Die Welt besteht aus Dalmatien

Kroatien Früher traf sich im Sommer auf den Adria-Inseln fast ganz Jugoslawien. Heute bleiben die Touristen eher aus, und das Leben ist an Selbstbezogenheit kaum zu übertreffen
Die Welt besteht aus Dalmatien
Fischer im Hafen von Kastel Kambelovac

Foto: Jonathan Blair/CORBIS

Dalmatien, das Wort sprach mein Vater verzückt aus. Dort war er 1934 als Flüchtling aus Deutschland aufgenommen worden. Er wohnte bei Fischern im Küstendorf Zaton Mali. Als Kinder wollten wir immer wieder die Geschichte hören, die wir niemandem sonst geglaubt hätten, nur ihm: Wie ihn dort eine Fischerfamilie ein halbes Jahr lang durchbrachte und wie sie, als er Geld auftrieb, von ihm einfach nichts annehmen wollten. Und wie er die jungen Männer sah, die von einem Felsen tief ins Meer sprangen, in die glatte Oberfläche und hinab ins Blau. Dalmatien, die Region an der Ostküste der Adria, das waren für uns diese Menschen und die Landschaft und die Boote, die ausfuhren und zurückkehrten zu ihrem bescheidenen Hafen. Wie auch heute. Das alles scheint etwas Ewiges zu haben.

Auf der Busfahrt vom Flughafen nach Split beginnt das Wiedererkennen. Rote Erde, Olivenbäume, Weinstöcke, vertrocknete Äste an Palmen, Rosen vor Häusern, das Nachlässige und das Arbeitsame, die vom Wind gebleichten Zäune und Mauern, alles noch da. Warum auch nicht, der letzte Besuch ist erst ein Jahr her. Aber sind wir nicht alle misstrauisch? Wie schnell verschwinden heute ganze Landschaften. Der Bus rauscht durch die Ausfaserungen der Stadt, eine tief stehende Sonne strahlt alles an. Nach einem Regenguss steigt aus einem Tal ein riesiger Regenbogen und biegt sich über Split. Im Hafen rollt der Bus aus, endlich der Geruch von Meer und Maschinenöl. Die Fähre Tin Ujević liegt schon am Kai, Autos rollen langsam über die krachenden Eisenbleche in den Frachtraum. Noch ein Ticket für sieben Euro am Container kaufen, was aber die Inselbewohner nicht zu zahlen haben, zwei Stockwerke die Treppe hinauf zum Oberdeck, einen Platz auswählen auf den gelben festgeschraubten Bänken für die Überfahrt, die bis zur alten, kleinen Stadt Stari Grad auf der Insel Hvar zwei Stunden dauern wird. Die Nacht kommt, das Wasser und der Himmel werden schwarz, nur Lichtpunkte blinken auf Inseln, an denen wir vorbeikommen, oder auf Booten, die noch draußen sind.

Am Morgen kaufe ich die Regionalzeitung, die Slobodna Dalmacija – „Freies Dalmatien“. Auf dieser Reise habe ich einen zusätzlichen Genuss: die Sprache, die ich als Kind gelernt habe, die sich in den Wintern immer von mir entfernt, kehrt wieder zurück. Sie sitzt in Hirn und Kehle irgendwo anders als das Deutsche und verstummt bei Nichtgebrauch. Nun gibt jedes vernommene Wort die Sprache mit ihren offenen Vokalen frei. So wohltuend das Plaudern von Nebentischen, so vergnüglich die simpelsten Gespräche.

Es lebe Genosse Tito!

Die Slobodna Dalmacija ist bunt, mit großen Fotos und knalligen Überschriften, sie sieht aus wie eine Boulevardzeitung, aber sie ist anders: Es wird darin viel von Menschen und Orten erzählt, es gibt kritische Kommentare und Interviews. Das Ausland kommt fast nie vor, das gilt auch für die Nachbarn Bosnien, Serbien oder Slowenien. Die Welt besteht aus Dalmatien, an Selbstbezogenheit ist das schwer zu überbieten. Slobodna Dalmacija zeigt ein ganzes Panorama der Sorgen, Machenschaften und Konflikte an der Küste und auf den Inseln. Oft sitze ich zwischen den Felsen, halte eine vom Wind zerknitterte Zeitungsseite fest und lache. In der Ausgabe vom 27. Mai gibt es etwas zum Staunen: Aus Anlass des 120. Geburtstages von Josip Broz Tito, des einstigen Präsidenten, sind Tausende in seinen Geburtsort Kumrovec gepilgert, 40 Kilometer von Zagreb entfernt. Sie kamen mit Bussen oder ihren Autos aus dem ganzen ehemaligen Jugoslawien, außer dem Kosovo. Der Bürgermeister trat auf: „Zu Titos Zeiten lebten wir nicht im Luxus, aber junge Menschen konnten kostenlos studieren und hatten eine Zukunft. Niemand musste in Mülleimern wühlen.“ Seine Zuhörer trugen Tito-Bilder und gereimte Sprüche: „Auch du hast uns bestohlen, aber uns etwas gegeben, heute bestehlen sie uns und geben uns nichts. Je mehr Lügen über Tito verbreitet werden, desto lieber ist er uns.“

