Christoph Brumme
Ausgabe 3213 | 22.08.2013 | 06:00

Die Wahrheit und die Weite

Ukraine Reise durch ein verlorenes Land – und immer wieder die Frage: „Warum interessiert ihr euch nicht für uns?“

Die Wahrheit und die Weite

Foto: Martin Parr/Magnum Photos/Agentur Focus

Wir sitzen in Anatolis Küche, vereint in dem Wunsch, den Geruch des soeben kastrierten Ebers mit einem Wässerchen zu betäuben. Das Tier war anderthalb Jahre alt, mit Hoden – größer als Hühnereier. Die Kastration war nötig, weil sonst das Fleisch gar nicht schmeckt. Das ist in Deutschland auch nicht anders, erfahre ich. Ich muss versprechen, darüber nichts zu berichten, und falls doch, dann nicht die wahren Namen der Beteiligten zu erwähnen. Denn obwohl ein staatlich beglaubigter Veterinär dem Eber den Hodensack aufschnitt (mit einer Rasierklinge und ohne Betäubung), so war diese Arbeit doch illegal, dementsprechend auch die Bezahlung des Mannes.

Allerdings muss man sich in der Ukraine nicht wundern über die Spaltung der Gesellschaft in eine inszenierte und eine echte Wirklichkeit. Offiziell soll die Miliz das Rauch- und Alkoholverbot auf den Straßen durchsetzen, tatsächlich rasen betrunkene Milizionäre mit hundert Stundenkilometern durch die Dörfer, wie ich als Beifahrer bezeugen kann. Anatoli erzählt, vor 20 Jahren hätten in seiner Siedlung in der zentralen Ukraine noch etwa 2.000 Menschen gelebt – heute ist bestenfalls noch die Hälfte da. Ärzte wandern nach Deutschland aus, Lehrerinnen und Ingenieure folgen ihnen. Ich denke an die Kampagnen der Bundesregierung, Fachkräfte aus aller Welt anzuwerben. Dass sie hier ausgebildet wurden, dass sie hier fehlen, wen interessiert das schon, wenn alle sich nur im süßen Lied vom Wettbewerb wiegen? Deutschland hat eben einen Standortvorteil. Das ist ein anderes Wort für Zynismus.

Weil ich kein Patriot bin, erwähne ich in der Runde, dass die deutsche Kanzlerin die Ukraine als Diktatur bezeichnet hat. Einen besseren Witz hätte ich kaum erzählen können. „Und was ist mit Russland?“, fragt Juri, der noch nie weiter als bis zur nächsten Kreisstadt gefahren ist. „Ist Putin etwa kein Diktator?“ Der sei nur ein autoritärer Herrscher, betone ich die feine Nuance des Unterschieds. Alle lachen, auch Anatolis Frau Irina, die 70 Kilogramm schwere Bierfässer in ihren Laden schleppt, wenn Anatoli nicht zu Hause ist, weil er sich für umgerechnet 50 Cent pro Stunde als Bauarbeiter verdingt.

Nein, an Freiheit mangelt es in der Ukraine nicht. Eher gibt es zu viel davon, vor allem Freiheit zur Selbstausbeutung. Als Radfahrer, der das Land in den vergangenen Jahren mehr als ein Dutzend Mal von West nach Ost durchquert hat, höre ich immer wieder die gleichen Klagen: Bei uns gibt es keine Wahrheit, keine Ordnung, keine Kultur, keine Disziplin – die Aussichten auf die Zukunft könnten schwärzer nicht sein. Aber die Angst, sich frei zu äußern und willkürlich verhaftet zu werden, muss man nicht haben, es sei denn, man gehört zur Raffgier-Klasse und schwimmt im Haifisch-Becken. An Stammtischen wird gewitzelt: In 50 Jahren sind wir eine chinesische Kolonie! Europa will uns nicht, selbst das Goethe-Institut ordnet uns im asiatischen Kulturraum ein. Wer fünf Milliarden Dollar geklaut hat, wird „Engel der Demokratie“ genannt, aber der Obdachlose soll nicht rauchen und nicht trinken dürfen, das ist das neue kapitalistische Rechts- und Freiheitsverständnis! Du trittst als braver Sowjetbürger aus dem Haus, willst nur Mehl und Makkaroni kaufen, und plötzlich gibt es Marlboro und Coca-Cola!

