Die Vertiefung der Unterschiede

Privatisierung der Bildung Teil 3 Die Exzellenzinitiative der Bundesregierung und die Einführung von Studiengebühren werden die Gesellschaft weiter spalten

Michael Hartmann berichtet im dritten Teil der Reihe Vom Menschenrecht zur Markenware, die Privatisierungstendenzen im Bildungssektor untersucht, über die Hochschulen. In seinem Eröffnungsbeitrag gab Clemens Knobloch in Freitag 27/28 einen Überblick über die verschiedenen von Privatisierung betroffnenen Bildungsbereiche. Ingrid Lohmann schrieb in Freitag 31 über den Einfluss der Bertelsmann-Stiftung auf die Schulen. Die Reihe wird fortgesetzt.


Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich beim Thema Hochschulen zur Zeit in erster Linie auf die Auswahl der zehn sogenannten Eliteuniversitäten. Über den bevorstehenden drastischen Anstieg der Studierendenzahl redet man seitens der Verantwortlichen dagegen kaum. Dieses Schweigen ist sicherlich darin begründet, dass man dann auch zu den dringend erforderlichen zusätzlichen Mitteln in Milliardenhöhe etwas sagen müsste. Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund. Man hofft, die Schwierigkeiten durch eine Aufspaltung der deutschen Universitätslandschaft in Forschungs- und Ausbildungshochschulen bewältigen zu können. Welche Rolle die Exzellenzinitiative in diesem Zusammenhang spielt, wird bislang kaum thematisiert.

Weniger Studierende

Dass das offizielle Ziel, zu den führenden US-Universitäten aufzuschließen, mit den dafür vorgesehenen finanziellen Mitteln nicht zu erreichen ist, ist auch den meisten Befürwortern klar. Hans Weiler, ehemaliger Stanford-Professor und einflussreicher "Hochschulexperte", weist zum Beispiel im Tagesspiegel darauf hin, dass selbst Baden-Württemberg mit 2,3 Milliarden Euro für alle seine 45 Hochschulen jährlich nicht mehr Geld ausgibt als Stanford für seine gerade einmal 16.000 Studierenden. Dennoch begrüßt er wie zahlreiche andere "Bildungsexperten", Politiker und Wirtschaftsvertreter die Exzellenzinitiative ausdrücklich, weil sie zum einen deutlich mache, dass endlich die Fiktion einer Gleichheit aller Universitäten aufgegeben werden müsse, und zum anderen die längst überfälligen Reformschritte einleite. Die Hochschulen müssten sich ihre Studierenden selbst auswählen dürfen, Studiengebühren sollten eingeführt und die staatlichen Mittel stärker leistungsorientiert vergeben werden.

In vielen Fächern sind in den letzten Jahren hochschulinterne Aufnahmeprüfungen eingeführt worden. Seit die Hochschulen auch in den Fächern, für die bislang größtenteils die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen zuständig war, bis zu 60 Prozent der Studierenden nach eigenen Regeln auswählen dürfen, ist diese Entwicklung deutlich beschleunigt worden. Sie hat zwei entscheidende Konsequenzen. Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Studienplätze wird spürbar reduziert und der Zugang zu den Hochschulen sozial selektiver. Bezüglich der Verringerung der Studienplätze gibt es zunächst einen unbeabsichtigten Effekt. Durch Mehrfachbewerbungen erhalten die "guten" Bewerber gleich mehrere Studienplatzangebote, die "schlechteren" häufig gar keine. Trotz der üblichen Nachrückverfahren verringert sich allein dadurch die Anzahl der besetzten Studienplätze, an der FU Berlin zum Beispiel auf 88 Prozent. Wichtiger aber ist, dass vielfach die Gelegenheit bewusst genutzt wird, um die Studierendenzahlen den deutlich niedrigeren rechnerischen Kapazitäten anzupassen. Eine massive Reduzierung dürfte in erster Linie jenen Universitäten gelingen, die aufgrund ihres guten Abschneidens im Exzellenzwettbewerb einen hohen Bewerberüberhang aufweisen. Sollte es auch noch gelingen, die im Gesetz verankerte Kapazitätsverordnung abzuschaffen oder zumindest einzuschränken, wäre es ihnen sogar möglich, exklusive Elitestudiengänge mit einer ganz kleinen Zahl von Studierenden einzurichten.

