Michael Girke
Ausgabe 3113 | 05.08.2013 | 06:00 1

Die verstreute Stadt

Geschichtskunde Warum ist diese Stadt bloß so unförmig? Ein Gespräch mit Hanns Zischler, dem Autor von "Berlin ist zu groß für Berlin"

Die verstreute Stadt

Das Monumentale mit einem „Gegen-Monument“ brechen: Zischler schlägt vor, auf dem stillgelegten Tempelhofer Flughafen Tatlins nie gebauten Turm zu errichten

Foto: Jennifer Fey

Berlin ist zu groß für Berlin – der Titel leuchtet unmittelbar ein, deutet das Unförmige, auch Megalomanische an der deutschen Hauptstadt an. Aber natürlich hat Hanns Zischler kein Hassbuch geschrieben, sondern eines, das aus genauer Beobachtung heraus eine Charakterstudie des Leblosen und Gewachsenen betreibt.

Der Freitag: Sie haben eine Art Spaziergangsbuch geschrieben. Suchen Sie Anschluss an die zwanziger Jahre, an die Stadt- und Berlinwanderer Franz Hessel, Siegfried Kracauer, Joseph Roth?

Hanns Zischler: Natürlich kann man, wenn man eine Stadt wie Berlin beschreibt, nicht umhin, Vorbilder wahrzunehmen. Mir ging es aber stärker darum herauszufinden, warum diese Stadt derart zerfasert ist. Was bedeutet es, ein Großberlin gewesen zu sein, den Namen Weltstadt tragen zu wollen? Welche Ansprüche und Illusionen sind damit verbunden, und wie sehen die heute aus? Und was auch dazugehört: die Stadt als Landschaft zu beschreiben.

Andante Con Moto – mit dieser musikalischen Metapher beschreiben Sie das Gefühl, welches einen Spaziergänger auf einem Platz ergreifen kann. Für Sie ist das Gehen in der Stadt, in Berlin, eine Kunstform. Was macht die aus?

Dass man sich im Bewusstsein vom Körper als einem Organ durch die Stadt oder durchs Leben bewegt. Und weil ich ein sehr intensives Verhältnis zur Musik habe, verstehe ich viele körperliche Bewegungen als musikalische. Diese Bewegungsform beinhaltet, dass man nicht zögern soll, Umwege zu gehen, sich zu verlaufen – im Vertrauen darauf, dass gerade dadurch Entdeckungen zu machen sind. Oder sich Begegnungen herstellen. Mit anderen Worten: Der Spaziergänger spekuliert nicht auf Baisse, sondern er sagt: Ich überlasse mich. Ich muss Umwege, Verirrungen, Umständliches, sich sozusagen Verlaufendes erst einmal zulassen. Das ist die Art, in der ich durch die Stadt gehe oder gehen möchte.

Der Schriftsteller Johann Gottfried Seume hat um 1800 geäußert, das Gehen sei die dem Menschen gemäße Fortbewegungs- und Wahrnehmungsform. Wer eine Kutsche besteige, begehe Verrat. Sie teilen dieses Pathos des Gehens?

Ob man das als Verrat bezeichnen sollte, weiß ich nicht. Aber ich erinnere mich, dass auch bei Goethe eine Irritation entsteht, weil die Blicke aus der Kutsche gestückelte sind. Diese Augenblicksbilder, das ist der Ausdruck von Goethe, haben das Problem des Flackerns, des diskontinuierlichen Aufnehmens. Und sie stoßen als Erinnerungsbilder außerordentlich unangenehm auf. Im Gegensatz dazu bin ich im Gehen meiner Gehwerkzeuge und Blicke souverän. Es gibt diesen schönen Satz im Park an der Ilm in Weimar: „Erhebe Deinen Blick und verweile.“ Verweile heißt ja, ich bin gegangen, bleibe nun mich sammelnd stehen, gehe dann weiter. Das scheint mir eine auch heute unverzichtbare Form der Bewegung durch den Raum.

Und das Besondere des Berliner Raums ist?

Andere Städte ballen sich um ein Zentrum, dehnen sich vom Zentrum aus, doch diese Bewegung hat in Berlin nur eine ganz kurze Zeit stattgefunden. Als Berlin sich am Ende des 19. Jahrhunderts neu etablierte, war es allein die Eisenbahn, welche Berlin in die Zange genommen, erschlossen, verdichtet und zusammengehalten hat. Man hat, um diese verstreuten Ortschaften zu industrialisieren, um sie überhaupt zu einer neuen Metropole erklären zu können, einfach einen Ring um sie gelegt. Dieses seltsame Phänomen wird noch mal dadurch unterstrichen, dass diese preußische Residenzstadt dann zur deutschen Hauptstadt erklärt wird. 1871 im Königssaal von Versailles, in Paris also. Die Anrufung einer Weltstadt aus einer anderen Hauptstadt – ich kenne nichts Vergleichbares. Eigentlich aber blieb Berlin verstreut. Und dass Berlin eben nicht ein Zentrum ist, sondern deren viele hat, wird systematisch verkannt.