Russen, die Griechen sind

Heute hängen in ukrainischen Kneipen Werbeposter für Schönheitsoperationen, obwohl die meisten nicht genug Geld haben, um sich bei einer Erkältung Hustensaft zu kaufen. In manchen Städten laufen nur noch zehn bis zwanzig Prozent der Fabriken. In Saporischschja, der großen Stadt am Dnepr, hängen 100.000 Arbeitsplätze von den Entscheidungen eines 28-jährigen Unternehmers ab. Fast jeder ukrainische Bürger – so er noch aus dem Bett kriechen kann – betreibt ein kleines Business, auch wenn es nur darin besteht, ein bisschen Speck und drei Knoblauchzehen am Straßenrand zu verkaufen.

Eines der größten Probleme des Landes ist die Regionalisierung. Alle 200 Kilometer hat man den Eindruck, in einen anderen Staat zu kommen. Das Geld ist zwar das gleiche, aber die Menschen wissen so wenig über die Bewohner der benachbarten Regionen, dass man sich als Durchreisender nur wundern kann. Die Mobilität ist gegenüber sowjetischen Zeiten stark zurückgegangen – trotz der vielen neuen Privatautos –, weil die Mehrheit sich nur in einem Kreis von wenigen Kilometern bewegt. „Kiew, das ist eine andere Welt“, sagt eine Lehrerin, die wie so viele ihrer Freunde und Bekannten noch nie in der 600 Kilometer entfernten Hauptstadt war.

Immer wieder soll ich Ukrainern berichten, wie Ukrainer in anderen Regionen leben. Häufigste Frage: Stimmt es wirklich, dass sie dort ärmer (oder reicher) sind als wir? Nein, es stimmt nicht, es ist überall das gleiche Elend. Im Donbass erzählt mir die Direktorin eines Kulturinstituts von den zwei Wirklichkeiten, freilich nur im Zustand der Trunkenheit. Ich weise auf eine Lenin-Statue und frage, wie viel Prozent die Kommunisten hier bei Wahlen bekämen. „Real oder offiziell?“, fragt sie zurück. „Real sind es 40 bis 50 – gemeldet werden maximal 20.“ Die Partei der Regionen des Präsidenten Viktor Janukowitsch hat die administrative Lage im Griff, aber nicht die echte Wirklichkeit. Janukowitsch-Freunde muss man lange suchen.

Ich kenne inzwischen fast alle Regionen des Landes, keine scheint demokratischer oder weniger korrupt als die andere zu sein. Westliche Wahlforscher und ukrainische Intellektuelle, die noch nie in den Provinzen waren, deuten immer wieder die Sterne, lesen Stimmungen aus lokalen Wahlergebnissen heraus und behaupten, die Ukraine sei politisch, sprachlich und kulturell gespalten, das Volk untereinander verfeindet. Denn im Osten haust der Schrecken, der „primitive Russe“ – im Westen leben die „aufgeklärten, demokratischen Ukrainer“, wird in Deutschland Medien-Konsumenten erzählt. Dass im Osten mindestens ebenso eifrig Ukrainisch gelernt wird wie im Westen, schon weil das Ukrainische verbindliche Unterrichtssprache an den Schulen ist, haben noch nicht alle erkannt. Auch ist das Ukrainische in allen Gegenden die vorgeschriebene Theatersprache, was nicht allen Schauspielern gefällt. Nur russische Klassiker können auf Russisch gespielt werden. Wie seltsam, dass viele Ukrainer glauben, das reinste und feinste Ukrainisch werde im Osten gesprochen, nämlich in Poltawa, der Heimat Nikolai Gogols. Andere sagen: Das sei in Tscherkassy der Fall – und das liegt genau in der Mitte des Landes.

Wie merkwürdig auch, dass die Russen Griechen sind, denke ich oft, wenn ich durch den Osten radle. Denn in vielen Siedlungen bekennen sich inzwischen mehr Menschen zur griechischen Nationalität als zur russischen, selbst nach dem Eindruck der lokalen Behörden. Auch diese deuten freilich den Lauf der Sterne als verlässliche Dossiers, denn seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird die Nationalität nicht mehr im Pass vermerkt. Die meisten Ukrainer lassen sich ohnehin nicht klar zuordnen. Die Mutter war Russin, der Vater Rumäne, ich bin also ein Ukrainer? Oder Halbrusse und Vierteljude – oder wie?