Daneben steht die Reportage Ich kriege Tito nicht aus dem Kopf. Das ist ironisch: Ante Gašperov Čače, der Erzähler, musste als junger Soldat im Knast zur Strafe für widerständiges Verhalten 365 Mal schreiben: Es lebe Genosse Tito! Seitdem wurde er den Satz nicht mehr los, bis er endlich grimmige Zwiesprache mit Tito an dessen Grab hielt, wo Ante ganz allein stand. Dazu kam es ausgerechnet im Jahr 1999, als die NATO Belgrad und halb Serbien bombardierte. Ante hat inzwischen einen Verein der politischen Häftlinge gegründet, die einst für das unabhängige Kroatien gelitten haben, von dem sie heute leider meist enttäuscht sind. So würzt er seine Erzählung mit verzinkten Wendungen und Lust am Paradoxen, mit der die Dalmatiner gern ihre Zuhörer verunsichern.

28. Mai – Schlagzeile: Noch ist die Industrie in Dalmatien nicht untergegangen. Auf der ersten Seite die Chefs von drei Betrieben, die sich trotz Deindustrialisierung der Küstenregion halten. Textil, Teigwaren, Aluminiumverpackungen. Alle drei überleben mit ihren Spezialisierungen, sie schimpfen auf die staatliche Finanzpolitik, räumen ein, dass die Löhne, die sie zahlen, nicht für ein anständiges Leben reichen, aber sind wild entschlossen, ihre Firma auf dem Markt zu behaupten. Gleichzeitig wird eine Gay-Parade in Split angekündigt, der „Umzug des Stolzes“. In zwei Wochen ist der Termin. Der Stadtrat unter einem machtbewussten, umstrittenen Oberbürgermeister, dem Millionär Željko Kerum, hat die vereinbarte Route verändert. Die Riva, eine breite Seepromenade mit ausladenden Palmen, wird ihnen versagt. Die Organisatoren legen Protest ein.

Ein Kommentar fällt im Blatt auf, ein Appell, den kürzlich verstorbenen Rechtsanwalt Slobodan Budak zu ehren – anstelle seines Namensvetters Milo Budak, der im Zweiten Weltkrieg faschistischer Ustascha-Minister war. 17 Straßen und Plätze seien beschämenderweise nach ihm benannt worden. Ein „wahrer Kroate“ sei hingegen der Anwalt Slobodan Budak gewesen, der seine Staatsanwalts-Karriere nach dem folgenschweren „kroatischen Frühling“ 1971 selbst abbrach. Im unabhängigen Kroatien zog er daraus keine Vorteile, sondern begann, jene Serben in Kroatien zu verteidigen, die trotz ihrer Loyalität aus Ämtern und Wohnungen geworfen wurden. Dafür haben die „wahren Kroaten“ dem Anwalt das Haus in die Luft gejagt, schreibt Slobodna Dalmacija.

Anfang Juni wird mit Glanz und Trubel ein „Mediterranes Filmfestival“ in Split eröffnet. Zugleich wird darauf verwiesen, in den Dörfern würden die Postämter geschlossen. Ein Ort führt sein Amt auf eigene Kosten weiter. Dafür müssen jährlich 40.000 Kuna an die Postverwaltung gezahlt werden, etwa 6.000 Euro. Auf einem Foto stehen sie vor ihrem Amt, zwei Handvoll alte Bäuerinnen. In Leserbriefen werden sie bewundert. Ach, und die Gay Pride: 2011 flogen Steine und Flaschen, es gab Verletzte. Das Wort-Ungetüm LGTBQ-Personen – Lesben-Gays-Trans-Bi-Queer – taucht auf. Der kroatische Innenminister nutzt Facebook, um zu verkünden, er werde auf der Parade mitziehen. „Kommt alle, stellen wir uns vor die Steine, die jene treffen sollen, die anders sind. Dafür brauchen wir kein Ausland ... das ist unsere Sache!“ Die Stadtoberen von Split mokieren sich über den Minister. Sie werden fernbleiben. Der Bischof von Dubrovnik appelliert: „Hass ist Sünde“. Der Bischof von Split schweigt.

