Die Welt von unten

Oper In Luc Bondys Pariser Inszenierung von Philippe Boesmans „Yvonne, princesse de Bourgogne“ sieht die Welt der Royals wie die eines kaputten Großbürgertums aus

Luc Bondy ist von Witold Gombrowicz´ 1957 in Krakau uraufgeführtem Stück „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ bei seiner ersten Annäherung (Schauspiel Köln, 1980), derart in den Bann gezogen worden, dass es seine komplette Weltsicht veränderte. Der polnische Dichter habe ihn völlig aus dem Gleichgewicht gebracht: „Es war der Einsturz meines Universums: Gombrowicz erklärte das Lächerliche zum Wert, er führte es zeremoniell in die Welt der großen Werte ein. Mit ihm hörte man auf, die Welt nur von oben zu betrachten, man betrachtete sie auch von unten. Das Denken von Gombrowicz ist meiner Meinung nach das verstörendste der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts. Es ist ein provozierendes Denken.“ Dieser Tage ist in Berlin bei „Spielzeit Europa“ in Bondys „König Lear“ (2007) eine andere Arbeit zu sehen, in der der König aus der Welt stürzt und beginnt, sie von unten zu sehen. Bei König Lear (Gert Voss) steht diese Erfahrung am Ende seines Herrscherlebens, bei Yvonne am Anfang ihres Kontakts mit der Gesellschaft.

Nach jener anderen Perspektive gesucht, die die Welt aus den Angeln hebt

Gombrowicz´ Weltsicht hat Bondy nicht losgelassen. Den 1936 geborenen belgischen Komponisten Philippe Boesman hat er selbst angeregt, dieses Drama zu vertonen, und gemeinsam mit Marie-Louise Bischofberger hat er das Libretto nach dem gleichnamigen Stück verfasst. Bondy hat wieder nach jener anderen Perspektive gesucht, die die Welt aus den Angeln hebt und er hat sie in der Liebe gefunden, die über die Konventionen einfach hinweggeht, weil sie das Leben zerstört und die Menschen in Monster verwandelt. Dirigent Sylvain Cambreling hat mit dem Klangforum Wien den disparaten Reichtum von Philippe Boesmans „Comédie Tragique“ in vier Akten entfaltet, die weitgehend dem Stück folgt. Er hat die Nuancen vertieft, hat das Verschlossensein der Titelfigur herausgearbeitet und dem gesamten Abend eine fast unscheinbare Dynamik gegeben. Nur im dritten Akt ist es zu einem Abfall des Spannungsbogen gekommen, und auch Bondys Uraufführung trat in diesem Akt ein wenig auf der Stelle.

Das Wechselspiel von Begehren und Abgewiesenwerden

Für die fast stumme Titelrolle hat Bondy die Schauspielerin Dörte Lyssewski gewählt, mit der 1995 an der Schaubühne das Liebesdrama „Der Illusionist“ von Sacha Guitry mit viel Raffinement für das Wechselspiel von Begehren und Abgewiesenwerden. Lyssewski spielt nun eine fast stumme Außenseiterin, die allein durch ihre Präsenz die geheimen Wünsche der feinen Leute manifest werden lässt. Die vornehme Gesellschaft, bei Gombrowicz sind es König und Königin, erträgt diese Durchleuchtung nicht und entledigt sich der verstörten Frau, indem sie ihr Fisch serviert und sie an einer Gräte sterben lässt. Die Welt der Royals nimmt sich in Bondys Sicht wie die eines heruntergekommenen Großbürgertums aus. Der König Ignace (Paul Gay) liebt es in Sportkleidung seine Runden zu drehen und große Augen zu machen, die Königin Marguerite (Mireille Delunsch) gibt die weltabgewandte Diva, als der um eine neue Exaltation besorgte Sohn die in sich gekehrte Yvonne als seine Verlobte ausruft. So kann der schmächtige Prinz Philippe (Yann Beuron) den durch Sport gestählten Übervater brüskieren und auch den lasziven Koketten am Hof eins auswischen.

In diesem Moment steht das Leben des Prinzen wirklich auf der Kippe

Am Ende des zweiten Aktes besteht tatsächlich eine Chance, dass der Sohn die höfische Welt verlässt und sich auf die Liebe zu Yvonne einlässt. Der melancholisch grundierte Tenor bekommt durch die stille Yvonne eine Ahnung, was es heißen könnte, einen Menschen zu lieben. Und für einen Augenblick entziehen sich die beiden Liebenden der Welt, lassen allen anderen stehen, die durch die Fenster glotzen und nach Sensationen gieren. Dieser Rückzug ist der schönste Moment in Bondys Inszenierung. In diesem Moment steht das Leben des Prinzen wirklich auf der Kippe. Es könnte gut sein, dass er in sich den Mut findet, die grell gezeichnete Welt der Höflinge zu verlassen und mit der scheuen Yvonne in ein anderes Leben aufbrechen.

Die feinen Leute stimmen ihre verlogene Wehklage an

Doch dieser Jüngling ist für diesen alles entscheidenden Schritt zu schwach. Er fühlt sich – wie die anderen auch – an seine Grenzen gebracht und zückt auf einer Treppe (Bühne: Richard Peduzzi) das Messer. Er will Yvonne aus der Welt schaffen, doch auch dazu hat er nicht die Kraft. Er wirft das Messer auf die Erde und gibt klein bei – schon hat sich ihm eine andere Gespielin angeboten. Die wie ein weißer Clown geschminkte Yvonne stopft gierig den todbringenden Fisch in sich hinein, übergibt sich und beschließt ihr Leben. Die feinen Leute stimmen ihre verlogene Wehklage an, Isabelle (Hannah Esther Minutillo) singt von „Lacrimosa“ und ist zutiefst erleichtert, dass Yvonnes Bann gebrochen ist und sie keine Macht mehr über das Innenleben der Herrschenden hat.

Die Pariser Oper unter der Leitung von Gerard Mortier steht nach dem Erfolg von Bondys Inszenierung sehr gut da. Zu diesem Ruf trägt auch das Gastspiel der Nederlandse Opera mit Martin Kusejs „Lady Macbeth von Minsk“ (2006) bei, das vom Pariser Publikum ebenfalls sehr gut aufgenommen wurde.

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12:25 27.01.2009

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