Die Welt von gestern und im Nebenan

Sachlich richtig Diesmal befasst sich Erhard Schütz mit Fassbinder, Olympia in Berlin, Afghanistan-Veteranen und dem Normalsommer von Klaus Zeh
Erhard Schütz | Ausgabe 27/2016

Vor gut 80 Jahren startete die Olympiade in Berlin, in Nazi-Deutschland. Ehe wir dazu kommen, nehmen wir den Juli 1966 zum ehrfürchtigen Gedenken. Da drehte der 21-jährige Rainer Werner Fassbinder seinen ersten Film. Den 8-Millimeter-Kurzfilm This Night legte er der DFFB in Berlin als Aufnahmeprobe vor. Fassbinder wurde nicht genommen, sein Film ist verschollen. Im November legte Fassbinder nach. Der Kurzfilm Stadtstreicher eröffnet auch den Katalog der 44 Filme, die er bis 1982 für Kino und Fernsehen drehte. Sage und schreibe 1.368 Filmbilder, von verschiedenen Fotografen, bildet nun ein Werkverzeichnis ab. Sie üben ihren ganz besonderen Reiz aus, indem sie die Filme des genialisch umgetriebenen Präzisionsimprovisateurs in kräftigen Synkopierungen stillstellen und befremden. Zwar blitzen immer wieder vertraute, ikonische Momente und Gesichter auf, insgesamt aber führen die Bilder in eine hochenigmatisch-artifizielle Welt, in der man sich verliert wie in einem Spiegelkabinett. Ein eigenes Zwischenstadium zwischen Schrift und Film: Fotos, die wie Stichworte wirken. So ist das nicht nur eine Filmografie, sondern ein Stunden-, ein Meditationsbuch über unsere so ferne Geschichte von seinerzeit.

Und nun in den August vor 80 Jahren: „In den nächsten Wochen müssen wir charmanter sein als die Pariser, gemütlicher als die Wiener, liebenswürdiger als die Römer, weltmännischer als die Londoner und praktischer als die New Yorker.“ Schrieb Joseph Goebbels zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin. Nach einer Woche notiert sein Tagebuch: „Hoffentlich geht’s bald zuende.“ Er schwänzt dann schon mal, während der Führer es tagein, tagaus aussitzt. Am Ende aber wird Goebbels noch einmal groß rauskommen, mit einer Party für fast 3.000 Gäste zum Preis von 320.000 RM. Für jeden Gast, schreibt Oliver Hilmes, der Monatslohn eines Arbeiters. Arbeiter kommen ansonsten in seinem Buch eher am Rande vor. Überwiegend sind es Promis, deren Tagebücher und Erinnerungen. Hilmes verfährt in seiner anekdotischen Aufbereitung der 16 Tage „Apotheose für Hitler und das Dritte Reich“, wie der französische Botschafter André François-Poncet sagte, ganz nach dem bestsellerbewährten Muster von Florian Illies’ 1913. Reichlich nutzt er, was seinerzeit oder danach Goebbels, Thomas Wolfe, Martha Dodd, Hubert von Meyerinck, Werner Finck und andere geschrieben haben, dazu auch allerlei Archivalien, alles das abgerundet durch gefällige Hintergrund- und Biografie-Erzählungen. So wird man an Vergessenes erinnert oder mit der einen oder anderen Neuigkeit überrascht. Wie Carl Diem den Fackellauf erfand, Richard Strauss die olympische Hymne komponierte, wie Leni Riefenstahls Kameras ständig im Weg standen, wie am Ende der von den Parteitagen importierte Lichtdom imponierte.

Henning Sußebach ist mit ziemlich allen Preisen, die man fürs Reportageschreiben bekommen kann, ausgezeichnet. „Die Reportage“, schreibt er einleitend zu seinem Sammelband, „gilt zu Unrecht als ein rein deskriptives, manchmal sogar dummes Genre.“ Na, das war doch wohl vor langer Zeit so! Und auch, dass er erst mal den Unterschied von „Mann beißt Hund“ und „Hund beißt Mann“ meint erklären zu müssen, verstimmt ein wenig. Doch dann geht es los. Gleich die erste Reportage ist eine geradezu märchenhafte Weihnachtsgeschichte: Ein pensionierter Lehrer leiht ohne Sicherheiten ein paar liegen gebliebenen Rumänen sein Auto, damit sie nach Hause fahren können. Und: Sie bringen es zurück. Das ist zwar schon von sich aus ein Knüller, aber obendrein ist es zudem sehr gut geschrieben. So geht es weiter. Am beeindruckendsten war für mich die Reportage über vier Afghanistan-Veteranen, deren einer auf den nächsten Auslandseinsatz wartet, während ein anderer nun für die Paralympics trainiert, ein weiterer Bücher schreibt und einer zum Pazifisten geworden ist. Mehr Welt im Nebenan geht kaum!

Afghanistan-Veteranen kommen auch im Band der Welt-Reporter Wolfgang Büscher, Christine Kensche und Uwe Schmitt vor. Und zwar im Sommer 2005. Hervorgegangen aus einer Serie, gehen die drei acht Sommer in Deutschland durch, von 1945, als Büschers Vater aus dem Krieg und über den Harz in den Westen kommt, bis zum Sommer 2015, als Uwe Schmitt Anis Hamdoun in Osnabrück besucht, den „Freiheitskämpfer mit Chemiediplom und Galgenhumor“, der nicht nur ein Auge, sondern auch seine Freunde und sonst fast alles verloren hat, nun aber Deutschland für Anfänger erklärt. Dazwischen reist 1955 Jochen Lengemann als Schüler in die USA und wird danach der CDU beitreten; 1965 wird Peter Kalb als Jungmensch zum Zeugenbetreuer im Auschwitzprozess, was sein weiteres Leben prägen wird; im Sommer 1975 kämpft sich der bundesrepublikanische Damenfußball endgültig aus der Verbandsbevormundung, während Frauen in der DDR schon seit den 50er Jahren aufspielten; 1985 erleben wir den Normalsommer von Klaus Zeh, einem gläubigen Katholiken in der DDR; und 1995 platzt erst das Label der Technopionierin Ellen Allien, aber ihr neues macht dann Furore. Seltsame Momente, eigenwillige Figuren, insgesamt beeindruckend erzählte deutsche Integrations-, Emanzipations- und Zivilisierungsgeschichten – wert, für morgen erinnert zu werden.

Info

R. W. Fassbinder. Die Filme. 1966 – 1982 Lothar Schirmer, Juliane Lorenz (Hg.) Schirmer/Mosel 2016, 240 S., 49,80 €

Berlin 1936. Sechzehn Tage im August Oliver Hilmes Siedler 2016, 304 S., 19,99 €

Die große Welt gleich nebenan. Expeditionen in den deutschen Alltag Henning Sußebach Ch. Links 2016, 224 S., 20 €

Acht deutsche Sommer Wolfgang Büscher, Christine Kensche, Uwe Schmitt Rowohlt Berlin 2016, 192 S., 18,95 €

06:00 20.07.2016

Kommentare