Ein Kapitel in Ihrem Buch dreht sich um die Sprengung des alten Berliner Doms im Jahre 1893, der Zeit Kaiser Wilhelms II. An der Stelle entstand dann der neue Dom, den Sie als „monumentale Wesenlosigkeit“ bezeichnen. Ist diese Art von Monumentalität oder auch Großmannssucht aber wirklich ein Berliner Spezifikum?

Zumindest in der Häufung. Vielleicht, und wenn ich das sage, wird es einen Aufschrei geben, ist schon in Schinkels Planung der Linden, die ja mit einer ziemlichen Zerstörung des Berliner Barock einhergeht, eine Art Megalomanie angelegt. Und die wurde dann von Wilhelm II., der ein extrem phantasieloser Monarch war, gesteigert. Sein Vorbild war mit Friedrich Wilhelm IV. ein, wie man in Potsdam an vielen Stellen sehen kann, wirklich großartiger Architekt. Doch das genealogische Vorbild solch eines großen Baumeisters war fatal. Wilhelm II. hat mit argen Minderwertigkeitskomplexen die Macht ergriffen und daraus dann eine Haltung entwickelt, die ständig sagt: Wir müssen noch größer werden! Der Dom ist nur eines von vielen Beispielen.

Hitlers und Speers Pläne, Berlin zur Welthauptstadt Germania umzubauen, liegen auf derselben Linie. Was sind denn die mentalen, psychologisch-historischen Ursachen dafür?

Zunächst: Aus geologischen und baulichen Gründen konnte man in Berlin nicht in die Höhe gehen – diese Vorgabe erlaubt eine Megalomanie in jeder Hinsicht. Und dann wollte diese Stadt, die wegen ihrer Ausgedehntheit so viele planerische Experimente zulässt, ihre historische Substanz eigentlich nie richtig bewahren. Hier herrscht ein Desinteresse an der eigenen Historie. Und das ist die Voraussetzung dafür, dass man fortwährend sagt: Gut, ziehen wir das nächste Projekt durch, machen alles noch größer. Wenn dann noch, wie am Beispiel der Hohenzollern erwähnt, eine fehlgeschaltete Psychologie hinzukommt, dann geht es komplett daneben. Übrigens hatten die Nazis richtiggehend Angst vor Berlin. Hauptstadt der Bewegung war ja München. Und das hieß: Man verschanzte sich gegen den Norden. Berlin war ihnen als protestantische Industriestadt unheimlich. Und als Reaktion

darauf sagte man, hauen wir sie in Klump, stellen wir die allergrößten Sachen hin, um dieses Berlin zum Verschwinden zu bringen. Diese Sucht, die Stadt anders erscheinen lassen zu wollen, ist eine Art Gegenzauber, eine Abwehr.

Sie üben auch vehement Kritik an der Berliner Stadtplanung, an der Gestaltung des öffentlichen Raumes. Was eigentlich macht öffentlichen Raum aus?

Das kann man in einem knappen Wort von 1910 fassen, das am Schluss meines Buches zitiert wird: „Eine Gewähr für die dauernde Erhaltung solcher Anlagen, Grünanlagen, städtischer Anlagen, ist nur dann gegeben, wenn der Grund und Boden unverkäuflich ist.“ Unverkäuflichkeit! Dieser Raum, der nicht aus der Perspektive von Kosten-Nutzen-Rechnung wahrgenommen wird, nicht von Konsum durchsetzt ist, der ist in einem emphatischen Sinn nutzlos, unprofitabel. Hier kann sich ein reger, nicht konsumistischer Austausch herstellen: Öffentlichkeit. Grundvoraussetzung dafür ist kommunales Besitztum, das eben nicht verscheuert werden kann. Die Straße aber ist kein öffentlicher Raum, sondern Plätze sind öffentliche Räume. Da, wo der Verkehr zum Stillstand kommt, der Fußgänger ein Souverän wird. Deshalb haben Plätze eine ungeheuerliche Bedeutung. Sie sind in die Stadt eingesenkte Ruhepunkte. Hier müsst ihr nicht durchfahren, hier könnt ihr euch, und sei es ganz unspektakulär, aufhalten, versammeln. Plätze sind Punkte, an denen ich erkennen kann, wie eine Stadt mit sich selbst umgeht. Und in Berlin sind Plätze zumeist bloße Straßenzusammenstöße.

Und die Kritik an der aktuellen Stadtplanung beginnt mit der Feststellung, dass bei Stadtplanern dieses Bewusstsein nicht mehr ausgeprägt ist …

… das Bewusstsein haben sie vielleicht noch, aber nicht mehr die Mittel. Die Stadt hat sich ja selbst veräußert, sie hat sehr viel an private Investoren weggegeben.

