Die Vermessung des Genialen

Gesteigerte Reizbarkeit Alte Genietheorie und neue Hoch­begabtenforschung kommen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen

Intelligent ins neue Jahr. Mensa feiert Silvester", stand zum Jahreswechsel auf der Homepage von Mensa, dem Verein der Hochbegabten in Deutschland. Hochbegabt zu sein, das darf gefeiert werden, denn wer zu den Intelligentesten gehört, wird von Wissenschaft und Wirtschaft umworben und gehört zur Crème de la Crème.

Der Kontrast zu früheren Annahmen über das Los der Hochbegabten könnte kaum größer sein. 1864 war in erster Auflage Genie und Irrsinn erschienen, das berühmte Werk des Turiner Psychiaters Cesare Lombroso, in dem ein seit der Antike bekannter Gedanke wissenschaftlich belegt wurde, nämlich dass "kein großer Geist ohne Beimischung von Wahnsinn" denkbar ist, wie es bereits bei Aristoteles heißt. Überragende Leistungen, so versuchte Lombroso nachzuweisen, seien ohne gesteigerte Reizbarkeit des Nervensystems nicht vorstellbar. Ein völlig normaler Zustand des Organismus vertrage sich nicht mit höherer Begabung, fast alle bedeutenden Menschen seien hochgradig nervös, psychisch labil und in nicht wenigen Fällen mehr oder weniger psychotisch gewesen. Speziell der Epilepsie hatte Lombroso bei Genialen eine besondere Bedeutung zugesprochen. Oft bewirke sie bei ihnen jene Inspiration und den ekstatischen Ausnahmezustand, der unverzichtbar sei, wenn in Kunst, Wissenschaft und Philosophie etwas wirklich Großes geleistet werden soll.

Genie als Dekadenzphänomen

Für solche Thesen brachten Lombroso und seine zahlreichen wissenschaftlichen Anhänger eine Menge Material herbei. So enthält etwa die umfangreiche, von Wolfram Kurth und Wolfgang Ritter fortgeführte Dokumentation des Psychiaters Lange-Eichbaum Genie - Irrsinn und Ruhm (1928/1996) die wohl umfangreichste Sammlung biographischer Daten zu diesem Thema. Aus Tausenden von Quellen zusammengetragen, entfaltet sie ein Panorama der Auffälligkeiten und der Abnormitäten bekannter Künstler, Wissenschaftler und Philosophen. Die Belege lassen offenbar nur einen einzigen Schluss zu: Fast keiner der Großen der Wissenschaft, des Geistes, der Religion und Politik war seelisch ganz gesund gewesen. Dabei sind die großen Geisteskranken wie Hölderlin, Nietzsche oder van Gogh nur die bekanntesten Fälle. Daneben häufen sich neurotische Störungen, Suizidneigung, sexuelle Perversionen, Hypernervosität und ein allgemeines Elend von Menschen, die zwar überdurchschnittlich leistungsfähig waren, aber zugleich auch zu den großen Leidenden gehörten.

Deutlicher noch als Lange-Eichbaum stellte der prominente, in Zusammenhang mit seiner Konstitutionstypologie und dem Eugenik-Programm der Nazis heute allerdings umstrittene deutsche Psychiater Ernst Kretschmer in seinem Werk Geniale Menschen (1. Aufl. 1929) den biologischen Hintergrund dieser seelischen Abnormität heraus. Die "Tragik vieler genialer Lebensläufe" beruhe auf einer biologisch "seltenen und extremen Variantenbildung menschlicher Art." Zu solchen Extremen komme es bevorzugt in "Talentfamilien", die kurz vor ihrem biologischen Niedergang stehen. "Genie entsteht im Erbgang besonders gerne an dem Punkt, wo eine hochbegabte Familie zu entarten beginnt." Als Beispiele nennt Kretschmer die Familien Goethe, Byron, Beethoven, Bach, Michelangelo und Feuerbach. Genie sei also ein "Dekadenzphänomen" - ein Gedanke, der sich auch schon bei Lombroso findet.

