Stephan Uersfeld
Ausgabe 5213 | 29.12.2013 | 15:00 9

Die Wand ruft

Bundesliga Für den echten Fußballfan haben die Trikots der Mannschaft mit Mode nichts zu tun. Aber sehr viel mit Gefühl. Über ein Leben in Schwarz-Gelb

Die Wand ruft

Foto: Hardy Müller / laif

Paragraf 1 – Name, Sitz und Farben des Vereins: „Der Ballspielverein Borussia 09 e. V. in Dortmund, gegründet am 19. Dezember 1909, hat seinen Sitz in Dortmund und ist in das Vereinsregister des Amtsgerichts Dortmund eingetragen. Die Farben des Vereins sind schwarz-gelb.“

Ich wurde in Dortmund geboren. Einer Stadt, die man nur als Dortmunder lieben lernen kann. „Aber Dortmund hat auch seine schönen Seiten, man muss sie nur kennen.“ Tausendfach gehört. Und dadurch doch nicht wahrer. Dortmund hat nur eine schöne Seite: die Gelbe Wand im Westfalenstadion.

Das war mir nicht schon immer klar. Nein, als Fünfjähriger war ich noch Schalke-Fan. Immerhin wohnte Matthias Schipper, damals Verteidiger der Königsblauen, im selben Vorort. Seine Familie betrieb die Vereinskneipe. Blau und Weiß waren unsere Farben.

Eine Entscheidung fürs immer

Der Fußballer wohnte nur ein paar Häuser entfernt, direkt an der Hauptstraße. Wir Kinder im Dorf waren stolz. Eines Tages nahm ich all meinen Mut zusammen, zog mein blaues Trikot mit Paddock-Aufdruck an und spazierte die Straße hoch: Heute würde Matthias Schipper auf meinem Trikot unterschreiben, ich würde es überall herumzeigen. „Den kenn’ ich“, würde ich sagen, „und eigentlich finde ich den noch besser als Olaf Thon!“ (Obwohl das gar nicht stimmte.)

Ich schellte. „Herr Schipper, könnten Sie…“ Doch Schipper sagte nur „Hau ab.“ Das Trikot zog ich nie wieder an.

Ein glücklicher Zufall. Schon bald trug ich ein gelbes Trikot, das mit dem schwarzen Continentale-Aufdruck. Eine Entscheidung fürs Leben.

Als Borussia Dortmund 1992 dann die erste Bundesliga-Meisterschaft verpasste, verdrückte ich inmitten der schwarz-gelben Menschenmassen ein paar Tränen. Doch diese Tränen banden mich nur noch stärker an den Verein. Ich wählte meine Kleidung nach Farben aus, trug meist Schwarz, manchmal Gelb. Blau? Niemals.

1996 stand ich auf der neu gebauten Westtribüne. Sie war schwarz und gelb dekoriert, Stunden später würde hier die zweite Bundesliga-Meisterschaft gefeiert. Auch die Stadt war geschmückt. Und am Eingang erhielt jeder ein Trikot. „Geile Saison, Jungs!“ Smiley. War drauf gedruckt.

Ein Jahr später trug München Schwarz und Gelb. Champions-League-Finale! Lars Ricken lupfte. Borussia Dortmund war mein Leben, Schwarz-Gelb meine Farbe. Dauerkarte Südtribüne. Stehplatz, was sonst? Die Borussen hatten mich gewählt, nicht ich sie. Sie würden mich nicht mehr loslassen. Das war mir damals schon klar. Im Laufe der Jahre wurde aus der Südtribüne eine Dauerkarte für eine der neu gebauten Ecken. Seitdem schaue ich voller Bewunderung auf die mächtige 25.000-Menschen-Wand. Beobachte ihr Leben, und, manchmal, wenn ich schreie, fühle ich mich noch als Teil von ihr.

Anfang der Nullerjahre dann, ich war Anfang 20, verschlug es mich nach Berlin. Was mit Medien machen. Sich ins Nachtleben stürzen. Die Heimat hinter sich lassen. Doch eines blieb. Obwohl mein Verein abstürzte. Auch als es 2005 richtig schlimm wurde für meinen BVB, saß ich jede Woche in einer Berliner Sportkneipe – oder im Zug nach Dortmund. Auf dem Weg ins Westfalenstadion, das bald nicht mehr Westfalenstadion hieß, sondern wie eine Versicherung. Doch die Farben blieben.

