Die vierte Gewalt

In Zeiten des digitalen Kapitalismus Altindustrielles Denken und mangelnde kulturelle Kompetenz der Politik schaffen dem Medienstandort NRW Probleme

Anfang 1999 veröffentlichte die Zeit einen gut abgehangenen und solide recherchierten Beitrag mit dem Titel Hauptsache Spektakel. Sie charakterisierte damit die Wirtschaftsförderungspolitik der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Der Beitrag listete penibel auf, mit welchem propagandistischen Aufwand Subventionen im Land verteilt wurden, um deren Effizienz sich danach niemand mehr kümmerte. Er dürfte Ministerpräsident Wolfgang Clement schwer verärgert haben, weil er das erste Signal für eine beginnende publizistische Kritik aus den großen Medienhäusern an seiner Politik war.

Die Clementsche Spektakelpolitik konnte bislang immer Ansiedlungserfolge vorweisen. Neben die öffentlich-rechtlichen Sender WDR, Deutsche Welle und Deutschlandfunk lockte sie RTL, Murdoch, VIVA (hinter dem sich die wichtigsten Musikkonzerne verbergen) und die Staatskonzerne Telekom und Post nach Nordrhein-Westfalen. Die vom Land und WDR gemeinsam betriebene Filmstiftung ist eine Erfolgsgeschichte. Sie förderte allein im vorigen Jahr 48 Projekte mit 43,4 Millionen: Bedingung für die Förderung ist die Investition einer doppelten Summe in Nordrhein-Westfalen. Die wichtigen, sowohl arbeitsplatzwirksamen als auch kulturell bedeutenden Auswirkungen gruppieren sich um diese Elefanten herum: Es sind kleine und mittelständische ProduzentInnen, Dienstleistungsfirmen aller Art und eine gesellschaftliche Atmosphäre, die Kulturschaffende und Kreative aller Branchen anlockt, weil sie glauben, hier "spielt die Musik". Vor allem Nordrhein-Westfalens Medienhauptstadt Köln profitiert und lebt davon. Mittlerweile verdienen dort 50.000 Menschen ihr Geld in Medien- und Telekommunikationsberufen, das sind 10 Prozent aller Arbeitsplätze.

Von der Politik wird meistens unterschätzt, wie wichtig für den Standort die benachbarte Kulturszene ist, die für die Medienschaffenden mehr als nur eine Geschäftspartnerin darstellt. Neudeutsch formuliert ist sie nämlich ein ganz wesentlicher "Content-provider" - und nicht zuletzt ein wichtiger Faktor von Lebensqualität für die Beschäftigten.

Inzwischen mehren sich in der Medienbranche erste Zeichen einer Überproduktionskrise. Beim Medienforum NRW war der wegbrechende Werbemarkt allgegenwärtiges Gesprächsthema. In Köln selbst gammelt ein mit 20 modernsten Produktionsstudios überdimensionierter, neu erbauter Komplex ("Coloneum") trotz Dumpingpreis-Politik vor sich hin. Zunächst beteiligte Privatsender wie Pro7 haben längst kalte Füße bekommen. Die NRW-Staatskanzlei liegt dem WDR in den Ohren, in die Betreiberlücke zu springen; der hat aber genügend eigene Studiokapazitäten. Wenn der WDR sich nicht zwingen lässt, wogegen sachlich alles spricht (das Gelände ist noch nicht einmal ans Kölner Bahnnetz angebunden), droht der Staatskanzlei ein zweites "HDO"-Problem.

Zur Erinnerung: Mit über 100 Millionen Mark wurde die Ansiedlung einer Firma in Oberhausen subventioniert, die Filmproduktionen digital nachbearbeiten sollte. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Markt falsch eingeschätzt wurde, entsprechende Nachfrage nicht nach Oberhausen gelockt werden konnte. Der Ansiedlungseffekt entsprach gerade einmal 25 Arbeitsplätzen. Die Debatte um dieses Projekt hob erstmals die Schwächen der NRW-Medienpolitik in die breite Öffentlichkeit.