So sieht Kretschmer einen Gegensatz: Auf der einen Seite der Normalmensch, biologisch gewissermaßen den Durchschnitt repräsentierend, ausgeglichen, alltagstauglich, mit einer "gesunden Plattköpfigkeit, die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen will, auf der anderen Seite aber das Genie, der teilweise psychopathische Ausnahmemensch mit seinen übersensiblen Nerven, seinen heftigen Affektreaktionen, seiner geringen Anpassungsfähigkeit, seinen Launen, Stimmungen und Verstimmungen."

Doch wen betrachtete man überhaupt als genial? Was war der Maßstab? Hierfür fehlten die objektiven Kriterien. Lange-Eichbaum schlug vor, dass es nicht darauf ankomme, wer faktisch genial sei, sondern wer als genial bezeichnet werde. An die Stelle objektiver Merkmale tritt für ihn die subjektive Rezeption und Wahrnehmung durch die Verehrergemeinde. Erst der Ruhm ist es, der das Genie erzeugt. Deshalb sei es nötig, dass vom Genie eine gewisse Faszination ausgehe. Genialität sei eine "Genussgröße", die im Beurteiler das Empfinden erzeugt, jemand sei "groß" und in seinen Leistungen überragend. "Der wahren Genussgröße, nämlich nicht bloß dem Werk, der Leistung alleine, sondern dem Zusammenklang von Werk und Person und Schicksal und Ruhm entspricht innen, auf der Seite der Verehrer, der subjektive Genieakkord".

Der IQ als Messlatte

Mit der Entwicklung von Intelligenztests schien man jedoch zunehmend objektiv sagen zu können, wer zu den Höchstbegabungen gehört. Nach der in Deutschland üblichen Skala, so definierte man, fange etwa ab etwa einem IQ von 130 bis 140 allmählich die "Genialität" an. Weniger als zwei Prozent aller Menschen erreichen diesen IQ. Seltsam war nur, dass diese nun strenger empirische Annäherung das Gegenteil dessen nachzuweisen schien, was die ältere Forschung herausbekommen hatte.

So ergab die in den USA entstandene Terman-Studie, dass hochbegabte Menschen keineswegs besonders problematisch, sondern körperlich und psychisch vorwiegend besonders gesund seien. Über 35 Jahre hinweg hatte man die Entwicklung von Hochbegabten verfolgt. Die These vom wahnsinnigen Genie verlor sich dabei im Niemandsland wissenschaftlicher Mythen.

Auch das vergleichbar aufgezogene Marburger Hochbegabtenprojekt kam zu diesem Ergebnis. Noch nicht einmal die weit verbreiteten Vorstellung, Hochbegabte seien häufig Schulversager oder auch sonst im Leben oft schlechter angepasst, konnte gehalten werden. Der Leiter des Marburger Projekts Detlef H. Rost: "Hochbegabte sind im Schnitt psychisch genauso stabil oder stabiler. Das haben alle Untersuchungen weltweit gezeigt." Und sowohl die Terman-Studie als auch das Marburger Projekt ergaben, dass Hochbegabte im Leben in der Regel erfolgreich sind, gut verdienen und eigentlich eher dem Ideal des positiv angepassten Aufsteigers als dem des begabten Sonderlings entsprechen.

Die ältere Genietheorie und die neuere Hoch­begabtenforschung kommen also zu völlig konträren Ergebnissen. Es könnte gefragt werden, ob es an den jeweiligen Forschungsansätzen liegt. Forschungsergebnisse werden in hohem Maße durch die Erwartungen der Forscher und auch deren kulturelles Umfeld mitbestimmt. Der IQ als Auswahlkriterium für "Genialität" führt vielleicht zu anderen Ergebnisse als der biographische Ansatz der älteren Forschung. Und da zeigt sich, dass das dämonische und psychisch kränkelnde Genie verschwunden ist. Stattdessen treten die so genannten "High Potentials" ins Blickfeld. Sie werden in Wissenschaft und Wirtschaft gebraucht, um das Funktionieren einer hoch technisierten Gesellschaft und um Wirtschaftswachstum sicherzustellen. War etwa zur so genannten "Geniezeit" des späten 18. Jahrhunderts der Künstler das Idealbild des geistigen Führers, von dem visionäre Sinndeutungen erwartet wurden, so ist der Hochbegabte heute wohl eher ein nüchterner Problemlöser.

