Die Welt der Santería

Kubas afrikanisches Erbe Die Orisha-Gottheiten sind Mythos, Schutzpatron und eine geschätzte touristische Ressource

Afro-kubanische Überlieferungen in der Musik, der Kunst, Literatur und Küche sowie als religiöses Bekenntnis sind längst Teil kubanischer Alltagskultur. Seit den neunziger Jahren boomt die Afro-Kultur. Wie mit diesem Erbe umgangen wird, hat die Ethnologin Claudia Rauhut bei mehreren Studienaufenthalten auf der Karibikinsel beobachtet - ihr Interesse galt besonders der Revitalisierung afro-kubanischer Bräuche in den soziokulturellen Milieus Havannas.

Als westafrikanische Sklaven vorzugsweise aus dem Volk der Yoruba zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert nach Kuba verschifft wurden, konnten sie nichts weiter als ihre spirituelle Kultur - ihre Religion, Musik und Tänze - mitbringen. Der Kontakt zwischen diesen Ethnien, kleinen Indianergruppen und spanischen Kolonisten war fortan durch einen aktiven Austausch von kulturellen Manifestationen und Glaubensvorstellungen geprägt. Was auf Kuba von dieser lang andauernden"Transculturación" - wie der kubanische Sozialwissenschaftler Fernando Ortiz diesen Prozesse nennt - blieb, das sind die Religionen Santería, Palo Monte und Abakuá.

Loyal gegenüber Castro

Die Santería als die heute am meisten praktizierte Religion der Kubaner basiert auf kultischer Verehrung der Orisha-Gottheiten, die als mythologische Gestalten jeweils mit Naturelementen sowie einer Symbolik von Attributen, Farben und Geschlecht assoziiert werden. Als persönliche Schutzgottheiten treten auf: Ochún als Göttin der Weiblichkeit, der Liebe und Bewohnerin der Flüsse, Changó als Gott des Feuers, der Trommeln und der Männlichkeit, Yemayá als Herrscherin des Meeres, die zugleich als Urmuttergestalt verehrt wird, und Obatalá, Gott der Weisheit und des Friedens. Sie sprechen durch verschiedene Orakel zu den Menschen oder geraten während einer religiösen Zeremonie direkt in deren Körper und richten so Botschaften über Krankheit, Heilung, Heirat und Familie an die religiöse Gemeinschaft. Die Orishas haben trotz ihrer magischen Kräfte menschliche Eigenschaften und sind dadurch manipulierbar. Was die religiösen Anhänger in die Lage versetzt, ihr Schicksal bis zu einem gewissen Grade selbst zu beeinflussen, wenn sie ihre Götter mit Opfergaben und Festen wohl stimmen und rituelle Vorschriften einhalten. Dazu gehört ein aufwändiges Initiationsritual, verbunden mit Verhaltensregeln und Nahrungstabus, wobei die Adepten durch erfahrene Priester (Santeros) in den Kult der Santería eingeweiht werden.

Im 20. Jahrhundert wurde das afrikanische Element innerhalb der kubanischen Kultur nur allzu häufig stigmatisiert. Darin spiegelten sich soziale Dynamiken der jeweiligen Epoche, die über Ignoranz, Exotisierung, Rehabilitierung und Aufwertung bis zur Vermarktung reichen konnten. Noch um 1900 hatte es weder die Bezeichnung Santería, noch eine genaue Vorstellung davon gegeben, was sich hinter dem ominösen Treiben der Schwarzen verbergen könnte. Fetischverehrung, Blutopfer und ekstatische Tänze galten im katholischen Kuba als Hexerei und Symptom einer Degeneration, so dass sich die weiße Mittel- und Oberschicht hochmütig distanzierte.

Erst die kubanische Revolution 1959/60 brachte einen grundlegenden Wandel und bewirkte eine Integration der zuvor ausgegrenzten Afro-Kubaner. An Universitäten, Theatern und Bibliotheken erforschten Wissenschaftler gemeinsam mit religiösen Autoritäten die Tänze der Orishas, ihre Gesänge und Mythologien, um sie später als künstlerische Inszenierungen auf der Bühne zu präsentieren. Gegen eine Tanz-Performance im Nationaltheater gab es von Kulturpolitikern nichts einzuwenden, allerdings durfte niemand erklären, auch an die Gottheiten zu glauben, die sich hinter der Folklore verbargen. Das änderte sich erst in den neunziger Jahren, als die Santería einen massiven Zulauf erlebte. Zweifellos eine Folge äußerer Einflüsse, vor allem jedoch der Wirtschaftskrise und der Einsicht der Kommunistischen Partei, im Interesse des Systems die Gläubigen nicht länger ausschließen zu können.

