Die Vorteile des Tee-Kochens

Amüsant und frisch Hilal Sezgins Feuilleton-Sammlung "Kleines ABC der Freiheiten"

Die deutsch-türkische Autorin Hilal Sezgin schreibt normalerweise historische Kriminalromane, Essays und kulturelle Beiträge für diverse Zeitungen und Magazine. In ihrem jüngsten Buch Kleines ABC der Freiheiten stellt sie sich aber als versierte Zaubersammlerin vor, die all ihre witzigen Themen, schnurrigen Figuren und ernsten Geschichten in einem bunten Schatzkasten aufbewahrt. Sie öffnet diesen Zauberkasten zuweilen, um mal hier den Leser zum Lachen, mal dort zum Nachdenken und ein anderes Mal wieder mit einem Kloß im Hals zum Lächeln zu bringen. Vor allem steht immer eins für sie fest: Lachen ist gesund und fördert die Abwehrkräfte!

In über 50 Glossen und Kurzgeschichten präsentiert Hilal Sezgin neue Ideen, ungewöhnliche Eindrücke, neuartige Erkenntnisse, unumstrittene Wahrheiten, seltsame Träume, politische Lügen, erfundene Tatsachen und noch mehr. Sie findet und erfindet bei einem einzigen Thema immer wieder neue Aspekte, dreht und wendet sie, legt sie sorgfältig ab, sortiert sie aus, um dann diese höchst geschickt und beeindruckend wieder zusammen zu setzen und abermals zu mischen.

Sezgins frischer und amüsanter Stil zeugt von der Sorgfalt und Gründlichkeit einer echten Denkerin. Das ist nicht nur auf ihre philosophische Bildung zurückzuführen, sondern auch auf ihr anspruchvolles Schreibmotto: Oberflächlichkeit ist schädlich. Humorvoll und sprachgewandt schildert sie die Geschichten und Schicksale der einfachen Großstadtmenschen in ihrem alltäglichen Leben.

Diese Geschöpfe wirken zuweilen wie ausgedachte Wesen, die nur in komischen Situationen funktionieren und aus Buchstaben bestehen. Wenn man aber die satirische Schale dieser "Figuren" abzieht, rückt ihre menschliche Seite in den Mittelpunkt, etwa in dem Text Valentinstag, in dem Sezgin schonungslos die Einsamkeit in der Großstadt beschreibt oder in der Satire Das Phantom, bei der der unruhige Geist einer Katze sich mit der aufgewühlten Seele ihrer Besitzerin in "Phantom-Leckgeräuschen" vereinigt.

In dem ironischen Aufsatz Bei Wind und Wetter erforscht sie die Grundlage des Pessimismus im menschlichen Gemüt. Da kauft sich eine namenlose "sie" kurz vor dem Sommer orangefarbene Gummistiefel, eine knallroten Regenjacke, eine Plastikhose mit reflektierenden Streifen und will malerischen Küsten Englands Wind-und-Wetter-Ausflüge machen. In ihren Koffer packt sie nicht nur effektive Wind-und-Unwetter-Ausrüstungen, sondern auch "wertvolle" Bücher und Strawberry-Tea-Beutel. Sie hat extra bei einem Bed gebucht, bei dem "all rooms ... the benefits of tea making facilities" haben. Kaum angekommen, stellt sie fest, dass sie für "Wind-und-Wetter-Spaziergänge" nicht gebaut ist. Denn sie wird nach einem fünfminutigen Stapfen an der Küste "von außen - Regen - so wie von innen - Körpertemperaturausgleich wegen Plastikhose - durch und durch nass. Um ihren Urlaub doch noch zu retten, beginnt sie mit einem gehörigen Optimismus, ihre mitgebrachten und "wertvollen" Bücher zu lesen. Sie will durch die Lektüre zugleich ihre historischen, psychologischen und sozialen "Bildungslücken" schließen. Ihr fehlen aber dabei das Interesse und die Konzentration. Sie legt die Bücher nach einer Weile beiseite und merkt, dass sie auch für das Lesen nicht gemacht ist! Dennoch fühlt sie sich nicht verloren: Es lebe der frische Strawberry Tea, denkt sie sich, den man mit dem "Blick auf die aufgewühlte See" brauen kann! Wenn das kein Grund für Pessimismus ist ...

Ganz ohne Pessimismus und mit einem Hauch von Ironie streift Sezgin durch die Ausländerpolitik und das "Ausländersein" in Deutschland. Sie charakterisiert vornehmlich ihre nichtdeutschen Helden in besonderen Situationen: Da ist eine junge Türkin, die aus dem Sommerurlaub überraschend einen Ehemann mitbringt, oder das Mädchen, das als Junge verkleidet nach Mekka pilgert, oder die Autorin selbst, die auf einer Urlaubsreise in Istanbul in "die Blaue Moschee" geht und erst dort merkt, dass frau "beim Beten in der Moschee nicht nur den Kopf verhüllt, sondern auch einen Rock trägen muss". Ihr Dilemma ist dabei, nicht nur Hosen zu tragen, sondern auch "gar nicht mehr (zu)wissen, wie man sich ein Tuch um den Kopf schlingt"!

Hose, Rock, Kopftuch- es sind kulturell bedeutsame Stoffe und Motive, die Sezgin in ihrem wunderbaren Schatzkasten aufbewahrt, um über sie oder mit ihrer Hilfe bissige Glossen erzählen und das ABC der Freiheiten verdeutlichen zu können. In diesem Sinne sind die feuilletonistischen Forderungen der religiös erzogenen Autorin, deren deutsche Mutter zum Islam konvertiert ist, unmissverständlich: Die Meinungsfreiheit nicht gegen Religionsfreiheit auszuspielen, das Selbstbestimmungsrecht auch für muslimische Frauen anzuerkennen und das Kopftuch, an sich, nicht zu verteufeln.

Hilal Sezgin: Kleines ABC der Freiheiten. Feuilletons. Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2005, 181 S., 12,90 EUR


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00:00 10.11.2006

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