Die Farben waren die Identifikation. Auf den Straßen der Hauptstadt nickten mir fremde Menschen aufmunternd zu, wenn ich wieder einmal mein Fantrikot trug. E-on stand nun auf der Brust, aber „Jan Koller“ auf dem Rücken – schwarz auf gelb. Irgendwann würde es wieder aufwärtsgehen. Und selbst die in den roten Bayern-Shirts oder den Bremer Modefarben Grün und Weiß wussten von meinem Schmerz. Darum geht es im Fußball.

Aufgeben war keine Option. Ich arbeitete in der Musikindustrie, hatte, was man damals „eine geile Zeit“ nannte. Doch der Verein erdete mich.

Spieler kamen und gingen, Trainer kamen und wurden gefeuert. Der Verein stand vor der Pleite. Die Fans gingen auf die Straße. Die Mannschaft kickte im Mittelmaß. Im Frühjahr 2006 wurden die neuen Trikots der Schwarz-Gelben präsentiert. Sie waren: gelb-weiß!

Ein Aufschrei ging durch die Fangemeinde: Der Stadionname war schon weg. Jetzt verkaufen sie auch noch unsere Farben, schrien wir in Richtung Verein, der uns an den Rand des Abgrunds manövriert hatte und uns nun das Herz rausreißen wollte. Das geht nicht. So hört der Verein auf zu atmen. Doch der Verein verstand, änderte sogar die Satzung. Aus „die Farben sind grundsätzlich schwarz-gelb“ wurde „die Farben sind schwarz-gelb“. Ausnahme: die lange, graue, 3-Trainer-Saison 2006/2007.

Die schönste Farbe der Welt

Diese Saison in Gelb und Weiß war die sportlich schlechteste seit langer, langer Zeit. Noch wenige Spieltage vor Saisonende drohte der erste Abstieg seit den siebziger Jahren. In dieser Saison verscherbelte der Verein seine Tickets an jeder Ecke, in jeder Frittenschleuder, trotzdem kamen im Schnitt nur knapp über 72.000 Zuschauer. Weniger waren es nie im neuen Westfalenstadion mit dem Versicherungsnamen, in dem eine Mannschaft spielte, die nicht mehr die Vereinsfarben trug.

Im Laufe der Saison appellierte der Verein an die Stadt. Er legte eine Werbekampagne auf: „Welche Farbe hat Dein Herz?“ Wer die Frage mit „schwarz-gelb“ beantwortete, bekam einen Schal zugeschickt. Auf der einen Seite stand: „Wir sind Borussia“. Auf der anderen: „Ich bin schwarzgelb“. Ich musste die Frage nicht beantworten. Das hatte schon Schalke-Mann Schipper, ein Blauer, wie ich jetzt abschätzig sagte, für mich getan. Er weiß es bis heute nicht. Ich aber zog auch 2007 mein altes Jan-Koller-Trikot an, legte den Schal um den Hals und fuhr die 500 Kilometer nach Dortmund. In der Bahn war ich meist allein.

Das änderte sich am 12.05.2007. Lokalderby gegen die Blauen. Meine Mannschaft trug noch die falschen Farben, konnte immerhin nicht mehr absteigen – und die Meisterschaft der Gegner verhindern. Die Bahn nach Dortmund war gut gefüllt. Am 12.05.2007 hatte die Stadt schwarz-gelb geflaggt. „Viel Glück, Jungs! Haut’se wech“, riefen die, die kein Ticket bekommen hatten.

Im Stadion dann: Wie ein Mann stand die Gelbe Wand – der Sehnsuchtsort, der den Menschen hier alles bedeutet – hinter ihrem Verein. Dortmund gewann 2:0.

Den Sieg der Blauen vereitelt, die gelb-weiße Saison beendet – für mich war dieser Tag eine Erweckung. Ich verließ die Hauptstadt und zog zurück nach Dortmund, wollte meinen Farben wieder nah sein. Mit der Borussia ging es aufwärts. Das Stadion war voll. Aus „Welche Farbe hat Dein Herz?“ wurde „Echte Liebe“. Auf der Südtribüne pochte es lauter als jemals zuvor, den Herzschlag vernahm man bald in ganz Europa.

