sie die Verständigung nicht einmal. Was sie jeweils hinter sich hatten, war zu unterschiedlich. Die DDR hatte die berühmten "Mühen der Ebenen" gelehrt, die Enttäuschungen, den Zwang zu Entscheidungen mit erheblicher Tragweite unter Bedingungen des Mangels, auch in Wirtschaft und Wissenschaft. Im Westen hatte man an Theorien gefeilt, an Gegenkulturen gebaut, die Wirkungslosigkeit ertragen, auch Ausdauer gezeigt in basisdemokratischen Gruppen. Man behielt seine Erfahrungen für sich. Sie galten auch nicht mehr direkt, die Dinge entwickelten sich anders als geahnt und das in überwältigendem Tempo.

Seither muss jede bisherige Vorstellung geprüft werden. Da ist keine Erkenntnis, kein Begriff, nicht einmal die Sprache selbst, die noch gesichert zur Verfügung stehen würden.

Eine Linke - was sollte das überhaupt sein? Wenn man anfängt, sie zu definieren, entsteht schnell ein Wortgestrüpp. Dennoch scheint mir, alle wissen, was gemeint ist. Günter Gaus hat sich oft amüsiert über die Verrenkungen und Verleugnungen in Redaktions-Debatten. Und was haben wir gestritten über Tendenzen mancher Artikel, über Bellizisten und Pazifisten, Anti-Amerikanismus, über die PDS, aber auch über zu lange oder zu akademische Texte, Fehlendes, Doppeltes, Überschriften, Unterzeilen. Alle verteidigten "ihre Seiten". Bis heute ist das so.

Wenn wir die fertige Zeitung anschauen und wie jeden Donnerstag Nachmittag "Blattkritik" üben - zuverlässig seit 15 Jahren -, ist die Nummer oft besser als im Produktionsstress gedacht und von der Redaktion beurteilt. Sie ist die Summe aus vielen Größen. Es gibt für den Freitag Qualitätsmaßstäbe, die niemand unterlaufen will und darf. Der Einfluss der Herausgeber spielt bei all ihrer Zurückhaltung herein, und vorsichtige Verlegerwünsche werden aufgenommen. Es gibt politisches Engagement oder Ressentiment, die sich ihren Weg in die Texte bahnen, manchmal auch ungewollt.

Die persönliche Handschrift, der eigene Ton, die Treue zu sich selbst bleiben Kriterien. Nicht routiniert werden im Sinne von Glätte, aber professionell. Plötzlich fällt mir ein, dass in der Anfangszeit "nicht professionell" unser Angstwort war und das schlimmste Urteil, das einen treffen konnte. Diese Angst hat sich gelegt. Angstphasen um den Freitag aber haben wir einige Male durchgestanden. Manchmal können wir kaum glauben, dass es ihn noch gibt. Andere Wochenzeitungen mit höheren Auflagen und großen Verlagen im Rücken wurden aufgegeben. Nur wenn man Leuten begegnet, die den Freitag nicht kennen, die aber vielleicht gerade die "typischen Freitag-Leser" wären (ich will sie - das Bild, die Vorstellung von ihnen - hier nicht beschreiben), dann tut es kurz weh.

Kommt "die Stunde des Freitag" noch? Die wachsende Aufmerksamkeit für diese spezielle Zeitung, die wirklich ganz und gar unabhängig ist, es nicht nur behauptet, sondern es "lebt"? Keine Kapital-Abhängigkeit, keine Partei-Bindung, keine Rücksichten auf Machthierarchien, ein offenes Feld für das Nachdenken über die Gesellschaft in ihren ungeheuren Veränderungsprozessen, über Politik, Kunst, auch Philosophie, über jene, die sich wehren und von Medien meist ausgeschlossen bleiben. Eine Zeitung mit niedrigen Honoraren, und doch den besten Autorinnen und Autoren, die ein solches Feld schätzen.

Die Redaktion hatte in ihren bisherigen Räumen immer einen Ort, an dem sich die Wege der Redakteure kreuzten und Gelegenheit zum Austausch waren - in Kreuzberg eine Küchentheke im breiten Flurstück, dann in Treptow ein großer Mittelraum mit weißen Tischen, auf denen alle Zeitungen lagen. Jetzt in der Potsdamer Straße ist es der helle Layoutraum, wie schon manchmal im "Tagebuch" beschrieben. Da wächst die Zeitung jede Woche, die Seiten hängen an den Wänden, man schaut nach den Fotos, den Überschriften, den Seiten der anderen, plaudert, auch über politische Ereignisse. Und eines Tages wird der Geschäftsführer hereinkommen und sagen: erstaunlich, die Auflage ist in den vergangenen drei Wochen um Tausend gestiegen ...

Die Autorin war bis 1990 Redakteurin der Volkszeitung.

Die Langfassung dieses Textes kann in der Freitag-Anthologie Ernstfall Einheit nachgelesen werden. Das Buch ist soeben in der Reihe Edition Freitag erschienen.


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00:00 11.11.2005

Ausgabe 39/2020

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