Anne Kuhlmeyer
Ausgabe 2014 | 14.05.2014 | 06:00

Die weißen Herren trinken Sekt

Krimi Kai Hensels Thriller „Sonnentau“ über Helfer auf Haiti ist bissig und böse. Gut so!

Wenige Sekunden lang bebte die Erde, und die Hölle brach ins Paradies. Nicht, dass Haiti ein Paradies gewesen wäre. Armut, Gewalt, Korruption – das kleine Land hatte auch vor der Katastrophe im Jahr 2010 genug Probleme. Doch diese Erschütterung bewegte die Welt. Menschliches Mitleid spülte Helfer und Gelder ins Land. Nach seinem 2012 erschienenen Debüt Das Perseus-Protokoll legt Kai Hensel – erfolgreicher Dramatiker, Drehbuchautor, Reisender, Berliner – seinen zweiten Roman Sonnentau vor.

Drei Jahre später sind die Geld- und Menschenströme fast versiegt. Hilfsprojekte stecken fest oder liegen brach. Maria Brechts Schulfreundin Jooly, die verwöhnungsverwahrloste Tochter eines Schönheitschirurgen, verspürt plötzlich Sehnsucht nach einem Sinn in ihrem Leben und reist von Berlin nach Haiti. Sie schreibt ein paar Mails, dann bricht der Kontakt ab. Kurz darauf wird Maria von Joolys Vater gebeten, die Tochter zu suchen. Maria hat gute Gründe, sein Geld anzunehmen und ihren Tresen in Kreuzberg gegen ein Hotelzimmer in Port-au-Prince zu tauschen.

Dort angekommen, nimmt Maria Kontakt zur Helferszene auf. Die ist ganz einfach zu erkennen. Die Helfer sind weiß und trinken Sekt, alle anderen sind schwarz und bringen ihn. Oder leben in Slums. Eine Abgeordnete des Bremer Stadtparlaments mit haitianischen Wurzeln will eine Eisenbahn quer durchs Land bauen lassen. Infrastruktur für Haiti und – Arbeitsplätze für das arme Bremen. Der Fotograf, Rafael Velasco, soll sie „menschlich“ ablichten, fürs Image. Was heißen soll: Zeige keinem mein wirkliches Ziel. Aber nicht nur die Abgeordnete, jeder Beteiligte hat ein Motiv abseits von Hilfe.

Rhodes zum Beispiel (der auch Herr Rhodes genannt wird!) baut ein Museum, das die geologischen Ursachen des Erdbebens veranschaulichen soll, um den kruden Verschwörungstheorien (von Alaska aus sei das Beben mit Hektometerwellen über weiß der Henker was für Wege gesteuert worden) entgegenzuwirken. Er gibt sich aufklärerisch, will die Millionen vergessen machen, die ihm aus einem Agrardeal der USA mit der haitianischen Regierung zugeflossen sind. Mads, der Arzt, impfte kurz nach dem Beben Leute in den dreckigsten, unzugänglichsten Slums, auf dass sie keine Seuchen heimsuchten. Einige starben. Was nicht weiter auffiel angesichts des hunderttausendfachen Sterbens. Er blieb. Zum Wiedergutmachen.

Craig versorgt die Leute mit Seife. Das ist besser, als zu Hause zu sein, weil ihn dort die Familie unter Druck setzt. Ein paar kleine, schmutzige Nebenbeigeschäfte sollen ihm wieder auf die Beine helfen. Craig, Rafael und Maria fahren in die Berge auf der Suche nach Joolys Leiche. Zunächst finden sie sie nicht, stattdessen viele andere.

Die Glut, der Mangel, die Ungleichheit und die ständige Bedrohung durch Kriminalität verändern nicht nur die Haitianer. Die Helfer mit durchaus teilaltruistischem Ansinnen unterschätzen die Bedingungen in dem zerstörten, bitterarmen Land. Sie verändern sich. Nicht zu ihrem Besten. Dabei steht nicht nur der offensichtliche Sekundärgewinn der Entwicklungshilfe infrage, sondern der Altruismus an sich.

Die gut recherchierten haitianischen Verhältnisse präsentiert der Autor in kühlem Duktus. Kai Hensel lässt den Figuren ihre eigene Stimme, die sie auf wunderbar trockene Dialoge verwenden. Ironisch bis zur Schmerzgrenze, bissig und böse gelingt ihm ein vielschichtiger Thriller über die Arroganz, die Ahnungslosigkeit und die Ignoranz der Besitzenden. Der Titel Sonnentau – man muss an die Karnivore Sonnentau denken, die ihre Beute mit klebriger Süße anlockt – könnte passender nicht sein.

Sonnentau Kai Hensel Frankfurter Verlagsanstalt 2014, 444 S., 17,90 €

Anne Kuhlmeyer ist Krimiautorin. Im März erschien ihr Roman Es gibt keine Toten

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 20/14.