Variable Studiengebühren

Wenn Kurt von Figura, der Präsident der Universität Göttingen, die Zahl der Studierenden an seiner Hochschule mittelfristig gleich um ein Drittel reduzieren will, um das Profil als forschungsintensive Universität schärfen zu können, dann spricht er offen aus, was die meisten seiner Kollegen an den Hochschulen denken, die sich Chancen im Exzellenzwettbewerb ausrechnen. Sie wollen Eliteuniversitäten haben, die sich den Problemen der unterfinanzierten Massenhochschulen durch eine Auswahl und eine deutliche Reduzierung der Studierenden entziehen können. Die hochschulinternen Auswahlverfahren werden, das zeigen die Erfahrungen anderer Länder mit Eliteuniversitäten, außerdem mit einer deutlichen sozialen Auslese einhergehen. Pierre Bourdieu hat die dafür verantwortlichen Mechanismen am Beispiel Frankreichs detailliert geschildert.

Die Einführung von Studiengebühren bildet den zweiten wesentlichen Schritt in Richtung Aufspaltung und soziale Selektivität. In den größten Bundesländern werden sie ab dem nächsten Jahr eingenommen. Sie liegen zur Zeit zwar maximal "nur" bei 500 Euro pro Semester, ob das auf Dauer so bleiben wird, ist aber mehr als fraglich. Sind Studiengebühren erst einmal eingeführt, können sie je nach Hochschule auch variiert werden. Eine zukünftige Eliteuniversität könnte dann erheblich höhere Gebühren verlangen als eine "normale" Massenuniversität. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zeigt mit ihrem Gebührenmodell schon heute, wie so etwas in Zukunft funktionieren könnte. Sie überlässt es den einzelnen Hochschulen, die konkrete Gebührenhöhe festzulegen. Derzeit reicht der Spielraum zwar nur bis 500 Euro, das dürfte aber nur der Anfang sein, wie der hessische Gesetzesentwurf zu Studiengebühren bereits zeigt. Er belässt es zwar noch bei einheitlichen 500 Euro für ein Erststudium, erlaubt den Hochschulen aber schon, für bestimmte Masterstudiengänge sowie alle Promotionen und Zweitstudien bis zu 1.500 Euro zu verlangen. Ab dem Wintersemester 2010/2011 soll das dann für bestimmte Masterstudiengänge möglich sein. Die soziale Wirkung solcher Gebühren liegt auf der Hand. Die zukünftigen deutschen Eliteuniversitäten werden die ihnen gebotenen Möglichkeiten sicherlich ausschöpfen, würden ihre Bemühungen um eine spürbare Reduzierung der Studierendenzahl doch tatkräftig unterstützt, wenn sie durch hohe Gebühren den Zugang von Studierwilligen erheblich erschweren könnten.

Eine andere Verteilung der staatlichen Mittel ist der dritte zentrale Teil der geplanten Strukturveränderungen. Die Mittel sollen stärker als bisher auf jene Universitäten konzentriert werden, die, zu Recht oder zu Unrecht, als besonders leistungsstark gelten. Der Wissenschaftsrat fordert deswegen, dass 40 Prozent der staatlichen Zuweisungen anhand von Leistungsparametern vergeben werden sollten. Wie das aussehen könnte, zeigt Nordrhein-Westfalen. Alle Sachmittel werden seit 2004 nach einem neuen leistungsorientierten Modell verteilt. Während beim Vorläufer, der "Titelgruppe 94", die Zahl der bisherigen Wissenschaftlerstellen und der Umfang der eingeworbenen Drittmittel mit jeweils einem Fünftel gleich gewichtet wurden, gehen erstere nur noch mit 7,5 Prozent in die Berechnung ein, die Drittmittel dagegen mit 27,5 Prozent. Verlierer dieser Änderung werden in erster Linie die Neugründungen und (noch stärker) die früheren Gesamthochschulen sein, Gewinner vor allem die RWTH Aachen.

