Die Wasserrutsche des Diktators

Nicht in Berlin Unser Autor war als Tourist in der Demokratischen Volksrepublik Korea
Die Wasserrutsche des Diktators
Der Wasservergnügungspark Munsu in Pjöngjang

Foto: Xinhua/Imago

Kim Jong-un steht oft in der Kritik, wie neulich, als er seinen Verteidigungsminister angeblich mit einer Flugabwehrkanone hinrichten ließ. Eines aber muss man dem jungen Diktator zugutehalten: Den Munsu-Wasservergnügungspark, der „unter seiner elanvollen und klugen Führung auf höchstem Niveau prachtvoll errichtet wurde“. Unter Glaspyramiden stehen vier Wasserrutschen, ein Wellenpool, mehrere Saunen und eine erstaunlich gute Kopie von Starbucks. Draußen gibt es ein Dutzend weitere Rutschen. Alles nagelneu – nur wenn der Strom für ein paar Minuten ausfällt, wird wieder klar, dass man sich in Pjöngjang befindet.

Dass sich Kims Einsatz gelohnt hat, kann ich bestätigen, nachdem ich fünf Tage in der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) verbracht habe. Ich wollte unbedingt in ein Land reisen, in dem es keine Coca-Cola gibt. So wurde ich zu einem der weniger als 5.000 nichtchinesischen Touristen, die jedes Jahr das abgeschottete Land besuchen. Es war nicht schwer; verschiedene Reisebüros mit Sitz in China bieten All-Inclusive-Urlaub an. Billig ist es nicht: Da man für die eigene Rund-um-die-Uhr-Überwachung – immer drei Aufpasser – bezahlen muss, kommt man nicht für unter 200 US-Dollar pro Tag rein. Und dennoch: Es war toll!

Wie ticken die Nordkoreaner? Schwer zu sagen. Ein ruhiges Gespräch wird uns nirgendwo erlaubt. Wir probieren es dennoch ständig. Gut möglich, dass die kleinen Kinder zum ersten Mal nichtkoreanische Menschen sehen. Entsprechend groß sind ihre Augen, während sie freundlich-nervös winken. „Hello!“, rufen sie, und wir versuchen ein Mini-Gespräch. „What is your name? How old are you?“ Bei manchen klappt es sogar – bis eine Reiseführerin ankommt und uns streng informiert, dass die Kinder kein Englisch können. Was sie anschließend den Kindern auf Koreanisch erzählt, können wir nicht entschlüsseln, aber glücklich sehen sie nicht aus.

Das Land ist tatsächlich so isoliert wie man denkt. Unsere Reise hätte fast nicht stattgefunden, weil die Volksrepublik im Oktober 2014 ihre Grenzen dicht machte – wegen des Ebola-Virus, das 15.000 Kilometer entfernt wütete. Wir fragen einen Studenten, wie es war, sechs Monate lang komplett abgeschnitten zu sein. „Es war schlimm“, sagt er, „aber alle Länder mussten das so machen.“ Wir Touristen nicken verwirrt-verständnisvoll – niemand traut sich zu sagen, dass wir damals ständig hin- und hergeflogen sind.

Oberste Staatsräson

Doch zumindest dieser Wasserpark ist Weltklasse. Deutschlands BIP pro Kopf beträgt das 25-Fache von Nordkorea. Aber wenn ich in einen Wasserpark will, muss ich ins Freibad Neukölln – das nicht nur gefährlich überfüllt ist, sondern auch nur eine Rutsche hat. Da wünscht man sich einen jungen Staatschef, der Wasserrutschen zur obersten Staatsräson erklärt.

Am Eingang des Wasserparks grüßt Kims Vater, „der General“, in Form einer Statue. In seiner typischen olivgrünen Bomberjacke sieht er aus wie ein Militär aus einem Pornofilm der 70er Jahre. Jetzt steht er allein am Strand, neben einem Sonnenschirm, in seinen Absatzschuhen, und lächelt uns an. Wir Besucher müssen uns alle verbeugen – überhaupt haben wir uns in den fünf Tagen zu ziemlichen Meistern des Verbeugens entwickelt.

Einmal reingekommen – für nur 20 Euro! – können wir mit Kindern und Erwachsenen planschen. Ich teile mir einen Doppelring mit einem schüchternen Teenager – wir kommen nicht ins Gespräch, aber schreien zusammen vor Freude, während wir runterschlittern. Wenn man nur Kim Jong-un und Barack Obama auf der Wasserrutsche zusammenbringen könnte.

Doch weil wir zehnmal mehr Eintritt zahlen, dürfen wir bei jeder Schlange nach vorne gehen. Die Zwölfjährigen bleiben jedoch höflich. „Ja, es tut uns leid, Kinder, aber obwohl eure Großeltern uns Imperialisten in die Flucht geschlagen haben, dürfen wir trotzdem vor euch die Rutsche nehmen.“

Der Wasserpark zeugt aber auch von den politischen Spannungen in einem Land, in dem es keine geben darf. Songun heißt die Idee, die Kim Jong-il 1994 zur Staatsideologie erhob: In allem steht die Koreanische Volksarmee an erster Stelle. Doch sein Sohn beginnt, diese Politik zu lockern, zumindest ein bisschen. Die größte Gefahr für das Regime heute ist vielleicht nicht mehr die US-Armee, sondern dass jeder Nordkoreaner über geschmuggelte ausländische TV-Serien sehen kann, wie der Lebensstandard im Süden der Halbinsel aussieht.Neue Hochhäuser, die von chinesischen Firmen gebaut werden, neue Vergnügungsparks mit Achterbahnen aus Italien und sogar Smartphones – alles soll deshalb zur Schau stellen, dass Nordkorea mit dem Rest der Welt mithalten kann. Das gilt zumindest für die 15 Prozent in der privilegierten Hauptstadt, während es in ländlichen Gebieten an allem mangelt.

Angry Birds fürs Volk

Das hat mich am meisten überrascht: Millionen Nordkoreaner haben nur Fahrräder mit einem Gang, dafür aber Handys und Smartphones. „Kommt das aus China?“, frage ich etwas naiv. „Nein“, antwortet eine junge Frau, „aus Korea.“ Sie guckt so, als ob ich gefragt hätte, ob ihr Telefon vom Mars stamme. Später sehe ich in einer Propagandazeitschrift, dass die Geräte tatsächlich in einer nordkoreanischen Fabrik zusammengeschraubt werden – auch wenn sie zu 99 Prozent aus China stammen.

Kims Untertanen können zwar nichts ins Internet. Dafür gibt es ein nordkoreanisches Intranet. Erlaubt ist das Spiel Angry Birds und anscheinend ziemlich alle Apps, die Teenies rund um die Welt begehren. „Was hast du?“, fragen sie hoffnungsvoll, und ich hole mein iPhone raus. Tja, ich habe nur die eingeschränkte Free-Version von Angry Birds. Und Apps wie Facebook oder Youtube sind ohne Internetverbindung wirklich nicht so beeindruckend. Wieder beweist sich die Überlegenheit der DVRK.

Gegen Ende der Reise finden wir, in einem Souvenirladen für Touristen, eine Coca-Cola-Dose aus China. Mist. Aber der Wasserpark war eine Wucht.

06:00 05.08.2015

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