Allein, ich wurde nicht glücklich in Dortmund. Die Stadt drückte aufs Gemüt. Ein toller Ort, aber. Ich lebte nur noch fürs Wochenende, manchmal trug ich mein Trikot einfach so. Hoffnung. Der Verein hielt mich am Leben. Schließlich trug ich statt des Trikots einen schwarzen „100 Jahre Heimat“-Pulli, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Doch der Verein allein war nicht genug.

Zurück in Berlin: In der U1 an einem Samstag. Richtung Kreuzberg. Langsam füllt sich die Bahn mit den schönsten Farben der Welt. Schwarz und Gelb. Das wissende Lächeln. Das Kopfnicken. Alle sind auf dem Weg in diese Fußballkneipe, dorthin, wo die Spiele live gezeigt werden. Die Kapuze des schwarzen „100 Jahre Heimat“-Pullis, jetzt schon drei Jahre alt, tief ins Gesicht gezogen. Kottbusser Tor raus, die Betonwände hinter sich lassen. Heimat ist immer da, wo Borussia spielt. Heimat ist immer da, wo unsere Farben wehen.

Und dann die Heimspieltage: Berlin-Hauptbahnhof, 6.47 Uhr, ICE 644, Gleis 13. Die Farben, die sich langsam über den Bahnsteig verteilen. Manche ganz allein. Manche in Gruppen. Alle mit einem Ziel. Und einem Bier zum Frühstück.

Zugteilung in Hamm. Nächster Halt: Dortmund Hauptbahnhof. Die Menschen in ihren Trikots, die Fahnen, die aus den Fenstern hängen, die Menschen an den Buden, ein Pils und dann auf in Richtung Stadion. In Richtung Heimat. Am Ende der dunklen Gasse erstrahlt die Gelbe Wand!

Stephan Uersfeld schreibt für ESPN FC, Fokus Fussball und ist als Dietfried Dembowski manchmal Chefredakteur einer erdachten Boulevardzeitung namens derSamstag!

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/13.

Kommentare (9)

flonk 27.12.2013 | 23:04

Wer bei Faschismus an das totale Aufgehen des Subjekts in der Masse denkt, dem kann bei Stephan Uersfelds Artikel nur speiübel werden.

Wie ein Mann stand die gelbe Wand.

Heimat ist immer da, wo unsere Farben wehen.

Am Ende der dunklen Gasse erstrahlt die gelbe Wand.

Der Text ist eine einzige Ode an die eigene Ohnmacht, die kleinste kritische Reflexion oder auch nur Ironisierung sucht man vergebens. Wie eine sich irgendwie emanzipatorisch wähnende Zeitung solchen denkfeindlichen Schund drucken kann, ist mir völlig unklar.

alalue 29.12.2013 | 21:29

Etwas übertrieben. Der Mensch hat eine Erbe als Herdentier, und da werden gewisse Dinge ausgeblendet. Solange es in solchen Bahnen läuft, ist es doch egal.

Sie sind der, den ich auch Gutmensch nennen möchte: perfekt bis in die unwichtigsten Dinge, die keine Gefahr darstellen und niemand interessieren.

Im übrigen kann ich den Autor durchaus verstehen: bei mir ist es zwar nicht ganz so schlimm, aber in die Richtung: mehr im Süden, gegründet 1900 und rot. Dieses Jahr diverse Titel, mehr als Dortmund in den letzten fünf bis 15 Jahren. Na ja.

Und ? auch speiübel, zum Kotzen ?

Norbert W. Schlinkert 30.12.2013 | 13:21

Ich denke auch bei Kommunismus an das totale Aufgehen des Subjekts in der Masse – aber was hat das mit dem zugegebenermaßen etwas sehr faden Text zu tun? Allerdings, Sie deuten es an und haben damit recht: im Freitag finden sich eben eher selten Texte von hoher Qualität, häufig sogar außerordentlich schlecht geschriebene. (Vielleicht würde es helfen die Autoren zu bezahlen, dann würden sicher auch Profis mal was beisteuern!) Über Fußball sollte man aber eigentlich, denke ich, überhaupt nicht schreiben, das fügt dem Spiel selbst nichts hinzu, was sich leicht aus dem besagten Artikelchen oben ersehen läßt.

flonk 30.12.2013 | 15:20

Perfekt bin ich also garnicht, und erst recht nicht bis in die unwichtigen Dinge, ich finde dieses Ding lediglich wichtig.

