Die Vordenkerin

Christa Wolf Sie war stets eine Vordenkerin und hat nie aufgehört, Vereinfachungen abzubauen. Eine kleine Hommage zum 80. Geburtstag von Christa Wolf

Was sie selber nie wollte, ist sie geworden: eine Institution. Gezeigt hat sie sich immer als Person, die auszusprechen und weiterzudenken vermochte, was viele unter dem „geteilten Himmel“ diesseits und jenseits der Mauer empfanden oder erhofften.

Hüben wie drüben wurde sie gelesen. Wie von Heinrich Böll erwarteten von Christa Wolf deren Leser mehr als Literatur – Position, Einspruch, politische und persönliche Selbstklärung, das Brot der frühen wie der späteren Jahre, einen Ort für die Utopie, die doch Kein Ort. Nirgends bleiben sollte.

Zwei Jahre nur nach dem Mauerbau erschien die Aufsehen erregende Trennungsgeschichte im geteilten Deutschland. Die Autorin lässt Rita, die sich für das Bleiben in der DDR entschieden hatte, am „ersten Tag ihrer neuen Freiheit“ einen großen Umweg durch die Straßen machen und in viele Fenster blicken. „Sie sieht, wie jeden Abend eine unendliche Menge an Freundlichkeit, die tagsüber verbraucht wurde, immer neu hervorgebracht wird. Sie hat keine Angst, dass sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der Freundlichkeit. Sie weiß, dass sie manchmal müde sein wird, manchmal zornig und böse. Aber sie hat keine Angst. Das wiegt alles auf: Dass wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen. Dass wir aus dem Vollen leben, als gäbe es übergenug von diesem seltsamen Stoff Leben. Als könnte er nie zu Ende gehen.“


Eben jene Freundlichkeit hat Christa Wolf gesucht und gelebt, bisweilen müde, zornig, böse. In allem mitfühlsam, offenherzig, mutig. In ihrer nunmehr 50-jährigen schriftstellerischen Tätigkeit hat sie soviel von dem aufgreifen, anregen, weiterführen, anstoßen können, was auf der Tagesordnung stand, was verdrängt und verschweigen worden war. Sie brachte nicht nur zur Sprache, sie gab auch Sprache. Sie wirkte geradezu seherisch, um nicht zu sagen: prophetisch.

Wolf spricht bereits 1972 in ihren Essays Lesen und Schreiben von der Wahrheit jenseits der wichtigen Welt der Fakten davon, wie Literatur hilft, die Welt schreibend neu zu erfinden und wie sie ein Versuch wird, den schmalen Weg der Vernunft zu gehen.

Ein Besuch bei dem Biologen Hans Stubbe im Versuchs- und Forschungsgut in Gatersleben führt sie unter anderem zur Frage, ob wir in ein biologisches Zeitalter einträten. „Unaufhaltsam. Frage sich nur: Ist die Menschheit bereit, es zu empfangen, ohne Schaden zu nehmen an Leib und … jetzt hätte ich beinahe Seele gesagt. Aber die ist ja zum Glück Ihr Revier. Da geht der Streit von neuem los: Hie Materie – da Seele; hie Wissenschaft – da Kunst; hie messbare Ergebnisse, Ökonomie, Macht – da unwägbares Überflüssiges, vielleicht Unnützes.“

In einer kollektivierten Gesellschaft setzt sie das Subjekt ins Recht; wohl nicht zufällig im Jahr 1968 erscheint Christa T., ein Buch über die Zivilcourage einer Lehrerin und über den Umgang mit dem Tod. Kein sozialistischer Held mehr, sondern ein leidender Mensch. In der dritten Person spricht sie vom Autor und meint sich selbst, aber nicht nur: „Der Autor, den wir meinen, ist tief beunruhigt über die Zukunft der Menschheit, weil sie ihm sympathisch ist. Er liebt es, auf der Welt zu sein, und er liebt die vielen Formen, in denen menschliches Leben sich zeigt. Er ist nüchtern und optimistisch, sonst würde er zu schreiben aufhören. Sein Optimismus kann wie Ernst und wie Zorn aussehen, aber nicht wie Gleichgültigkeit.“

Die Welt in den vielen Formen lieben, die Traurigkeit über Verlorenes nicht verschweigen, anderen Menschen nötig werden. Wissen, dass man doch nicht gehört wird, obwohl es doch schon so viele sind, die es hören, aufnehmen und darin bestärkt sind, Subjekte zu werden. Ein „ganz persönliches Interesse an sich selbst täte der Menschheit Not.“ Jedem Einzelnen.

Genau dieses elementare, Zukunft stiftende Interesse wird verschüttet in der heutigen Spaßgesellschaft mit ihrer Oberflächeninformation, im immer gnadenloseren Kampf um die eigene Existenz, in Kriegen um Weltmacht und um Weltressourcen.

Christa Wolf hat nicht aufgehört, Vereinfachungen abzubauen, den Entschluss, mündig zu werden, zu bestärken, sich gegen alle Variationen unserer Desensibilisierung zu wehren, sich den Anpassungsanforderungen zu widersetzen. Das hat seinen Preis. Erkauft mit Schwer-Mut, der sich zum Mut aufschwingt.

Diese nachdenkliche, im besten Sinne ernste Frau ist in einem wunderbaren Sinne eine Vordenkerin, die einem indes das Selber-Denken keineswegs abnimmt, sondern es anregt, die einem vorführt, wie zum Verzweifeln nanches ist, und zugleich an den zarten Pflanzen der Hoffnung durch ihre Literatur teilhaben lässt, einer Literatur, die einem nie die Wirklichkeit, schon gar nicht die eigene erspart.

Fast 40 Jahre liegen nun einige dieser Überlegungen zurück und erscheinen wie am heutigen Morgen geschrieben: „Um einen innersten Verdacht auszusprechen: Vielleicht liegt den Menschen, die heute da sind, nicht wirklich – oder nicht genug – daran, als Gattung zu überleben … Läßt sich die Ungestörtheitsgrenze nicht vielleicht noch näher heranschieben?“ Und lassen sich vielleicht doch noch Lebensformen finden, „ auf die das altmodische Wort ‚brüderlich‘“ passt. Vielleicht.

Friedrich Schorlemmer ist Mitherausgeber des Freitag

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