Die Welt ist hier zu hässlich

Contra Handke Woran man bei Peymanns "Untertagblues" am Berliner Ensemble denken kann

"Handke kommt", konnte man im Berliner Ensemble lesen in den Tagen vor der Uraufführung des Untertagblues in der Regie von Claus Peymann. "Schiller kommt", konnte man auf der Frankfurter Buchmesse lesen. Die Ausdeutung der ästhetischen Erziehung, die Rüdiger Safranski in seiner Schiller Biografie vornimmt, betont emphatisch die Schiller´sche Idee von der Kraft des Schönen für die Moral. Bei dem irischen Theosophen John O´Donohue heißt es über die Schönheit: "In gewisser Hinsicht lassen sich alle gegenwärtigen Krisen auf die eine Krise des Wesens der Schönheit reduzieren." Was sind das für Töne?

Peymann will in der neuen Spielzeit - seine interessanteste, behauptet er - ein Theater für Zeitgenossen schaffen. "Leiste deinen Zeitgenossen, aber was sie bedürfen, nicht, was sie loben." Schiller. Es ist wahr, die Zeitgenossen Peymanns gehen mit angeekeltem Gesicht durch die Straßen, fahren auf den Rolltreppen, sitzen in den Zügen, gestört durch die Anwesenheit einer - was immer das sein mag - prolligen Masse, die sie als zu viel, als zu dumm, als den eigenen Raum beschränkend und als äußerst störend empfinden. Handkes Reisender äußert allen Mitreisenden gegenüber Hass und Ekel. Es fallen so bedeutungsschwere Begriffe wie "Fernsichtverhinderer, Zwischenraumersticker, Perspektivenverdränger." Dabei sitzen da ganz normale Leute, die auf seine Beschimpfungen kaum reagieren. Armer Dichter?

Eine U-Bahnfahrt ist ein gutes Gleichnis für Isolation und Intimität. Die Gespräche der Mitreisenden sind nicht so deutlich zu vernehmen wie in anderen Verkehrsmitteln, wo die Welt vor Augen liegt. Dafür wird die Beobachtung schärfer, Schuhe, Knie, Gesichter, soziale Signale.

Der spezifisch österreichische Ton des Hasses auf das Böse als ein Hass auf das Hässliche wird im Monolog von Michael Maertens 20 Stationen lang durchgetanzt. Der Hassgesang ist untermalt von der Sehnsucht nach der verlorenen Schönheit, "den klaren Gesichtern der früher Verzweifelten", die heute Verzweifelten sind "Geknickte, Unförmige", "Schleierpflicht für sämtliche zeitgenössischen Trostlosen". Die Fahrt ist lang, und nichts Hässliches wird verschont, nicht der Papst und nicht UN-Kommissäre: "Statt unser beider paarweiser Rotzfahnen wehen (...) von euren schwarzen Limousinen schockweise die Schutzmächtefahnen". Beschimpft wird die Hässlichkeit der Scheinarbeit, so "tötet ihr euch und einer dem anderen die liebe Zeit". Beschimpft wird die Hässlichkeit der so genannten Liebesnächte, die in verlegenen Erinnerungen an stumpfe, gefärbte Haare sich löschen. "Einsamer bist du heute Frau als je eine Frau zuvor." Beschimpft wird die Hässlichkeit des Lesers ("statt glühender Wangen zwei Topflappen"): "Nimm Abstand von den Büchern, befingere etwas anderes, befingere die Fernbedienung". Preisträger und Würdenträger werden beworfen mit Schmähungen. "Kein Haar auf euren polierten Preisträgerschädeln, das nicht parallel zu sämtlichen Haaren auf sämtlichen anderen Würdenträgerschädeln verläuft."

Der einzige Heilige, den der Reisende findet, der allerdings statt in einen Himmel zwischen die Haltegriffe in der U-Bahn blickt, die an Galgenschlingen erinnern, das ist ein Obdachloser, der seiner Askese gerne wieder entfliehen würde in den Schoß von Dolores. "Kein Schimmer mehr von einem Himmel. Aus dem Himmel Bomben sonst nichts."

Handke nennt seinen Helden Volksredner, Spielverderber, Wilder Mann oder Volksfeind. Was davon ist er? Das bleibt offen. Ist das einer, der den Finger in die Wunde legt und sehen lehrt oder ist das nur ein übrig Gebliebener, ein blinder Egoist und lästiger Hetzer, dem keine Wirkung mehr zusteht, isoliert in seiner aufdringlichen Intimität. Der Ekel verliert jedes Maß. Er wird zu haltlosen Zitaten bekannter falscher Haltungen. Der Redner wird zum Delinquenten, der selber hässlich geworden ist, angeblich unschuldig, wieso eigentlich? Da gibt es Fremdenhass und Frauenhass und Menschenhass, "Hör endlich auf, mir meine Gegend wegzulächeln, genügen denn nicht die hiesigen Hässlichkeiten, dass ihr eure zentralafrikanischen, transsibirischen und ostkoreanischen noch dazu tut?" Oder: "Als Verunglückte würdet ihr noch eine Wahrheit ausstrahlen, als Ertrunkene wäret ihr schöner, als Erhängte gewännet ihr Würde (...) Sterbt, nur als Sterbende wärt ihr zu was nutze."

Am Ende der Lebensfahrt und der Verfluchung des Hässlichen schlägt die Wilde Frau, Dörte Lyssewski, die Geliebte, der Tod, das Leben auf den verurteilten Verurteiler zurück, so lange, bis die anderen, die ihn in der Leere zurückließen, wieder anrücken und ihm Absolution mit schlappen Ölzweigen erteilen. Mir kam es vor, als gäbe es da einen peinlichen Wunsch nach Höherem, nach einer neuen Weihe, nach romantischen Werten, nach Verklärung, eine Sehnsucht nach Eingemeindung. Das Theater war voll, im zweiten Rang saß viel Jugend. Beifall. Ich konnte mich nicht eingemeinden.

Schiller kommt, um für unsere geistigen Kräfte eine befristete Entmachtung der Zwänge zu erreichen, wie Safranski sagt. Reicht das? "Am schönsten war´s, wenn man nicht wusste, wohin man führe", ruft der Ansager am Ende des Untertagblues durch den Lautsprecher. Wie wehmütig, wie flach gezeichnet ist das, wie nur "ziseliert". So sagt Handke selbst über seinen Untertagblues.


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00:00 22.10.2004

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