Die Welt der Sorge

Essay Erst in Gemeinschaft mit anderen und der Umwelt können wir überleben, sagt der Philosoph Leander Scholz

Wir verstehen es noch nicht ganz. Vermutlich sind es die Tiere und ebenso die Viren, vielleicht noch andere Lebewesen und Parasiten. Sie alle haben sich zusammengetan. Dafür mussten sie sich nicht verabreden, verschwören oder einen Plan ausarbeiten. Sie haben nur ihren Beitrag geleistet. Zur Intelligenz des Planeten. Denn alle Lebewesen zusammen sind schlauer als die Menschen. Die Bäume, die Pflanzen und die Insekten. Die Intelligenz steckt nicht in einem einzelnen Lebewesen. Sie findet sich in der Gesamtheit aller Beziehungen und in der Abhängigkeit aller von allen. Sie sorgt für den Ausgleich unter den vielen Bewohnern der Erde. Je weniger Raum den anderen Lebewesen gelassen wird, desto deutlicher sind die Menschen mit den Folgen ihres eigenen Handelns konfrontiert.

Was in den letzten Wochen und Monaten geschehen ist, können wir noch nicht endgültig begreifen. Ob es sich um einen Unfall, eine Krise oder doch um eine Katastrophe handelt. Was gerade im weltweiten Maßstab vor sich geht und vielleicht zum ersten Mal die gesamte Menschheit betrifft, steht in einer Reihe sich fortsetzender ökologischer Risse in der vermeintlich abgeschotteten Menschenwelt, die glaubt, nur ihren eigenen Zielen folgen zu können und nur ihrem eigenen Glück verpflichtet zu sein. Viele sind sich gegenwärtig schnell wieder einig geworden, dass es nach der Pandemie so weitergehen soll wie zuvor. Aber das wird nicht der Fall sein. Da kommt noch mehr.

In dieser Notlage ist auf den ersten Blick nichts zerstört worden. Es sind Menschen gestorben, zum Teil unter grausamen Bedingungen. Viele mussten entsetzlich leiden. Aber keine Gebäude sind zerbombt, keine Industrieanlagen vernichtet, keine Brücken zum Einsturz gebracht worden.

Tiere in den Städten

Alles ist noch da. Wie vorher. In einwandfreiem Zustand. Nur die Geldströme sind für eine bestimmte Zeit unterbrochen. Zahlungen reihen sich nicht mehr nahtlos an andere Zahlungen und müssen durch Kredite schnell überbrückt werden.

Aber allein diese Unterbrechung sorgt für das Schlimmste unter den Bedingungen der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung. Zahllose Insolvenzen und eine hohe Arbeitslosigkeit gehören zu den Folgen, wahrscheinlich auch neue Armut und neue Hungersnöte. Die Welt der Geldströme kann keinen Moment innehalten, ohne in sich zusammenzufallen. Aber das spielt nur in der Menschenwelt eine Rolle. Für die Tiere, Pflanzen und Insekten ist es ohne Interesse.

Im Gegenteil, der Stillstand der Menschenwelt hat ihnen Räume geöffnet. Sie bewegen sich durch unsere Städte und bleiben unbehelligt. Die Luftqualität ist gestiegen. Das Wasser an manchen Stränden ist sauberer geworden. Die Nächte sind wieder dunkler. Und die Erde erwärmt sich etwas langsamer. Der globale Stillstand hat dem erschöpften Planeten einen kurzen Moment der Erholung gebracht. Inmitten der Notlage stellen sich merkwürdige idyllische Augenblicke ein. Sie erinnern an die Möglichkeit eines anderen Zeitgefühls und richten unabweisbare Fragen an unsere vermeintliche Normalität und deren tagtägliche Härten.

Aber auch in dieser Zeit waren die Menschen nicht untätig. Sie haben sich um mehr als das Nötigste gekümmert, nicht nur um weiterleben zu können, sondern um das zu beschützen und zu erhalten, was ihnen wichtig ist. Sie haben Kranke und Alte gepflegt und ihre Kinder beschult. Sie haben die öffentliche Ordnung und die Versorgung aufrechterhalten. Wie in einer Kriegswirtschaft ohne Krieg. Manche haben ihren Einsatz für andere mit dem Leben bezahlt. Es wurde deutlich, was relevant ist und was nicht. Manche, die sonst nicht einmal beachtet werden, erschienen plötzlich als Heldinnen und Helden. Was unter normalen Umständen bloß hingenommen wird, konnte auf einmal zu etwas Besonderem werden, das Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient. In der Notlage sind die Grundlagen unseres Zusammenlebens sichtbarer geworden. Dass wir Nahrung brauchen, wie wichtig Gesundheit ist, dass wir Sicherheit benötigen und wie sehr uns das Zusammensein mit anderen fehlt, wenn es nicht mehr selbstverständlich ist.