In einem großartigen Buch über die Baukunst arbeitet Helmut Färber heraus, dass man früher in Form von städtischen Arealen quasi begehbare Bilder gebaut hat. Bürger konnten sich darin ihrer selbst vergewissern. Diese Idee verfolgen Sie weiter.

Unbedingt. Ein Kapitel meines Buches heißt ja, nach einem Zitat von Scheffler, „Das Stadtbild gehört uns“. Das ist wirklich der ganze Zauber: Ich will mich in der Stadt wiedererkennen. Und da muss ich die Stadt nicht verkleiden wollen, sondern sie in ihrer Alltäglichkeit erst mal garantieren. Wenn ich all diese durchgemeterten Neubauten sehe, wo ich immer genau ausmachen kann, wie die am PC entstanden sind, dann erkenne ich mich eben nicht wieder.

Auf Seite 45 Ihres Buches haben Sie das Bild eines Panoramablicks auf die Ostberliner Stalin-allee mit einem Zitat von Eduard Heimann zusammengefügt. Heimann spricht von einer „künstlerisch gestalteten Großstadt“. Eben dies sehen Sie in der Stalinallee verwirklicht. Was ist das Einnehmende an dieser Straße, die auf den ersten Blick doch monumental wirkt?

Ja, die Stalinallee, heute Karl-Marx-Allee, ist monumental, aber sie hat einen parkähnlichen Charakter. Und das, was in der DDR „Funktionsunterlagerung“ genannt wurde: Das ganze Erdgeschoss ist sehr schön großzügig geplant, für Bibliotheken, Läden etc. Selbst wenn einem das Design nicht gefällt, in ihren Proportionen ist die Stalinallee eben nicht überwältigend. Übrigens wollte Henselmann, der Planer und Erbauer, nicht das stalinistische Design, sondern ein viel nüchterneres, am Bauhaus orientiertes. Es wurde ihm verboten, es sollte in Ostberlin aussehen wie in Moskau. Aber das stört trotzdem nicht; im Ganzen ist die Straße immer noch gelungen. Das Problem ist die Anbindung, die hat nie stattgefunden. Das sind Planungsfehler schwerster Art, für die aber nicht der Architekt verantwortlich ist. Die Stalinallee kann Ansporn und Inspiration sein: Man könnte andere Berliner Magistralen und Stellen ähnlich gut und großzügig planen.

Wenn Sie den anmaßenden und schlechten Geschmack der Hohenzollern herauskehren, meinen Sie das dann auch als Analogie dessen, was heutzutage in Berlin architektonisch und planerisch vor sich geht?

So einfach ist es nicht, denn heutzutage gibt es keine einheitliche Architektursprache. Es gibt in Berlin schon gute Architekturformen, aber derzeit steht die Wohnungs- und Mietfrage im Zentrum. Und da geschehen ganz üble Sachen. Man verkaufte sogenannten unverkäuflichen Raum, setzt Luxusappartements wie dicke Kröten in die Brachflächen rein. Ein elbowing out. Ein Blick in den Berliner Sozialatlas zeigt: Diejenigen, die keine Wohnung kaufen oder weniger Miete zahlen können, stranden in Spandau, am Rand. Das Problem ist: Die Stadt, die Kommune tritt nicht mehr als Baumeister auf. Und nun wurde auch noch die Internationale Bauausstellung IBA aus Kostengründen abgesagt. Ein Skandal sondergleichen. Die Planungen dafür waren weit vorangeschritten; es gab sehr kluge Überlegungen, wieder wohngerechter und billiger zu bauen, nicht überall diese Kröten von Luxusappartements zuzulassen. Auch ging es darum, eine Architektur zu machen, die von den Leuten wirklich angenommen wird.

Das Gespräch führte Michael Girke

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 31/13.

Kommentare (1)

Johannes Renault 07.08.2013 | 00:24

Ich finde Berlin nicht unförmig. Auch wenn das immer wieder gesagt wird.

Es ist sehr schön abgegrenzt, es fleddert nicht so deprimierend aus wie andere europäische Grossstädte. Die Leute bewegen sich in ihren Zentren, gewerbelastigen- und Wohnecken und Strassen.

Das ganze hat weniger Hochdruck- und Tiefdruckgebiete, und sorgt auch für angenehme 'Ruhe'. Weniger hektischer Fluss.

Die momentanen Ausschlachtereien - zugelassen von kleingeistiger, kleinbürgerlicher Parteielite, augeführt von Menschen mit Dollarzeichen in den Augen, wollen keinen Baumeister 'Kommune.

Dass wir als Bürger uns soviel wegnehmen liessen war skandlös, ist es noch immer. Brennende BMWs waren meiner Meinung nach noch sehr geprahlter Wiederständle. Es müsste, um etwas zu bewirken, noch viel mehr geschehen. Diese Kröten.