Die Welle von Dennis Gansel

Kino Aber klar doch: Die Welle ist ein wichtiger Film. Die Welle ist ein Film, der aufrüttelt. Die Welle ist ein Film, der unbequeme Erkenntnisse ...

Aber klar doch: Die Welle ist ein wichtiger Film. Die Welle ist ein Film, der aufrüttelt. Die Welle ist ein Film, der unbequeme Erkenntnisse transportiert. Auf diese Reaktionen hin hat Dennis Gansel seine Variante des einigermaßen bekannten Stoffs konstruiert - was dem Projekt etwas unangenehm Berechenbares unterschiebt, noch bevor man eine Minute des Films gesehen hat. 1967 veranstaltete Ron Jones an einer High School im kalifornischen Palo Alto das Experiment The Third Wave: Die Schüler seines Geschichtskurses hatten sich gefragt, wie Deutsche behaupten konnten, während der Nazi-Zeit nichts von Konzentrationslagern, von Deportationen und Massenvernichtung gewusst zu haben. Jones rief daraufhin in der Klasse eine spontane Bewegung ins Leben, gegründet auf Disziplin, Gemeinsinn und Stolz. The Third Wave entwickelte eine fatale Eigendynamik, von der Jones erst Jahre später in einem Artikel zu berichten wagte.

Dennis Gansel hat schon in Napola (Freitag 2/2005) den emotionalen Sog betrachtet, den eine solche Gruppe nicht nur auf ihre Mitglieder ausüben kann. Das Drehbuch von Gansel und Peter Thorwarth lehnt sich an Jones´ Artikel und das Drehbuch zu einem amerikanischen TV-Film an, der ersten Umsetzung der Welle in bewegte Bilder aus dem Jahre 1981 - weniger an den Roman gleichen Namens, den Todd Strasser im selben Jahr unter dem Pseudonym Morton Rhue verfasst hat.

Nun fragt man sich: Braucht wirklich jede Generation ihre eigene Fiktionalisierung der Welle? Beim Sundance-Festival, wo der Film im Januar seine Weltpremiere feiern konnte, war die amerikanische Kritik gespalten. Gansel hat die Geschichte in eine fiktive deutsche Stadt verlegt, auf dem Auto des kumpelhaften Lehrers Rainer Wenger prangt ein in Wahrheit seit 30 Jahren nicht mehr gültiges Kennzeichen aus dem Westfälischen. Jürgen Vogel spielt ihn als einen intelligenten Praktiker, theoretisch beschlagen und wortgewandt, aber auch lebensnah. In den Projekttagen hätte er am liebsten einen Kurs zur Anarchie gegeben, aber den schnappt ihm ein spießig-dröger Kollege vor der Nase weg. Stattdessen muss Rainer, den seine Schüler duzen und der auf dem Weg zur Arbeit die Ramones in voller Lautstärke im Auto erschallen lässt, das Thema Autokratie durchnehmen. Langweilig - meint auch die Klasse. Eine Diktatur sei in Deutschland ohnehin nicht mehr möglich, alle "viel zu aufgeklärt" hier. Wengers Kampfgeist ist geweckt, langsam sät er die Streu des Totalitarismus. Gerade sitzen, knappe Antworten, im Gleichschritt stampfen als Morgengymnastik. Bald gibt es weiße Hemden als Uniform, das Ganze erhält seinen Namen, ein Logo und einen Gruß.

Damit ist Gansels und Jones´ Faschismus-Verständnis auf den Punkt gebracht: Die Anziehungskraft dieser Ideologie liege wesentlich im Sinnlichen, Emotionalen, Ästhetischen. Dass das Kino sich bestens eignet, solche Mechanismen zu propagieren, ist ein alter Hut. Umso gefährlicher gerät dann die Gratwanderung, in dem Medium entlarven zu wollen. Über Vogels Schulter blickt die Kamera einmal erst auf ein fröhliches Gewirr von Tischen mit bequem darum hockenden, bunt gekleideten Schülern, später sieht sie nur noch weiße Hemden in Reih und Glied. Das sitzt. Aber Vogel steht die Rolle des Diktators so wenig, wie sie Rainer Wenger steht. Und viele der jugendlichen Figuren - der Möchtegern-Rebell, der von seinen engen Familienstrukturen erstickte Türke, die kritische Alternative - driften ein wenig ins Typenhafte. Für das Ende wollte Gansel eine katastrophische Eskalation: Die Gewaltförmigkeit der Welle entlädt sich bei einem Wasserball-Match erst nach außen, dann nach innen.

Hier spricht die Neuverfilmung indirekt zum ersten Mal wirklich von Geschichte, hier weckt sie Erinnerungen an die Amokläufe in amerikanischen Schulen, vor denen Ron Jones sich noch sicher wähnen konnte. Ein Schluss, der spekulativ ist und übers Ziel hinausschießt, aber wenigstens jegliche Erlösung verweigert. Das letzte Bild ist Vogels Gesicht, entsetzt, schockiert, verzweifelt - das Gegenbild zur selbstsicheren, kraftstrotzenden und zeitenthobenen Schönheit der faschistischen Ästhetik. Es kann wieder passieren, immer und überall - diese Leuchtschrift, die über der Geschichte steht, ist in einem sich gerade wieder als "Mittelmacht" positionierenden Deutschland in Wahrheit kein bisschen unbequem.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare