Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang

Bühne Teil II des Salzburg-Reports: Matthias Hartmann inszeniert Nestroys "Lumpazivagabundus". Dass er kein Österreicher ist, ist das kleinste Problem
Thomas Rothschild | Ausgabe 32/2013

Man muss kein Russe sein, um Tschechow zu inszenieren, und kein Ire, um O’Casey aufzuführen. Aber man muss schon Österreicher oder, besser noch, Wiener sein, um Nestroy auf die Bühne zu bringen. Ein Deutscher, der dieses Wagnis auf sich nimmt, begegnet schon im Vorfeld Skepsis. Jeder Österreicher hat die Zauberposse Lumpazivagabundus, Nestroys zwar bekanntestes, aber nicht komischstes Stück, in der Schule gelesen und fühlt sich als Fachmann. Von einem Piefke lässt er sich da nichts erzählen.

Nun wird die „Entwienerung“ Nestroys schon seit einem halben Jahrhundert betrieben, und zwar von Österreichern. Ob seine Stücke, an deren literarischem Wert seit Karl Kraus kaum einer mehr zweifelt, an die von Nestroy selbst begründete Spielweise gebunden seien, ist Stoff für endlose Diskussionen. Es bedarf keiner Belehrung von außen über die anarchische Sprengkraft dieser Stücke, die mit biedermeierlicher Gemütlichkeit nichts zu tun haben.

Matthias Hartmann scheitert nicht daran, dass er Deutscher ist, sondern daran, dass er keinen Zugang zu Nestroy findet, dass er als Regisseur keine Konzeption zu entwickeln imstande ist und dass sein Humor, wenn es denn einer ist, an den des Autors nicht herankommt. Zu mehr als Klamauk reicht es nicht. Österreicher würden sagen: also doch sehr deutsch.

Maria Happel, die große Komödiantin, die mit einem Hüftschwung das gesamte Ensemble beschämt, muss als Fee Fortuna Angela Merkel imitieren. Genau das hat eben erst Rahel Ohm in der Stuttgarter Abschiedsinszenierung der Orestie von Volker Lösch getan. Was aber scheinbar überall „passt“, passt in Wirklichkeit nirgends.

Ein Maler absolviert seine kleine Nebenrolle in der Maske von Andy Warhol. Der böse Geist Lumpazivagabundus tritt als Freak auf, als wolle er Behinderte verspotten. Vorne, an der Rampe, grimassieren als Söhne der Zauberer und Feen Mitglieder der Jungen Burg wie Statisten oder Schauspielschüler im ersten Studienjahr.

Dem Burgtheaterdirektor als Regisseur fehlt das Gefühl für Timing, was bei Komik, mehr noch als im ernsten Fach, tödlich ist. Wenn Schuster Knieriem „Eduard und Kunigunde“, dieses frühe Exempel von Nonsens-Poesie, singt, walzen Hartmann und sein Protagonist Nicholas Ofczarek das zu einem Chor unter Beteiligung des willigen Publikums aus. Die Luft ist draußen. Ofczarek, aktuell der Burgtheater-Star schlechthin, zerdehnt zudem die Rede Knieriems, beraubt sie ihres Rhythmus und begnügt sich mit den Klischees der Säufer-Darstellung. Lediglich im „Kometenlied“ läuft er zu Hochform auf – was nur die Unverwüstlichkeit des Nestroy-Stils beweist. Ein Nestroy ohne Couplets gliche einer Commedia dell’arte ohne Arlecchino. Aber Hartmann meint, sie durch läppische Schlagerreminiszenzen ergänzen zu müssen.

Nestroy war bekanntlich ein Genie des Wortspiels. Es ist Tradition, dass seine Texte aktualisiert werden. Wenn das aber nicht über die Aufforderung hinausreicht, in die „Halle ein“, äh, in die „Halle rein“ zu treten (weil die Aufführung nämlich auf der Pernerinsel in Hallein stattfindet), dann sollte man es lieber bleiben lassen.

Salzburger Festspiele Bis 1. September 2013

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06:00 22.08.2013

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