Die vergangene Barbarei

Literatur Professor Schütz rast durch die Historie des Erdklimas, sieht menschliche Reiche kommen und vergehen
Erhard Schütz | Ausgabe 38/2019
Die vergangene Barbarei
Die Natur hat sich nie ganz vom Menschen einfangen lassen

Foto: Vano Shlamov/AFP/Getty Images

Das hier kommt vom Indiana Jones der Entomologie. Mark W. Moffett will uns zeigen, was uns gesellschaftlich zusammenhält. Denn Ameisen leben in großen, anonymen Agglomerationen – Schwärme agieren zwar in riesigen Zahlen, bilden aber keine Gesellschaften. Elefanten und Affen aber können ungefähr bis 50 zählen und sich Angehörige der Herde persönlich merken Das können wir nicht, aber – wie Ameisen – uns gesellschaftlich verhalten, etwa in ein Café mit lauter Fremden kommen und uns sicher fühlen. Naja. Dann noch Herstellung oder Verweigerung von Zugehörigkeit. Retour also in die Prähistorie, zur Gewalt als Gesellschaftskitt, weil Zusammenschlüsse nicht allzu freiwillig sind. Es beginnt, was in Rassismus endet: die Unterscheidung von uns und denen. Im Zerfall von Staaten und Imperien werden meist vermeintlich verschwundenen Grenzlinien wieder akut. Doch trotz Gewalt und Genozid wird alles amerikanisch gut: „Wir ... verfügen über eine gewisse Fähigkeit, unserer ererbten Konfliktneigung durch bewusste Selbstkorrektur entgegenzuwirken. Geteilt werden wir sein, und geteilt werden wir bestehen.“

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Irgendwann blicken Forscher vom Lokalen ins Globale. So auch James C. Scott, der ursprünglich anthropologisch in Südostasien forschte. Motiviert von Pierre Clastres (1934 – 1977), der eine Großhypothese zu staatlichen und gegenstaatlichen Gesellschaften entwickelte, legt Scott eine „Tiefengeschichte der frühsten Staaten“ vor. Im Original Against the Grain, wörtlich: Gegen das Korn, übertragen: gegen den Strich. Es geht um Korn und gegen den Strich – den des Narrativs, wonach in der neolithischen Revolution Menschen durch Domestikation von Tier und Pflanze sesshaft werden und Staaten ausbilden konnten. Die Gegenerzählung geht, knapp, so: Sesshaftigkeit und Domestikation war ursprünglich entkoppelt, Hierarchien gab es nicht. Die Domestikation aber schuf wechselseitige Abhängigkeiten von Tier, Pflanze und Mensch. Das führte ihn zu den Siedlungen im mesopotamischen Schwemmland, in dem bei stabiler Nahrungsgrundlage die Bevölkerung dennoch nicht wuchs. Schuld war die Konzentration an einem Ort, dadurch schnelle Verbreitung von Krankheiten und höherer Sterblichkeit. Gegen die Bedrohung des Fortbestands kamen Hierarchien ins Spiel, Eliten, die auf der Basis der Kornproduktion Steuern erhoben. Das ging an die Subsistenzgrundlagen, sodass die Bevölkerung floh. Der Staat antwortete mit Versklavung. Dennoch hielten die damaligen Staatsgebilde nicht lange. Die Geflohenen gingen in einen sekundären Primitivismus als „Barbaren“. Sie handelten mit den Staaten oder beraubten sie. Je nachdem. Doch als sie sich der Sklavenjagd und Kriegsführung des Staates zur Verfügung stellten, gerieten sie wieder in Abhängigkeit – aus war’s mit dem goldenen Zeitalter der Barbarei. Wenn das alles so stimmte, fügen wir hinzu, dass seither auch die Gegenstaatler staatsförmig hierarchisch organisiert sind.

Es muss nicht gleich der Zusammenstoß der Welten sein, den Immanuel Velikovsky 1950 für die irdischen Katastrophen der letzten 5.000 Jahre namhaft machte, auch so ist naturkatastrophisch allerhand unterwegs. Erdbeben und Überschwemmungen zumal. Da könnte man global ausgreifen, aber nur auf Lissabon, San Francisco oder Samoa lässt Nicolai Hannig seinen Blick schweifen, sonst bleibt er im Bayerischen und Schweizerischen, woher er seine minutiösen Belege bezieht. Es geht ihm um den seit 1800 verschärft unternommenen Versuch, allgemeine Gefahren der Natur berechnen, kalkulieren, versichern und präventiv vermeiden zu können. So entsteht die Vorbeugegesellschaft des 19. Jahrhunderts, in dem nicht nur das Versicherungswesen entsteht, sondern auch ein starker Staat manifest in die Landschaft interveniert. Das formt das Gesicht der Natur und das Bewusstsein der Gesellschaft. Freilich wogt da ein Kampf von Regulierung und Deregulierung, schon, weil aus der Regulierung neue Probleme zu entstehen pflegten. Und so fort.

International opfern Schüler selbstlos Freitage, an denen sie lieber lernen würden, wie man die Klimaveränderung verändert. Auch sie, sagt Lewis Dartnell, sind „Geschöpfe der Erde“, Ergebnisse geoklimatischer Entwicklungen seit erdlichem Anbeginn. Der Astrobiologe geht Bodenformationen, Mineralien, Wüsten- und Steppenbändern, Wind- und Meeresströmungen, Berg und Tal nach. „Die gesamte Geschichte der Zivilisation stellt lediglich einen Wimpernschlag in der gegenwärtigen Zwischeneiszeit dar“. Hier wird breit gesehen. Anekdotisches illustriert Grundsätzliches. Warum die Countys des amerikanischen Südostens, die demokratisch wählen, einem Bogen aus 75 Millionen Kreidefelsen folgen. Warum es in Manhattan zwei Wolkenkratzer-Konzentrationen gibt – es sind die Enden einer Schiefer-Synklinale. Derlei mehr, von den Pyramiden bis zum Mittelmeer. Oft erhellend. Meist sind es aber keine Abhängigkeiten, sondern Wechselbeziehungen.

Info

Was uns zusammenhält. Eine Naturgeschichte der Gesellschaft Mark W. Moffett Sebastian Vogel (Übers.), S. Fischer 2019, 683 S., 26 €

Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten James C. Scott Horst Brühmann (Übers.), Suhrkamp 2019, 329 S., 32 €

Kalkulierte Gefahren. Naturkatastrophen und Vorsorge seit 1800 Nicolai Hannig Wallstein 2019, 654 S., 39,90 €

Ursprünge. Wie die Erde uns erschaffen hat Lewis Dartnell Thorsten Schmidt (Übers.), Hanser Berlin 2019, 380 S., 25 €

06:00 02.11.2019

Ausgabe 22/2020

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