Und nein, Ihr Kommentar erregt bei mir keinen Brechreiz. Mit Ihrer Feststellung, dass da im Menschen etwas kreatürliches angespochen wird, zeigen Sie in einem winzigen Kommentar ja schon, was Herr Uersfeld auf einer ganzen A2-Seite nicht zustandebekommt: Selbstreflexion.

Dass ich Ihre Gelassenheit darüber aber nicht teile, hat zwei Gründe. Erstens, dass Fußballstadien hierzulande Räume für stereotype Männlichkeitstänze, Homophobie, Rassismus und allerlei anderes zivilisationsfeindliches Prollgehabe sind. Zweites, dass ich uns zutraue, rücksichtsvollere Formen der Gemeinschaftlichkeit zu entwickeln, anstatt mit einem bloßen Verweis auf unsere biologische Vorgeschichte selbstgerecht im Istzustand zu verharren.

Exilant 31.12.2013 | 11:44

Ja, warum schreibt der Blogger "Wand" und nicht "Kurve"? Ist das frühere Westfalenstadion anders gebaut? Ich weiß es nicht.

Zur fußballerischen Heimat gehört aber auch der Name des Stadions. Bei der Umbenennung des Volksparkstadions in Hamburg gab es Streit, weil die meisten HSV-Anhänger ein "Uwe-Seeler-Stadion" haben wollten.

Spottirektor 01.01.2014 | 21:23

@EXILANT Im Wesfalenstadion heißen die Zuschauerränge auch nach dem temporärem Übertrag der Namensrechte auf einen Versicherungskonzern weiterhin "Tribüne" und nicht Kurve o.ä. Als solche ist die Südtribüne neben der reinen örtlichen Bezeichnung für die dort versammelten Borussen vielmehr persönliche Standortbestimmung und Ausdruck einer fußballerischen Weltanschauung . Von hier aus werden zu jedem Heimspiel von 25 Tsd Besuchern vielfältige Aktivitäten zur Unterstützung Ihrer Borussia gestartet. Viele dieser Aktivitäten sind fussballkulturell stilprägend geworden, seien es die weltweit Beachtung findenden Choreographien oder auch die mit viel Heimatwitz und teilweise auch Ironie textlich angepassten Anfeuerungslieder. Stilprägend insofern, als Fanlager anderer Vereine sich hier bedienen und auf ihre Vereine adaptieren. "Gelbe Wand" steht begrifflich als Synonym für alles, was auf der " Süd" passiert. Somit ist die "Gelbe Wand" ein Teil der Vereinsidentität von Borussia Dortmund geworden. Der vom Autor beschriebene Weg der fußballerischen Sozialisierung ist mir gut bekannt, da in ähnlicher Form erlebt. Dafür, dass er die " richtigen Farben" gewählt hat, muss noch heute Herrn Schipper gedankt werden, bei mir gebührt dieser Dank einem gewissen Hernn Uli H. , Wurstfabrikant, derzeit München, der seinerzeit den Autogrammwunsch des 12- jährigen abschmetterte. Dem Autor, Herrn Uersfeld, meinen aufrichtigen Dank und Chapeau. Er hat auf seiner erzählten Reise, ein Zugehörigkeitsgefühl für den richtigen Fußballverein zu entwickeln, meine Seeele berührt.

Michael Angele 03.01.2014 | 15:00

Oh mein Gott! Was für miesgelaunte Kommentare hier. "Erstens, dass Fußballstadien hierzulande Räume für stereotype Männlichkeitstänze, Homophobie, Rassismus und allerlei anderes zivilisationsfeindliches Prollgehabe sind." Da kann ich zweitens und drittens nur raten: Sofort alle Stadien wegschließen, rr-rrestlos alle, für immer und ewig (natürlich ausser das Millerntor, hahah.) Schöner Artikel, auch wenn ich noch besser gefunden hätte, wenn Sie statt Jan Koller den Chappi auf dem Trikot getragen hätten