Die weiße Fahne hissen

Parallelgesellschaft Kunst und Katastrophe, Kunst jenseits von Markt und Spekulation. Eine Diskussion im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien bewegte sich am Rande von "Nothing"

„Wir können der Globalisierung nicht entgehen, aber es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen.“ Catherine David, Leiterin der documenta 10, interessiert sich nicht für Bilder, die schön sind, vielmehr fragt sie, welche Strategien mit einem Werk verfolgt werden. Auf einer Diskussionsveranstaltung im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) stellte sie am Wochenende mehrfach klar, wie wichtig es sei, Räume für experimentelle Kunst zu schaffen. Darin war sich das Podium erwartungsgemäß einig, zu dem die Medienkünstlerin Yana Milev gemeinsam mit ZKM-Chef Peter Weibel die prominente Französin sowie den Vorstand der Stuttgarter Stiftung Akademie Solitude, Jean-Baptiste Joly, eingeladen hatte.

Einig war man sich auch, dass Künstler und Kuratoren heute die globalen Probleme der Menschheit nicht mehr ausklammern könnten. Doch gäbe es verschiedene Modelle, wie dies geschehen könne. David beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Golfregion, vielleicht bald ein Brennpunkt politischer Auseinandersetzung. „Dort gibt es ungeheuer viel Geld“, sagt sie.

Die Kuratorin, die für die kommende Biennale in Venedig in Abu Dhabi ein Projekt vorbereitet, lehnt den Export westlicher Kunst in die Golfstaaten ab und setzt auf andere Vermittlungsformen. Was sie darunter versteht, hat sie 2007 im Berliner Haus der Kulturen der Welt gezeigt, wo sie unter dem Titel „DI/VISIONS. Kultur und Politik im Nahen Osten“ auf eine Montage von Künstler-Statements und Filmen gesetzt hatte.

Angekündigt war, dass im ZKM „Analogien zwischen dem globalen Katastrophenmarkt und dem globalen Kunstmarkt“ aufgezeigt werden sollten; ferner stand die „die Bedrohung des Kunstraums durch den Kunstmarkt“ auf der Agenda. Wer ganz naiv eine Debatte über die Verflechtungen von Markt und Kunst erwartet hatte, wurde nicht bedient. Die Teilnehmer bewegten sich nahezu ausschließlich auf einer theoretischen Ebene, die sich vor dem Hintergrund der gleichzeitig stattfindenden art Karlsruhe, einem handfesten Kunstmarkt des Mittelstands, wie das Forum einer Parallelgesellschaft ausnahm.

Eine Realität jenseits der Simulationen

Kein Wunder, denn David hatte schon während ihrer documenta-Vorbereitungen Mitte der Neunziger Jahre den Markt komplett ignoriert. Es ging vor dem hauptsächlich aus Studenten bestehenden Publikum um Theorie und Politik, zwei Quellen aktueller Kunstproduktion. Ob Kunstwerke überhaupt noch Realität herstellen können jenseits der Simulationen, beschäftigt das Multitalent Yana Milev in ihrem Projekt „Emergency-Design“, das den Rahmen der Podiumsveranstaltung bildete.

Übersetzt man den Titel, geht es um die „Gestaltung“ des Notfalls, um Situationen und Fragestellungen, die schnelles Handeln erfordern. Dieses zu liefern in einer Zeit, die vom plötzlichen Wechsel ganzer Lebens und – Gesellschaftssituationen geprägt ist, macht laut Vogue vom Dezember 2006 die Künstlerin, die 1997 an der documenta 10 teilnahm, zu einer zukunftsweisenden Gestalt.

Im Laufe der ZKM-Veranstaltung wurde aber auch deutlich, dass sich Milev mit ihrer Theorielastigkeit nicht nur ein Tragwerk für ihre Kunst gebaut hat, sondern auch Mauern hochgezogen hat vor einem breiteren Publikum. Ihr Eingangsstatement, das in die Arbeit von David einführen sollte, geriet zu einem in atemberaubender Schnelligkeit abgelesenen und dadurch hohl wirkenden „namedropping“ der französischen Theorieszene.

"Ich male nicht die Bäume, sondern den Raum dazwischen"

Dieses Manko machte Peter Weibel an diesem Abend durch mutige Generalisierungen wett, in dem er die von ihm favorisierte Ästhetik der Zwischenräume, des „In-Between“ anschaulich machte. „Ich male nicht die Bäume“, so Weibel, „sondern den Raum dazwischen.“ Diese Strategie habe schon Adolf Hölzel 1901 postuliert, Kandinsky hätte in seiner Schrift diese Idee nur adaptiert, Hegel aber bereits das Denken in Zwischenräumen vorweggenommen; der habe von einem „negativen Raum“ gesprochen.

Dass David auf der documenta 1997 den "Atlas", also das Foto-Archiv Gerhard Richters, gezeigt habe, und nicht seine hochdotierte Malerei, entspreche dieser Vorstellung des Denkens in Zwischenräumen. Die Moderne müsse nicht konfisziert, sondern umgeschrieben werden. Weibels Darstellung blieb jedoch wiederum von David nicht unkommentiert, die meinte, sie wäre sich nicht sicher, ob dessen Ausführungen sich nicht am Ende in der Nähe von „nothing“ bewegen würden.

Wirklich konkret wurde in der Runde allein Joly, der Beispiele aus seiner Praxis der Kunstförderung vorstellte, wie er sie von Stuttgart aus betreibt. So hätten französische Künstler, die sich mit der Globalisierung auseinandersetzen, auf Solitude die Möglichkeit gehabt, von ihrem eigenen Aktivismus einen Schritt zurückzutreten, indem sie eine Geschichte der Anti-Globalisierungsbewegung verfassten.

Diese Maßnahme scheint durchaus einleuchtend. Weniger überzeugend wirkte dagegen die Aktion osteuropäischer Künstler, die eine Gruppe alleinerziehender, serbischer Mütter zum Besticken von Wandbehängen mit politischen Statements animierten.

Einer Vorstellung von der Kunst als „infantiler Regression“ (Weibels Bezeichnung für die Position der französischen Theorie) setzte Joly eine optimistische Sichtweise entgegen: Kunst verliere immer gegen das Gesellschaftssystem, dennoch setze man sich für sie ein. Diese Haltung scheint symbolisch auf in einer Handlung, die ihm der legendäre erste Direktor des Museums Abteiberg in Mönchengladbach und mehrfache Kurator des Deutschen Pavillons in Venedig, Johannes Cladders, aufgetragen habe. Der hatte am 18. Oktober 1988 eine weiße Flagge zwischen Ost-und Westjerusalem gehisst. Joly solle einen „international day of the white flag“ ins Leben rufen, um auf die Dauerkrise aufmerksam zu machen, in der wir uns befinden, und die wir nicht mehr spüren.


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