Zehn Sprachen am Vormittag

Im ukrainischen Westen gibt es so viele polyglotte soziale Landschaften, dass einen schon das Aufzählen schwindeln lässt. An einem einzigen Vormittag zehn Sprachen auf dem Markt in Uschhorod zu hören, ist keine Seltenheit. Oder in Ivano-Frankiwsk, in Tscherniwzi oder in Chust – dort verwenden Baptisten und Orthodoxe, aber auch Katholiken und Sieben-Tag-Adventisten Surschyk in ihren Predigten, eine Melange aus Ukrainisch und Russisch. Andrij Schewtschenko, Kapitän der Fußball-Nationalequipe, der lange im Ausland gespielt hat, antwortet im Fernsehen auf Russisch, wenn ihm Fragen auf Ukrainisch gestellt werden.

Besonders Deutschland hat es zu verantworten, dass eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine weiter entfernt ist als die der Türkei. Der EU-Assoziierungsvertrag liegt unterschriftsreif auf dem Tisch, ist jedoch noch immer nicht unterschrieben. Deutschland zögert und will es sich mit Russland nicht verderben, das die Ukraine lieber für eine Zollunion gewonnen hätte. Die Russen haben Gas, die Ukrainer leere Hände – das scheint ein Maßstab für die Regierung in Berlin. In Kiew witzelt man, es gebe zwei russische Botschaften, in einer werde deutsch gesprochen.

Außenpolitik ist eben Interessenpolitik, ungeeignet fürs Moralisieren. Angesichts der Millionen ukrainischer Opfer während der deutschen Besatzungszeit von 1941 bis 1944 ist diese Haltung zumindest befremdlich. Deutschland behindert mit seiner von Misstrauen geprägten Visa-Politik mehr EU-Nähe der Ukraine, obwohl deutsche Investoren hier fantastische Gewinnraten von zehn Prozent erreichen können.

Häufig werde ich als schreibender Flaneur eingeladen, in ukrainischen Schulen, Altenheimen, Bibliotheken, Museen und Krankenhäusern oder bei Betriebsfeiern zu sprechen. Eine Frage ist mir bei diesen Anlässen stets peinlich. „Warum ist den Deutschen die Ukraine so gleichgültig? Sollen wir vor Europas Haustür verhungern?“ Ein Mann meint: „Die Deutschen ernten mit ihren Mähdreschern unser Korn und verkaufen es ins Ausland, aber wir sind arbeitslos und haben kein Getreide für unser Vieh.“ – „Es tut mir leid“, antworte ich in der Regel, „aber ich muss Ihnen sagen, die Ukraine ist für die Deutschen nicht wichtig. Das deutsche Publikum richtet seinen Blick am liebsten nach Westen, nach Süden und in die Ferne, nicht nach hinten, ins dunkle Osteuropa. Ebenso die deutsche Politik.“

Schweigen. Was erlaubt sich der freche Kerl? Ich war lange genug am Theater, um die Reaktionen zu genießen, die ich hervorrufe, wenn ich erzähle, was Deutsche gemeinhin über die Ukraine wissen. Dieses Land ist nicht sexy, lautet häufig die Auskunft deutscher Verlage, werden ihnen ukrainische Geschichten vorgeschlagen. Ich argumentiere gegenüber meinen Gastgebern wie ein deutscher Weltbürger, der gern nach Süden, Westen und in die Ferne reist. Als solcher rechne ich auch gern: Der Veterinär, der den Eber kastriert hat, erhielt 250 Griwna für zwei Stunden Arbeit. Dafür muss sich Anatoli 50 Stunden lang als Bauarbeiter abplagen. Anatoli ist übrigens auch ein Weltbürger. Er war schon hinter dem Ural – als Soldat der Sowjetarmee. Vor 25 Jahren.

Christoph Brumme ist Romanautor, Essayist und Reisekorrespondent

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 32/13.