Mit der 1991 offiziell erfolgten Aufhebung des paradigmatischen Widerspruchs zwischen revolutionärem und religiösem Bekenntnis wurden quasi die Weichen gestellt für eine öffentliche Koexistenz zwischen Parteisekretär und Santero, die teilweise schon vorher im Verborgenen bestanden haben mochte. Die afro-kubanischen Religionen hatten sich seit Beginn der Revolution weitaus weniger konfliktorientiert gegeben als die katholische Kirche, die als organisierte Kraft zur Kanalisierung der Konterrevolution gesehen wurde (die Beteiligung von Priestern an der Invasion in der Schweinebucht 1961 galt als schlagender Beweis). Die Anhänger der Santería identifizierten sich mit Politik und Ideologie Fidel Castros oder waren zumindest dem revolutionären System gegenüber loyal, das die schwarzen Kubaner vom Stigma der Deklassierung befreite. Der Bruch mit jeder Form des Rassismus durch die Revolutionsregierung verschaffte den schwarzen Kubanern Wohnungen und Arbeit, sprich: mehr soziale Integration.

Dabei verfügt die Gemeinschaft der Santeria-Anhänger bis heute weder über ein der Katholischen Kirche vergleichbares institutionelles Gefüge noch eine zentrale Führerschaft, stattdessen werden Wohnhäuser zu kleinen Tempeln umfunktioniert, die es in Havanna wie den westlichen Hafenstädten Matanzas und Cárdenas zuhauf gibt. Als Kult- und Verehrungsstätte für die Orishas dienen kleine Altare in privaten Haushalten, was ein intimes Praktizieren der Religion im Verborgenen ermöglicht. So werden die Ketten oder Initiationskleidung so gut wie nie am Arbeitsplatz getragen und religiöse Zeremonien als Geburtstagsfeiern getarnt.

Trotz dieser Einschränkungen kann von einem relativ entspannten Verhältnis zwischen Santeros und Regierung gesprochen werden. Berühmte Santeros übernehmen zuweilen leitende Positionen in Massenorganisationen, besonders in den nachbarschaftlichen Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR), was politischem und religiösem Renommee gleichermaßen von Nutzen sein kann.

Im seelischen Gleichgewicht

Aufgrund des Ausschlussprinzips zwischen Religion und Marxismus hat die kubanische Regierung in den vergangenen Jahrzehnten stets versucht, das gläubige Potenzial der afro-kubanischen Tradition folkloristisch umzudeuten und als nationales Kulturerbe zu reklamieren. Entsprechend wurden Musikinstrumente, Kostüme und Kultobjekte der Religion museal archiviert. Gleichzeitig erforschte man Tänze, Gesänge und die Mythologie der Orishas. Die großen Theater inszenierten Tanzstücke, die durch das Conjunto Folklórico Nacional de Cuba auch im Ausland mit großem Erfolg gezeigt wurden. Durch die Betonung der künstlerischen und kulturellen Substanz der Santería sollte diese "demystifiziert" werden, wie es in einer Erklärung der Kommunistischen Partei von 1975 hieß, doch die davon erhoffte Verminderung des "abergläubischen und fortschrittshemmenden" Potenzials der Gesellschaft kam nicht zustande.

Viele Kubaner hörten nie auf, an ihre Orishas zu glauben und sie bei Krisen, die jeder zur Genüge kennt, um Beistand zu bitten und die unbestreitbar psychosoziale Komponente der Santería auszukosten. Eine Intervention der Orishas verhilft, so der Glaube, zu seelischem Gleichgewicht und dem Vertrauen in das eigene Schicksal. Eine Gottheit wie San Lázaro - Schutzpatron der Armen und Kranken, der auch für Wohlstand sorgt - wird seit den sozialen Einbrüchen der periodo especial in den frühen neunziger Jahre mehr als zuvor verehrt.