Die deutsche Universitätslandschaft steht dauerhaft vor einer Aufspaltung in zwei Typen von Universitäten, Forschungs- und Ausbildungsuniversitäten. An den ersteren wird die Forschung konzentriert, letztere dagegen werden in erster Linie zügig auf einen Beruf hin ausbilden. Wie die Entwicklung in Zukunft verlaufen wird, lässt sich anhand der Ergebnisse des Exzellenzwettbewerbs schon absehen. Die erfolgreichen Anträge konzentrieren sich auf relativ wenige Hochschulen. Das gilt nicht nur für die zehn als Elitekandidaten ausgewählten Universitäten, sondern auch für die Exzellenzcluster. Von den 41 Clustern, die unter 157 Bewerbungen die erste Runde überstanden haben, vereinigen allein die beiden Münchener Universitäten und die RWTH Aachen fast ein Viertel auf sich. Weitere 14 entfallen auf noch sieben Universitäten. Es hat sich eine Spitzengruppe von gut 20 Universitäten herausgebildet, die den weitaus größten Teil der Fördermittel abschöpft. Die große Masse der deutschen Universitäten, vor allem in NRW, Nord- und Ostdeutschland, ist dagegen abgehängt, und das nicht nur beim Wettbewerb, sondern auch auf Dauer.

Zementierte Machtverhältnisse

Die sozialen Folgen dieser Entwicklung lassen sich erahnen, wenn man sich die Lage in den USA anschaut. Dort beginnt zwar ein erheblich höherer Prozentsatz eines Jahrgangs ein Studium als in Deutschland, die ärmere Hälfte der Bevölkerung schickt ihre Kinder aber zu fast 90 Prozent auf jene der über 4.000 Hochschulen, die sich bestenfalls auf dem Niveau von Berufsakademien bewegen. Nahezu jedes zweite dieser Kinder geht sogar nur auf eines der Zwei-Jahres-Colleges, die eher einer gymnasialen Oberstufe ähneln. Auf die teuren Privatuniversitäten schaffen es dagegen gerade einmal drei Prozent. An den circa 150 Hochschulen, die den deutschen Universitäten vergleichbar sind, stammen denn auch weniger als zehn Prozent aus der einkommensschwächeren Hälfte der Bevölkerung, 74 Prozent aber aus dem oberen Viertel. Die Rekrutierung ist damit sozial erheblich selektiver als an den deutschen Universitäten, wo immerhin auch zwei Drittel der Studierenden aus dem oberen Drittel der Bevölkerung stammen. Die privaten Eliteuniversitäten sind noch exklusiver. Vier von fünf Studierenden kommen aus dem oberen Fünftel der Gesellschaft. Jeder fünfte stammt sogar aus den obersten zwei Prozent mit Familienjahreseinkommen von mehr als 200.000 Dollar.

Elitehochschulen haben, anders als öffentlich dargestellt, vor allem eine gesellschaftliche Funktion. Sie sorgen mit verschiedensten Mechanismen für die Stabilisierung und Zementierung der Elitenreproduktion und damit auch der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Die zukünftige Universitätslandschaft in Deutschland dürfte dementsprechend gespalten sein. Auf der einen Seite stehen die Forschungsuniversitäten mit ihrem Kern, den offiziell ausgewählten Eliteuniversitäten. Sie konzentrieren nicht nur die meisten Mittel auf sich, sie werden in der Rekrutierung ihrer Studierenden sozial auch wesentlich exklusiver sein als bisher. Der Nachwuchs aus bürgerlichen Kreisen wird dort eindeutig dominieren. Auf der anderen Seite stehen die Ausbildungs- oder Massenuniversitäten. Sie bieten der großen Masse von Studierenden aus der breiten Bevölkerung die einzige Chance auf ein Universitätsstudium, das dann aber auf einem deutlich niedrigeren Niveau als heute. Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft findet auch hier ihren Niederschlag.

Michael Hartmann lehrt Soziologie an der TU Darmstadt und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Elitenbildung im internationalen Vergleich.


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00:00 01.09.2006

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