Aber vieles davon kommt in den globalen Geldströmen nicht vor, erst recht nicht die Beziehungen, die wir zu anderen Lebewesen unterhalten. Geldströme bilden nur ab, was rentabel ist, was weitere Zahlungen nach sich zieht. Wenn es nur noch Menschen gäbe auf diesem Planeten, dann wäre das auch deren Ende. Leben gibt es nur, weil es nicht ausschließlich menschliches Leben ist. Wenn bestimmte Tiere oder Pflanzen nicht mehr in ausreichender Zahl da sind, bricht auch die Produktion von Wohlstand und alles andere zusammen, das jetzt für viele Vorrang vor den drängenden ökologischen Problemen haben soll.

Das Zusammenleben auf dem Planeten zeichnet sich durch eine komplexe Kooperation der Lebewesen untereinander aus, bei der verliert, wer allein gewinnen will. Wenn sich die Menschen nicht als Teil eines größeren ökologischen Zusammenhangs begreifen, dann werden sie auch weiterhin den Planeten rücksichtslos dominieren. Nicht der Wettbewerb ist die Grundlage des Lebens auf der Erde, sondern die wechselseitigen Beziehungen, die jedem Lebewesen überhaupt erst zu seiner Existenz verhelfen. Das gilt auch für das Zusammenleben der Menschen.

Jede tiefe Krise stellt einen historischen Moment für einen Neustart dar. Festgefügte Elemente des Denkens und Handelns lassen sich auf einmal verschieben. Wir brauchen ein monetäres System, das nicht mehr allein vom Warentausch und der Erwerbsarbeit her verstanden wird. In unserer gegenwärtigen Wirtschaftsordnung bilden die Geldströme nur einen sehr kleinen Teil unserer Tätigkeiten ab. Sie basieren auf einem stark verengten Verständnis von Produktion, das aus dem Zeitalter der Industrialisierung stammt. Ein neues monetäres System müsste auch die Tätigkeiten einbeziehen, die nicht nur in der Notlage, sondern zu jeder Zeit die Grundlage aller Produktion bilden. Dazu gehören die Sorgearbeit und die vielfältigen Praktiken, die das Zusammenleben allererst gewährleisten. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist dazu der entscheidende Schritt, auch als Antwort auf die verheerenden Folgen der Krise. Statt ungeheure Summen in eine weitere Verschuldung zu pumpen und damit die Austeritätspolitik auf Dauer zu stellen, würde damit das soziale Fundament als Grundlage der Produktion anerkannt. Das wäre eine nachhaltige Investition in die sozialen Beziehungen auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaftsordnung. Eine lange Tradition der Genossenschaften zeigt, dass Kooperation wesentlich mehr Kreativität freisetzen kann als jeder Wettbewerb. Gerade im Moment einer epochalen Zäsur wäre es an der Zeit, an einem sozialliberalen Programm zu arbeiten, bei dem sich Freiheit und Orientierung am Gemeinwohl nicht ausschließen.

Eine ökologische Gesellschaft, die sich als Teil eines umfassenderen Naturhaushalts versteht, darf nicht bloß umweltfreundlicher und ressourcenschonender sein. Es geht um mehr als um unsere Beziehung zu einer äußerlich verstandenen Umwelt. Der ökologische ist nicht vom sozialen Umbau zu trennen. Eine ökologische Gesellschaft muss vor allem mit dem neoliberalen Grundkonsens brechen. Sie muss einen starken öffentlichen Sektor haben und den Kommunen die Möglichkeit geben, gemeinwohlorientierte Unternehmen bei der Ansiedlung zu bevorzugen. Statt weiter auf Arbeitsverdichtung zu setzen, benötigen wir eine Vier-Tage-Woche und mehr Raum für andere Tätigkeiten. Die stetige Steigerung des Bruttosozialprodukts wird unsere Probleme nicht lösen. Sie kommt zunehmend nur noch einer Minderheit zugute. Und jedes weitere Wachstum verschiebt die Kosten bloß in die Zukunft.

Das Leben der Menschen in einer ökologischen Gesellschaft wird auch ihr Sterben verändern. Ohne einen Begriff des eigenen Todes zu haben, bleibt er ein verstörendes Rätsel. Das Leben bricht ab. Diese Sinnlosigkeit kennzeichnet nicht nur das Sterben, sondern auch den Alltag der Menschen. Wenn sie sich nicht als Teil von etwas begreifen können, dann bleibt für ihr Leben nichts anderes übrig, als es zu verlängern, egal unter welchen Bedingungen und zu welchem Preis. Das wird heute in allen Bereichen sichtbar. Es ist nicht klar, was man will, aber in jedem Fall mehr davon. Ebenso wie die Industriegesellschaft der Nachkriegszeit untergegangen ist, hat auch die Konsumgesellschaft ihren Höhepunkt längst überschritten. Lernen wir endlich zu kooperieren, untereinander und mit den anderen Lebewesen auf dieser Erde.

Leander Scholz lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm Die Menge der Menschen: Eine Figur der politischen Ökologie (Kadmos Verlag 2019)

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06:00 16.06.2020

Ausgabe 43/2020

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