Die Verschwörung

Kanzlerkandidaten Die CDU-Chefin Angela Merkel muss schon in Kürze mit dem Angriff des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch rechnen, der 2006 Regierungschef werden will

Es war wieder ein peinlicher Auftritt der CDU-Bundesvorsitzenden Angela Merkel. Gerade so, als ob ihr jemand einen bösen Streich spielen wollte. Alles, wie eine Verschwörung. Sie hielt, zugegeben, eine schwache Rede vor Studenten der Elite-Hochschule London School of Economics über Pisa, den Wirtschaftsstandort Deutschland, die Europäische Union und ihre Politik. Eigentlich spannende Themen, aber die Oppositionsführerin langweilte. Dann, mitten im Vortrag, brach der Feueralarm aus und Merkel hastete mit den Personenschützern zu ihrem gepanzerten 7er BMW-Dienstwagen. Schnell stellte sich heraus, es war nur ein Fehlalarm. Doch zur ursprünglich angesetzten Diskussion mit den Studenten kehrte Merkel nicht wieder zurück. Zu peinlich war ihr wohl der fluchtartige Abgang.

Merkels Nervenkostüm ist in jüngster Zeit sehr dünn geworden. Kaum eine Woche vergeht, in der sie nicht von den Medien kritisiert und von Parteifreunden zurechtgewiesen wird. Ihre blinde Gefolgschaft gegenüber der US-Politik brachte ihr verständnisloses Kopfschütteln von vielen Seiten des Parteienspektrums ein, und in Fragen der Gesundheits-, Renten-, und Arbeitsmarktpolitik scheint ihr in der Union kaum jemand folgen zu wollen. Die Christenpartei, vor wenigen Wochen noch ein Hort der Einmütigkeit, präsentiert sich als zerstrittener Haufen - kopf- und richtungslos. In ihrem Büro in der Bundesgeschäftsstelle in der Klingelhöferstraße soll die Parteichefin schon mal die Fassung verloren und geflucht haben. Mädchenhaft ist an dem "Mädel", wie sie der Altkanzler Helmut Kohl einst nannte, schon lange nichts mehr. "Sie ist verdammt misstrauisch geworden", sagt ein langjähriger politischer Gefährte.

Zögling von Dregger und Kanther

Zum engsten Umkreis zählt Merkel vor allem Frauen. Die männerbündlerische CDU/CSU ist ihr äußerst suspekt geworden. Überall vermutet sie ein Netz der Verschwörung, das seit der verlorenen Bundestagswahl gesponnen wird. Und selbst Teile der konservativen Presse sollen an dem Plan beteiligt sein, sie aus dem Stuhl der Bundesvorsitzenden zu kippen. So schrieb Merkel vor wenigen Wochen einen Beschwerdebrief an den Springer-Chef Mathias Döpfner, in dem sie um "faire Berichterstattung" über ihre Person bat. In den Redaktionsfluren der Welt und Welt am Sonntag (Wams) sorgte Merkels Brief für Amüsement. "Die hat Angst vor einer Männerverschwörung", sagt ein Mitarbeiter und lacht. Unbegründet ist Merkels Angst freilich nicht.

Seit einigen Wochen arbeitet der hessische CDU-Ministerpräsident Roland Koch an seiner Kanzlerkandidaten-Strategie. Viel Zeit bleibt dem ehrgeizigen Zögling der CDU-Rechtsaußen Alfred Dregger und Manfred Kanther nicht mehr. Politisch ist dieses Jahr fast abgehakt.

Nach der Sommerpause wollen die Sozialdemokraten ihre "Agenda 2010" durchs Parlament peitschen, und sollte es dabei nicht zum Aufstand der Parteilinken kommen, übersteht die rot-grüne Regierung den Herbst und formuliert dann die neuen Themen für den Winter 2004. Koch muss also bald nach der Führung in der Union greifen, um genug Zeit zu haben, sich als Bundespolitiker zu profilieren - und sich ein neues Image zu verpassen. Bisher waren die Auftritte, die dem Hessen über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit verschafften, eher von zweifelhaftem Charme. An die Macht in Hessen gelangte er Anfang 1999 über eine ressentimentgeladene Unterschriftenaktion gegen Ausländer, die unter der Überschrift "Gegen die doppelte Staatsbürgerschaft" stand. Zur Zeit der Parteispendenaffäre ein Jahr später überführte die Presse Koch als Lügner, der bei der Vertuschung einer 50.000 Mark-Spende mithalf und erst später diese Tat - unter dem Druck der Beweise - eingestehen musste. Und das obwohl er doch "brutalstmögliche Aufklärung" versprach. Zuletzt blieb Koch den Wählern in Erinnerung, als er im Bundesrat das Rumpelstilzchen gab und polterte, dass die Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz "unrecht" sei. "Das ist ungeheuerlich", schrie Koch und donnerte mit den Fäusten auf den Tisch. Später stellte sich heraus: Koch spielte die Hauptrolle in einer Farce à la CDU.

