Die wahre Cancel Culture

Hass Die TV-Moderatorin Nemi El-Hassan hat sich von ihrer israelfeindlichen Vergangenheit distanziert. Doch das hilft ihr nicht
Die wahre Cancel Culture
Die Journalistin Nemi El-Hassan sollte „Quarks“ moderieren – dann wurde bekannt, dass sie auf einer Anti-Israel-Demo war

Foto: Paul Alexander Probst

Existiert die viel beschworene „Cancel Culture“ eigentlich? Angeblich wurden berühmte und erfolgreiche Leute wie Dieter Nuhr und Lisa Eckhart von woken Linken gecancelt. Wenn „canceln“ aber meint: jemand wir durch mediale Shitstorms und institutionelle Verdachtskultur in seiner beruflichen Existenz bedroht, dann betrifft es nicht diese und ähnliche Fälle. Denn während Mehrheitsdeutschen nach Fehltritten meist eine zweite Chance eingeräumt wird, endet die Fehlertoleranz oft dann, wenn es um Muslime geht. Der Fall von Nemi El-Hassan ist so ein Beispiel.

Weitere Beispiele: Einer jungen muslimischen Jurastudentin wurde 2020 die Einstellung zur administrativen Unterstützung eines öffentlichen Gremiums verweigert. Der Grund: Vor rund einem Jahrzehnt war sie im Vorstand einer muslimischen Jugendorganisation aktiv, die damals – aber heute nicht mehr – im Verfassungsschutzbericht erwähnt wurde. Ein muslimischer Nachwuchswissenschaftler wurde über mehrere Jahre vom sächsischen Verfassungsschutz beobachtet. 2011 verlor er seine Anstellung an der Universität und bekam Hausverbot – ähnlich wie bei zwei darauffolgenden Jobs. Der Grund: sein Engagement in einem inzwischen aufgelösten Arbeitskreis muslimischer Studenten. Der Verfassungsschutz hatte die Gruppe mal beobachtet, die Begründungen für die Beobachtungen blieben vage.

Ein Verdacht reicht oft

Die wenigsten haben von diesen Fällen etwas mitbekommen. Aber sie passieren. Inzwischen hat sich ein unausgesprochenes Verständnis darüber entwickelt, dass Muslime potenziell eine Bedrohung sein können. Zweifelsohne sind Islamismus und Antisemitismus unter Muslimen reale Probleme, die nicht unter den Teppich gekehrt werden dürfen. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich gerade die linke Bubble schwer damit tut, Probleme bei Minderheiten zu benennen. Genau hinsehen und klare Grenzen ziehen, ist in diesem Zusammenhang die Aufgabe einer Gesellschaft, die Islamismus und Antisemitismus den Kampf ansagen will. Allerdings zeigen die Beispiele, wie schnell ein bloßer Verdacht allein das abrupte Ende einer beruflichen Laufbahn bedeuten kann. Das ist tatsächlich Cancel Culture.

Auch im Fall der TV-Journalistin und Ärztin Nemi El-Hassan sollte man genau hinsehen. Wobei es hier um mehr geht als nur um einen Verdacht, sondern um dokumentierte, schwerwiegende Aktivitäten. Zum Beispiel hat sie 2014 an der antisemitischen Al-Quds-Demonstration teilgenommen. Auch bis vor Kurzem hat sie in sozialen Medien keinen Hehl aus ihrer antiisraelischen Haltung gemacht, ihr gefiel etwa ein freudiger Beitrag über den kürzlichen Ausbruch von sechs palästinensischen Insassen aus einem israelischen Gefängnis. Bilder von ihr kursierten im Netz, unter anderem hat laut der Recherche von Zeit Online der rechte und muslimfeindliche Aktivist Irfan Peci die Fotos von Nemi El-Hassan im August in einem Livestream öffentlich gemacht. Diese veröffentlichte die Bild-Zeitung am 13. September, woraufhin die AfD am selben Tag mit einer Pressemitteilung reagierte. Beatrix von Storch (AfD) nennt darin El-Hassan eine „überzeugte Islamistin und Judenhasserin“ sowie „Terror-Sympathisantin“. Für die Diskussion um El-Hassan gehört es dazu, auch die Genese zu reflektieren. Geht es den Initiatoren wirklich um den Kampf gegen Islamismus und Antisemitismus? Oder ist es nur ein Vorwand, um Ressentiments gegen Muslime zu schüren und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten als „linksversifft“ darzustellen?