Das Beispiel zeigt, dass klotzige Prestigeprojekte dem Land und seiner wichtigsten Medienstadt nicht mehr weiterhelfen. Sie sind Ausdruck eines immer noch lebendigen altindustriellen Denkens der nordrhein-westfälischen Sozialdemokratie. Viele Jahrzehnte hat es funktioniert. In einem eingespielten Korporatismus, der von der alten IG Bergbau über Thyssen-Krupp, den RWE-Konzern bis in die Spitzen von Politik (inklusive der "oppositionellen" CDU) und Medien reichte, wurde die schwere Strukturkrise von Kohle und Stahl im internationalen Vergleich bemerkenswert sozialverträglich abgefangen, treffend zusammengefasst von Johannes Raus "versöhnen statt spalten".

Clement pflegt nun das Rollenbild des emsigen Entscheiders, unermüdlich damit beschäftigt, technischen Fortschritt voranzutreiben, angeblich neue moderne Arbeitsplätze zu schaffen und sich von Bedenkenträgern dabei nicht beirren zu lassen. Er erfüllt damit exakt das Idealbild, das der Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn, der die Entscheidungsfäden im Konzern immer noch in der Hand hält, vom idealen Politiker zeichnet. Streit, Diskurs und Abwägung kommen in diesem Bild nicht vor. Damit stellt sich Clement jedoch oft genug selbst ein Bein.

Das alte Denken, nach dem lediglich der Konsens mit ein paar kapitalkräftigen Großkonzernen hergestellt werden muss, um einen erfolgreichen Strukturwandel zur blühenden Informationsgesellschaft zu bewerkstelligen, bricht sich an kulturellen Wirklichkeiten. Zwar herrscht der Glaube, Kreativität sei mit Geld nicht nur zu kaufen, sondern auch zu erzeugen, aber warum kaufen sich so wenig deutsche Fußball-Fans einen Premiere-Decoder (und gucken auch immer weniger ran)? Da wurde wohl vergessen, dass sich der kulturproletarische Fan nicht gerne von Werbung nerven lässt und aufpasst, dass er finanziell nicht über den Tisch gezogen wird.

Warum will der Einzelhandel im Internet nicht wachsen, obwohl so viele Menschen "drin" sind? Weil die politischen Technikfetischisten seit dem Volkszählungsboykott 1987 (in der alten BRD) vergessen haben, dass der Bundesbürger in Sachen Datenschutz ein eigenes Bewusstsein entwickelt hat. Er traut den Kreditkarten noch weniger, als er dem Euro traut, erst recht, wenn er sie virtuell aus der Hand geben soll.

Peter Glotz hat in seinem Bild vom "digitalen Kapitalismus" eine wachsende Schicht von "freiwilligen Um- und Absteigern" identifiziert. Im Extremfall schaffen die sogar ihren Fernseher ab. Was sie auf jeden Fall eint, ist hohe Bildung gepaart mit der Einsicht, dass technisch und ökonomisch induzierte, immer höhere Beschleunigung von Arbeit und Leben nicht reicher, sondern ärmer macht. Sie wollen nicht funktionieren, sondern suchen Nahrung fürs Hirn und Herz. Alexander Kluge fasste das schon vor zehn Jahren mit dem Spruch zusammen: "Es gibt immer einen Markt für das Besondere." Hier wächst er.

Doch was der Sozialdemokrat Glotz identifiziert, ist dem Sozialdemokraten Clement und seinen von Strukturwandel und Wahlniederlagen desorientierten Genossen fremd. Mit Kreativität und Kultur tun sie sich schwer. Das führt zu schweren Fehlern. Darunter beginnt Köln zu leiden. Es ist zwar Zentrum industrieller Medienproduktion, von Daily Soaps über Big Brother bis zu Quizshows wird keine kurzlebige Modewelle ausgelassen. Aber das ist kein solides Fundament. Wenn in der Produktion Qualität gefragt ist, bei teuren und kommerziellen Kinofilmen zum Beispiel, müssen Regisseure das qualifizierte Personal aus München mitbringen. Zwar gibt es in Köln jede Menge Weiterbildungseinrichtungen, wo in schnellen Kompaktkursen Drehbuchschreiben, Kameraarbeit und vieles andere mehr gelernt wird. Eine klassische Filmhochschule gibt es aber nicht. Das hochqualifizierte Personal lernt also woanders und entwickelt keine Bindung zum Standort und zur Region; es ist flüchtig.

