Die Welt steht Kopf

Krisenmodus Im Vergleich der Kontinente scheinen Länder in Asien bei der Corona-Abwehr bisher wirksamer zu agieren als viele Staaten in Afrika und Lateinamerika
Die Welt steht Kopf

Karte: der Freitag

Ecuador

Präsident Lenín Moreno hatte vermutlich nicht damit gerechnet, dass sich seine rigide Sparpolitik auf eine so krasse Weise rächen würde. In der Hafenstadt Guayaquil waren die Hospitäler Ende März nicht mehr aufnahme- und arbeitsfähig, als die Corona-Pandemie in der Drei-Millionen-Metropole täglich zu Tausenden von Infektionen führte, Notrufe gingen ins Leere, Leichen wurden nicht mehr abgeholt und lagen oft stundenlang auf dem Bürgersteig. Noch Ende März war auf Druck des IWF ein Kredit von 324 Millionen Dollar getilgt worden. Auch wenn die Behörden dann ab 2. April sämtliche Schulen und das Gros der Geschäft schlossen, es ließ sich nicht kompensieren, was ein vom Sparen ausgezehrtes Gesundheitswesen an Hilfe schuldig blieb.

Südafrika

Seit dem 26. März galt eine auf 21 Tage befristete Ausgangssperre, die inzwischen verlängert wurde. Zugleich hat die Regierung über 10.000 Helfer in alle Regionen entsandt, um zu testen und sich einen Überblick zu verschaffen, wie stark das Virus bereits verbreitet ist. Die getroffenen Maßnahmen haben zur Folge, dass eine angeschlagene Ökonomie nun wohl vollends einer Rezession verfällt, die durch den faktischen Bankrott des staatlichen Stromversorger Eskom beschleunigt wird. Dass in den Townships soziale Unruhen ausbrechen, ist nicht mehr auszuschließen, auch wenn das Krisenmanagement des Präsidenten Cyril Ramaphosa auf viel Zustimmung stößt. Der erklärt stets von Neuem, wir haben entschlossener als in Europa und in den USA gehandelt.

Irak

In der kurdischen Autonomieregion im Nordirak leben 1,8 Millionen Flüchtlinge in etwa Hundert Camps, in denen medizinische Hilfe höchst unterschiedlich sein kann. Anfang April waren die Corona-Infektionen in Irakisch-Kurdistan insgesamt noch gering, und das trotz der Nähe zum schwer betroffenen Iran, zu dem jeder Grenzverkehr unterbunden blieb. Dabei zahlte sich aus, dass schon seit Mitte März in der Region eine Ausgangssperre verhängt war. Auf die Flüchtlingslager übertragen hieß das, die Menschen dort durften ihre Zelte nicht mehr verlassen, eine schwere Bürde angesichts der ohnehin erheblichen Einschränkungen, denen sie unterworfen sind. Lebensmittel waren zuletzt noch ausreichend vorhanden, auch wenn es nicht mehr so viel wie früher gab.

Syrien

Offiziell vermittelt die Regierung in Damaskus den Eindruck, dass es bisher nur eine geringe Zahl von Infektionen gebe. Und wenn, dann seien die größtenteils durch aus dem Ausland zurückkehrende Personen verursacht. Doch zeichnet sich ab, dass die umkämpfte Nordprovinz Idlib von der sich ausbreitenden Krankheit erfasst ist. Dort haben Hospitäler mit Stromausfällen zu kämpfen, es gibt kaum Desinfektionsmittel. In Idlib konzentrieren sich weiter etwa eine Million Binnenflüchtlinge, ebenso Kombattanten aus Afghanistan, dem Libanon, dem Irak, dem Iran und dem Kaukasus, die sich dschihadistischen Rebellen bzw. der Regierungsarmee zu Verfügung stellen. Ob die UN-Hilfsprogramme für Syrien Bestand haben, ist mehr als offen.

Südkorea

Atemschutzmaske, Einweghandschuhe und Sicherheitsabstand waren das Ticket zur Parlamentswahl am 15. April. Dass Präsident Moon Jae-in mit seiner Demokratischen Partei zu einem unerwartet klaren Wahlsieg kam und mit der Bürgerpartei 180 von 300 Parlamentsmandaten erhielt, ist frappierend. Noch Anfang März war ihm eine Niederlage prophezeit worden. Sie blieb aus, weil das Corona-Management der Regierung offenbar hohen Anteil daran hat, dass es am Tag vor dem Votum nur noch 30 Neuinfektionen gab. Von Anfang an setzte Südkorea auf digitale Effizienz, also Corona-Tracking-Apps, sowie auf Bereitschaft zum Verzicht und kollektive Disziplin, wie sie asiatischen Gesellschaften seit jeher leichter fällt als europäischen. Immerhin gab es keine geschlossenen Geschäfte.

China

Wenn eine Ökonomie wie die Chinas zu erstarren droht, so geschehen im Januar, dann hat das Folgen für den Ertrag des I. Quartals. Das Minus von 6,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bedeutet eine Zäsur. Seit 1992 gab es ein stetes Wachstum. Vieles deutet darauf hin, dass die Behörden bis zur Zentralregierung zu spät auf die sich anbahnende hohe Infektionsgefahr reagiert haben, dann aber zu resoluten, erfolgreichen Maßnahmen griffen. Heute ist China in der Lage, schwer betroffenen Staaten in Europa gezielt zu helfen, was auf den Vorwurf stößt, es ginge Peking nicht um Solidarität, sondern nur mehr Einfluss. Anscheinend ist es besser, sich wie andere Großmächte sein weltpolitisches Ranking ehrlich zu erbomben.

Argentinien

Keine Regierung in Buenos Aires hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer derart radikalen Entscheidung durchgerungen. Da dem argentinischen Staat selbst die Pleite droht und seinem Leistungsvermögen enge Grenzen gesetzt sind, hat Präsident Alberto Fernández am 31. März per Dekret verfügt: Bis zum 31. Mai dürfen Arbeiter und Angestellte im Privatsektor nicht „aufgrund höherer Gewalt“ entlassen werden. Also wegen der Corona-Krise. Es gab dazu wohl keine Alternative. 100 Milliarden Dollar Schulden hat der jetzige Staatschef Ende 2019 von Vorgänger Maricio Macri geerbt. Die Ratingagentur Fitch hat die Bonität Argentiniens bereits auf „selective default“ (teilweisen Zahlungsausfall) herabgestuft.

Kenia

Wie hoffnungslos es sein kann, eine Pandemie wie diese einzudämmen, zeigt ein Blick nach Kibera, ins größte Slum Afrikas an der Peripherie von Nairobi. 250.000 Menschen, die ärmsten der Welt, auf 2,5 Quadratkilometern. Wie sollen sie „Abstand halten“? In Kibera leben Familien zusammen in zehn mal zehn Meter großen Räumen unter miserablen hygienischen Verhältnissen und mit einem Abort, den sich nicht selten mehr als 50 Haushalte teilen. In Kenia wird das Schicksal der Marginalisierten darüber entscheiden, ob sich ein Land der Flugbahn des Covid-19-Virus erwehren kann. Schon ein bescheidener Einsatz von Mitteln für Tests und Gesichtsmasken könnte ein großer Beitrag sein, um dessen Ausbreitung zu verlangsamen, erklärt die WHO.

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06:00 25.04.2020

Ausgabe 48/2020

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