Wird darauf inzwischen auch offiziell mit Toleranz reagiert, hängt das nicht zuletzt damit zusammen, dass die Santería als Devisenquelle wahrgenommen wird. Seit Jahren schon ist die Symbiose zwischen Tourismus-Boom und Afrocuba-Kult unübersehbar. Die nationalen Tanzschulen sind voll mit Ausländern, die Tänze der Orishas erlernen wollen, die Musikindustrie vermarktet Aufnahmen religiöser Zeremonien, in keinem Hotel oder Touristenclub fehlen die Afrocuban-Shows.

Parallel zur staatlichen Tourismusindustrie entstanden Mitte der neunziger Jahre sogenannte Proyectos Comunitarios, in denen Nachbarn, Künstler, Architekten und Kulturpolitiker begannen, in Basisorganisationen oder Einzelinitiativen mit soziokultureller Arbeit auf wirtschaftliche Entbehrungen zu reagieren. Man suchte gezielt nach lokalen Ressourcen, um im eigenen Viertel die kulturellen Standards zu wahren. Kultur sei immer ein Auslöser des Wandels gewesen, so ein Soziologe der Universidad de la Habana, da sie Kreativität freisetze und sozial präventiv wirke. Folglich werden die kulturellen Traditionen als Potenzial betrachtet, das sich über den Karneval oder die Comparsas oder Stadtteilfeste zu Ehren lokaler Schutzpatrone artikulieren kann. Die Präsentation afro-kubanischer Folklore ist damit nicht länger ein Privileg großer Theater, sondern eine Ressource für die Vitalität des Barrios - ob es nun in Centro Habana, Habana Vieja oder Marianao liegen mag.

Die große Afrocuban-Show

Natürlich ist dabei auch die touristische Option von Gewicht, da immer mehr ausländische Besucher über die Proyectos Comunitarios, also im Stadtviertel, auf ein authentisches Erleben afro-kubanischer Kultur hoffen. Der Ansturm - ob Pauschalreisende oder Akademiker - ist mit einer wachsenden Nachfrage nach der Welt der Santería verbunden. Nicht selten führt ein zunächst generelles Interesse an dieser Religion zu einer Initiation, die 10.000 Dollar kosten kann. Noch in den achtziger Jahren musste jeder Ausländer, der Kontakt zu Santeros oder Santeras suchte, sich über das "Büro für religiöse Angelegenheiten" der Partei gegen eine Gebühr vermitteln lassen. Inzwischen sind diese formellen Kanäle weitgehend obsolet, da fast jeder Kubaner entweder eine Menge Santeros kennt oder sich selber als ein solcher anpreist, nicht ohne zugleich über die "Kommerzialisierung seiner Überlebensreligion" und grassierende Scharlatanerie zu klagen. Aber für viele ist nun einmal die Vermarktung von Religion und Kult lukrative Einnahmequelle, die nicht auf Gewinn, sondern Existenzsicherung gerichtet ist.

Im Übrigen gilt die Santería als pragmatisch und prinzipiell offen für alle, somit geraten nur wenige mit ihren religiösen Werten in Konflikt, wenn sie Ausländern gegen ein paar Dollar ihr Orakel lesen oder Tänze und Gesänge vorführen. Dass eine solch "horizontale Verbreitung" religiöse Inhalte ausdünnen kann, versteht sich. Die umfangreiche Mythologie, die Verse der Orishas, die Nahrungs- und Verhaltenstabus, das Lesen der Orakel und so weiter sind nun einmal nicht mit Dollar-Einsatz zu erlernen. Andererseits rekrutiert die Santería inzwischen Zehntausende von Anhängern in den USA, mehrere Tausend in anderen karibischen Ländern, in Europa und Asien - ohne Zweifel eine Aufwertung afro-kubanischer Religiosität. Mit deren Pflege durch unterschiedliche kubanische Akteure geht es nicht darum, Relikte einer Kultur zu retten, die am Aussterben ist, sondern schlichtweg um deren Praxis, die im Falle der Santería deren Vitalität und Anpassungsvermögen spiegelt. Sie dürfte künftig auch einer Zeit der virtuellen Kommunikation gewachsen sein, ohne ihr Wesen zu verlieren.

00:00 31.10.2003

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