Das Genie der Zukunft: eine Maschine

Gleichwohl hat die amerikanische Psychologin Catharine Morris Cox bei 300 Genies der Vergangenheit unter Anwendung des Stanford-Binet-Tests den IQ errechnet. Mit einem IQ von über 200 wird diese Liste von John Stuart Mill, Leibniz und Emanuel Swedenborg angeführt. Auffallend ist jedoch, dass gegenwärtig eine New Yorker Zeitungskolumnistin, Marilyn vos Savant, auf Grund solcher Parameter intelligenter sein soll als Goethe. Sie verfügt angeblich über einen IQ von 218, während Goethe nur 210 Punkte auf die Waage brachte.

Hinter der Bewunderung, die wir solchen (zweifelhaften) Zahlen entgegenbringen mögen, steckt allerdings der komplette Verzicht auf qualitative Unterscheidung. Denn ganz offensichtlich sagt die "Kennziffer" nur wenig über die Qualität und damit über das Wesen der fraglichen Leistungen aus. Auch die so genannten "Elite-Gehirnforschung" führt hier nicht weiter. Bislang fand man keinerlei Unterschiede zwischen den Gehirnen der "Normalen" und denen der besonders Begabten. Die Theorie, deren Gehirne seien schwerer oder größer als bei anderen Menschen, hat sich erledigt, denn Einsteins Gehirn war offenbar leichter und kleiner. Auch bei der EEG-Untersuchung an der Princeton-Universität, in die Einstein einwilligte, kam nichts Brauchbares heraus. Die Vermessung des Genialen führt also auch auf dieser Ebene zu eher begrenzten Ergebnissen. Die dahinter stehende Vorstellung zeigt jedoch ein kulturbedingtes Erwartungsmuster: Gehirne sind Maschinen, deren Leistungen quantifiziert werden können. Insofern sind sie austauschbar und - das ist die Vision der Zukunft: Sie können als "Elektronengehirne" nachgebaut werden. Das wahre Genie der Zukunft wäre also der Supercomputer.

Im Hinblick auf das Thema Hochbegabung arbeitet man unterdessen mit so genannten Mehrfaktorenmodellen, die also nicht nur den IQ zugrunde legen. Könnte es nicht dennoch sein, dass es sich die Forschung zu einfach macht? Lange-Eichbaum konstatierte: "Genie-Werden bleibt eine höchst verwickelte Beziehung zwischen zahlreichen Größen." So sei zum Beispiel die Unklarheit oder Vieldeutigkeit "genialer" Werke von großer Bedeutung. Viele Philosophen seien gerade deshalb als Genies anerkannt, weil ihre Schriften nur schwer zugänglich sind und zu kontroversen Interpretationen Anlass geben.

Selbst die Weise, wie ein Genie stirbt, entscheidet manchmal mit darüber, in welchem Ausmaß ihm die Nachwelt diesen Glorienschein zubilligt und ob sie ihn in das Pantheon der Unsterblichen aufnimmt. So sei, so meint Lange-Eichbaum, der Doppelselbstmord am Wannsee, den Heinrich von Kleist zusammen mit Henriette Vogel beging, mit eine Ursache für seinen nachfolgenden Ruhm. Jedenfalls hänge es in hohem Maße vom Betrachter und Beurteiler ab, aufgrund welcher Merkmale jemand als hochbegabt, höchstbegabt oder gar als genial eingestuft wird. Wir können darüber einen Konsens herzustellen versuchen, aber die Vorstellungen über das, was als begabt, leistungsfähig, "groß" und genial angesehen werden soll, wechselt mit dem kulturellen Wandel.

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