Thekla Dannenberg
Ausgabe 1815 | 30.04.2015 | 06:00

Die Welt am Meer

Flüchtlinge Merle Krögers neuer Roman „Havarie“ ist so kunstvoll wie politisch – muss man gelesen haben

Um 13 Uhr 53 ereignet sich das Unglück, zwölf Seemeilen südlich der spanischen Küste, auf direkter Linie zwischen Cartagena und Oran. Die Spirit of Europe, das drittgrößte Kreuzfahrtschiff der Welt, havariert mit einem Schlauchboot voller Flüchtlinge aus Algerien, denen bei einer unerwartet schwierigen Überfahrt durch Unwetter und Nebel das Benzin ausgegangen ist. Das Reglement schreibt nicht vor, die Flüchtlinge aufzunehmen, doch dürfen sie in Seenot nicht allein gelassen werden. Kollision mit der Wirklichkeit, alle Maschinen stopp. Für die Passagiere des Kreuzfahrtschiffes ist es eine Abwechslung („Schau, da winkt einer!“), für die Reederei ein ärgerlicher Kostenpunkt, doch für die Algerier ist es das Ende aller Hoffnungen. Untergehen werden sie nicht, doch wenn die Küstenwache kommt, droht ihnen Abschiebung, wenn die Guardia Civil sie zuerst erreicht, das Gefängnis.

Havarie ist der Roman der Stunde. Jeder, der an Europa und dem Mittelmeer hängt, sollte ihn lesen. Merle Kröger erzählt darin kein Flüchtlingsdrama. Oder zumindest nicht nur. Sie erzählt in rasant wechselnden Perspektiven von Aufbruch und Schiffbruch, von der Faszination des Meeres und von einer Seefahrt, die aus Gründen der Kosteneffizienz alle Werte über Bord geworfen hat. Und auch wenn das kleine Schlauchboot keinen Schaden genommen hat, wird die Spirit of Europe ordentlich Leck geschlagen haben.

Bilder der Beilage

Police ist die erste Monografie des international renommierten Fotografen Sébastien Van Malleghem. Der 1986 geborene, gebürtige Belgier studierte Fotografie in Brüssel. Seine Langzeitprojekte befassen sich mit dem Thema Justiz in einem vereinigten Europa. Police ist der erste Teil einer Trilogie. Vier Jahre lang begleitete Sébastien Van Malleghem belgische Polizisten in ihrem Arbeitsalltag.

Für den zweiten Teil seiner Justiz-Trilogie besuchte Van Mallaghem 2011 drei Jahre lang ein belgisches Gefängnis. Die Serie Prisons wurde im Januar 2015 mit dem vierten Lucas Dolega photography Award ausgezeichnet. Prisons wird im Sommer 2015 von André Frère Éditions herausgegeben - Van Malleghem sammelt derzeit dafür über eine Crowdfunding-Kampagne.

Der dritte Teil des Projekts ist in Arbeit, Van Mallaghem will dafür im kriminellen Milieu fotografieren.

Volle Kraft voraus. Zurück geringste! Kröger führt in einem einzigen schicksalhaften Moment Menschen aus allen Teilen der Welt zusammen: Seeleute und Flüchtlinge, Abenteurer und Touristen, Arbeiter und Karrieristen: Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich nicht mit dem Platz zufrieden geben, der ihnen von den Kommandobrücken in Brüssel und Berlin zugewiesen wurde, von der Reederei in Miami oder der Söldner-Agentur in London: Europa oder Syrien. Maschinenraum oder Sonnendeck. Die Hoffnung auf ein besseres Leben treibt die Menschen hinaus. „Wie verflucht voll dieses Meer ist. Eine scheiß Autobahn ist das hier“, stöhnt der Erste Offizier.

Zum Beispiel Karime Yacine mit seinem Schlauchboot. Er ist einer der Haraga, die in Algerien als Helden gefeiert werden, weil sie die Radars und Schnellboote der europäischen Küstenwache austricksen. Mit seiner letzten Fahrt wollte er selbst auch nach Frankreich: „Algerien ist Stillstand, ist Tod.“ Nach der Havarie, auf dem Höhepunkt seiner Niedergeschlagenheit, schickt er eine SMS an Zohra, die in Marseille seit einer halben Ewigkeit auf ihn wartet: „Vergiss mich, Liebste, ich bin so gut wie tot.“

In Havarie gibt es auch einen Toten, für den sich jedoch kaum jemand interessiert, das ist schließlich das Mittelmeer. Gleich zu Beginn geht der philippinische Sänger der Schiffscombo über Bord. Einzig die junge Lalita vermisst ihn, denn die britische Sicherheitsoffizierin aus alter Gurkha-Familie ist fest entschlossen, mit ihm ihre erste Romanze anzufangen. Leider hat ihr Chef die Anweisung und den Ehrgeiz, jede kostspielige Rettungsaktion zu vermeiden. Dagegen überlegen er und der Erste Offizier fieberhaft, wie sie die beiden Illegalen wieder vom Schiff bekommen, die sie seit Malta durchbringen müssen.

Ohne Nachrichtenroutine

Der Roman Havarie beruht auf tatsächlichen Begebenheiten, und man merkt jeder Seite an, wie gründlich Merle Kröger recherchiert hat. Die 1967 in Plön geborene Autorin und Filmemacherin mit einem Faible für das Maritime betrachtet die Dinge und die Menschen mit einem genauen Blick, der von keinerlei Nachrichtenroutine verstellt ist. Das hat ihrem Roman Grenzfall bereits 2013 den Deutschen Krimipreis eingebracht, darin fiktionalisierte sie den Fall zweier erschossener Roma in Vorpommern.

Allerdings geht Kröger in Havarie deutlich ernster vor als in den heiter-verwegenen Romanen um die Vagabundin Mattie Junghans. Mit wenigen scharfen Strichen skizziert sie ihre Figuren und verortet sie alle in einem politischen wie historischen Kontext. Mitunter bürdet sie ihnen damit eine große Last auf, hin und wieder überzeichnet sie auch, vor allem je weiter sie die Decks hinaufsteigt. Doch vor allem beweist Kröger mit Havarie zweierlei: wie grandios eine dezidiert politische Literatur sein kann und wie kunstvoll der deutsche Kriminalroman.

Am liebevollsten zeichnet Kröger übrigens den spanischen Fischer Diego Martinez, der als Freiwilliger bei der Küstenwache dient, weil er meint, den Algeriern Revanche dafür zu schulden, dass sie im Bürgerkrieg zweimal der Flotte der Republikaner Schutz geboten haben. Sein Großvater wurde von allen Seiten gehasst, weil er, als Republikaner, schiffbrüchige Franquisten gerettet hat. Jetzt zieht Diego Tag für Tag Algerier, Libyer und Malier aus dem Meer und trauert: „Das Mittelmeer füllt sich mit Toten wie ein Massengrab.“

Info

Havarie Merle Kröger Erscheinungstermin 6. Mai, Argument Verlag, 256 S., 16 € 

Thekla Dannenberg schreibt die Kolumne Mord und Ratschlag auf perlentaucher.de

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 18/15.