Die Welt in Handschellen

Matrix Warum der deutsche Softwarehersteller SAP in den neunziger Jahren zum Weltkonzern aufstieg

Ganz am Anfang steht die doppelte Buchführung. Italienische Kaufleute begannen En­de des 15. Jahrhunderts, ihre Ein­künfte und Ausgaben in eine Ordnung zu bringen. Zum ersten Mal in der Geschichte stellten sie ihre Geschäfte systematisch dar, sortiert nach Soll, Haben und Saldo. Die Geschichte des Kapitalismus ließe sich seitdem als Fortschritt der „Informatisierung“ beschrei­ben: Produktion und Austausch werden immer schneller, detaillierter und mit immer weniger Arbeitsaufwand erfasst.

Ein entscheidender Einschnitt dieser Geschichte im badischen Walldorf in den frühen siebziger Jahren: Die neugegründete Firma SAP begann, ihre Software herzustellen. „Die ersten Produkte … waren nicht viel mehr als die Fortsetzung der doppelten Buchführung mit den neuen Mitteln der Informationstechnologie“, schreiben die Wirtschaftsjournalisten Ludwig Siegele und Joachim Zepelin in ihrem neuen Buch Matrix der Welt. „Sie schufen ein digitales Abbild der grundlegenden Prozesse eines Unternehmens wie Finanzen, Einkauf und Materialwirtschaft. Doch sie legten damit gleichzeitig das Fundament für eine weitreichende Automatisierung und Rationalisierung der Wirtschaft und letztlich auch ihrer Globalisierung.“

Ein rasanter Aufstieg

Vor zehn Jahren erschien eine Firmengeschichte von SAP mit dem Titel Die heimliche Software-Macht, aber immer noch ist kaum jemandem klar, welche Bedeutung das Unternehmen in der Weltwirtschaft hat. Siegele und Zepelin wollen das ändern. „Fast zwei Drittel aller Großunternehmen“ weltweit sind SAP-Kunden. Die frühere Klitsche beschäftigt heute 52.000 Mitarbeiter und unterhält Entwicklungsstandorte in acht verschiedenen Ländern. „Zwischen 1988 und 2006 hat sich der Umsatz des Unternehmens mehr als versechzigfacht.“

Dieser rasante Aufstieg erklärt sich daraus, dass SAP einen wichtigen Fortschritt der Informatisierung möglich machte. Im Unterschied zu älteren Warenwirtschaftssystemen erlaubt das „Enterprise Resource Planning“ (ERP) unter anderem Lagerhaltung, Produktion und Personalwesen in einem System abzubilden.

ERP dient demselben Zweck wie die doppelte Buchführung – ansonsten ähneln sie einander wie E-Mail und Brieftaube. In den neunziger Jahren entdeckten Konzernchefs, welche neuen Möglichkeiten ihnen dadurch an die Hand gegeben wurden. Die Vorstände nutzen die Software, „um ihre Unternehmen schlank und fit zu machen“, wie Siegele und Zepelin formulieren.

Der Fall des Lebensmittelkonzerns Nestlé im Jahr 2000 ist ein typisches Beispiel. „Zunächst ... betätigten sich die Computerfachleute als betriebliche Anthropologen. Sie reisten um die Welt und dokumentierten ausführlich, wie unterschiedliche Nestlé-Mitarbeiter in den verschiedenen Absatzmärkten agierten.“ Diese Geschäfts- beziehungsweise Produktionsabläufe wurden standardisiert und durchgesetzt. „Ein Vertreter kann die Bestelldaten für einen neuen Auftrag beispielsweise nicht mehr nur einfach auf einem Notizzettel bei der Buchhaltung einreichen, sondern muss sie persönlich in eine Maske auf seinem Laptop eingeben.“

Der Leiter des Nestlé-Projekts verglich die SAP-Software mit „Hand­schel­len“: „Sie zwingt Menschen, das Richtige zu tun.“ Mit der Software werden die betrieblichen Abläufe erfasst und festgehalten. Nicht nur das: Das digitale Abbild der Wertschöpfungskette erleichtert es, sie über Län­der­grenzen hinweg zu spannen. Insofern treibt Software wie die von SAP tatsächlich die Globalisierung an, denn sie bringt die Produktion in Hyderabad, Stuttgart und Budapest tendenziell auf denselben Nenner und wird zur „Matrix der Welt“.

Das neue große Ding

Neuer globaler Kapitalismus, der Untertitel des Buches, bleibt dennoch ein Pleonasmus. Der Weltmarkt gehörte von Anfang an zur kapitalistischen Produktionsweise. Nur verbreitet die sich über die Welt mit einer Gewalt und Geschwindigkeit, von der den Zeitgenossen schwindlig wird.

Der Glaube, eben sei eine neue Epoche angebrochen, gehört dazu. Insofern leidet das Buch unter der journalistischen Herangehensweise. Zum historischen Bogen von der Renaissance ins 21. Jahrhundert hätte die große Fabrik, der Taylorismus und die Automatisierung der Büroarbeit gehört. Völlig wolkig ist ihr Ausblick, in dem sie Internetanwendungen und Technologien als cloud computing zusammenfassen. „Elektrogeräte mit eingebauter Funkverbindung, flexible Nutzeroberflächen, Portale, Web-2.0-Dienste und Business-Intelligence – all das verschmilzt immer weiter zu einer neuen Schicht der Informationstechnologie“.

Das also soll das neue große Ding werden, eine charakteristische Verkaufsstrategie in der Softwarebranche. Die Dynamik bleibt die alte: „Geschäftsabläufe (lassen sich) digitalisieren, die sich bisher der Informatisierung entzogen haben, zum Beispiel eine Unternehmensübernahme, die Planung einer Werbekampagne oder sogar die Kommunikation zwischen Mitarbeitern.“ Der Chef greift zum data mining.

Die Weltwirtschaftskrise trifft auch SAP. Seit Ende des vergangenen Jahres hat die Firma über ein Viertel ihres Börsenwerts ver­loren und baut Stellen ab. Was immer geschehen mag, die Bundesregierung wird einen ihrer „nationalen Champions“ nicht im Stich lassen. (Im Januar erhielt SAP einen Auftrag der Bundesagentur für Arbeit „im dreistelligen Millionenbereich“.)

In diesem einen Fall könnte ein Unternehmen „gestärkt aus der Krise hervorgehen“, denn der Bankrott der Konkurrenten ist möglich. Dann würde die deutsche Firma das Segment Unternehmenssoftware ebenso beherrschen wie Microsoft das der Betriebs­systeme – und wäre zur Matrix der kapitalistischen Welt geworden.

Matrix der Welt: SAP und der neue globale KapitalismusLudwig Siegele/Joachim Zepelin, Campus, Frankfurt am Main 2009, 288 S., 24,90

16:54 09.04.2009

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