83.000 ohne Lohn

Am Morgen ziehe ich los auf Wegen, die immer schmaler werden, eine Stunde bis zu einer Stelle mit glatten Felsen, dem besten Badeplatz, wohin es nur wenige ausdauernde Geher verschlägt. In der Saison verkehren Boote. Unterwegs noch – die letzte Gelegenheit – ein Kaffee auf der Terrasse des flach unter die Pinien gesetzten großen Hotels Arkada. Es ist veraltet, das wissen hier alle. Kroatische Schulklassen bevölkern es in der Vorsaison, danach deutsche Rentner und tschechische Touristen. Mir scheint, es geht allen gut. „Früher“, sagt eine Kellnerin, „war hier alles voller Gäste und Touristen, ganz Jugoslawien war da, halb Deutschland und Österreich.“ Jemand erwähnt, das Personal habe seit Januar keine Löhne mehr erhalten.

Prompt steht in der Slobodna Dalmacija die Bestätigung: „10.000 Dalmatiner arbeiten, aber kriegen keinen Lohn.“ In ganz Kroatien seien es 83.000, so die Unabhängige Gewerkschaft. Sie nehmen es auf sich, weil ihnen ihre Rentenversicherung verloren gehen könnte oder weil sie den Betrieb retten wollen. Die Rezession zieht sich durch viele Artikel, aber diese Nachricht schlägt alle anderen.

Als Jugoslawien Ende der achtziger Jahre von einer Wirtschaftsmisere gebeutelt war, erhielten Tausende Arbeiter von Werften und anderen Großbetrieben ihre Löhne in Bons, die sie nur in bestimmten Läden einlösen konnten. Das unumstößliche Bild der Krise.

Boot am Strick

In Split krakeelt ein Abgeordneter des Bezirksparlaments: „Das ist eine Parade der Perversion ... Wir sind ein katholisches und normales Land.“ Aber das Ausland nimmt den Konflikt um die Gay Pride als Maßstab für Kroatiens EU-Reife. Die Regierung in Zagreb kämpft: Jetzt bloß kein neues Problem auf dem langen Weg in die EU heraufbeschwören! Die Leute auf der Insel winken ab: Da haben die Zeitungen mal wieder was zu schreiben. Sie beschäftigt der Tourismus mehr. Auch die Olivenernte nach der üppigen Blüte im Mai, und sie sorgen sich um den Absatz ihres köstlichen Rotweins Plavac. Die Brauereien klotzen mit Reklame, die Leute trinken immer weniger Wein.

So lese ich dies, höre jenes, und fast scheint ein Bild zu entstehen, aber in Wirklichkeit werden die Rätsel nur größer. Die Menschen erklären auch nicht mehr so gern wie früher, ernste Fragen übergehen sie mit Witzen oder Abwinken. Sie überstehen vieles, weil sie einander in den Familien helfen, auch als Nachbarn. Und sie wissen ihre Lebenskultur zu schätzen, am Meer, in der Stadt aus den hellen Steinen, die einst von Griechen gegründet wurde, als sie den warmen, geschützten Ort mit seinem fruchtbaren Boden entdeckten. Neben der Kirche steht eine Steinstele mit einem vorchristlichen Pan: Im verwitterten Relief lassen sich die Trauben in seiner Hand, das gelassen gekreuzte Bocksbein, die Locken und das Knabenlächeln erkennen. Ihn begrüße ich jedes Jahr.

In den Hafen fährt langsam ein kleiner Kutter ein, genauso wie in den Erzählungen meines Vaters: Der Fischer hält mit einem Arm lässig den langen Steuerknüppel, das Boot stößt sacht an den Kai, der Fischer wuchtet Kisten hoch, zieht den Strick durch einen Ring in der Kaimauer und wirft hinten den Anker. Dann zieht er sein Boot am Strick wieder etwas näher an den Kai und springt das letzte Stück an Land. Er ist nicht jung, aber geht aufrecht und gelassen.

Ausgerechnet der Samstag, an dem Split die Gay Pride erdulden muss, ist für mich der Abreisetag. Die Fähre läuft im Hafen ein, nach einigen Schritten ist fast nur noch Polizei sichtbar. In den schmalen, schattigen Gassen stößt man an mobile rot-weiße Absperrgitter, die aus Berlin sein könnten. Die Polizisten protzen mit ihren am Gürtel baumelnden Helmen, Pistolentaschen, Schilden, Gummiknüppeln, Stiefeln. Bei ihnen stehen kleine Einwohnergrüppchen, gegenseitig bestätigen sie sich darin, dass ihnen das alles aufgezwungen worden sei, aber sie die Schwulen und Lesben in diesem Jahr so schützen werden, dass niemand sie zu Gesicht kriegt.

Marina Achenbach hat bei Edition Freitag Echoraum. Umbrüche 1989 – 2009 veröffentlicht

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12:00 17.07.2012

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