Davon profitiert derzeit Berlin. Kölner Kunst- und Musikimpresarios beklagen den Umzug der Sony-Europazentrale an den Potsdamer Platz (und fürchten den Abgang von EMI). Schlimmer noch finden sie die Abwanderung des jungen kreativen Personals, das sich von der in einem schmerzhaften aber eben auch spannenden Umbruch befindlichen Bundeshauptstadt mehr Berufs- und Lebensoptionen erhofft. Die negativen ökonomischen Daten - chronische Schwäche der Massenkaufkraft, desolate öffentliche Kassen mit drohendem Sozial- und Kultur-Kahlschlag - haben dabei keinen Abschreckungseffekt. Denn die armen Kommunen im Westen mit Oberbürgermeistern, die "Bickendorf für den Nabel der Welt halten" (so ein Kölner Impressario), machen auch nichts besser als Diepgen oder Wowereit.

Ist, wo die Gefahr droht, das Rettende nah?

Klaus Klenke, Regierungssprecher, Medienkoordinator und einer von Clements Brüdern im Geiste, wurde krankheitshalber in den Ruhestand gezwungen. Ihn beerbte Miriam Meckel, Nordrhein-Westfalens "jüngste Professorin", Medienwissenschaftlerin, gelernte Journalistin und vom alten Filz unbelastet. Die Düsseldorfer Männerjournalisten fressen der attraktiven Frau aus der Hand. Das Old-Boys-Network, angeführt vom Staatskanzlei-Chef Adamowitsch, der einst als Bärbel-Höhn-Erzfeind geholt wurde und nun seine Hauptaufgabe verloren hat, will sie jedoch nicht ans operative Geschäft lassen. Ist nicht ihre unbestrittene Kompetenz gefragt, sondern nur Dekoration? Die ursprüngliche Zusammenfassung der Medienaktivitäten der Landesministerien in einer 250 Millionen DM schweren Medien-GmbH scheiterte am Widerstand der Ressortministerien. Die Clement-Denke in AG- und GmbH-Kategorien war noch nicht überall angekommen. Jetzt wird mit einem Zehntel der Summe gestartet. Der Geschäftsführer Helmut G. Bauer, ein alter Klenke-Spezi, verspricht keine neuen, sondern eher alte Impulse. In der Filmstiftung folgte dem quirligen Kommunikations-Junkie Dieter Kosslick (jetzt Berlinale) mit Michael Schmid-Ospach ein Mann, der seine Fähigkeit zum Sturz von WDR-Intendanten nachgewiesen hat, und vielleicht deswegen wird, was er wird. Ein Signal, das die Spielfilm-ProduzentInnen-Verbände bei Clement protestieren ließ, aber den nicht weiter irritierte. Er zahlt ja.

Letzte Hoffnung: Nordrhein-Westfalen könnte erstmals eine bundesweit bedeutende Zeitung bekommen. Hier zählen Massenkaufkraft und Wachstumschancen. Die WAZ-Verlegerfamilien Brost und Funke verweigerten ihren Chefredakteuren in den letzten Jahrzehnten Investitionen in Qualitätsjournalismus. Der Kölner Verlags-Patriarch Alfred Neven DuMont tat es ihnen gleich. Denn so was bringt nach NRW-Verlegerlogik weder neue Abos, noch mehr Anzeigen. Nun will die Süddeutsche Zeitung eine Nordrhein-Westfalen-Regionalredaktion aufbauen, weil das Land als größter Regionalmarkt mehr Erfolg verspricht, als der ruinöse und kaufkraftschwache Berliner Zeitungsmarkt. Die WAZ schmunzelt, erwartet "keine Konkurrenz", nimmt die Süddeutsche sogar in ihr teures Vertriebsnetz auf. Ist die Süddeutsche erfolgreich, wird das sicher nicht so bleiben. Vor allem aber könnte es zu einer strategischen Umorientierung der auf Berlin fixierten bundesweiten Konkurrenzblätter der Süddeutschen führen. Eine niveauvolle "vierte Gewalt" in Nordrhein-Westfalen? Das gab´s noch nie. Es wäre umwälzend für die politische und publizistische Szene. Es ist dringend nötig.

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00:00 29.06.2001

Ausgabe 42/2021

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