Um sich vom Image eines rechten Hardliners zu trennen, kungelt er nicht zuletzt deshalb seit Wochen mit dem nordrhein-westfälischen SPD-Regierungschef Peer Steinbrück über einen Subventionsabbau. Und bastelt somit an seinem neuen Erscheinungsbild als "mittiger Christdemokrat", der auch mit den Sozialdemokraten Politik machen kann. Gleichzeitig fiel er damit seiner Parteichefin in den Rücken, die eigentlich die Strategie der Totalblockade gegen die rot-grüne Regierung verfolgen wollte. Daraus wird nun nichts. Merkel änderte ihre Position und sagte in einem Interview: "Wir verweigern kein Gespräch".

Merkel weiß, dass Koch in der Union auf breite Unterstützung hoffen kann. Schließlich gilt er seit seinem überwältigenden Sieg bei den hessischen Landtagswahlen im Februar dieses Jahres mit fast 49 Prozent als der stärkste Politiker. Stärker noch als der bayerische Ex-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. Koch kann auf die Unterstützung von zahlreichen Bundespolitikern hoffen. So von Friedrich Merz, der Revanchegelüste gegen Merkel verspürt, weil die ihn kurz nach der verlorenen Bundestagswahl um den Fraktionsvorsitz brachte. Merz fühlte sich "betrogen", wie er später ventilierte. Und auch Altkanzler Kohl, der weiterhin über großen Einfluss in der Partei verfügt, unterstützt Koch. Er hat nicht vergessen, wie ihn das "Mädel" ins Abseits drängte, als die CDU-Parteispendenaffäre auch den Alt-Kanzler in ihren Strudel zog.

Nur der ehemalige Thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel stellt sich hinter die Unions-Chefin. Doch Vogel gilt nicht gerade als Schwergewicht innerhalb der Christenpartei. Verlassen haben Merkel auch die zahlreichen Vorsitzenden der Wirtschaftsverbände, die traditionell den Konservativen nahe stehen. Sie präferieren lieber Kochs Härte und achten seinen brennenden Ehrgeiz.

Kochs Härte und Ehrgeiz

Schon im Alter von 14 Jahren hatte der kleine Roland in seiner Heimatstadt Eschborn eine Ortsgruppe der Jungen Union gegründet und nie Zweifel an seinem Lebensziel aufkommen lassen, irgendwann Kanzler werden zu wollen. So einen schätzen die Rogowskis und Hundts. Und während Merkel den Springer-Blättern mit einem Interview-Boykott begegnet, nutzt Koch die Schwäche der Partei-Chefin und beginnt damit, sich in den Blättern als der kommende Mann zu präsentieren. So wie am vergangenen Sonntag in der Wams. Auf die Frage, wie im Falle eines vorzeitigen Regierungswechsels der Kanzler der CDU hieße, antwortet Koch, diese Frage könne "in 24 Stunden gelöst werden". Wahrscheinlich zu seinen Gunsten. In den nächsten Wochen und Monaten planen die Koch-Berater eine ganze Reihe von PR-Terminen und Interviews, die Merkel unter Druck setzen dürften. Die Unions-Anhänger sollen merken, dass er eigentlich der bessere Vorsitzende wäre. Stürzen kann er seine Chefin noch nicht, denn noch hilft Merkel der Sympathie-Bonus als Politikerin. Koch will sie vielmehr verdrängen. Mit Kompetenz und Charme. Bis ihn dann schließlich die Partei ruft und er gar nicht anders kann, als die Führung zu übernehmen. Und Merkel weiß, rufen werden ihn die Männer, jene, die schon so lange an der Verschwörung stricken.

00:00 20.06.2003

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