Zweite Chance nicht für alle

Der WDR hat entschieden, dass El-Hassan nicht, wie geplant, von November an die Wissenssendung Quarks moderieren wird, allenfalls ein Einsatz als Autorin fernab der Kamera käme in Frage. Mit dem Kainsmal der Antisemitin und Islamistin markiert, ist es schwer vorstellbar, dass der Ruf von El-Hassan jemals wiederhergestellt werden kann. Welcher Sender würde sie künftig unter Vertrag nehmen, wohl wissend, dass ein Shitstorm und Imageschaden ansteht? Das Urteil durch die Feldjustiz der Öffentlichkeit hat kein Ablaufdatum. Jemand wie Uli Hoeneß darf schließlich nach Absitzen seiner Strafe Ehrenpräsident des FC Bayern werden. Dieter Nuhr ist nach wie vor im Ersten zu sehen. Zweite und dritte Chancen sind anscheinend ein Privileg für alte weiße Männer – und Lisa Eckhart.

Nemi El-Hassan hat Reue gezeigt und distanziert sich von ihren früheren Aktivitäten. Wie sie selbst beteuert, hat sie sich vom radikal-islamischen Milieu getrennt. Man muss die aktuelleren antiisraelischen Likes und Beiträge von ihr nicht gut finden. Als objektive Kommentatorin zur Situation im Nahostkonflikt wäre sie nicht die richtige Besetzung. Aber für die Moderation einer Wissenschaftssendung darf ihre Positionierung zum Nahostkonflikt keine Rolle spielen. Für diese Differenzierung ist in der aufgeheizten und polarisierenden Debatte offenbar kein Raum. Allein die Wucht der Angriffe auf El-Hassan zeigt, dass eine Agenda dahintersteckt. Die Parteistrategen der AfD haben schon längst erkannt, dass unter dem Vorwand des Kampfes gegen Antisemitismus antimuslimische Ressentiments sich in der Gesellschaft legitimieren lassen. Es ist problematisch, wenn auch linke Aktivisten darauf hereinfallen und nun gemeinsam mit AfD und Teilen der Springer-Presse El-Hassan mit einem Shitstorm überziehen. Wer sich als intersektional und machtkritisch ausgibt, sollte zumindest hinterfragen, mit welcher Absicht und welchen Methoden der gesamte Werdegang einer migrantisch-muslimischen Frau durchleuchtet wird. Man könnte sich beispielsweise die Frage stellen, warum nicht Mindestmaße an journalistischen Standards eingehalten wurden: dass El-Hassan von der Bild-Zeitung nur 75 Minuten eingeräumt wurden, um auf die Vorwürfe zu reagieren. Dass sie in Bild-TV ohne jegliche Belege mehrfach Islamistin genannt wurde. Dass für die Bebilderung ständig auf Fotos zurückgegriffen wird, die Nemi El-Hassan mit Kopftuch zeigen, obwohl sie dieses schon lange nicht mehr trägt.

El-Hassan hat Kritik verdient, aber keinen Rufmord und ein De-facto-Berufsverbot. Eine linke Position zieht immer die Machtverhältnisse in Betracht, weshalb Solidarität mit El-Hassan keine Zustimmung zu ihren inhaltlichen Positionen bedeutet. Aber auch für Nicht-Linke sollte Empathie kein Fremdwort sein. Solidarität mit El-Hassan widersetzt sich aus einer machtkritischen Perspektive der Denunziation einer migrantisch-muslimischen Frau seitens rechter und konservativer Kräfte. Statt sich mit Hashtags wie #HaltDieFresseBild zufriedenzugeben, wäre es angebracht, solche Dynamiken zu beschreiben und sich ihnen zu widersetzen.

Info

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine aktualisierte Version dieses Textes vom 23. September

Saba-Nur Cheema ist Politologin, Antirassismus-Trainerin und Senior Expert in der Bildungsstätte Anne Frank. Sie hat den offenen Brief an den WDR mitunterschrieben, in dem Nemi El-Hassan unterstützt wird

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12:30 29.09.2021

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