Die Vermessung des Himmels

Nicht in Berlin In Sachsen-Anhalt lässt sich die Steinzeit-Astronomie entdecken. Wenn man den Weg findet
Tobias Prüwer | Ausgabe 32/2016
Die Vermessung des Himmels
Thront über dem Unstruttal: das Besucherzentrum Arche Nebra

Foto: Köhn/Imago

Nachdem die Geschichte dann ein gutes Ende nahm, muss man den Raubgräbern dankbar sein, dass sie dieses Artefakt ans Licht gezerrt hatten. Denn sie entdeckten, im Juli 1999, eine Sensation: die Himmelsscheibe von Nebra, die zuvor rund 3.600 Jahre auf dem Mittelberg unter der Grasnarbe ruhte. Dabei ist sie nur eines der vielen Relikte im Saale-Unstrut-Land, die zeigen, wie der Blick auf die Himmelsbewegungen vergangene Kulturen beschäftigt hat, lange bevor die Gegend Sachsen-Anhalt hieß.

Vergangenheit ist das richtige Stichwort. Zumindest kulturpolitisch dominiert in Sachsen-Anhalt nämlich der Blick zurück, das Tourismusmarketing lebt vor allem von Restauration. Erst am letzten Juliwochenende wurde zum Beispiel in Wernigerode ein Bismarck-Gedenkstein enthüllt. (Der spätere Reichskanzler soll dort 1846 bei einer Harz-Tour seine Frau Johanna von Puttkamer kennengelernt haben.) Und gleich eine ganze Dekade wird dem Geburtstag der Reformation gewidmet. Zieleinlauf der erinnerungspolitischen Tour de Force ist im Oktober 2017.

Zehn Jahre Gedenken, da bleibt in Sachsen-Anhalt für die Gegenwart kaum Luft. Dementsprechend schien es auch fast sinnbildlich, als Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) die Wiedereröffnung von Martin Luthers Sterbehaus im Jahr 2013 einen „Meilenstein in der Geschichte“ des Landes nannte.

Zur goldenen Barke

Die Himmelsscheibe passt also gut in die anhaltinische Kulturlandschaft. Macht man sich auf den Weg zu ihr, ist man aber zunächst einmal mit ungeahnten Schwierigkeiten konfrontiert. Denn im Gegensatz zur Klarheit der Himmelsscheibe fällt die Straßenausschilderung miserabel aus. Zwar wird Nebra an der A 38 zwischen Göttingen und Leipzig schon vor der angepeilten Abfahrt ausgewiesen, doch folgt man dann den weiteren Wegweisern, verliert man sich nach Dutzenden Kilometern im Dreieck Naumburg-Weißenfels-Querfurt. Endlich angekommen, entschädigt aber gleich der erste Blick. Wie die goldene Barke auf der Himmelsscheibe thront das multimediale Besucherzentrum Arche Nebra über dem Unstruttal.

Die archaisch anmutende Konstruktion, die 2007 eröffnet wurde, zeigt sich an diesem Wochentag menschenleer. Vielleicht sind alle Bismarck gucken? Bei freier Platzwahl im digitalen Planetarium erfährt man, wie die Menschen vor drei Jahrtausenden mit der Vermessung des Himmels begannen. Dabei wird anschaulich, wie die Himmelsscheibe – das Original wird eine halbe Autostunde entfernt im Museum für Vorgeschichte in Halle verwahrt – der Orientierung im Jahreskreis diente.

Sichel- und Vollmond sowie Plejadenhaufen bestimmen Aussaat- und Erntetermine. An den links und rechts angebrachten Horizontbögen lassen sich Sommer- und Wintersonnenwende ablesen. Der Vorteil der Kopie: Man darf sie anfassen und staunt über das Gewicht von gut zwei Kilogramm. In Kupfer und Gold dokumentiert die älteste konkrete Himmelsdarstellung der Welt den Lauf von Sonne und Mond. Dabei relativiert sie en passant auch die Vorstellung von den primitiven Früheuropäern, die lange im Schatten sumerischer und ägyptischer Hochkultur standen. Denn das bronzezeitliche Relikt muss einer arbeitsteiligen Gesellschaft entsprungen sein. Zusammen mit seinen Beifunden deutet es kulturelle und ökonomische Beziehungen bis in den Mittelmeerraum an.

Zur Sonne

Skizziert wird auch die Kriminalgeschichte des Funds. Nach ihrer illegalen Bergung im Jahr 1999 und einer dreijährigen Odyssee konnte die Schweizer Polizei die Scheibe schließlich sicherstellen. Zudem zeigt die Ausstellung Handwerkskunst und Naturwissen der Bronzezeit, zieht Parallelen zu anderen Artefakten der Frühzeit-Astronomie und informiert über das Sonnenobservatorium von Goseck. Durchs große Panoramafenster erspähe ich den Fundort der Scheibe. Die wenige Minuten entfernte Hügelkuppe kann direkt per Busshuttle erreicht werden, wo über Baumkronen hinweg ein Aussichtsturm den Blick bis zum Harz freimacht.

Am Brocken nordeten die Menschen die Himmelsscheibe einst als Sonnenkalender ein, mutmaßen Archäologen. Für den Aufstieg im offenen Treppenhaus sollte man ziemlich schwindelfrei sein, sonst sorgen das Übermaß an Transparenz nach unten und die sich verdreht gegeneinander verkeilenden Wände für weiche Knie. Der Rückweg zum Parkplatz, der von köstlichen Walderdbeeren gesäumt wird, macht jedoch alles wieder gut.

Mit dem Nachgeschmack der Beeren im Mund steuere ich zwischen Naumburg und Weißenfels eine weitere Stätte prähistorischer Astronomie an. Da die Beschilderung abermals zu wünschen übrig lässt, passiere ich in meiner ratlosen Herumkurverei zunächst unzählige Weltkriegsdenkmäler, bis mir eine halbfreundliche Kioskverkäuferin den Weg weist. Auf grünem Acker breitet sich das Sonnenobservatorium Goseck aus. Im 7.000 Jahre alten, aus rundem Erdwall und innerem Pfahlkreis bestehenden Heiligtum wird dank wissenschaftlicher Rekonstruktionen der steinzeitliche Sonnenkult erlebbar. Drei Tore durchbrechen die Ringanlage. Am Tag der längsten Nacht kann man im Südwesttor beobachten, wie die Sonne untergeht und am nächsten Morgen im Südosttor wieder aufsteigt. Auch die Sommersonnenwende am 21. Juni lässt sich präzise ablesen.

Ob Observatorium und Himmelsscheibe in direktem Zusammenhang stehen, ist bis dato ungeklärt; die räumliche Nähe aber erstaunt – und erfreut das Tourismusmarketing. Ende Juni hat in der Gegend noch eine weitere Attraktion der Steinzeit-Archäologie eröffnet: Die Kreisgrabenanlage von Pömmelte wird bereits als „Stonehenge Sachsen-Anhalts“ beworben. Den Ausflug dorthin werde ich verschieben müssen. Sogar die Lokalzeitung warnte schon: „Es mangelt noch an der notwendigen Ausschilderung an den Wegen.“

06:00 24.08.2016

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